Weltklasse?

Alexander Donchenko hält nicht viel davon, sich abstrakte, weit entfernte Ziele zu setzen. „Lieber habe ich Ziele in Sichtweite, auf die ich hinarbeiten kann“, hat der 22-Jährige unlängst im Gespräch mit dieser Seite erklärt.

Nach seinem Turniersieg in Krakau, der ihn wieder zur deutschen Nummer eins machte, hat Donchenko jetzt zwei Ziele vor Augen: Zwei Elopunkte fehlen noch bis zu Markus Ragger. Hat Donchenko den Österreicher überholt, ist er die Nummer eins im deutschsprachigen Raum. Wenn er dann noch vier Elo drauflegt, ist Alexander Donchenko der erste deutsche Top-50-Spieler seit Langem.

Die einstigen WM-Kandidaten Gelfand und Ivanchuk überholt, die Top 50 in Sichtweite. Nach seinem Sieg in Krakau steht Alexander Donchenko bei 2678 Elo. | Screenshot via 2700chess
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Das Open in Krakau geriet zu einer Demonstration seines schachlichen Aufwinds, der Donchenko immer näher an die 2700-Marke trägt. Um einen Punkt distanzierte der Turniersieger den Zweitplatzierten, um zwei Punkte gar das Feld der 66 Spieler ab dem Viertplatzierten. Donchenkos 8 Punkte aus 9 Partien bedeuten eine Performance nahe der 2800 – Weltklasse.

„Darüber freue ich mich sehr“, sagte Alexander Donchenko auf Anfrage dieser Seite, nachdem er den Wettbewerb mit einem Sieg in der neunten und letzten Runde beendet hatte.

Es war „nur“ 1 Punkt Abstand aufs Feld, nicht 1,5. Trotzdem: 2021 sollte das Jahr sein, in dem Alexander Donchenko erstmals Einladungen zu geschlossenen Top-Turnieren bekommt. Verdient hätte er es. Die beiden oben erwähnten Veranstalter haben auf unsere Anregung via Twitter bislang leider nicht reagiert.

Ein Spaziergang waren die acht aus neun gleichwohl nicht, stattdessen das Resultat harter Arbeit am Brett. Die war schon in der dritten Runde vonnöten, als Donchenko mit Weiß gegen den hartnäckigen IM Igor Janik (2480) partout keine Fortschritte erzielte. „Das war eine dieser Partien, in denen gute Züge alleine nicht ausreichen. Es bedurfte Geduld“, sagt Donchenko.

Nach 62 Zügen zahlte sich die Geduld aus. Anstatt mit …Dc2+-g6+ ein Dauerschach anzusteuern, dem Weiß kaum günstig ausweichen kann, obsiegte der Wunsch des Schwarzen, die Damen vom Brett zu nehmen. 62…Df6? war der Fehler, auf den Donchenko hingearbeitet hatte. 63.Sg3! stellt die garstige Drohung 64.Dxd6 auf. Nun ist Schwarz gezwungen, die Damen zu tauschen. Am Ende der Operation wird der weiße Gaul auf f4 landen. Dann fällt der schwarze Bauer d5 um, und auf dem Brett steht ein für Weiß gewonnenes Endspiel.

„Manchmal reicht in solchen Partien Geduld nicht für den vollen Punkt. Hier schon, und das gab mir natürlich Selbstvertrauen“, sagt Donchenko. In der fünften Runde kam noch Glück hinzu, „das war die einzige Partie in Krakau, die ich von vorne bis hinten nicht gut gespielt habe“.

Alexander balancierte am Abgrund, aber fischte letztlich erfolgreich nach Gegenspiel. „Am Ende waren wir beide in Zeitnot. Der Gewinn für meinen Gegner war nicht leicht zu sehen, das war etwas glücklich.“

Es folgten drei glatte Siege am Stück, die den Bundesligaspieler der SF Deizisau auf 7/8 katapultierten, ein Punkt vor dem Rest des Felds. In der letzten Runde gegen IM Szymon Gumularz (2516) hätte ein Remis zum Turniersieg gereicht. „Mit einem Punkt Vorsprung ging es mir aber mehr um die Elo als um den Turniersieg“, sagt Donchenko. „Ich fühlte mich gut und wollte es zumindest versuchen. Wenn ich mit Weiß gegen 2500 verloren hätte, bin ich halt selbst Schuld.“

Die Rechnung ging auf:

Schachpläne für die unmittelbare Zukunft hat Alexander Donchenko nicht. „Ich hoffe aber, dass sich das ändert.“ Der Ende 2020 in den A-Kader berufene künftige Nationalspieler erinnert sich ungern an seine unfreiwillige, pandemiebedingte Pause zwischen März und Juni 2020, „die wahrscheinlich längste Schachpause meiner Karriere“.

Nächster Fixpunkt auf Donchenkos Turnierkalender ist die Europameisterschaft im Rahmen des Schachfestivals in Reykjavik vom 7. bis 21. April. Dort wird es voraussichtlich um die Qualifikation für den World Cup gehen, die erste Stufe des kommenden WM-Zyklus, dessen Details angesichts der gegenwärtigen Ungewissheit noch ungeklärt sind.


Alexander Donchenko ist nicht der einzige aus dem halben Dutzend Deutscher im Feld, die in Krakau für Aufsehen gesorgt haben. Marius Deuer (12) vom SC Weiße Dame Ulm bescherte sich kurz nach Weihnachten mit seinem ersten Sieg über einen Großmeister:

Leider ging ihm danach auf der Krakauer Langstrecke ein wenig die Luft aus, weitere Siege gelangen nicht. Mit 3/9 beendete Deuer das Turnier als 58.

(Titelfoto via twitch.tv/kacperpolok)

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