Die Schmitts, die Hensels und der Neuanfang

Es ist einige Zeit her, da sagte der einstige Siemens-Manager Hans-Walter Schmitt bei Kaffee und Kuchen in der Bad Sodener Fußgängerzone, er befinde sich auf dem Weg in den schachlichen Ruhestand. Vom Schreiber dieser Zeilen gefragt, ob denn nicht DSB-Präsident ein Job für ihn sei, winkte Schmitt energisch ab. Davon wolle er sich fernhalten.

Es ist ein paar Tage her, da sagte der einstige Weltmeister-Manager Carsten Hensel im Schachgeflüster-Podcast, beim DSB sei dringend ein Neuanfang erforderlich. Der Podcast-Macher vermied die Frage, ob denn nicht DSB-Präsident ein Job für ihn sei. Hensel betonte dann von sich aus, er wolle seine Unabhängigkeit vom DSB bewahren.

Beim Schachbund tragen die Verantwortlichen seit Dekaden die Feigenblätter „Struktur“ und „Ehrenamt“ vor sich her, um aufzuzeigen, sie seien nicht schuld daran, dass der Tanker auf der Stelle oder rückwärts schwimmt. Ein Kernproblem benennen sie nicht: Es gelingt dem Schachverband nicht, die besten Köpfe des Schachs einzubinden. Schlimmer noch, die besten Köpfe wollen mit dem Verband möglichst wenig zu tun haben.

Warum eigentlich? Wer unser Spiel liebt, wer sagt „Wir brauchen dringend einen Neuanfang“, der hat doch keinen weiten Weg dahin, sich berufen zu fühlen? Jeder, der es sehen will, sieht ja, wie dringend jemand mit Management-Erfahrung fehlt, jemand, der starke Teams mit starken Leuten um sich schart, jemand, der versteht, was eine Öffentlichkeit ist, und damit zum Wohle unseres Spiels, unseres Sports und seiner Spitzensportler arbeitet. Jemand, dem Selbstverwaltung nicht reicht. Jemand, der kein Amt mehr braucht.

Die Zoom-Opposition

Und so tragen die Schmitts und Hensels des Schachs (und diese beiden seien nur beispielhaft genannt) eine Mitschuld daran, dass unser Schachbund seit 18 Jahren sein Leitbild verhöhnt. Weil in den Reihen der Funktionäre kein Gestalter greifbar ist, der die guten Vorsätze im Leitbild mit Leben füllen könnte, würden die Schmitts und Hensels dringend gebraucht. Zur Verfügung stehen sie nicht.

Nach der Trennung von seiner Jugend und dem Zerschlagen seines Leistungssports besteht unser Schachbund noch aus zwei Leuten und einem handlungsfähigen Referat (dem Spielbetrieb, der nicht stattfindet). Angesichts dieser Notlage hat sich außerhalb der klammheimlich abgeschafften (Präsidialausschüsse) oder wirkungslosen (AK Landesverbände) Gremien längst eine außerparlamentarische Opposition gebildet.

Die bunte Truppe trifft sich regelmäßig via Zoom, geeint von dem Gedanken, den Hensel ausgesprochen hat: Es bedarf eines Neuanfangs – in der Sache, in der Umgangskultur, in der Außendarstellung.

„Elefant im Porzellanladen“

Allein, wer soll es machen? Darüber zu reden, was notwendig wäre und wie wir gens una sumus leben könnten, fällt den Schachfreundinnen und -freunden in der Zoom-Opposition leicht. Aber sie scheitern daran, jemand Starkes von außen einzubinden, der das Projekt Neuanfang anführen könnte. Jemanden, hinter dem sich alle vereinen können. Jemanden, der von Verbands-Klein-Klein unbelastet ist und doch nach Schach riecht. Der integriert, aber nicht beliebig ist. Jemanden mit Gravitas und Substanz.

Ob ihn schon jemand gefragt hat? Es muss ja kein Schmitt oder Hensel sein. | Foto via Chessbase

Hensel steht nicht zur Verfügung. Trotzdem verfolgt er intensiv genug, was vor sich geht, um sich eine starke Meinung zu bilden. Jetzt (mehr als ein Jahr zu spät) macht er sie öffentlich: Beim DSB sei „ein Elefant im Porzellanladen“ unterwegs. Wer Dinge zerschlage, der „muss eine Alternative anbieten. Das fehlt mir“, sagt Hensel im Schachgeflüster.

Den Konflikt DSB-DSJ findet Hensel „unsäglich“: „Wie man seine Jugend abtrennen kann, ist mir schleierhaft, ein No-Go.“ Aus der Leistungssportperspektive hält Hensel eine Klammer von der Talentförderung bis zur Nationalmannschaft für notwendig. Mit zwei getrennten Organisationen werde das schwerlich funktionieren. Aus der Organisatorenperspektive „sehe ich eine rührige DSJ mit Know-how bei Veranstaltungen und viel Eigeninitiative“. Diese Stärken gingen dem DSB nun in Ermangelung einer fruchtbaren Zusammenarbeit verloren.

Andreas Jagodzinsky.

Als Chef des Dortmunder Schachfestivals ist Hensel seinem Turnierdirektor Andreas Jagodzinsky verbunden, dem ehemaligen DSB-Leistungssportreferenten. „Den habe ich gebeten, unser Turnier aus den DSB-Angelegenheiten herauszuhalten. Wir wollten da nicht mit reingezogen werden.“ Schachliche Zusammenarbeit gerne, aber bitte nichts Politisches.

Das Wort vom Neuanfang hat unsere DSB-Doppelspitze im Zusammenhang mit dem Leistungssport sogar selbst ins Spiel gebracht. Nach einer ersten gemeinsamen Sitzung mit den Spielern musste dieser Vorsatz Anfang Dezember bei der Sitzung der Kommission Leistungssport auf den Prüfstand.

Tja. Spätestens beim Hauptausschuss kurz danach offenbarte sich, dass sich trotz eines womöglich guten Vorsatzes die Attitüde nicht von heute auf morgen umkrempeln lässt.

Da war zum einen die Sache mit dem Sportdirektor. In seinem Streben, Andreas Jagodzinsky als Referent abzusägen und jemanden Hauptamtliches unter sich zu installieren, hatte unser Geschäftsführer im Spätsommer 2020 einem deutschen Schachtrainer den Job des Sportdirektors angeboten. Diese Seite hat darüber am 15. September berichtet.

Das stimme nicht, es sei kein Sportdirektor gesucht worden, erklärte nun unser Präsident in der Leistungssportkommission nach übereinstimmenden Angaben von deren Mitgliedern. Wäre nicht des Präsidenten Glaubwürdigkeit nach all den Vorgängen und Erklärungen der vergangenen Monate beschädigt, vielleicht hätte die Kommission ihm diese Erklärung abgekauft. Könnte ja sein (ist wahrscheinlich so), dass mal etwas nicht stimmt, was „in diesem Blog“ (Hans-Jürgen Weyer) steht.

Die Leistungssportkommission glaubte es nicht. Und so stand beim Hauptausschuss die Frage im Raum, ob die Mitglieder der Leistungssportkommission belogen worden waren, nachdem wenige Tage zuvor auf der DSB-Website in großen Lettern „Neuanfang im Leistungssport“ gestanden hatte.

Der Nichtbefasser und der DSJ-Anwalt

Belogen nicht nur in Sachen Sportdirektor? Da war ja auch noch die Sache mit den Kassenprüfern, die das von Jagodzinsky angeprangerte System der Gefälligkeiten im Leistungssport untersuchen sollten. „Die Kassenprüfer prüfen“, hatte das Führungsduo der Kommission Leistungssport nach übereinstimmenden Angaben von deren Mitgliedern mitgeteilt.

Er habe mitnichten geprüft, schrieb wenige Tage später ein Kassenprüfer dem bevorstehenden Hauptausschuss. Seit Mitte Oktober habe es keinen Kontakt zwischen dem Präsidium und ihm gegeben, der DSB habe keine Unterlagen übergeben. „Die Aussage …, dass die Kassenprüfer die Unterlagen prüfen, kann ich nicht bestätigen“, ließ der Kassenprüfer die Landespräsidenten wissen.

Dieser Nebensumpf blieb sich selbst überlassen. Ohnehin waren die von der Doppelspitze nacht- und nebelmäßig akquirierten Kassenprüfer nicht zuständig. Jetzt wird die Leistungssportsache von zwei vom Hauptausschuss verpflichteten Inspekteuren geklärt. Eine pikante Konstellation: DSB-Rechtsberater Thomas Strobl, Fachmann für Nichtbefassung, und dessen Kongress-Gegenspieler Jacob Roggon, DSJ-Anwalt, sollen gemeinsam Jagodzinskys Vorwürfen nachgehen.

Die Sache „Sportdirektor“ klärte sich beim Hauptausschuss. Es war so, wie es hier am 15. September gestanden hatte. Nach einigem Winden der Verantwortlichen rang sich unser Geschäftsführer zu dieser Formulierung durch:

Das ist der Stand des organisierten Schachs im Jahr seiner größten Herausforderung. Über die wurde beim Hauptausschuss nicht gesprochen.

(Titelfoto via Sparkassen Chess Trophy)

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