Ignatz Kolisch, Heinrich Jellissen und die Frage, ob wir nur überleben wollen

Aus einem glücklicherweise weder allzu bedeutenden noch verbreiteten Magazin schaute uns vor einiger Zeit der ehemalige DSB-Präsident an. Darunter stand in großen Buchstaben: „Schach braucht mehr Mäzene.“

Wenn das Schach eines nicht braucht, dann noch mehr Mäzene. Schach braucht Sponsoren, und um welche zu finden, steht das Schach in der Pflicht, sich attraktiv zu machen. Schuld daran, dass dieser fundamentale Zusammenhang in die meisten Schachgehirne partout nicht einsickert, ist die jahrhundertealte Mäzenatentradition, die die Entwicklung unseres Spiels in erster Linie behindert.

via Wikipedia

Nichts gegen Ignatz von Kolisch. Aber weil sich nicht erst seit dem ersten „modernen“ Weltklasseturnier Baden-Baden 1870 (150-jähriges Jubiläum, hallo? Will das wirklich niemand feiern?) immer wieder Gönner finden, die bereit sind, Geld im Schach zu versenken, ohne Gegenleistungen zu fordern, hat sich der Schachsport bequem in seiner Nische eingerichtet, anstatt Ehrgeiz zu entwickeln. Ein Mäzen, der dem Schach tatsächlich Gutes würde tun wollen, der würde fragen: „Was bekomme ich für mein Geld?“

Für das Schach bestand nie die Not, sich attraktiv zu machen und darüber nachzudenken, wie sich unser Spiel entwickeln und vermarkten ließe. Selbst dem Spitzenschach war es stets genug, am Leben gehalten zu werden. Welches Potenzial unser Spiel hat, bekommen wir jetzt seit Monaten demonstriert. Welche Entwicklungen solche Demonstrationen in den ergrauten Gremien des organisierten Schachs auslösen, auch: keine. In einzelnen Vereinen gibt es bemerkenswerte Initiativen, ansonsten gilt: Ehrgeiz und Gestaltungskraft sind kaum vorhanden, wir haben uns ja in unserer Nische eingerichtet, und das seit 150 Jahren.

Hochstapler mit Schach-Faible

Nichts gegen den kleinen Mäzen, der auf lokaler Ebene seinem Club das eine oder andere Bonbon spendiert. Aber dass das Mäzenatentum auf der großen Bühne und mit Erreichen der Zweiten Liga überwunden gehört, dafür gab es in der jüngeren Vergangenheit etwa so viele Indizien wie Rückzüge aus der Schachbundesliga. Das größte dieser Warnzeichen feiert gerade 25-jähriges Jubiläum.

Eigentlich 26-jähriges. Ein Jahr lang hatte die Schachszene den Fall des Heinrich Jellissen totgeschwiegen, dann veröffentlichte der Spiegel die Geschichte dieses Hochstaplers und falschen Doktors mit seinem betont weltmännischen Auftreten. Reihenweise hatte Jellissen Schachgroßmeister um ihr Erspartes und sogar den mächtigen FC Bayern München ins Wanken gebracht. Die Schachspieler hatten ihn so lange für den großen Zampano gehalten, bis er etwa drei Millionen Mark aus der Schachszene mit ins Grab nahm.

Als der Spiegel die Jellissen-Geschichte geschrieben hatte, fühlte sich die Zeitschrift Schach veranlasst, über das Geschehene zu reflektieren – inklusive der Frage, wem „mit der Öffentlichmachung gedient“ sei.

Den Lesern? Dem öffentlichen Interesse? Selbst wenn wir diese beiden offensichtlichen Antworten außer Acht lassen, können wir feststellen:

Dem Schach wäre gedient gewesen. Unangenehmes totzuschweigen und auszusitzen, ist im deutschen Schach ein verbreiteter Reflex. Verbreiten konnte sich dieser Reflex nur, weil sich die Macher des Schachs daran gewöhnt haben, dass niemand Öffentlichkeit herstellt, dass niemand nachfragt, dass abseits von Paragrafenkram und Satzungsgedöns niemand Debatten auslöst, Gestaltung und Entwicklung einfordert.

Leider kein Wirtschaftsbetrieb

Das Jellissen-Debakel hätte zu etwas Gutem führen können, hätte danach jemand eine Debatte über das Mäzenatentum im Schach angestoßen. Wäre zum Beispiel diese Debatte geführt worden, bevor sich die Bundesliga selbstständig macht, um Sponsoren zu finden, hätte sich in den Jahren danach vielleicht jemand gewundert, warum die Bundesligavereine entgegen der erklärten Absicht nie versucht haben, ihre Liga attraktiv für Sponsoren zu machen. Oder warum unser Schachbund keinerlei Bestreben zeigt, Schach attraktiv zu machen, obwohl er sich per Leitbild vor zwölf Jahren dazu verpflichtet hat.

Den einstigen DSB-Präsidenten Herbert Bastian bewegen solchen Fragen anscheinend nicht. 25 Jahre nach Jellissen lässt er sich mit „Das Schach braucht mehr Mäzene“ zitieren, und der Schreiber dieser Zeilen wurde über einem solchen Anachronismus so böse, dass seine damaligen Zeilen über den Bastian-Auftritt vielleicht ein wenig zu garstig geraten sind. Mit hoher Wahrscheinlichkeit meint unser Ex-Präsident es ja gut.

Leider ist das organisierte Schach kein Wirtschaftsbetrieb, dessen Überleben von der Attraktivität seines Produkts abhängt. Wäre das der Fall, sähe zum Beispiel unser als Produkt gedachter Schachgipfel nicht so aus, sondern so:

Die Gesichter des Schachs zu entwickeln, wäre ein Anfang. | Foto via SC Weisse Dame Berlin

Wirtschaftsbetriebe gibt es im Schach durchaus, im internationalen Schach sogar solche, die Dinge vormachen, von denen der hiesige Schachbetrieb lernen könnte. Das Magnus-Carlsen-Imperium hat sich gerade durch einen weiteren Zukauf vergrößert, nun will es mit seinem Vorzeigeprodukt so viele Leute erreichen wie möglich.

Also macht Play Magnus sein Turnier attraktiv, damit jemand die Rechte kauft:

Kaum ein Tag vergeht, ohne dass der Tagesspielgel eine große Schachgeschichte macht.

Und, ja, was auf Eurosport läuft, ist eine bunte und für den veritablen Vereinsspieler oberflächliche und ungewohnt grelle Schach-Show. Derlei Schach-Unterhaltung ist weder schlecht noch böse, auch kein Zeichen des Niedergangs und kulturellen Verfalls, im Gegenteil. Diese Art der Präsentation ist dem neuen Schachpublikum geschuldet, das noch nie ein hölzernes Brett vor der Nase geschweige denn einen Turniersaal von innen gesehen und eine Turnierpartie gespielt hat.

Die bunten Schach-Shows repräsentieren ein Privileg, das uns in den Schoß gefallen ist: Mittelfristig bekommen wir Leute in den Sport gespült, ohne etwas dafür getan zu haben. Früher oder später, nachdem ein Kraut gegen das Virus gewachsen ist, werden Teile dieses neuen Publikums entdecken, dass es organisiertes Schach am hölzernen Brett gibt. Wie viele unsere Vereine entdecken, ob den neuen Schachfreunden die traditionelle Spielart attraktiv erscheint, liegt in erheblichem Maße an uns.

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