Die Bundesliga dem DSB zurückgeben? Gott bewahre!

Um sich besser vermarkten zu können, hat sich die Schachbundesliga 2007 vom Deutschen Schachbund gelöst. Gute Idee. Sie war und ist die stärkste Liga der Welt, ihre Vereine beschäftigen reihenweise Weltklassespieler und sämtliche Spitzenleute aus dem deutschsprachigen Raum. Mit so einer Marke ließe sich arbeiten, international sogar. Es müsste sie nur jemand so präsentieren, dass Sponsoren sehen, wie attraktiv sie ist.

Nehmen wir an, zwölf Jahre nach der Trennung vom DSB wäre zur Saison 2019/20 ein potenzieller Sponsor aufgetaucht, um mit der Liga zusammenzuarbeiten. Bevor so ein Sponsor die Schatulle öffnet, will er wissen, was er für sein Geld bekommt. Darum fragt er nach Kennzahlen, an denen sich Reichweite und Fan-Engagement der Schachbundesliga ablesen lassen, nach Kanälen, die sie bedient, und Zielgruppen, die sie erreicht.

Niemand kann seine Fragen beantworten, ja, es ist nicht einmal jemand zuständig, den solche fundamentalen Dinge interessieren. Der Posten des Marketingvorstands der Liga ist unbesetzt. Also schaut unser Sponsor selbst hin – und stellt als erstes fest, dass die stärkste Liga der Welt binnen zwölf Jahren kaum 500 Twitter-Follower und kaum 1700 Facebook-Fans hinter sich versammelt hat.

„Es sollten 100-mal so viele sein“, denkt er erstaunt. Dann hört er sich um und erfährt, dass die Liga sich zwar einst selbstständig gemacht hat, um sich zu vermarkten, das Projekt „Vermarktung“ aber nie ernsthaft angegangen ist. Ihm wird berichtet, dass der Liga nicht nur eine Fan-Gemeinde fehlt, weil eine solche nie aufgebaut worden ist. Extern wie intern mangelt es ihr an Identifikation.

Den schlafenden Riesen wecken

Die Mitglieder sehen ihren Verein Schachbundesliga nicht als gemeinsames Produkt, nicht als das Dach, unter dem sich alle versammeln, sondern als Organisationsvehikel, das den Rahmen vorgibt, in dem sie ihre „Partikularinteressen“ (so nennt es unser Autor Michael S. Langer) verfolgen. Ganz oben in der Liga steht jemand, der sie benutzt, um seinen Status als König von Baden-Baden zu zementieren. Ganz unten steht jemand, der sich freut, für die Dauer einer Saison bei den ganz Großen mitspielen zu dürfen. Hier wie dort fehlt der Antrieb, gemeinschaftlich den schlafenden Riesen Schachbundesliga zu erwecken, um gemeinschaftlich davon zu profitieren.

Die Sponsoren und Unterstützer der ersten polnischen Liga, der „Ekstraliga“, die zeigt, was möglich ist, wenn sich eine Bundesliga als Gemeinschaftsprojekt versteht.

Was möglich wäre, deutet die Liga jetzt an. Die aus sich überschneidenden Partikularinteressen zufällig geborene Meisterschaftsrunde 2020 wird neben dem Kandidatenturnier die weltweit stärkste Schachveranstaltung der zweiten Jahreshälfte, ein Leckerbissen für Schach-Fans, ein Zeichen, dass es weitergeht. Und ein Zeichen, dass unser Autor Michael S. Langer besser noch einmal überlegt hätte, bevor er fordert, die Schachbundesliga dem DSB zurückzugeben.

Gott bewahre!

Der Status Quo der Schachbundesliga lässt immerhin hoffen, dass irgendwann jemand das Potenzial des schlafenden Riesen sieht, die großen Vereine zum Mitmachen bewegt und dann tatsächlich das Projekt angeht, das seit 2007 überfällig ist. Ihre Struktur als mehr oder weniger unabhängiger e.V. lässt der Liga Raum für Gestaltung, für eine aus dem Boden gestampfte Meisterschaftsrunde 2020 zum Beispiel.

Die Bundesliga und der Spielbetrieb in Hintertupfingen

Wenn es denn Reform sein muss, wäre es eine Idee, die Bundesliga zum Teil der Deutschen Schachtour zu machen. Einer archaisch geführten Behörde wie dem DSB dieses Juwel unseres Sports anzuvertrauen, wäre fatal.

Was der Liga zum Erfolg fehlt, siehe oben, fehlt dem DSB erst recht. Gemeinschaftliches Gestalten ist dort unbekannt. Das latente Scheitern unseres Schachbunds bei der Vermarktung seiner Kaderspieler, Mannschaften und Veranstaltungen ebenso wie bei der Verbreitung unseres Spiels ist eine traurige Konstante nicht erst seit 2007. Ein DSB-Mitarbeiter, der sich bei der Sponsorensuche aus der ChessBase-Niggemann-UKA-Komfortzone wagt, hat sich lange nicht offenbart. Anderswo wäre es ein No-Brainer, die DWZ-Liste sponsern zu lassen.

Zum Überleben reicht es ja: Anstatt sich außerhalb dieser Komfortzone umzusehen, will der DSB Spenden sammeln, um seine Ziele (welche waren das doch gleich?) verwirklichen zu können, siehe Punkt acht des Verbandsprogramms. Davon, den Sport und seine Spitzensportler für Unterstützer attraktiv zu machen, steht dort nichts. Aber das wäre, was die Bundesliga braucht.

Wenn Langer feststellt, die Bundesliga habe sich ins Abseits geschossen, ist das gar nicht einmal falsch. Die Bundesliga steht abseits, in einer exponierten Position nämlich, über den Dingen, auch über dem Restspielbetrieb. Trotzdem haben sich mit Corona-Beginn sämtliche Verbände und ihre Spielbetriebsverwalter ins Schneckenhaus zurückgezogen, um erst einmal abzuwarten, was die Bundesliga entscheidet.

Selbst schuld. Als ob aus dem Schach-Oberhaus eine Vorlage für den Spielbetrieb in Hintertupfingen zu erwarten wäre.

Jetzt gibt es eine Entscheidung, wir dürfen uns in diesen Monaten der Schachdürre auf ein üppig besetztes Turnier freuen. Wer das ernsthaft kritisiert, hat unser Spiel nie geliebt. Die eigentliche Frage ist, ob es den Vereinen gelingt, im Sinne der gemeinsamen Liga etwas daraus zu machen.

Wäre mal an der Zeit nach zwölf Jahren.

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