Wirklichkeitsverweigerung und Gestaltungsfeindlichkeit

Die Website unseres Schachbunds hat sich in den vergangenen Monaten zunehmend zu einem Organ entwickelt, in dem sich die Führungsriege des Verbands die Wirklichkeit so zusammenschustert, wie es ihr gerade passt. Vizepräsident Hans-Jürgen Weyer war bislang weder im Zusammenhang mit der Website noch im Zusammenhang mit alternativen Wirklichkeiten auffällig geworden. Das hat sich jetzt beim Hauptausschuss geändert.

„Warum hortet unser Schachbund 700.000 Euro, Tendenz steigend?“ Diese Frage haben wir im Vorbericht zum Hauptausschuss gestellt. Im Kontext des gegenwärtigen Gestaltungsvakuums war sie gekennzeichnet als eine der zentralen Fragen rund ums organisierte Schach in Deutschland.

Für Schatzmeister Hans-Jürgen Weyer stellt sich diese Frage nicht. Via DSB-Website sagt er “…, dass die in der Öffentlichkeit kolportierten 700.000 Euro DSB-Rücklagen nicht der Wahrheit entsprächen. Diese sei deutlich niedriger und notwendig, um die ersten drei Monate eines Jahres bis zu den Mitgliedbeitragszahlungen zu überbrücken.“

Ignorieren wir die Grammatik, halten wir uns nicht lange an der Frechheit „kolportieren“ auf, fokussieren wir uns auf die von Weyer bemühte „Wahrheit“ und schauen uns die Entwicklung des DSB-Kontostands der vergangenen Jahre an:

01.01.2014: 169.581,53 €
01.01.2015: 236.131,51 €
31.12.2015: 307.265,11 €
31.12.2016: 410.535,92 €
31.12.2018: 541.374,88 €
31.12.2019: 536.377,07 €
30.06.2020: 689.200,06 €

Der Vizepräsident Finanzen Hans-Jürgen Weyer (r.) mit dem Vizepräsidenten Verbandsentwicklung Boris Bruhn. | Foto: Deutscher Schachbund

Wäre, wie von Weyer behauptet, ein derartiger Haufen Geld notwendig, um die ersten drei Monate des Jahres zu überbrücken, der DSB hätte in den Jahren vor 2018 gar nicht existieren können. Weyer tat wahrscheinlich gut daran, schweigend zuzuhören und nicht zu widersprechen, als ihm der ehemalige DSB-Finanzchef Michael S. Langer darlegte, dass zur Überbrückung etwa 220.000 Euro notwendig sind, eine Zahl, die im Bericht auf der DSB-Website nicht vorkommt.

Zu Beginn der 2010er-Jahre zeichnete sich ab, dass eine Rücklage in dieser tatsächlich notwendigen Höhe nicht gewährleistet sein würde. 2013 erhöhte der DSB den Mitgliedsbeitrag, wirksam ab 2014. Seitdem wächst das Vermögen Jahr für Jahr um einen annähernd sechsstelligen Betrag. Trotzdem ist nie jemand darauf gekommen, einen Plan zu entwickeln, wie sich die wachsende Menge überschüssigen Geldes im Sinne des Wohlergehens, des Ansehens und der Verbreitung unseres Spiels einsetzen ließe.

Und darum stand hier: „Der Schachbund hortet.“

Dazu Hans-Jürgen Weyer auf dem Hauptausschuss: „Er hortet nicht.“

Zur Weyerschen Wirklichkeitsverweigerung gesellte sich Gestaltungsfeindlichkeit.

Unser Vizepräsident Finanzen hat „Angst vor Austritten aufgrund der Coronakrise“. Offensichtlich sollte derartige Angst zwei Impulse auslösen: Austritten vorbeugen und für Eintritte sorgen.

Seit mehr als einem halben Jahr ist zweierlei überfällig:

  • eine Kampagne pro Schachverein, um deren Mitglieder zu halten
  • Sichtbarkeit des Schachbunds und seiner Landesverbände dort, wo sich die neuen Schachspieler zu hunderttausenden tummeln, um Eintritte zu forcieren.

Was in Deutschland überfällig ist, wird anderswo gemacht. Anderswo schreibt ein Profi dem Präsidenten die Ansprachen, um Peinlichkeiten vorzubeugen, anderswo heißt es: „Dein Verein braucht dich!

Wir haben in den vergangenen Monaten wiederholt Beispiele aufgezeigt, wie professionell geführte Schachverbände mit der Weyerschen Angst umgehen. Sie begreifen die Krise als Chance, sie entwickeln Fantasie, sie binden ihre Spitzenspieler ein, und dann veranstalten sie beispielsweise eine Serie von Benefizturnieren auf Lichess. Dort bekommt der Hobbyspieler die Chance, sich mit Nationalspielern und leibhaftigen Großmeistern zu messen – und seinen Schachverband als freundliche, offene Organisation wahrzunehmen, eine Organisation, die Gutes tut.

Die Vorweihnachtszeit würde sich übrigens trefflich eignen, Schach und einen guten Zweck miteinander zu verbinden. Ob bei unserem Schachbund schon jemand darauf gekommen ist? Rhetorische Frage.

https://twitter.com/Meyer_Dunker/status/1337738867336769536

Hans-Jürgen Weyer hält dieses für die Zeit, den Gürtel enger zu schnallen. Chancen sieht er nicht, Fantasie entwickelt er nicht, er hält finanziell „Vorsicht“ für angebracht (und will trotzdem Rücklagen abbauen? Obwohl sie „notwendig“ sind?). Und dann zieht er noch die „Spendierhose“ aus der Sprichwort-Mottenkiste. Deren Zeit sei nämlich jetzt vorbei.

Ist klar.

https://twitter.com/Meyer_Dunker/status/1337739991603159041

Was Gestaltungswille und Handlungsfähigkeit bedeuten, kann sich Weyer bei der Deutschen Schachjugend abschauen. Auf eine Idee, Eintritte zu forcieren, die sich auch am Ende dieses Beitrags finden lässt, waren die DSJ-Öffentlichkeitsarbeiter schon selbst gekommen: Schachhändler sollten jeder versandten Bestellung einen Flyer über Vereinsschach beilegen.

Die Flyer werden jetzt gedruckt (als schach.in-Postkarte), die Idee wird sogleich umgesetzt. Ein Indiz, dass jeder überschüssige Euro, der an den DSJ e.V. fließt, anstatt von Hans-Jürgen Weyer verwaltet zu werden, im Sinne des Schachs gut angelegt ist.

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