DSB-Rechtsberater: DSJ-Anträge unzulässig / “Müssen das Thema verschieben”

Der außerordentlichen Kongress des Schachbunds am Samstag ist ausschließlich aus dem Grund einberufen worden, um die Deutsche Schachjugend in einen e.V. verwandeln zu können. “Wir kommen nicht umhin, dieses Thema auf den nächsten ordentlichen Kongress zu verschieben”, stellt DSB-Rechtsberater Thomas Strobl wenige Tage vor der Abstimmung fest. Nach seiner Auffassung sind die Anträge der Schachjugend formal nicht zulässig.

Zu dieser Auffassung war Strobl gelangt, nachdem er die Kongressbroschüre studiert hatte, in der sich ausgerechnet in die DSJ-Anträge ein weiterer “redaktioneller Fehler” der DSB-Geschäftsstelle eingeschlichen hatte. Aber auch nach Studium der DSJ-Original-Anträge ohne DSB-Bearbeitung bleibt Strobl dabei: Das drängendste, ressourcenbindendste Thema des deutschen Schachs muss ein Jahr warten. Begründung: Nur der DSJ-Vorsitzende und sein Stellvertreter dürfen laut DSB-Satzung Anträge beim Kongress stellen, nicht die DSJ als Organisation.

Das Papier unten fehlt aufgrund des redaktionellen Fehlers in der Kongressbroschüre. Strobl liegt es jetzt vor, aber er kann ihm nicht entnehmen, dass es sich um Anträge des 1. Vorsitzenden der DSJ handelt:

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DSJ-Rechtsberater Jacob Roggon hatte am 12. August darauf aufmerksam gemacht, dass das Anschreiben seines 1. Vorsitzenden in der Kongressbroschüre fehlt. Nun kann Roggon Strobls Sichtweise “nicht nachvollziehen. Dass Malte Ibs als DSJ-Vorsitzender den Antrag in den Kongress einbringt, geht aus diesem Schreiben deutlich hervor.”

Das Strobl- und Roggon-Zitat entnehmen wir dem aufgeregten E-Mail-Verkehr zur Sache aus der Schachverwaltung, der dieser Seite vorliegt. Zitiert sei daraus noch André Martin, Schachpräsident in Sachsen-Anhalt:

“Ich bin sprachlos und das bin ich selten. Die am Wochenende zu treffende Entscheidung ist eine der Weitreichendsten, die der DSB seit der Vereinigung zu treffen hat, und die Aufbereitung der Kongressunterlagen ist vermutlich die amateurhafteste, die es seit der Wende gab.”

Random Inspection in der Kongressbroschüre? DSB-Rechtsberater Thomas Strobl bei einem Einsatz als Schach-Schiedsrichter. | Foto: Bernd Vökler

Angesichts des offensichtlichen Musters fragt sich mancher Funktionär: Ist das noch amateurhaft? Sehen wir tatsächlich Dilettantismus – oder Manipulation? Ist Strobl aus eigenem Antrieb unterwegs, meint er, was er mitteilt, oder ist sein Vorstoß ein weiterer gesteuerter Winkelzug, den DSJ e.V. zu verhindern?

Vor Erscheinen der Kongressbroschüre hatten Fenner/Krause den vom Hauptausschuss in Gang gesetzten e.V.-Prozess nur still behindert. Jetzt torpedieren sie ihn offen, siehe die beiden jüngsten Krause-Interviews. Der vom DSB eingesetzte Verhandlungsführer Ingo Thorn, Vizepräsident des Bayerischen Schachbunds, musste zur Kenntnis nehmen, dass Ullrich Krause den Delegierten empfiehlt, die von Thorn miterarbeiteten Anträge abzulehnen.

Stattdessen haben Fenner/Krause eigene Vorstellungen, und denen kann jeder entnehmen, wie unser Führungsduo seine Schachjugend gerne hätte: als fremdbestimmtes Anhängsel, das vor dem Erwerb von jedem Satz Stappenhefte beim DSB-Kassenwart um Erlaubnis bitten muss.

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Gustaf Mossakowski
3 Jahre zuvor

Faszinierend. Dieses Blog bekommt nie eine Antwort vom hauptamtlichen Pressesprecher des Deutschen Schachbunds, aber das wird nicht als Arbeitsverweigerung oder schlechte Führung in der Geschäftsstelle angesehen, sondern sogar positiv gedeutet. Der Redakteur des Blog würde sich schließlich zu oft zu negativ äußern. Die Presse darf bitte nicht zu kritisch sein, wo kommen wir denn sonst hin? Stattdessen druckt der Pressesprecher die Anträge in der Kongressbroschüre geändert ab – ein Anschreiben fehlt, über den Anträgen des DSJ-Vorsitzenden wird überall ein »Antragsteller: DSJ-Vorstand« eingebaut. Das wird dann hier in den Kommentarspalten als Problem formuliert – als Fehler der DSJ. Der DSJ-Rechtsberater wird… Weiterlesen »

Walter Rädler
3 Jahre zuvor

André Martin, Schachpräsident in Sachsen-Anhalt: „Ich bin sprachlos und das bin ich selten …. die Aufbereitung der Kongressunterlagen ist vermutlich die amateurhafteste, die es seit der Wende gab. Sorry, Herr Martin, um den Jahreswechsel habe ich sie als Mitglied des AKLV in einem Rundbrief auf Schwächen im DSB hingewiesen, die sich allesamt bewahrheiten. Meine Devise lautet: “Mach aus große Probleme kleine, aus kleine Probleme keine!” Dies bedarf aber schnelles, rechtzeitiges Eingreifen und das haben sie leider verpasst! Ich habe damals geschrieben, schreibe jetzt und werde immer schreiben, dass die Besetzung des Geschäftsführer des DSB mit “Professor” “Doktor” Marcus Fenner ein… Weiterlesen »

Achim Mueller
Achim Mueller
3 Jahre zuvor

Muss man verstehen, dass zwei (gleichlautende) Anträge zweier Landesverbände (NDS,Baden, iirc) seitens des DSB/der Geschäftsstelle/der Redaktion der Kongressbroschüre in einen (gemeinsamen) Antrag zweier natürlicher Personen gewandelt und inhaltlich editiert werden? Und das ohne Rücksprache mit diesen zwei Personen? Und das anschließend mit «redaktioneller Fehler» erklärt? Ein weiterer Antrag (Nr. 6, aus Württemberg, iirc) aber im Original des Verbands als Verbandsantrag abgedruckt wird? Und der DSB/die Geschäftsstelle/die Redaktion der Kongressbroschüre einen Antrag der DSJ/von Malte Ibs ebenfalls ohne Rücksprache mit dem Verband oder der Person in einen Antrag eines Verbandes umwandelt? Ein Antrag, der offenbar ebenfalls nachträglich inhaltlich editiert wurde? Und… Weiterlesen »

Last edited 3 Jahre zuvor by acepoint
Silvio
Silvio
3 Jahre zuvor

Alles wirklich nicht überraschend… Die DSJ hat sich die Butter vom Brot nehmen lassen und die große öffentliche Unterstützung seinerzeit nicht genutzt. Jetzt sitzen die bezahlten und unbezahlten Köpfe der DSB Spitze das Thema wieder bequem aus, wie eh und je als einige, beharrungsstarke “Schachfreunde”… Zickelbein, Kadesreuther und die weiteren “Väter der Schach Jugend” und ihre Macher seit 1970 wenden sich mit Grausen von diesen Laien auf beiden Seiten. Kein Moderator, kein Rücktritt, keine rettende Insel in Sicht

Tullius
Tullius
3 Jahre zuvor

Das Problem ist nicht Thomas Strobl, sondern sind die Vereinsregister im Amtsgericht, die jede Satzungsänderung auf ihre formelle Zulässigkeit prüfen. Hintergrund ist, dass Satzungsänderungen hohen formellen Anforderungen unterworfen sind. Das ist nun mal die Rechtslage. Der Kreis der Teilnehmer an der Bundesversammlung und die Antragsberechtigung sind in der DSB-Satzung festgelegt. Danach kann die DSJ kein Antragsteller sein. Da sich die DSJ nicht mit dem DSB hat einigen können, hätte der erste Vorsitzende der DSJ in seiner Eigenschaft als Mitglied des Vorstandes des DSB die Anträge selbst einbringen müssen. Um derartige Formalien hat man sich aber bei der DSJ anscheinend nicht… Weiterlesen »

Peter Kalkowski
Peter Kalkowski
3 Jahre zuvor

Habe mir gestern Nacht /Morgen den Wust von Anträgen und Papier mal versucht an zu schauen. Nach einer gewissen Zeit verlor ich die Konzentration und wusste nicht was paar Seiten da vor inhaltlich stand. Gut mag an meinem Jahrgang liegen. Aber wenn ich mir die Landespräsidenten anschaue sind die Herren auch so mein Jahrgang. Ich hoffe jedem Delegierten ist bewusst worüber abgestimmt wird oder wird es ein Durchwinken. Das einzige was ich so in Bildersprache verstehe man Amputiert ein Bein vom DSB und näht es an dem neuen Verband DSJ e.V wieder an. Die Anträge zweier LV sind ganz der… Weiterlesen »

Gerhard Streich
Gerhard Streich
3 Jahre zuvor

In der Bundeskongressbroschüre ist ein Bericht (Seite 86/87) von RA Thomas Strobl in Sachen Spielervereinbarungen enthalten. Der Inhalt ist dermaßen peinlich, dass ich der DSJ rate, sich vom Rechtsberater des DSB nicht ins Bockshorn jagen zu lassen.

Eberhard Schabel
3 Jahre zuvor

Hallo! Wenn ich den Artikel richtig lese, dann wurden ein weiteres Mal wichtige Unterlagen zum auserord. Kongress den Deligierten in der Kongressbroschüre und auf der WEB nicht zugänglich gemacht, da sie in der Broschüre vergessen wurden. Dieser Fakt allein kann nun dazu führen, dass über die Anträge bzw deren Zulässigkeit garnicht erst gesprochen wird. Ist das so richtig? Falls ja, gibt es sicher Seitens der Verantwortlichen eine gute Erklärung, warum man das Anschreiben der DSJ (von Malte) nicht mit in die Broschüre gepackt hat und diese Erklärung kann dann sicher weiter helfen. Auf ein Versehen kann man sich dann aus… Weiterlesen »

Bernd Schneider
Bernd Schneider
3 Jahre zuvor

Respekt, da kann man die Uhr drauf setzen. Man wird hier, beim offiziellen Verbandsorgan der DSJ, immer aktuell informiert. Ob man immer objektiv informiert wird, ist eine andere Angelegenheit. Erneut gab es kräftige Hiebe gegen alle, die den DSB vertreten. Dabei ist die “Formalie” doch viel zu knifflig, als dass man sich ohne entsprechende, juristische Ausbildung ein Urteil darüber erlauben kann, wie denn ein Rechtspfleger beim zuständigen Amtsgericht einen solchen Antrag behandeln würde / müsste. Der Rechtsberater des DSB hat ein abgeschlossenes Jurastudium, er sollte sich also eine fundierte Fachmeinung bilden können. Laut Defintion soll er den Deutschen Schachbund rechtlich… Weiterlesen »

acepoint
acepoint
3 Jahre zuvor

Es ist echt erstaunlich und statistisch nicht zu erklären, wie extrem ausgeglichen – man könnte auch sagen: konträr – hier die Bewertungen bei bzw. Meinungen zu den TLK, und nicht nur da sogar im hohen 20er-Bereich sind: 29-29, 27-27 22-22, 21-21…

Selbst das sachlichste Zusammentragen von Fakten (z.B. Tullius) und im Gegensatz dazu eine pure Polemik erfahren jeweils Gleichstand auf den Punkt genau. Man könnte fast meinen, dass da entweder «Armeen» aktiviert werden oder ein Troll sein Unwesen treibt.

uwontlose
uwontlose
3 Jahre zuvor

Als Laie habe ich nach mehrfachem Lesen der Satzung folgende Ansicht: Die Deutsche Schachjugend ist eine “bundesweit tätige sonstige gemeinnützige Schachorganisation” und erfüllt alle Voraussetzungen und ist somit eine “Mitgliedsorganisation” und darf damit Anträge stellen (§ 18 Anträge). Wahrscheinlich liege ich mit meiner Ansicht allerdings völlig falsch, freue mich also besonders auf Widerspruch. Ach, und noch eine Frage, da auf die Schnelle nicht gefunden: Gibt es schon einen konkreten Termin für den 2021er Bundeskongress und wenn ja, sind bis dahin weniger als 6 Monate? Wäre bei Scheitern des morgigen ausserordentlichen Kongresses noch genügend Zeit für Beantragen eines weiteren ausserordentlichen Kongress????.… Weiterlesen »

trackback

[…] dass das Verhindern unliebsamer Anträge mit redaktionellen Bearbeitungen und juristischen Winkelzügen nicht als Prinzip etabliert werden, sondern ein Ausrutscher gewesen sein […]

trackback

[…] „Nachgelagerte Gespräche“ in Gremien seien erforderlich, heißt es im Beamtendeutsch, wenn etwas möglichst klein- und totgeredet werden soll. Genau so steht es zur digitalen Mitgliedschaft jetzt bei DSB wie DSJ ganz unten auf der gemeinsamen Agenda. Bezeichnend: Ganz oben auf dieser Agenda steht der Bundesnichtbefasser. […]

Werner Berger
Werner Berger
3 Jahre zuvor

“Ist Strobl aus eigenem Antrieb unterwegs, meint er, was er mitteilt, oder ist sein Vorstoß ein weiterer gesteuerter Winkelzug, den DSJ e.V. zu verhindern?”

Werter Herr Schormann, da Unterstellungen wie diese fortwährend Bestandteil Ihrer Veröffentlichungen sind, sollten Sie sich nicht darüber wundern, dass Sie auf Anfragen an die “Schachverwaltung” keine Antwort bekommen.

Klaus Zachmann
Klaus Zachmann
3 Jahre zuvor

Ich verweise auf den Plan B: Die DSJ e. V. wird außerhalb des DSB gegründet. Dazu braucht man zunächst nur 7 Mitglieder, eine Satzung, eine Gründungsversammlung und schon kann man den Eintrag ins Vereinsregister beantragen. Das ist also nicht besonders schwer, zumal die Vorarbeit schon geleistet wurde. Der geht immer und ist vom DSB vollkommen unabhängig. Unabhängig davon muss man sich mittlerweile Gedanken machen. Als offizielles Mitglied bei einem Schachverein ist man ja auch automatisch Mitglied beim DSB. Kann man diese Mitgliedschaft noch mit dem Gewissen vereinbaren, wenn das jetzt so gehandhabt wird, wie es angedeutet wurde? Der Antrag kommt… Weiterlesen »

Klaus Zachmann
Klaus Zachmann
3 Jahre zuvor

Der Antrag auf Nichtbefassung wurde mit überwältigender Mehrheit abgeschmettert.