„Frechheit“: Michael S. Langer zur Umlage für die Schachjugend

Jedes Vereinsmitglied soll der Deutschen Schachjugend 50 Cent geben. Objektiv betrachtet, ist das natürlich viel zu wenig. Die Schachjugend entfacht Begeisterung, sie bindet hunderte ehrenamtliche Helfer, sie agiert ideenreich und offen, und in ihren Gremien geht es darum, was sich dem Schach Gutes tun lässt. Als einzige nationale Schachorganisation dieser Art ist sie viel mehr wert als 50 Cent pro Nase, sie ist ein unbezahlbarer Schatz.

Michael S. Langer würde dem wahrscheinlich zustimmen. Und doch ist der Präsident des Niedersächsischen Schachverbands so gar nicht einverstanden mit dem 50-Cent-Antrag, den beim kommenden Hauptausschuss DSB-Präsident Ullrich Krause und DSJ-Vorsitzender Malte Ibs stellen werden. Langer sagt, das sei so nicht abgesprochen gewesen. Und er wundert sich, dass die Jugend mitmacht.

Wir haben nachgefragt.

Michael, ich habe einen neuen Begriff aus der Schachverwaltung gelernt: „Grundausstattung“. Eine solche braucht die DSJ, und jeder von uns soll bezahlen, damit 45.000 Euro zusammenkommen. Eine Überraschung für dich?

Die Debatte um eine Erst- oder Grundausstattung ist durchaus geführt worden. Der DSJ e.V. muss technisch und personell ausgestattet sein, um seine Arbeit aufzunehmen. Das war bekannt, und die Einsicht, dass das Geld kostet, ist nicht vom Himmel gefallen. Aber es ist bei den Beratungen nie darum gegangen, dass zusätzliche Mittel von Beitragszahlern eingenommen werden müssen, um dieses Geld aufzubringen. Im Kongress und auch davor haben fast alle Befürworter der Loslösung unisono geradezu gebetsmühlenartig formuliert, dass sie den Anträgen der DSJ nur zustimmen, wenn für Verbände, Bezirke und Vereine keine Kosten entstehen, wenn also der DSJ e.V. für den Beitragszahler kostenneutral bleibt. Und das wurde zugesagt.

Wer hat das wem zugesagt?

Alle Verhandlungspartner aus DSB und DSJ haben immer wieder ausgeführt, dass zusätzliche Kosten für die Verbände nicht anfallen. Aber vielleicht müssen wir an der einen oder anderen Stelle auf Formulierungen achten. Zum Beispiel hieß es, dass keine Beitragserhöhung in Betracht gezogen wird!? Das umgehen Ullrich Krause und Malte Ibs jetzt, indem sie eine einmalige Umlage ins Spiel bringen.

Wenn vorher klar ist, dass eine Grundausstattung nötig ist, kann man doch nicht sagen, dass keine Kosten entstehen.

Was nötig ist, ließe sich ja leicht und ohne Not aus Mitteln des DSB finanzieren. Der ist so vermögend, da bin ich als ehemaliger Finanzer fast neidisch. Allerdings müsste auch diese Lösung transparent dargestellt werden, auch das wäre Geld der Mitglieder. Nur eben schon vorhandenes Geld.

Nochmal: Es war klar, dass Geld gebraucht wird, es war unklar, woher das kommen soll, und trotzdem wurde gesagt, dass für die Beitragszahler keine Kosten entstehen. Das passt doch nicht zusammen.

Michael S. Langer. | Foto: privat

Schon in meinem Interview bei ChessBase habe ich gesagt, dass ich genau da eine Sollbruchstelle sehe. Wichtige Fragen der Finanzen waren zum Zeitpunkt des Kompromisses ungeklärt. Insbesondere das DSB-Präsidium hat es sich einfach gemacht, indem es sich um verbindliche Aussagen gedrückt hat: Ein Kompromiss wurde herbeigeführt, die Eigenständigkeit beschlossen und die Frage der finanziellen Ausstattung auf den bevorstehenden Hauptausschuss verschoben. Die jetzt beantragte Umlagefinanzierung empfinde ich als Frechheit. So habe ich es gerade in meinem Bericht zum Kongress des Niedersächsischen Schachverbands formuliert.

Worin besteht die Frechheit?

Dass jetzt die Landesvertreter darüber entscheiden sollen, wie die DSJ ausgestattet wird. Von zwei Vertragspartnern würde ich erwarten, dass sie das untereinander klären, eine Summe X nennen und dann einen Finanzierungsvorschlag gemeinsam begründet vorstellen …

… das ist doch passiert. Wir haben zwei Partner, eine Summe und einen Finanzierungsvorschlag.

Aber keinen Vorschlag, der sich an dem orientiert, was abgesprochen war. Stattdessen haben wir diesen Antrag an den Hauptausschuss, der ja eigentlich ein Vorantrag an den nächsten Kongress ist. Und der führt bei den Ländern zu der neuerlichen Diskussion, wie sehr sie sich die Eigenständigkeit der DSJ tatsächlich wünschen. Darum bin ich überrascht, dass die DSJ den Antrag aktiv mitstellt.

Lange konnten Malte Ibs (r.) und Ullrich Krause (l.) einander nicht direkt die Hand reichen. Das scheint sich in der jüngeren Vergangenheit eingerenkt zu haben. | Foto: ChessBase

Bis vor kurzem haben Malte Ibs und Ullrich Krause nicht einmal miteinander gesprochen. Jetzt stellen sie plötzlich einen gemeinsamen Antrag. Hätte Malte nicht besser Ullrich auf den Kontostand unseres DSB verwiesen und die Hand aufgehalten?

Mich hat schon erstaunt zu sehen, dass Malte wieder an Präsidiumssitzungen teilnimmt. Das war ja lange nicht so, er war dort nicht erwünscht. Und ich bin ja eigentlich ganz gut informiert, aber dieser gemeinsame Antrag hat mich überrascht. Das Motiv, diesen Antrag mitzustellen, kenne ich nicht. Wahrscheinlich versucht die DSJ, an der Seite des DSB einen Weg zu beschreiten, der möglichst wenig Konflikte nach sich zieht. Ich bezweifle übrigens, dass es dem DSB bei der Umlage in erster Linie um die Sache geht. Jemand will der DSJ zeigen, wie es gemacht wird. Eine Machtdemonstration.

Vor der Entscheidung beim Kongress waren die Länder ob der Eigenständigkeit der DSJ gespalten. Tritt dieser Spalt jetzt angesichts der geplanten Umlage neu zutage?

Die Eigenständigkeit ist beschlossen, daran rüttelt niemand mehr. Aber jetzt geht es um Geld, das wird eine harte Debatte, die ersten Rückmeldungen zeigen das. Die lauten nämlich unisono: „Ihr habt uns doch versprochen, dass das nichts kostet.“ Und schon tritt ein Risiko zutage, dem die neue DSJ-Konstruktion meines Erachtens unterliegt: die Abhängigkeit von Beschlüssen anderer, obwohl die Jugend eigenständig ist. Es werden ja auch in den kommenden Jahren Haushalte verabschiedet, und jedes Mal wird die Bezuschussung der DSJ über Beschlussvorlagen des DSB-Präsidiums gesteuert.  Wir sind weit weg von einer auf Augenhöhe partnerschaftlich mit dem DSB agierenden Schachjugend.

Der DSB sei „vermögend“, sagtest du eben. Deine Lösung wäre, der DSB gibt der DSJ 45.000 Euro aus dem Vermögen, fertig?

Verhandeln wollen würde ich schon, es geht ja um Beitragsgeld. Ein harter Dialog, an dessen Ende vielleicht eine kleinere, aber angemessene Summe festgelegt wird, wäre angemessen. Aber prinzipiell ließe sich jede Summe X, auf die sich DSB und DSJ am Ende einigen, problemlos dem DSB-Haushalt entnehmen.

Als wir zuletzt über Geld gesprochen haben, hatte unser DSB knapp 500.000 Euro auf dem Konto, und du mahntest, der Schachbund sei keine Bank. Jetzt hat er knapp 700.000 Euro auf dem Konto. Und das, obwohl Anwälte bezahlt werden mussten, der Schachgipfel noch nicht seine Kosten einspielt oder Jörg Schulz‘ Stelle komplett aus eigenen Mitteln finanziert werden musste, weil nach der Freistellung der Zuschuss weggefallen ist. Trotzdem haben wir immer mehr Geld. Wie kommt das? Und wo endet das?

Wir erleben immer noch die Folgen der ab 2014 wirksamen Beitragserhöhung. Seitdem habe ich keinen Haushalt gesehen, der die Beitragshöhe verwertet. Ohne einzelne Posten im Detail zu kennen: Dieses Jahr war die Zahl der Präsenzaktivitäten überschaubar und deswegen wahrscheinlich auch die Reisekosten. Generell kommt der DSB seit Jahren mit weniger aus, als er einnimmt, und so wächst Jahr für Jahr die Liquidität, und sie wächst und wächst.

Natürlich hat eine großartige Veranstaltung wie der Schachgipfel das Potenzial, ihre Kosten zu decken und mehr, speziell in Jahren ohne Pandemie, und das wird umso mehr gelten, wenn unser Schachbund dereinst seiner im Leitbild festgeschriebenen Pflicht zu Verbreitung und Pflege des Ansehens unseres Spiels gerecht wird. Analog dem französischen Vorbild wolle der Schachbund seinen Gipfel als Produkt vermarkten, hat DSB-Präsident Ullrich Krause schon vor zwei Jahren erklärt. Allerdings wäre es wichtig, dass in diesem Sinne Unternehmen nicht gratis auf die Sponsorenwand kommen, wie es beim Gipfel 2020 offenbar DGT widerfahren ist. Wir kennen nicht den Denkprozess, der zu diesem kuriosen Geschenk für DGT-Chef Hans Pees führte. Ob es sich um eine Retourkutsche gegenüber DGT-Mitbewerber Millennium gehandelt hat? Der war kurz zuvor als DSAM-Sponsor ausgestiegen, und Millennium-Chef Thomas Karkosch hatte kritisiert, der Schachbund habe beim Marketing einen „brutalen Schwachpunkt“.

Damals hast du gesagt, wir brauchen dringend einen Plan, was wir im Sinne unserer gemeinsamen Sache mit all dem Geld machen wollen. Das gilt wahrscheinlich immer noch.

Es hat sich ja nichts geändert. Es hat auch keine Diskussion beim Kongress oder in anderen Gremien gegeben. Das mag ja der besonderen Situation geschuldet sein, in der wir uns befinden, aber die Debatte ist mehr als überfällig. Und das viele Geld auf dem Konto macht ja den jetzigen Antrag so paradox: Der DSB wird immer vermögender, und jetzt soll per Umlage noch mehr Geld eingenommen werden.

Per Spenden-Button wirbt der DSB außerdem aktiv um Einnahmen. Die ersten neun Spenden seien schon eingegangen, hieß es neulich. Wann ist der Punkt erreicht, an dem uns die Gemeinnützigkeit weggenommen wird?

Der DSB hat einen Steuerberater, und der wird das Präsidium schon darauf aufmerksam machen, wenn es gefährlich wird. Kritisch sehe ich eher die Unterstützung durch das Innenministerium. Auch dort werden Kapitalbestände geprüft, es gilt das Subsidiaritätsprinzip. Und wenn das Innenministerium keine Notwendigkeit mehr sieht, den DSB zu unterstützen, dann dreht es den Hahn zu.

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