„Rivalität auf Augenhöhe“: Matthew Sadler über Stockfish und LeelaZero

Als Großmeister Matthew Sadler 2019 zum Superturnier in Wijk an Zee sein druckfrisches Buch „Game Changer“ vorstellte, standen die Weltklassespieler Schlange, um es möglichst als Erste in die Finger zu bekommen. Kein Schachspieler außer Sadler hatte direkten Zugang zur Google-Maschine AlphaZero gehabt, keiner einen tieferen Einblick in die neuen Strategien und Konzepte, die unser Spiel umkrempeln sollten.

Damals hatte AlphaZero die bis dahin stärkste Engine Stockfish vom Brett gefegt – und auch das Computerschach umgekrempelt. Für die Stockfish-Entwickler war die Niederlage ein Impuls, ihr Programm noch einmal viel besser zu machen. Seitdem liefern sich AlphaZeros kleine Schwester LeelaZero und Stockfish einen Wettkampf der Systeme: Wer kann besser Schach, das selbstlernende Neuronale Netz oder der Rechenteufel traditioneller Machart?

Matthew Sadler verfolgt diese Rivalität weiterhin gebannt. Als das jüngste Superfinale der inoffiziellen Computer-WM TCEC zwischen Leela und Stockfish beendet war, haben wir mit ihm über Entwicklungen im Computerschach gesprochen – und darüber, was der Mensch tun muss, um von den Supermaschinen zu lernen.

Das Superfinale Leela gegen Stockfish ist vorbei. Dein Eindruck vom Match?

Der Kontrast in den Stilen, der Kontrast der Stellungstypen, die sie beherrschen, wie sie beide extrem stark sind und gleichzeitig die Schwächen des anderen aufdecken – fantastisch. Es gab einige Partien, in denen eine Engine auf ein Tor spielte, während die andere hilflos dastand, und das passierte beiden Seiten. Diesmal war Stockfisch in offenen Sizilianern absolut tödlich, eigentlich in jeder offenen Position, in der Königssicherheit eine Rolle spielt. Andererseits ist das Spektrum der Stellungen, in denen Leela Stockfish tatsächlich wehtun kann, größer geworden. Leela macht sich sehr gut in königsindischen oder französischen Strukturen, eigentlich immer, wenn das Zentrum geschlossen ist und das Spiel auf beiden Flügeln läuft.

Je mehr zu rechnen ist, desto mehr glänzt Stockfish. Und umgekehrt …

Um ehrlich zu sein, Leela rechnet auch atemberaubend gut. Aber genau wie bei AlphaZero trifft der Algorithmus Entscheidungen über das weitere Vorgehen sehr früh. Darum besteht immer die Möglichkeit, dass das Neuronale Netz einen ungewöhnlichen Zug oder eine Taktik weit oben im Variantenbaum übersieht. Aber in der Tiefe ist es erstaunlich, was Leela kann.

52,5:47,5 zu Leelas Gunsten klingt nach einem klaren Ergebnis. Peter Heine Nielsen hat jedoch getweetet, dass dieses durchaus ein normales Ergebnis zwischen gleichstarken Kontrahenten ist. Wie siehst du es? Hat Leela überholt, läuft sie jetzt davon?

Wir werden mehr Rivalität auf Augenhöhe genießen. Während des Matches haben die Stockfish-Entwickler viele Patches angekündigt, viele neue Sachen. Mir scheint immer noch unklar, welcher Ansatz für Schach am besten geeignet ist: Rechenknecht oder Neuronales Netz? Nehmen wir zum Beispiel Go, gespielt auf 19×19-Feldern mit mehreren Konflikten gleichzeitig über das Brett verteilt. Beim Go ist einfach zu viel los, um es zu berechnen. Die NNs mit ihrer sogenannten Intuition kommen damit viel besser zurecht. Schach auf der anderen Seite, 8×8 Felder, viel zu rechnen, das ist ein Spiel, bei dem wir Stockfish nicht abschreiben können. Und weißt du was, das ist doch großartig! Wir werden mehr Matches zwischen zwei Kontrahenten genießen, die immer besser werden. Und wir werden sehen, dass es im Schach noch viel zu entdecken gibt.

Wer hätte das gedacht.

Genau. Als ich 1999 als Profi in den Ruhestand ging, galten die Engines bereits als sehr stark. Ich dachte, Schach könnte in ein paar Jahren entschlüsselt sein. – Von wegen! 20 Jahre später ist es immer noch ein fantastisches Spiel, reichhaltig, unglaublich komplex, und wir haben zwei großartige Engines, die beide nicht perfekt sind. Diese Entwicklung ist ein Zeugnis für den Reichtum unseres Spiels.

„Der Stil von AlphaZero traf mich unerwartet“: Matthew Sadler und DeepMind-Chef Demis Hassabis. | Foto: Lennart Ootes/London Chess Classic.

Wie würde dein geliebter AlphaZero gegen Stockfish und Leela von heute abschneiden?

Schwer zu sagen, besonders für mich. Eines der großen emotionalen Ereignisse meiner Schachkarriere war, als ich 2018 zum ersten Mal die AlphaZero-Partien durchspielte. DeepMind hatte mich gefragt, ob ich daran interessiert sei. Natürlich hatte ich etwas Starkes erwartet. Es ist schließlich DeepMind, diese Leute sind die Besten, in dem, was sie tun, also wusste ich, dass ihr Schachprogramm etwas ganz Besonderes sein würde. Trotzdem traf mich der Stil von AlphaZero völlig unerwartet. Zu dieser Zeit hielt ich Stockfisch für ziemlich optimal. Plötzlich wurde mir klar, wie viel mehr es im Schach zu entdecken gibt. Wow! Ich habe also diese emotionale Verbindung zu AlphaZero, das Gefühl, dass nichts jemals besser sein könnte. Andererseits weiß ich als IT-Mensch, dass Dinge Updates brauchen. Ansonsten, so großartig sie auch waren, werden sie überholt. Und es sind fast zwei Jahre vergangen. Stockfisch und Leela müssen sehr, sehr nahe gekommen sein.

Wie kann man sie noch besser machen?

An Stockfish kannst du direkt Dinge verändern und ausprobieren, es ist schließlich von Menschen gemacht. Die Suche zu verbessern, die Engine tiefer und weiter schauen zu lassen, ist ein fortlaufender Prozess. Es gilt aber auch Wissen zu implantieren, damit Stockfish Stellungen besser versteht, mit denen es zu kämpfen hat. Zum Beispiel gibt es einen Stockfish-Klon, der darauf spezialisiert ist, Festungen zu verstehen, mit dem der normale Stockfish Probleme hat. Teile von dem könnten in den regulären Stockfish eingebaut werden. Bei den Neuronalen Netzen sind die taktische Schlagkraft und das Zeitmanagement Bereiche, die verbessert werden können. Man kann Leela aber nicht einfach sagen, dass sie dieses oder jenes anders machen soll.  Stockfish hat in dieser Hinsicht einen Vorteil. Leela muss die Bedingungen erhalten, unter denen sie so viel wie möglich von allein lernen kann. Auch das ein schöner Kontrast zwischen den Rivalen.

Was können menschliche Schachspieler aus dem jüngsten Match lernen?

Jeder Profi muss sich diese Partien ansehen. Die meisten Profis verwenden ja Stockfish zur Analyse, um jedes taktische Problem aus ihren Varianten zu filtern. Jetzt können sie sehen, wo Stockfish Probleme hat – und das kann die Vorbereitung der Menschen erleichtern. Leela ist stark genug, um aufzudecken, wo Stockfish etwas falsch macht. Ich kann aus Erfahrung sagen, dass ich vor Leela oder AlphaZero Varianten gespielt habe, die für mich zwielichtig aussahen, nur weil Stockfish sagte, dass sie in Ordnung sind. Jetzt bietet Leela eine zweite Meinung auf einer konzeptionelleren Ebene an. Im Match wurden zwar kaum Hauptvarianten gespielt, aber es gibt immer noch bemerkenswertes Eröffnungsmaterial zu studieren. Leelas Umgang mit der Mar-del-Plata-Variante im Königsinder zum Beispiel. Auch die Sämisch-Partien im Königsinder waren aus theoretischer Sicht interessant.

Was muss der Mensch konkret tun, um die verschiedenen Stärken von Leela und Stockfish für sein Training zu nutzen?

Eine meiner Lieblingsmethoden besteht darin, für meine Praxis interessante Eröffnungspositionen zu finden und Leela und Stockfish 100 Partien damit spielen zu lassen. Diese Partien sind eine Riesenhilfe, speziell beim Erlernen neuer Eröffnungen. Du bekommst die Stellungsbewertungen und eine Menge Erfahrung zu dieser Position, und das alles gehört nur dir. Zeit spart dieser Weg obendrein: Ich denke ein paar Minuten über eine interessante Stellung nach, versuche Ideen zu entwickeln, drücke dann einen Knopf und sage „Los geht’s, Jungs!“. Am nächsten Tag nehme ich mir eine Stunde Zeit, um die Partien durchzugehen. Die besten picke ich heraus. Daraus mache ich eine Datei, die voller Inspiration und Perlen ist, von denen ich profitieren kann. Diese Möglichkeit hatten wir nicht, bevor die Neuronalen Netze kamen, weil traditionelle Engines so ähnlich waren.

„Fantastisch“: Matthew Sadler verfolgt die Entwicklung im Computerschach mit ungebrochener Begeisterung. | Foto: Alina l’Ami/Tata Steel Chess

Mit „Game Changer“ haben Natasha Regan und du das vielleicht wichtigste Schachstrategiebuch der vergangenen Jahre geschrieben. Wann kommt „Game Changer II“?

Wenn ich ein Buch geschrieben habe, brauche ich immer ein paar Jahre, um zu vergessen, wie viel Mühe das war, bevor ich mutig oder dumm genug bin, wieder von vorne zu beginnen. Klar, „Game Changer“ war ein fantastisches Projekt…

… und wertvoll! Wir wollen mehr. Jemand muss aufschlüsseln, was passiert.

Ja, das war der schöne Aspekt von Game Changer: Dieses Super-Level-Schach für den Clubspieler zugänglich zu machen. Und es gibt immer noch viel Material. Wir hätten schon ein Buch machen können, das dreimal so groß ist wie das eigentliche, jetzt haben wir all diese neuen Entwicklungen. Ich habe viele Ideen, über die ich schreiben könnte, ich denke darüber nach, aber es gibt kein aktuelles Projekt, über das ich sprechen könnte. Man weiß nie, es könnte passieren. In der Zwischenzeit mache ich gerne YouTube.

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