Sparen, kürzen, streichen und Einnahmen nicht wollen (II)

Warum beim DSB kein Geld hereinkommt, lässt sich an einer Geschichte ablesen, die sich Ende 2023 in Rosenheim abgespielt hat. Anlässlich der Deutschen Masterschaften fiel dem Schachbund wieder ein Kontakt mit einem potenziellen Partner in den Schoß, ein Unternehmen, das Sport sponsert und sich dem Schach verbunden fühlt: die Kneipp GmbH, etwa 700 Mitarbeiter, engagiert im Fußball, Fechten oder Baseball, eine Tochter der Hartmann-Gruppe, 10.000 Mitarbeiter, 2 Milliarden Umsatz, ebenfalls engagiert im Sport.

Mitarbeiterinnen des Kneipp-Bunds fanden, dass „die Kneippsche Hydrotherapie ideal für Schachprofis geeignet ist“, aktivierend, belebend, konzentrationsfördernd. Mit zwei blauen Armwannen im Gepäck besuchten sie die German Masters, um ihre Hypothese einem praktischen Test zu unterziehen. Hinterher verbreitete Kneipp einen Bericht und Bilder vom Ereignis auf seiner Website und per Pressemitteilung an regionale Medien. Auf Kneipp-Social-Media hieß es stolz: „Kneipp goes Schach“:

Offensichtlich will hier eine deutsche Traditionsmarke mit Schach assoziiert werden. Und was könnte näher liegen? Schon Schachweltmeister Wilhelm Steinitz vertraute der Wasserheilkunde von Sebastian Kneipp. Der wiederum wirkte als Pfarrer in einer Stadt, die seit 1985 für ihr Schachfestival bekannt ist: die Kneippstadt Bad Wörishofen. Kneipp und Schach – passt.

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So weit, so großartig, Riesenglück gehabt. Nachdem beim Schach 100 Jahre lang niemand darauf gekommen war, sich bei Kneipp zu melden, kam Kneipp zum Schach.

Bezeichnend für das Kompetenzvakuum beim organisierten Schach ist, was aus dieser Chance wurde: weniger als nichts. Die Chance wurde nicht einmal gesehen. Eine Anfrage bei mehreren Beteiligten an den Masters ergab dieses: Von der DSB-Präsidentin über die DSB-Angestellten bis zu den Ehrenamtlichen aus der bayerischen Schachverwaltung fand niemand in Augsburg den Kneipp-Besuch beim wichtigsten deutschen Schachturnier bemerkenswert.

Kein Scherz: Niemand vom DSB oder vom bayerischen Schach kam auf die Idee zu versuchen, aus diesem Geschenk etwas entstehen zu lassen. Niemand wollte Kneipp demonstrieren, welche Aufmerksamkeit sich mit einem Besuch beim Schach erzeugen lässt. Als ob es beim DSB keine Not gäbe, als ob das Finden von Sponsoren nicht, um Ingrid Lauterbach zu zitieren, „notwendig“ und „Priorität“ wäre. „Natürlich hätten wir dem DSB geholfen, diesen Besuch beim Masters bekannt zu machen“, sagt eine Nationalspielerin. Aber das Thema sei gar nicht aufgekommen.

Bezeichnend für den Horizont der Verantwortlichen: Die Kommission Leistungssport mit ihrem Vorsitzenden Gerry Hertneck hütet jetzt einen Weltklassespieler, die hoffnungsvollsten Nationalmannschaften seit langem und obendrein eine Schar von Supertalenten. Der aus Sicht der Leistungssportverwalter einzig mögliche Weg, das in große Not geratene Spitzenschach finanziell besser auszustatten? Nein, nicht einen Sponsor finden. Die Beiträge erhöhen!

Es wäre womöglich das erste Mal überhaupt gewesen, dass der Schachbund Akquise versucht, bestimmt das erste Mal in Zusammenarbeit mit seinen Kaderspieler:innen, die die Notlage weitaus mehr trifft als alle anderen Leute im Schach. Vincent Keymer sei prinzipiell bereit zu helfen, teilt der DSB auf Anfrage mit. Vielleicht auch Elisabeth Pähtz? Dazu teilt der DSB nichts mit. Pähtz hat mit der Union Investment (verwaltetes Kundenvermögen: >450 Milliarden Euro) einen Partner gefunden, der offenbar so gerne mit Schach assoziiert wird, dass er den Pähtz-Spot seit Monaten regelmäßig im TV ausstrahlen lässt.

Auf YouTube mehr als 700.000-mal gesehen, seit Monaten im Fernsehen. Union Investment wirbt mit Elisabeth Pähtz und Schach.

Hier steht seit fünf Jahren, dass der DSB als Gegengewicht zu all den Schachverwaltern zumindest einen Menschen bräuchte, der für Marketing zuständig ist. Für den Anfang müsste es gar nicht die große Lösung eines Marketingdirektors sein. Schon jemand, der in der Lage ist, jenseits des Tellerrands von Satzung, Mitgliederverwaltungsordnung und Haushaltsdisziplin einen Gedanken zu fassen, wäre, siehe Kneipp, bald wertvoller als jede Beitragserhöhung. Jemand, der einen Google-Alarm zu „Schach“ anlegen kann und das Telefon zur Hand nimmt, sobald dort ein Unternehmer auftaucht, wäre es auch.

Da ist mal ein Sponsor in Sicht, und dann reißt der Kontakt ab, wie ärgerlich. Online-Referent Christian Kuhn wollte auf Anfrage zu seiner kryptisch geratenen Mitteilung nicht genauer erläutern, was passiert ist.

An Möglichkeiten für die Boom-Sportart Schach, Geld einzunehmen, mangelt es auch abseits von Sponsoring nicht. Pandemie, Damengambit und Nakamura haben zahllose Leute ins Schach gespült. Jetzt tauchen hunderte, wenn nicht tausende Vereinslose bei Turnieren auf und wollen um Elo- und DWZ-Punkte spielen. Offenbar hat sich beim DSB noch niemand gefragt, wie sich dieses Verlangen nach Turnierschach monetarisieren lässt. Der Grund dafür ist leicht zu erraten: das Kompetenzvakuum. Vor lauter Fokus auf Satzung, Mitgliederverwaltungsordnung und Haushaltsdisziplin ist niemand darauf gekommen.

Die 2018 vom Hauptausschuss beschlossene, 2019 vom Kongress kassierte DWZ-Lizenz für Vereinslose hätte mit Ende der Pandemie eingeführt sein sollen, damit die Kasse klingelt, sobald der Turnierbetrieb anläuft. Stattdessen liegt das Thema seit fünf Jahren auf Eis. Als notwendig oder eilige Priorität empfindet das Präsidium die DWZ-Einnahmen offenbar nicht. Die Lizenz wird „im Zuge der Einführung des neuen DEWIS diskutiert werden“, teilt der DSB mit. Vielleicht wird bei der Gelegenheit ja auch der Werbewert der DWZ-Abfrage neu evaluiert?

Aus dem E-Mail-Eingang am Bodensee: Schade Boris, aber ob die seit langem diskutierte Lizenz nun kommt und erst recht wann, ist nicht klar. Dem DSB geht es offenbar noch nicht schlecht genug, um damit oder auf andere Weise schnell Einnahmen generieren zu wollen. Insofern wirst du dich noch ein wenig gedulden müssen, bevor du eine DWZ-Lizenz bekommst.

Neue Vereinsspieler bekommen ihre FIDE-ID gratis vom DSB, eine Serviceleistung für Beitragszahler. Vereinslose, erstaunlich, bekommen sie auch gratis, obwohl für sie der Arbeitsaufwand höher ist, da ihre Daten/Personalien noch nicht erfasst sind. Allein anlässlich des Ansturms Vereinsloser auf das Grenke-Open hat der DSB hunderte FIDE-Identifikationsnummern und ungezählte Arbeitsstunden an Vereinslose verschenkt. Auf die Frage, warum er dafür keine Bearbeitungsgebühr erhebt, teilt der DSB mit, das sei „sicher ein überlegenswerter Ansatz“.

In der Tat. Vor dem Ende der Pandemie wäre es ein überlegenswerter Ansatz gewesen, um ausgangs des ersten Schachbooms die Gebühr schnell einzuführen, damit die Kasse klingelt, sobald der Turnierbetrieb anläuft. Aber auch diesen potenziellen Ertragsstrom sieht das DSB-Präsidium offenbar weder als notwendig noch als Priorität.  

Seit Jahren steht „Fundraising“ im Verbandsprogramm. „Der Aufbau eines erfolgreichen Fundraisings erfordert erhebliche Mittel und einen mehrjährigen Aufbau“, teilt der DSB auf Anfrage mit.

Das ist falsch, zumal wenn die Kasse leer ist und neue Erträge eine notwendige Priorität sein sollten. Dann erfordert der Aufbau eines erfolgreichen Fundraisings ein Telefon und einen Anruf bei einer Agentur, die damit anfängt. Und zwar sofort, idealerweise ab dem 22. Mai 2023, dem Tag nach der Wahl des neuen Präsidiums. Die Struktur aufseiten des Verbands, die mittelfristig das Fundraising übernimmt, kann später entstehen.

Über all das wird der DSB-Kongress an diesem Wochenende nicht reden. Wahrscheinlich wird es auch niemandem fehlgeleitet vorkommen, auf der einen Seite in den Vereinen die Hand aufzuhalten, auf der anderen nicht einmal den Willen zu zeigen, anderweitig an Geld zu kommen. Vereinsspielerinnen und -spieler haben derweil einmal mehr Anlass, sich nicht repräsentiert zu fühlen (um es milde zu formulieren).

Paul Meyer-Dunker hat vor dem Kongress auf Instagram einen Vierklang des Schreckens veröffentlicht, …

Zur schwer erträglichen Schwerfälligkeit des DSB-Tankers in höchster Seenot, zum Kompetenzvakuum in Präsidium und Kongress, zum Unwillen, sich außerhalb der Komfortzone des Vereinsspielermelkens zu bewegen, kommt die Tragik, dass es ja eigentlich jemanden gibt, der zuständig wäre, das Ruder herumzureißen. So jemand könnte die tatsächlich notwendige Priorität ansteuern: den Verband schleunigst so entwickeln, dass Handlungsstärke und unternehmerisches Denken Einzug halten. Um derartige Entwicklungsfragen kümmert sich der Verbandsentwickler. Seit einem Jahr hat er die Gelegenheit, wertvoller für unseren Spitzenverband zu sein als alle Amtsvorgänger.

Er wolle kein Schachverwalter sein, sagte Guido Springer im Mai 2023 anlässlich seiner Wahl zum Verbandsentwickler. Jeder im Raum und an den Bildschirmen ahnte, was danach passieren würde. Während niemand Einnahmen akquiriert, die dringend gebraucht würden, während Leute mit Format, die dringend gebraucht würden, sich tunlichst vom DSB fernhalten, während das große Jubiläum immer näher rückt und Mittel, es zu feiern, dringend gebraucht würden, beschäftigt sich der Vizepräsident Verbandsentwicklung ausschließlich mit Dingen, die kein Mensch dringend braucht: Satzung und Mitgliederverwaltungsordnung.

…den er als Werben für eine weitere Beitragserhöhung versteht. Er ließe sich auch mit der Frage verknüpfen, warum nach mittlerweile einem Jahr neben dem Geld der Vereinsspielerinnen und -spieler nicht eine weitere Quelle erschlossen ist. Und warum der DSB nicht den Eindruck vermittelt, als sei das besonders dringend.

Und so wird in Neuwied niemand anwesend sein, der das emotional aufgeladene Beitragsthema auf die angemessene Größe bringt, indem er es ins Verhältnis zu den eigentlichen Problemen setzt. Als ob davon die Gesundung und Substanz des Verbands abhinge, als ob es vor dem Hintergrund des großen Ganzen nicht wenig relevant wäre, werden sie mit Inbrunst um 1, 2 oder 3 Euro feilschen. Egal wie es ausgeht, Schulschach wird tot sein, unsere Talente stehen mit Minimalunterstützung da, und der DSB-Kongress wird keinen Impuls gesetzt, keine Wende bewirkt haben.

Immerhin, zum 150-Jährigen werden wir eine erstklassige Satzung und eine geschmeidige Mitgliederverwaltungsordnung haben. Einen Sponsor eher nicht.


In einer ersten Version dieses Beitrags stand, die DWZ-Lizenz sei 2018 beschlossen worden. Das stimmte zwar, war aber nicht die ganze Geschichte. Im Jahr darauf hat der Kongress sie doch abgelehnt, weil ihm die geplante Jahresgebühr von 24 Euro zu niedrig erschien. Seitdem ist das Thema DWZ-Lizenz nicht mehr in DSB-Gremien debattiert worden. Der Beitrag ist aktualisiert.


Mitte April hat diese Seite dem DSB eine Reihe von Fragen zur Finanzsituation zukommen lassen. Ein Teil der Antworten ist in diesen Beitrag eingearbeitet. Die vollständige Liste mit allen Fragen und Antworten.

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Henning Geibel
Henning Geibel
13 Tage zuvor

Meiner Meinung nach sollte der DSB seine laufenden Ausgaben ganz überwiegend aus Mitglieder-Beiträgen finanzieren. Zu den laufenden Ausgaben zähle ich auch die Jugend-Förderung oder die Schiedsrichter-Ausbildung.

Eine finanzielle Unterstützung durch Sponsoren wäre darüber hinaus sehr wünschenswert, damit auch Geld für Extra-Leistungen bereit steht, z.B. für die Kaderspieler/innen oder für die Finanzierung von Reisen zu Welt- und Europa-Meisterschaften.

Selbstdarsteller
Selbstdarsteller
1 Tag zuvor

Wie wäre es mit Ralf Schreiber als Marketing-Beauftragten? Die Preise, die er seit seinem entsprechenden Engagement in NRW personengebunden abgeräumt hat, zeigen doch, wie man dem organisierten Schachsport keinen Mehrwert generiert.

Walter Rädler
Walter Rädler
12 Tage zuvor

Danke Conrad für einen sehr interessanten Bericht. Als ich Vize-Präsident Verbandsentwicklung war, war ich der Meinung, dass der Deutsche Schachbund aktiv Sponsoren ansprechen muss, das war für Ossi Weiner vom Wirtschaftsdienst des DSB genauso. Leider gab es die Baustelle DSJ – DSB und Professor Doktor Markus Fenner zog alles an sich, die Auswirkungen kennen wir ja. Der DSB-Präsidentschaftskandidat Rosenstein wollte dem DSB einen hauptamtlichen Vizepräsident und einen Fundraiser spendieren. Es ist sehr schade, dass der Versuch mit dem Fundraiser nicht realisiert wurde, das hätte mich sehr, sehr interessiert. Wadim Rosenstein sehe ich als Glücksfall für das Deutsche Schach, aber nicht… Weiterlesen »

Marc
Marc
9 Tage zuvor

immer wenn ich diese -deine- tollen Berichte lese rund um die Unfähigkeit des DSB, kotze ich im Strahl. Ich frage mich: Wie dumm muss man eigentlich sein? Warum zahle ich Beiträge für den (un-)organisierten Schachsport? Warum nicht nur noch lichess? Was hat der eloquente Vorzeigeathlet, DAS Jahrhunderttalent Vincent verbrochen, dass er nicht in Indien geboren wurde? Es ist so ungerecht.