Die heimlichen Champions

In anderen Sportarten wäre es ein kaum vorstellbares Kuriosum, dass sich eine Profimannschaft fünf Tage lang mit der Weltelite misst – und das fünf Tage lang niemandem mitteilt. Im deutschen Schach ist ein Auftritt wie der der Schachfreunde Deizisau im Europapokal Normalität. Ein Trauerspiel, natürlich, aber viel eher die Regel als die Ausnahme. Wo keine Sponsoren sind, die fürs Geld Reichweite und Emotion einfordern, wird verschanzt im stillen Kämmerlein gespielt.

Nun haben die Schachfreunde Deizisau den Vergleich mit der Weltelite ihres Sports sensationell gewonnen. Das, immerhin, möchten sie mitteilen. Sie haben ein sehr schönes Video über ihren Erfolg drehen lassen.

Sollte hier jemand mitlesen, der erwägt, eine Schach-Profi-Mannschaft zu sponsern, bitte nicht abwenden, sondern weiterlesen. Es geht ja anders, auch im Schach, dort nämlich, wo der Mannschaftssport Schach von gemeinschaftlicher Begeisterung für die Sache getragen wird. Der Gegenentwurf zu Deizisau war während der fünf Europacup-Tage in Hamburg zu besichtigen.

Ein Sponsor des Hamburger SK hätte an der obligatorischen Reichweiten-Analyse nach dem Europacup seine helle Freude gehabt. Nicht nur verbreiteten die Hamburger ihre Begeisterung für die Sache kontinuierlich auf ihren eigenen Kanälen, zeigten die Gesichter ihrer Recken, erzählten deren Geschichten und gaben Multiplikatoren Anlass, die Geschichten über den hanseatischen Siegeszug weiterzuverbreiten. Noch dazu enterten die Hamburger während des laufenden Turniers drei der großen deutschen Schach-Twitch-Kanäle, darunter den mit Abstand größten.

„The Big Greek“ Georgios Souleidis übertrug stundenlang live, assistiert von Hamburgs Schach-Machern Evi Zickelbein und Andreas Albers. Auch auf dem deutschen chess.com-Kanal mit Steve Berger sowie auf Lockdownchess war der Schach-Europapokal aus Hamburger Perspektive zu sehen. Alle Beteiligten waren so freundlich, gelegentlich auf die Deizisauer Bretter umzuschalten, umso mehr, je greifbarer der kaum für möglich gehaltene Sieg der Landsleute aus dem Süden wurde.

Der Traum geht weiter! Und wer hat rasiert? Der Rasmus hat rasiert! In einem Zeitnot-Gefecht mit dem gefährlichen…

Gepostet von Hamburger Schachklub von 1830 e.V. am Mittwoch, 31. März 2021

Würde nun ein Hamburger Sponsor nach dem Europacup die Reichweite seines Engagements messen, er käme angesichts der geballten hanseatischen Medienpräsenz wahrscheinlich auf mehrere 100.000 Kontakte. Allein, die Hamburger Mannschaft hatte gar keinen Sponsor, jedenfalls keinen wahrnehmbaren. Vor lauter Begeisterung für die Sache hatten die Hamburger wahrscheinlich vergessen, jemanden ins Boot zu holen, dem die zu erwartende Sichtbarkeit ein paar Taler wert ist.

Natürlich ist es nicht ganz fair, dem Schach-Glücksfall Hamburg nur Deizisau gegenüberzustellen. Die deutschen Bundesligen waren mit acht Mannschaften vertreten. Hockenheim, Schwäbisch Hall, Kiel und wie sie alle heißen hatten im Gegensatz zu den SF Deizisau zwar immerhin auf ihrer Website notiert, dass sie Europapokal spielen, ansonsten waren sie genauso unsichtbar.

“Unsichtbar” stimmt nicht ganz. Georg Meier übernahm während des laufenden Cups auch noch 100 Prozent der Öffentlichkeitsarbeit der SF Deizisau. Die bestand in diesem Tweet, mit dem Meier feststellte, dass er seine Mannschaft auf dem Weg zum Titel gegen Monte Carlo vor einem Ausrutscher bewahrt hatte.

Und es ist ja auch okay. Deutsche Spitzenmannschaften werden nun einmal mehrheitlich von Gönnern als Hobby ausschließlich zum Zwecke des Schachspielens gehalten. Das ist zwar schade, das bringt der Verbreitung und dem Ansehen des Schachs zwar nichts, aber es lässt sich niemandem vorwerfen, dass er sich als Hobby eine Schachmannschaft hält.

Es läge an den Vereinen, darauf zu bestehen, aus ihrer ersten Mannschaft im Sinne des Vereins etwas Sichtbares, Identitätsstiftendes zu machen, etwas mit Sogwirkung. Und Leute einzubinden, die das können. Raik Packeiser hat beim DSB-Vereinsseminar neulich einen Hinweis gegeben, der in dieser Hinsicht wertvoll sein dürfte:

https://twitter.com/d3bris_/status/1376888950414000128

Auch Sven Noppes lässt sich schwerlich sein Hobby vorwerfen, mit Schachmannschaften Titel zu gewinnen. Warum der Fall Deizisau im Vergleich mit anderen trotzdem ärgerlich ist, erklärt der Deizisauer Teamchef im Video oben selbst: „Wir sind quasi mit einer deutschen Nationalmannschaft angetreten.“

Eben. Nirgendwo wäre es leichter, etwas Identitätsstiftendes aufzubauen, als in Deizisau, wo die besten deutschen Spieler versammelt sind. Und nirgendwo wäre es wichtiger.

Teil der Deizisauer Mannschaft sind Alexander Donchenko und Dmitrij Kollars, zwei eloquente, mehrsprachige, prächtige Burschen, die auf die Profi-Karte setzen. Auf sich allein gestellt, arbeiten beide hart daran, so gut zu werden, dass sie vom Schach ordentlich leben können. Auf sich allein gestellt, haben beide weder die Zeit noch die Mittel, neben dem Schach die Marke „Alexander Donchenko“ bzw. „Dmitrij Kollars“ zu entwickeln.

Nicht nur vom Elo, auch vom Wert dieser Marke hängen die für Schachprofis existenziell wichtigen Engagements ab. Wem am deutschen Spitzenschach liegt, der hilft diesen beiden, indem er ihnen Sichtbarkeit verschafft. Wer unsere Hoffnungsträger versteckt, hilft ihnen nicht.

Die deutsche Nationalmannschaft, die von Deizisau ebenso wie die vom Schachbund, verdient einen Sponsor, der daraus etwas entwickeln möchte.

(Titelfoto via Grenkechess/Youtube)

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