Rinderrouladen, Ochsenbäckchen und nebenbei ein WM-Zyklus

Stellen wir uns vor, die deutsche Fußball-Nationalmannschaft kommt ins Finale der Europameisterschaft. Das Spiel wogt hin und her, auf Fußalldeutschland TV fachkundig begleitet von Kommentator Béla Réthy. Nach 90 Minuten steht es unentschieden, Verlängerung. Béla Réthy kommentiert weiter, merkt aber an, er kommentiere ja nun schon sehr lange, und sein Magen knurre. Nach 120 Minuten steht es immer noch unentschieden – Elfmeterschießen. Diese schnelle Schießerei könne er nun nicht auch noch kommentieren, sagt Réthy, außerdem stehe das Abendessen auf dem Tisch. Réthy beendet die Übertragung. Statt Elfmeterschießen sehen die Zuschauer – nichts. Wer Europameister wird, erfahren sie nicht.

Unvorstellbar? Natürlich – beim Fußball. Fußballdeutschland TV würde nie dann die Sendung beenden, wenn es auf dem Platz erst richtig dramatisch wird.

Die Zuschauersportart Schach steht als solche, zumal in Deutschland, noch ganz am Anfang. Es ist noch gar nicht lange her, da mussten wir an dieser Stelle die Absurdität dokumentieren, dass ein deutscher Spitzenverein unter Ausschluss der Öffentlichkeit am Europapokal teilnimmt. Weder erzeugten die SF Deizisau vorher Spannung, noch waren sie während des laufenden Wettberwebs daran interessiert, dass jemand mitfiebert. Der Aufbau einer Fangemeinde ist beim Europapokalsieger kein Faktor, Außendarstellung generell nicht. Die Profis sind gesichts- und seelenlose Zugmaschinen mit dem einzigen Auftrag, ihrem Mäzen möglichst viele Titel für die persönliche Sammlung zu bescheren.

Ein fürsorglicher Vereinssponsor würde mit diesen Profis über Markenmanagement sprechen, er würde helfen, den Spielern mediale Sichtbarkeit zu verschaffen. Wie viele der existenziell wichtigen Einladungen zu Turnieren diese Spieler bekommen, ob sich ein Sponsor für sie interessiert, hängt in erheblichem Maße von dieser Sichtbarkeit ab.

Alexander Donchenko, zweitaussichtsreichster Spross des deutschen Schachs. | Foto: Jurriaan Hoefsmit/Tata Steel Chess

Mit Alexander Donchenko, dem wahrscheinlich zweitaussichtsreichen Spross des deutschen Schachs, hat darüber nie jemand gesprochen. Das zeigte sich, als neulich im Magdeburger Maritim-Hotel die besten deutschen Schachmeister:innen die Kaderchallenge ausfochten, während im Nebenraum Klaus Bischoff das Geschehen kommentierte. Eine Woche lang hielt es der Schachprofi Donchenko nicht für nötig, im Sinne seiner Marke Bischoffs Sendung zu besuchen, sich ein Gesicht zu geben, fürs Publikum greifbar zu sein. Und um Donchenko herum fand sich niemand, der fürsorglich genug wäre, ihn am Schlafittchen zu packen und vor die Kamera zu setzen.

Jetzt die nächste, gewiss nicht letzte derartige Episode. Die besten deutschen Schachmeister kämpfen um den Einzug in den World Cup, das Geschehen wogt hin und her – und Kommentator Klaus Bischoff merkt an, er kommentiere ja nun schon sehr lange.

Nach ihrer Turnierpartie müssen die Großmeister Rasmus Svane und Dmitrij Kollars in den Tiebreak, der darüber entscheiden wird, ob sich die beiden Youngster für die WM-Vorausscheidung in Russland qualifizieren. Dieses schnelle Spiel könne er nun nicht auch noch kommentieren, außerdem stünden die Ochsenbäckchen auf dem Tisch, sagt Bischoff, der schon in der ersten Runde seinen Zuschauern das Stechen ums Weiterkommen vorenthalten hatte.

Offenbar hat ihm danach niemand mitgeteilt, dass das nicht geht. Wahrscheinlich hat auch niemand darüber nachgedacht, dass sechsstündiges Kommentieren ohne Anspielstation ein Schlauch ist, den ohnehin niemand allein bewältigen sollte. Es könnte sich ja gegen Ende der Sendung jemand dazuschalten, um den Tiebreak zu übernehmen und Bischoff seinen wohlverdienten Feierabend zu gönnen.

Nichts dergleichen, vor dem Tiebreak am Samstagabend dasselbe wie vor dem Tiebreak nach der ersten Runde: Auf den Brettern beginnt das Drama, und Schachdeutschland TV beendet die Übertragung. Wie die Stichkämpfe laufen und wer zum World Cup fährt, erfahren die Zuschauer nicht.

Und das sollte 16 Stunden so bleiben. Erst am Sonntagmittag teilten unsere Freunde vom Schachbund der Welt mit, dass die Großmeister Braun, Svane und Blübaum Teil des WM-Zyklus 2021/22 sind. Ähnlich sah es bei der deutschen ChessBase-Seite aus, die zwar jeden Zug der Carlsen&Co. eiligst dokumentiert, aber an deutschen Schachspielern traditionell wenig Interesse zeigt (außer an denen von früher). Etwa zur selben Zeit wie der Schachbund, 16 Stunden nach Ende des Tiebreaks, versorgte schließlich Klaus Besenthal die ChessBase-Leser mit der Falschinformation, Matthias Blübaum sei ausgeschieden. 30 Stunden später steht das steht da immer noch.

Schon fünf Minuten nach Ende des Tiebreaks hätte Besenthal hier, hier oder auf unserer Facebookseite (siehe oben) lesen können, dass das Gegenteil der Fall ist. Nicht nur ein wenig Recherche abseits offizieller Mitteilungen, auch Interesse an der Sache hätten die Falschmeldung verhindert. Wer live zuschaute, sah dieses:

Jede Menge ungenutzter Raum. Hier müsste doch ein Sponsorenlogo unterzubringen sein? Das einer Hotelkette namens Maritim zum Beispiel. Deren Häuser sind im Vergleich mit der Konkurrenz offenbar von so exzellentem Preis-Leistungsverhältnis, dass sie seit Jahren jede Ausschreibung des Schachbunds gewinnen.

Bald ist Kongress, ohne Zweifel wird dort Ullrich Krause Schachdeutschland TV auf die lange Liste seiner Erfolge setzen. Und er hat ja insofern Recht, als es gut ist, dass es Schachdeutschland TV gibt. Schritt eins ist gemacht, wir haben eine neue Baustelle. Auf der ist sogar Bewegung und Ambition erkennbar, gleichwohl stehen wir dort wie auf den meisten anderen Baustellen am Anfang.

Das Programm der vergangenen Wochen hat die Notwendigkeit offenbart, über Klaus Bischoff zu sprechen. Der ist und bleibt im Twitch-Kontext ein spannender Anachronismus. Der Vereinsspieler wünscht sich manchmal ein wenig mehr Tiefe und schachliche Neugierde, trotzdem mag der großmeisterlich-gemütliche Bischoff als Gesicht des Senders, als Alleinstellungsmerkmal wunderbar funktionieren, weil er grundsätzlich anders ist als die Vorturner auf anderen Twitch-Sendern.

Aber der einstige Spieler des FC Bayern Jellissen ist eben mit der elenden Mäzenatentradition des deutschen Schachs aufgewachsen: damit, dass Gönner bereitwillig Geld im Schach versenken, ohne vom Schach Gegenleistungen zu fordern. Das Spiel und seine Akteure haben nie gelernt, sich fürs Publikum attraktiv zu machen, ein Zuschauersport zu sein.

“Kochen mit Klaus”?

Und so ist Klaus Bischoff bei der Kaderchallenge wahrscheinlich gar nicht darauf gekommen, auf die Selbstverständlichkeit zu bestehen, dass ein Donchenko nach dem Ende seiner Partien selbige fürs Publikum vorführt. Wahrscheinlich findet es Bischoff nach sechsstündigem Kommentieren normal und angemessen, sich seinen Ochsenbäckchen zuzuwenden anstatt der Entscheidung, welche Deutschen im WM-Zyklus weiterkommen – und das zu Recht angesichts all der bis dahin kommentierend verbrachten Stunden. Aber aus Zuschauer- und Sendersicht bleiben Dramaturgie und Spannungsbogen auf der Strecke.

Es gibt zwei Möglichkeiten, dieses Problem für die Zukunft abzustellen: die schachbundtypische wäre, vertraglich genau zu regeln, wie lange Bischoff&Co. senden müssen und wann sie sich ausblenden dürfen. Eine moderne Ergänzung dazu wäre, Anreize zu schaffen, auf Sendung zu gehen und zu bleiben. Sollen doch die Moderatoren (zwei wären besser als einer) ihre Sendungen selbst vermarkten, sich Partner und Einnahmen jenseits des Sockelhonorars suchen. Eine Hotelkette etwa könnte ein Partner sein.

Oder ein Koch- und Gourmetportal. Arne Jachmann hat gerade erklärt, dass er über neue Formate und Ideen nachdenkt. Aller Voraussicht nach wird das dazu führen, dass unser Schachbund demnächst einen Teil seines vielen Geldes dafür ausgibt, um den großen Griechen ins Programm von Schachdeutschland TV zu lotsen. (Wir hoffen inständig, dass niemand ernsthaft darüber nachdenkt, den Sender zu verkugelbuchen.)

Es würde fleischlastig, trotzdem: Klaus Bischoffs kulinarische Ader ließe sich zum Teil des Programms machen.

Eine schachliche Kochsendung mit Klaus Bischoff, präsentiert von Don Carne, wie wäre das? Beim Sponsor können sich die Zuschauer gleich die Zutaten der präsentierten Speisen bestellen. Es gibt Rezepte und Hinweise zur Zubereitung, nebenbei berichtet der begnadete Geschichtenerzähler Klaus Bischoff von kulinarischen Erfahrungen bei seinen vielen Schachreisen. Und zum Dessert versüßt er die Sendung mit der Analyse einer Partie von einer dieser Reisen. Yummie!

Warum hier so viel steht, aber so wenig über Schach, und das, obwohl doch World-Cup-Qualifikation war? Das hängt mit einer erfreulichen Entwicklung zusammen. Was es über die World-Cup-Qualifikation aus deutscher Sicht zu wissen und zu sehen gibt, ist beim Schachbund in nie dagewesener Qualität dokumentiert. Gewiss, Aktualität haben sie noch nicht verstanden, die Verbreitung per Social Media ginge pfiffiger, aber was zu den Spieltagen auf der DSB-Website steht, können wir schwerlich toppen. Chapeau!

Das einzige, was wir noch beitragen können, ist, genau zu erklären, warum Matthias Blübaum nach Sotschi fährt, obwohl er das finale Match der Qualifikation verloren hat. Die Regelung, wer den dem DSB zustehenden Freiplatz bekommt, geht auf einen Vorschlag der Spieler zurück. Die sollen angeregt haben, den Platz an denjenigen zu vergeben, der in der Quali am weitesten vorstößt und bei Gleistand auf den Elo zurückzugreifen. Daher hatte Matthias Blübaum seinen World-Cup-Platz schon sicher, als er in die Finalrunde einzog.

Die Perspektive, dass neben Matthias Blübaum, Arik Braun und Rasmus Svane vielleicht noch ein Vierter nach Sotschi fährt, ist existent, allerdings arg dünn. Von den zehn dem europäischen Schachverband noch zustehenden Freiplätzen wird keiner nach Deutschland gehen. Die ECU teilt mit, diese Plätze würden via Elo vergeben. Und würde einer der zwei Freiplätze des Ausrichters nach Deutschland vergeben, das wäre nicht weniger als ein neues Kapitel in den deutsch-russischen Beziehungen. Ausgeschlossen.

Es bleibt die kleine Hoffnung auf einen der vier Freiplätze, die FIDE-Chef Arkadij Dvorkovich höchstselbst vergibt. Ullrich Krause hat ja gerade erst erklärt, dass das Verhältnis zur FIDE sehr gut ist und dass Marcus Fenner es fernmündlich pflegt. Nun offenbart sich unserem Geschäftsführer eine schöne Gelegenheit zu zeigen, ob diese Pflege neben dem Austausch von Freundlichkeiten zu Einfluss geführt hat.

Es gibt da ja diesen angehenden Abiturienten aus Saulheim, der seine World-Cup-Tauglichkeit mehr als unter Beweis gestellt hat. Es müsste jemand dafür sorgen, dass Schachfreund Dvorkovich Vincent Keymer auf seine Agenda setzt. Wir haben schon einmal mit der Lobbyarbeit begonnen.

https://twitter.com/Bodenseeperlen/status/1398897884322418692

Wäre schön, wenn jemand den Ball aufnimmt.

(Titelfoto: Deutscher Schachbund)

3.1 20 votes
Article Rating
Abonnieren
Benachrichtige mich bei
guest
11 Comments
Most Voted
Newest Oldest
Inline Feedbacks
View all comments