Beschwindelt

Der Bayerische Meister Philipp Müller ist nicht nur Autor dieser Seite, er ist auch Leser. Als solcher fiel ihm unlängst der Beitrag über den Schwindel-Preis auf, den der New-In-Chess-Verlag für den besten Schach-Schwindel des Jahres 2020 ausgesetzt hatte. Die Initiative des Verlags beruht auf dem großen Erfolg des Buchs “The Complete Chess Swindler” von David Smerdon, das seit Anfang 2021 auch auf Deutsch erhältlich ist.

Philipp Müller, ein Schwindler.

Müller nahm den Beitrag zum Anlass, seine Partien der jüngeren Vergangenheit nach Schwindeln durchzusehen, um vielleicht eine eigene Partie einzureichen. “Zuerst habe ich gedacht, 2020 war so wenig los, dass ich wenige bis gar keine Materialien dazu hätte, aber dann habe ich doch fünf DWZ-Partien aus 2020 gefunden.”

Ein Endspiel aus dem Jahr 2019 war für den Preis nicht relevant, aber Müller fand es unter dem Schwindel-Aspekt so bemerkenswert, dass er es für diese Seite kommentiert hat. Um sich noch Gewinnchancen zu erarbeiten, musste Müller in dieser Partie eine dreifache Stellungswiederholen zulassen – und einen Weg finden, seine Gegnerin davon abzuhalten, die Wiederholung zu reklamieren.

Müller schaffte das, und letztlich gelang es ihm obendrein, die Partie noch zu gewinnen. Seiner Mannschaft rettete er damit einen wichtigen Punkt für den Klassenerhalt.

Müller, Philipp (2192) – Khrapko, Marharyta (2114)
Regionalliga Südwest 2018/19

41… Rc2

Objektiv ist das Endspiel ausgeglichen. Weiß hat einen Bauern mehr, Schwarz Kompensation in Form von aktiven Türmen und einem Freibauern. Den zu eliminieren, sollte oben auf der weißen Agenda stehen.

Hier profitierte ich davon, mir bewusst zu machen, dass meine Gegnerin eine aktivistische Spielerin ist. So erriet ich die nun folgende Sequenz erfolgreich.

42. Kg1 Re1+

Ein hinterlistiger Trick.

43. Rxe1

(43. Kf2?? Oops. Rxd1! -+)

43… Rxd2 44. Re3!

Mein Turm ist sehr stark auf der dritten Reihe. Die einfache Drohung ist, Kg1-f1-e1, d3 einsammeln und gleichzeitig die Bauern a3 und g3 mit dem Turm schützen.

44… Kf6 45. Kf1 Kf5 46. Ke1

46… Rh2??

Die falsche Entscheidung.

(46… Ra2! =)

47. a4 f6 48. Rxd3 Ke4 49. Ra3 Rxh3 50. b5 b6 51. Kd2 Kd5 52. Rc3 Rh2+ 53. Ke3 Ra2 54. Rc6 Ra3+ 55. Kf2 Ke4 56. Rxf6 Ra2+ 57. Ke1 Kf3 58. Rxh6 Kxg3 59. Rxb6 Kxf4

60. Rh6

(60. Rb8! +-)

60… Ke3 61. Rh3+ Kd4 62. Rh4+ Kc5 63. Kd1 Kb6 64. Rh6+ Kb7 65. Ra6 Rb2 66. Kc1 Rh2 67. Rc6 Ra2 68. Ra6 Rh2 69. Kb1 Rg2

Dieses Turmendspiel begann in einer für Weiß vielversprechenden Konstellation. Gespielt wurde die Partie in der bayerischen Regionalliga Südwest, und meine Mannschaft war lange obenauf, als sich plötzlich die Ereignisse überstürzten und wir 2:4 hinten lagen. Mein Mannschaftskollege schickte sich an, eine völlig remisige Stellung zu gewinnen, da sein Gegner völlig neben sich stand. Es lag also an mir.

Ich musste die ganze Zeit sehr konzentriert bleiben, um den winzigen Vorteil im Endspiel zu erhöhen und schließlich zu verwerten. Ich hatte ja bereits Resourcen wie 41.Kg1 Re1+ 42.Rxe1 Rxd2 43.Re3 gefunden, um die Partie am Laufen zu halten. Ich zeigte aber auch große Schwierigkeiten in meiner Endspieltechnik, z.B. das ausgelassene 60. Rb8, was zu einem leichten Gewinn geführt hätte. In dieser Position wusste ich während der Partie, dass ich es an einer oder mehreren Stellen falsch gespielt haben musste, aber ich schaute weiter nach kleinsten Möglichkeiten, diese Partie doch noch zu gewinnen.

70. Rc6

Um den Turm nach c2 zu überführen.

70… Rg4 71. Ra6 Rg2

Zweifache Stellungswiederholung.

72. Rh6

Ich hatte den dummen Einfall, …Rg4 mit a4-a5 zu parieren und stellte daher nun eine Schachdistanz für meinen Turm her. Nach

72… Rg4

merkte ich, dass a5 nicht funktionierte wegen …Rb4+.

Den Schock verarbeitend, entwickelte ich den Plan, zügig zwei Zwischenschachs zu bieten, welche meine Gegnerin im Blitzstile beantworten würde, um dann zur Originalstellung zurückzukehren, was zwar dreifache Stellungswiederholung bedeuten würde, die aber meine Gegnerin vor ihrem Zug reklamieren müsste.

73. Rh7+ Kb6 74. Rh6+ Kb7 75. Ra6 Rg2

Tatsächlich antwortete sie zügig mit dem offensichtlichen Zug, aber sie reklamierte nicht. Es fühlte sich gut an, den K aus dem Weg zu bringen. Nun konnte ich weitere Konzepte versuchen und Probleme stellen.

76. Ka1 Rh2 77. a5 Rh1+ 78. Kb2 Rh2+ 79. Kc3 Rh3+ 80. Kd4 Rh4+ 81. Ke3 Rh3+ 82. Kf4

82… Rh4+??

Und sie stellte es ein.

(82… Rh5! war der einzige Zug. 83. Rb6+ Ka7 84. Kg4 Rc5 Kf4 Rh5 = Der weiße K ist von der 5. Reihe abgeschnitten, remis!)

83. Kg5! Ra4 84. Kf5 Ra1 85. Ke6 Ra2

86. Kd6

(besser ist 86. Kd7 Rd2+ 87. Rd6 Rh2 88. Rb6+ Ka8 89. Rc6 Ka7 90. b6+ Ka6 91. Kc7 Rh7+ 92. Kb8 Kxa5 93. b7 Kb5 94. Rc1 Kb6 95. Rb1+ Kc6 96. Ka8 +- und der b-Bauer läuft durch.)

86… Rd2+!? 87. Kc5 Rc2+ 88. Kb4 Rb2+ 89. Ka4 Ra2+ 90. Kb3 Ra1

Schwarz hat keine Möglichkeit mehr, das Abschneide-Manöver zu wiederholen, weil einfach ein Tempo fehlt und der weiße Turm nun aktiviert werden kann.

(90…Rh2 91. Rb6+ Ka7 92. Rg6 Rh4 93. Rg7+ Kb8 94. b6 Rf4 95. a6 Rf8 96. Rc7 Rh8 97. Kc4 Rh4+ 98. Kb5 Rh5+ 99. Rc5 Rh7 100. Rg5 Kc8 101. b7+ Kc7 102. Rc5+ +-)

Hier visualisierte ich die Gewinnidee und setzte diese daraufhin um!

91. Rb6+ Ka7 92. Kb4 Rb1+ 93. Kc5 Rc1+ 94. Kd6 Ra1 95. Kc7

95… Rxa5

(Oder 95… Rc1+ 96. Rc6!? Rxc6+ (96… Ra1 Ra6#) 97. Kxc6 +-)

96. Rb7+ Ka8 97. Rb8+ Ka7 98. b6+

Hier gab meine Gegnerin auf. Mein Mannschaftskollege und ich sicherten das 4:4, die Zuschauer konnten ihren Augen nicht glauben. Einer ihrer Mannschaftskollegen wies mich darauf hin, dass es schon dreifache Stellungswiederholung gewesen sei. Ich erwiderte, dass ich das wüsste, aber sie hätte reklamieren müssen. Ein süßer Sieg 🙂

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Schlaues Schwindeln beim Schach: Seit Anfang 2021 ist David Smerdons preisgekröntes Buch auf Deutsch erhältlich.
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