Jetzt kommt die zweite Welle: “Jeden Tag ein neuer Rekord”

Auf der weltgrößten Schachplattform chess.com haben jetzt erstmals an einem Tag mehr als drei Millionen Menschen Schach gespielt. Das teilt chess.com-CEO Erik Allebest in einem Blogpost mit – und gesteht ein, dass der anhaltende, jegliche Erwartung bei weitem übertreffende Ansturm seinen Technikern Schwerstarbeit beschert: “Wir sind dankbar, und wir arbeiten so hart wir können.” Gleichwohl lasse sich das eine oder andere kapazitätsbedingte Problem nicht ausschließen, teilt Allebest zwischen den Zeilen mit.

Ende März dachte chess.com-Chef Erik Allebest, dieses sei der Höhepunkt. Er irrte gewaltig.

Nicht nur chess.com verbucht “jeden Tag einen neuen Rekord”. Auch auf der zweitgrößten Plattform Lichess geht die Zahl der Spieler rasant nach oben. Die Pandemie hatte gerade begonnen, da waren erstmals mehr als 50.000 Spieler gleichzeitig eingeloggt. Dieser Rekord ist längst verdoppelt. Mittlerweile sind mehr als 100.000 Spieler gleichzeitig keine Sensation mehr, Tendenz steigend.

Mehr als 50.000 Spieler gleichzeitig? Pah, ein alter Hut.

Woher das kommt, ist leicht zu diagnostizieren. Als die Pandemie begann, die Menschen daheim nach Beschäftigung und die Schachklubs nach Alternativen für den Vereinsabend suchten, begann die erste Welle. Woche für Woche surft die mittlerweile von Lichess institutionalisierte Quarantäne-Bundesliga darauf immer noch mit anhaltendem, wachsenden Erfolg. Von der eingleisigen ersten und zweiten Liga bis hinab in die dreigeteilte Liga 14 treffen sich dort zwei Mal wöchentlich mehr als 5.000, zuletzt mehr als 5.500 Menschen zum freundschaftlichen Vergleich in 38 Ligen. “Die Umbenennung in offizielle Lichess-Bundesliga hat dem Ganzen nochmal neuen Schwung gegeben”, sagt Liga-Erfinder Jens Hirneise.

Schach am Brett: Wijk soll stattfinden

Dem Schach wurde schon in den ersten Covid-Wochen eine ungeahnte mediale Präsenz zuteil. Ein Medium nach dem anderen pickte das Thema “Schach als Pandemiegewinner” auf und strickte daraus einen Beitrag – oder aus der schnell aus dem Boden gestampften Magnus-Carlsen-Tour, die den Auftakt einer langen Reihe von elitär besetzten Onlineturnieren markierte, die für einen Teil der Fans seitdem als Substitut für Begegnungen am hölzernen Brett herhalten müssen. Ein anderer Teil der Schachfans, die vielen, vielen neuen nämlich, kennt Schach ja noch gar nicht anders als online.

(In dem Zusammenhang: Es mehren sich die Anzeichen, dass das traditionelle Tata-Steel-Chess in Wijk an Zee Anfang 2021 in einer abgespeckten, Covid-konformen Variante stattfinden wird, allerdings nur das Superturnier. Das B-Turnier wird voraussichtlich ausfallen – und der dafür qualifizierte Roven Vogel wird sich bis Anfang 2022 gedulden müssen.)

Nicht erst seit dem jüngsten Deal mit der FIDE spielt Twitch.tv eine zentrale Rolle in den strategischen Überlegungen von Erik Allebest. | Screenshot via chess.com

“Ende März dachte ich, wir sähen nun den Höhepunkt einer Entwicklung, die sich normalisieren würde”, sagt Allebest. “Damit lag ich sowas von falsch.” Daran, dass die Welle weiterging, haben Allebests Mitarbeiter erheblichen Anteil. Nachdem US-Großmeister Hikaru Nakamura sich als Schachstreamer neu erfunden hatte, entstand die Millionen-Show “pogchamps”, die die Menschen dort abholte, wo sich das alte Denkspiel als Dauerbrenner neben modernen Gaming-Titeln etablieren soll: Twitch. Dort wird chess.com demnächst die zweite Hälfte des abgebrochenen Kandidatenturniers zeigen, ebenso den WM-Kampf Magnus Carlsens gegen den Gewinner desselben.

Zwar vergrößerte pogchamps in erster Linie in den USA das schachinteressierte Publikum, hatte aber auch einen internationalen Effekt. In Deutschland nutzten Georgios Souleidis und Niclas Huschenbeth die schrille Schach-Show mit dem deutschen Teilnehmer papaplatte als Vehikel, um die Inhalte ihrer seit März stark wachsenden Kanäle dem anzupassen, was ein großer Teil des neuen Schach-Publikums sehen will: geballte Fäuste, über dem Kopf zusammengeschlagene Hände, kurz: Emotionen und Reaktionen, dazu der eine oder andere schnelle Eröffnungstrick.

Auf der seit Ende Oktober rollenden zweiten Welle steht ein Name: Elizabeth “Beth” Harmon. Die Schachmeisterin aus Kentucky, Hauptfigur der Serie “Das Damengambit”, eroberte rasant die Spitze der weltweiten Netflix-Charts – und hält sich dort beharrlich. Derzeit ist Beth Harmon mit Königin Elizabeth II., Hauptfigur der Serie “The Crown“, in einen Zweikampf um die Spitzenposition verwickelt. Seit Erscheinen der neuen Staffel von “The Crown” wechseln sich die Elizabeths auf dem ersten Rang der meistgesehenen Netflix-Titel ab. Dahinter kommt lange nichts.

Die zweite Welle hat unserem Spiel noch größere mediale Präsenz beschert als die erste. Auf der Welle reitet die am Sonntag gestartete Champions Chess Tour, der Nachfolger von Magnus Carlsens erster Online-Tour, die jetzt in neuem, aufwändig produzierten Gewand und mit multiplizierter Reichweite daherkommt. Wer die Eurosport-App nutzt, der sieht dort neben den üblichen, mit köperlicher Bewegung verbundenen Sportarten jetzt auch Schach.

Die beiden globalen Schachwellen haben manchen nationalen Ausläufer verursacht. Genannt seien zwei, der eine, weil er so viele Menschen erreicht, der andere, weil er sich an deutsches Publikum richtet.

Der indische Stand-up-Comedian Samay Raina erreicht Millionen von Leuten aus dem einfachen Grund, dass er aus einem Land stammt, in dem deutlich mehr als eine Milliarde Leute lebt. Grund zwei: Er ist sehr gut ist in dem, was er tut. Allein aus seinem Gewinn des für Amazon Prime produzierten Komödianten-Wettbewerbs Comicstaan hätte Raina seine weitere Karriere stricken können.

Agadmator, der Youtube-Weltmeister

Stattdessen verschrieb er sich der Aufgabe, Schach unterhaltsam zu präsentieren, holte unter anderem den indischen Schach-Motor Sagar Shah (ChessBase India) ins Boot und trägt seitdem dazu bei, dass Schach in Indien noch mehr brummt als ohnehin. Schachweltmeister Magnus Carlsen, dessen Vorgänger Vladimir Kramnik oder Youtube-Schachweltmeister Agadmator zählen zu den vielen Gästen, die Raina schon auf seinem Kanal begrüßt hat.

Der Hamburger Internetsender Rocket Beans TV hat nicht so viele Zuschauer wie der indische Comedian, ist aber oft ebenso lustig. Und er hat nicht erst mit Pandemiebeginn das Schachspiel entdeckt. Ein pogchamps-Format plante Rocket-Beans-Spiele-Redakteur Fabian Krane längst, bevor sich das Virus verbreitete. Jetzt ist gerade das zweite “Zugzwang”-Turnier des Senders beendet, bei dem Youtuber und Gamer sich im Schach maßen, kommentiert von Jan Gustafsson.

Der vermag wie kein anderer in Deutschland die Brücke vom großmeisterlichen Schach zum Gaming-Publikum zu schlagen, und darum hat er seit einigen Wochen ein eigenes Format: “Lach- und Schachgeschichten”, eine Art Banter-Blitz fürs eher allgemeine Publikum mit gezielt höherem Lach- als Schachanteil.

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