Die Briten, die Deutschen und das Schachbuch des Jahres 2020

Lang ist die Liste von bemerkenswerten Briten, die einflussreiche Werke über Schach verfasst haben. Weil die Briten etwas von Schachbüchern verstehen, ist die jährliche Kür des Buchs des Jahres des Englischen Verbands ECF von besonderem Interesse. 2020 hat es erstaunlicherweise kein Autor aus dem Vereinigten Königreich unter die Nominierten geschafft. Stattdessen eine Reihe von deutschen.

Wenn wir nach dem Beginn dieser Liste bemerkenswerter britischer Autoren fahnden, stoßen wir auf Howard Staunton, Mitte des 19. Jahrhunderts einer der besten Spieler der Welt und der führende Schachautor. Staunton’s „Chess Player’s Handbook“ von 1847 wird immer noch verlegt. Seine Schachkolumne in der „London Illustrated News“ lief von 1845 bis zu seinem Tod 1874. Und das, obwohl Staunton seine Karriere am Brett zugunsten der Autorenkarriere weitgehend aufgegeben hatte. Staunton war nicht nur ein Kenner unseres Spiels, er war vertraut mit Leben und Werk William Shakespeares, über den er fleißig publizierte.

Howard Stauntons Tod 1874 ist inoffizieller Natur. Seinen Twitter-Account pflegt Staunton bis heute, und er nutzt ihn, um Ansehen und Verbreitung unseres Spiels zu mehren.
C. H. O`D Alexander.

Der Zweite Weltkrieg hätte länger gedauert, hätten nicht die britischen Codeknacker im Bletchley Park die Geheimisse der deutschen Enigma entschlüsselt. Als Teil der Gruppe dieser Superhirne war mancher Schachspieler damit beschäftigt, den deutschen Codes auf die Spur zu kommen. Conel Hugh O’Donel Alexander zum Beispiel musste 1939 mit dem Rest des englischen Teams die Schacholympiade in Buenos Aires abbrechen, weil er mit Ausbruch des Krieges daheim als Dechiffrier-Experte gebraucht wurde. Bis zu seinem Ruhestand 1971 sollte er die Entschlüsselungsabteilung des Geheimdiensts leiten. Weder hielt ihn das davon ab, 1953/54 zusammen mit David Bronstein das Turnier in Hastings zu gewinnen, noch eine Schachkolumne in der Sunday Times zu führen. Über Aljechin hat O`Donel Alexander geschrieben, über das Fischer-Spassky-Match und mehrere Lehrbücher herausgegeben.

Während die Codeknacker im Bletchley Park Codes knackten, fielen deutsche Bomben auf London. Im Keller des elterlichen Hauses harrte der 1929 geborene Leonard Barden aus – und lernte Schach. Er wurde ein starker Spieler, einer der Väter des britischen Schachbooms in den 70er- und 80er-Jahren, und seine lesenswerte wöchentliche Schachkolumne im „Guardian“ erscheint immer noch – seit 64 Jahren! Bardens Kolumne war es, aus der die Leser 1975 erfuhren, dass der nächste Schachweltmeister der damals elfjährige Garry Kasparov sein würde, von dem seinerzeit im internationalen Schach noch niemand gehört hatte. Allerdings verschätzte sich Barden um fünf Jahre. Er hatte den Titelgewinn für 1990 prophezeit.

Er schreibt und schreibt und schreibt: Leonard Bardens neueste Kolumne im Guardian.

Anno 2020 sieht es aus, als würde sich das Internet durchsetzen, und das bedeutet, dass das geschriebene Wort nicht auf Papier gedruckt werden muss, um seine Leser zu finden. Diesen Umstand macht sich der (in der Schweiz lebende) Schachhistoriker Edward Winter zu Nutze. Winters „Chess Notes“ begannen Anfang 1982 als papiernes Periodikum, wurden aber 20 Jahre später ins Netz transferiert. Dort stehen sie immer noch, die führende und ob ihrer Akkuratesse vielfach gepriesene Fundgrube für Schachhistorisches, auch wenn sie Winter seit diesem Jahr nur noch gelegentlich mit neuen Einträgen bereichert. Ebenso wie seine Chess Notes gilt Winters Buch über Capablanca als Standard- und Referenzwerk.

Die Schachfreunde Hartston, Miles, Speelman, Nunn, Short oder Rowson mögen uns nachsehen, wenn wir als Fünften und Letzten in dieser Reihe Matthew Sadler nennen. Der hat mit „Game Changer“ das Schachbuch des Jahres 2019 geschrieben – und hadert noch, ob er diesem ersten Werk ein zweites folgen lassen soll, wie er unlängst im Gespräch mit dieser Seite verriet.

Bevor die ECF das Buch des Jahres kürt, veröffentlicht sie eine „Shortlist“ mit den vier Werken, aus denen letztlich das Beste gewählt wird. Diese Shortlist sieht 2020 so aus:

Einerseits ist es ein Geschenk, andererseits gar nicht so einfach, ein Ausnahmetalent bis in höchste Höhen zu coachen. Und wenn das Talent dann den Thron bestiegen hat, wird die Aufgabe des Trainers nicht leichter. Davon erzählt das zweibändige Werk, das Kasparovs Trainer Alexander Nikitin über die Anfänge ihrer Zusammenarbeit bis zu den Matches gegen Anatoli Karpov geschrieben hat. Beide Bände enthalten zahlreiche bislang unbekannte Kasparov-Partien, aus Sicht eines Coaches kommentiert von Bundestrainer Dorian Rogozenco.

Mit ihrer Lasker-Trilogie haben sich Richard Forster, Michael Negele und Raj Tischbierek einer Mammutaufgabe gestellt – von der nun zwei Drittel vollbracht sind. Der zweite Band schaut ebenso wie der Protagonist über den Schach-Tellerrand hinaus. Zeitlebens verfolgte Lasker diverse Interessen, er hat zu einem Strauß von Themen publiziert, darunter Mathematik oder andere Spiele wie Bridge und Go. Und so findet der Leser nach dem von Vladimir Kramnik verfassten Vorwort eine Reihe von Betrachtungen dessen, was Lasker abseits des Brettes beschäftigt hat. Dazu seine Turniererfolge in den 20er-Jahren, etwa der Sieg in New York 1924, beleuchtet anhand einer Reihe sorgfältig ausgewählter und fein kommentierter Partien.

Wer, bitte, ist Stuart Rachels? Weil der Name des Autors in unserer Schachblase heute kaum noch jemandem etwas sagt, drohte dieser Schatz in der Flut der Neuerscheinungen unterzugehen. Stuart Rachels war 20, als er 1989 die US-Meisterschaft gewann, nur um sich wenig später vom Schach zurückzuziehen und seine akademische Karriere voranzutreiben. Heute können wir vor allem feststellen, dass Rachels ein begnadeter Erzähler ist, der ein lebendiges, oft humorvolles und sehr persönliches Bild der Schachwelt vor dem Engine-Zeitalter zeichnet.

Nicht aufgeben! Schwindelchancen suchen! Ein Unterhaltungsbuch? Oder ein Lehrbuch? „The Complete Chess Swindler“ ist beides, bei weitem nicht nur eine Sammlung von Missgeschicken und gedrehten Partien. Smerdon meint es durchaus ernst, wenn er herausarbeitet, wie sich der Schachspieler Chancen erkämpfen kann, und wenn die Lage noch so aussichtslos erscheint. Smerdon offenbart taktische sowie strategische Konzepte. Ein Teil seiner Betrachtungen berührt das Gebiet der Psychologie: Wie steht es um das Mindset des Gegners, wie erkennen wir die idealen Bedingungen, um diese verkorkste Chose doch noch zu drehen?


And the winner is? David Smerdon hat gewonnen, wie die ECF unlängst mitteilte. In der Würdigung heißt es unter anderem: „An outstanding Book of the Year 2020, which combines insightful discussion of a previously unexplored subject with good writing and great entertainment throughout. Ideal for these difficult times.“

Wer von David Smerdon erfahren möchte, wie das Buch entstanden ist: Bei der ChessTech 2020 wird er das Werk vorstellen und für Fragen zur Verfügung stehen:

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