Auferstanden aus Ruinen: Als Günther Jauch die DDR-Flagge hissen ließ

Die Dissidenten feierten die Wende, und sie blieben nicht unter sich. Ein ehemaliger Stasi-Spion war eingeladen: Heinrich Burger. Der war ein Anhänger des Sozialismus geblieben. Aber als er nach seiner Freilassung im Westen im Arbeiter- und Bauernstaat lebte, entwickelte er eine „kritische Distanz“ zu den Verhältnissen in der DDR. Und er baute vertrauensvolle Beziehungen zu denen auf, die diese Verhältnisse ändern wollten.

Im zweiten Teil unseres Gesprächs mit Heinrich Burger haben wir über seine Agententätigkeit und seine Erfolge am Schachbrett gesprochen.

Über einen Erfolg am Schachbrett sprechen wir heute im abschließenden dritten Teil dieser Reihe auch: darüber, wie die DDR-Fernschach-Nationalmannschaft um Heinrich Buger noch eine Medaille gewann, als die DDR längst untergegangen war. Außerdem beleuchten wir Burgers Leben und Wirken in der DDR und schlagen einen Bogen in die Gegenwart.

Fernschach-Großmeister Heinrich Burger und Kater Paulchen bei der Arbeit. | Foto: privat

Herr Burger, in der DDR standen Sie wahrscheinlich anfangs ohne Job da.

Nein, das war geregelt. Es war klar, dass ich in der Kinderfilmgruppe des DEFA-Dokumentarfilmstudios, Betriebsteil Berlin, arbeiten werde. Der zweite Betriebsteil war in Babelsberg angesiedelt, in der Nähe des bekannteren DEFA-Spielfilmstudios. Die Kinderfilmgruppe leitete Hans Goldschmidt, mein früherer Kurier. Mir hatte er den Posten des Chefredakteurs freigehalten, bis ich aus der Haft entlassen wurde und in die DDR kam. Das war 1979. Bevor ich die Arbeit antrat, unternahm ich mit meiner damaligen Frau zwei Reisen, eine davon nach Jalta auf der Krim. Die Reise war ein Dank für die Kundschaftertätigkeit und für die Standhaftigkeit in der dreijährigen Haft. Wir hatten die ganze Zeit über einen Wagen mit Chauffeur zur Verfügung und einen Dolmetscher.

Sie sind von der schreibenden Zunft zum Bewegtbild gewechselt, anscheinend nicht ganz freiwillig. Hat Sie die neue Arbeit ausgefüllt?

Die neue Arbeitsstelle ist mir nicht zugewiesen worden. Das war ein Vorschlag, den ich toll fand, über den ich mich riesig gefreut habe. Dokumentarfilm hatte mich immer interessiert, mir hat die Arbeit von Beginn an Freude gemacht. Auch die anfängliche Skepsis der Kollegen, die meine Geschichte natürlich kannten, verflog schnell.

Demonstration in Ost-Berlin: An solchen Präsentationen der Betriebe und ihrer Produkte nahmen auch die DEFA-Studios teil. Rechts grüßt Heinrich Burger, links wirbt der Hauptdramaturg der Gruppe „document“ Wolfgang Geier für eines der bemerkenswertesten Werke seiner Gruppe.

Aus dem Springer-Haus und der West-Berliner Politik zum DDR-Dokumentarfilm. War es leicht, sich einzufügen?

Meine burschikose West-Art, wenn Sie so wollen, mein Selbstvertrauen, mit dem ich auftrat, haben mir geholfen. In Verhandlungen mit der Hauptverwaltung Film habe ich in der DDR manches Projekt durchgesetzt, das uns in der Gruppe „document“ am Herzen lag, das aber auf große Skepsis der kulturpolitischen Aufsicht in der Hauptverwaltung Film und in der Kulturabteilung des Zentralkomitees der SED stieß. 

Gibt es bekannte Werke, in deren Vor- oder Abspann Ihr Name steht?

Nicht solche von der Kinderfilmgruppe. Dort war meine Arbeit redaktioneller Art. Ich habe Regisseure und Dramaturgen angeleitet, sie bei der Entwicklung von Stoffen begleitet, ihre Arbeit redigiert. Aber ich habe dann ein „postgraduales Studium Kulturpolitik“ absolviert, auch das mit großer Freude und durchgehend sehr gutem Erfolg. 1983 wurde ich Leiter der „Gruppe Dokument“. Dort entstanden die Dokumentarfilme bekannter Regisseure. Winfried Junge, Volker Köpp, Jürgen Böttcher und viele andere waren Teil der Gruppe, die ich leiten durfte. Winfried Junges Langzeitprojekt „Kinder von Golzow“ stockte damals seit einigen Jahren, es lag auf Eis. Ich habe mich in Absprache mit Junge bei der Hauptverwaltung Film dafür eingesetzt, dass es weitergeführt wird – und hatte Erfolg. Vielleicht war das meine größte Tat damals. Unter dem Namen „Lebensläufe“ wurde ein Riesenprojekt daraus, das bis in die Gegenwart reicht. Erwähnen möchte ich noch Jürgen Böttcher, der damals nur noch malte und keine Filme mehr machte. Ich habe erreicht, dass er zusammen mit einem Redakteur ein neues Filmprojekt angeht. Daraus entstand das preisgekrönte Werk „Rangierer“. Seitdem machte Jürgen Böttcher wieder Filme – sehr erfolgreiche zumal. Im Abspann des Films von Volker Köpp „Afghanistan 1362 – Erinnerungen an eine Reise“, der 1985 erschien, wurde ich erwähnt, weil ich den Regisseur bei den Vorbereitungsarbeiten in Afghanistan begleitet hatte.

„Vielleicht meine größte Tat damals“: Heinrich Burger erreichte, dass das 1961 begonnene, auf Eis liegende Projekt „Kinder von Golzow“ weitergeführt wurde. Nach dem Ende der DDR übernahm es die ARD, wo es bis in die 2000er-Jahre weiterlief.

Wurden Sie ein linientreuer DDR-Bürger?

Wolfgang Thierse | via Wikipedia

Lassen Sie mich das anhand meiner Bekanntschaft mit dem Dissidenten Konrad Weiß erläutern, dem späteren Bundestagsabgeordneten. Auch der war anfangs Mitglied der Kinderfilmgruppe, daher kannten wir uns. Als ich zum Leiter der Gruppe „document“ aufstieg, haben wir später in der Vor-Wendezeit viele vertrauensvolle Gespräche geführt. Durch meine Kontakte zur Direktion und in die Hauptverwaltung war ich häufig informiert, wenn etwas gegen ihn lief, und habe das an ihn weitergegeben. Ein Jahr nach der Wende veranstaltete Konrad Weiß bei sich zu Hause eine „Jahreswendefeier“, bei der unter anderem der spätere Bundestagspräsident Wolfgang Thierse zu Gast war, ein Freund von ihm, den ich auch kannte, weil er bei uns im Studio als Autor gearbeitet hatte. Zu dieser Feier unter Dissidenten lud Konrad Weiß mich ein, den ehemaligen MfS-Kundschafter. Daraus lässt sich ablesen, dass ich in diesen Kreisen als jemand geschätzt wurde, dem man vertrauen kann.

Also verflog ihre Begeisterung für den Arbeiter- und Bauernstaat, als sie dort lebten?

Heute schaue ich gerne auf meine Zeit in der DDR zurück, das liegt vor allem an meiner Arbeit bei der DEFA, wo wir große künstlerische Freiheit und erhebliche Mittel hatten. Dort hatte ich eine sinnvolle Tätigkeit, spürte, wie nützlich meine Arbeit war, wie gut ich beitragen konnte zur Gestaltung künstlerisch gelungener Filme. Andererseits entwickelte sich Skepsis. Nach etwa eineinhalb Jahren hatte ich ein klareres Bild von den Verhältnissen in der DDR, und ich ging in eine kritische Distanz. Ein Anhänger des Sozialismus bin ich gleichwohl geblieben. Christa Wolfs Aufruf „Für unser Land“ habe ich wie viele andere Kulturschaffende unterschrieben. Christa Wolfs Ziel, die DDR zu erhalten und etwas Gutes daraus zu machen, das später einmal ein vereintes Deutschland bereichert, habe ich geteilt.

Ihrer Schachleidenschaft sind Sie in der DDR treu geblieben. Inwiefern unterschied sich das DDR-Schach vom westdeutschen?

Fritz Baumbach. | Foto: Frank Hoppe/DSB

Die Vereine waren anders strukturiert, meist an Betriebe oder Institutionen gebunden. Ich wurde Mitglied bei AdW, Akademie der Wissenschaften, dem Verein des späteren Fernschach-Weltmeisters Fritz Baumbach. Der nahm sofort mit mir Kontakt auf, ich habe ihm dann bei den Analysen für seine WM-Partien geholfen.

Sie wurden DDR-Nationalspieler.

Für die DDR habe ich bei der Fernschach-Olympiade gespielt, bei der wir als DDR-Nationalmannschaft eine Bronzemedaille gewannen, als die DDR schon lange nicht mehr existierte. Das war eine so interessante Geschichte, dass uns – die Mitglieder der DDR-Nationalmannschaft – sogar Günther Jauch zu einer seiner Stern-TV-Sendungen einlud. Am Ende ließ er die DDR-Fahne hissen, und es ertönte „Auferstanden aus Ruinen“.

Nach der Wiedervereinigung waren Sie Nationalspieler fürs vereinigte Deutschland.

Bei der Fernschach-Olympiade wurde ich fürs erste Brett nominiert. Wir haben gemeinsam mit den punktgleichen Tschechen die Goldmedaille gewonnen. Bei der Gelegenheit habe ich eine von meinen beiden Großmeisternormen gemacht. Anfang der 90er bekam ich den GM-Titel verliehen.

Wie ging es nach der Wende beruflich weiter?

Dramatisch. Das DEFA-Dokumentarfilmstudio ist abgewickelt worden, später zog dort Sat.1 ein. Anfangs hatten wir Hoffnung, das Studio zu erhalten, aber das verflüchtigte sich bald. Es fehlte Geld, die Konkurrenz war groß, wir waren auch gar nicht gewollt. Die Gruppen wurden aufgelöst, das Studio übertrug mir die Öffentlichkeitsarbeit. Ich habe Vorführungen gemacht, Präsentationen gehalten oder Pressekonferenzen organisiert. West-Berater sollten uns damals den Übergang erleichtern. Einer von denen meldete sich entsetzt bei der Studioleitung: Wie man denn dem ehemaligen Stasi-Mann Burger die Öffentlichkeitsarbeit anvertrauen könne. Ich wurde ins Archiv versetzt, ins Abseits gestellt. Dann die Arbeitslosigkeit, als das Studio aufgelöst wurde.

An Kontakten für eine weitere Tätigkeit mangelte es Ihnen nicht.

Mehrere Regisseure haben damals versucht, mich zu überreden, eine Filmproduktionsfirma zu gründen, um weiter mit mir zusammenarbeiten zu könnnen. Heute bedauere ich manchmal, dass ich das nicht gemacht habe, aber eine solche Entscheidung hätte alle meine anderen Interessen beeinträchtigt, vor allem das Fernschach, das ich mit großer Energie und mit großem Erfolg betrieb. Ein Filmproduzent hätte keine Zeit für so ein Hobby. Nach zweijähriger Arbeitslosigkeit fand ich einen Job, bei dem ich mir meine Zeit weitgehend selbst einteilen konnte: Außendienst bei der Debeka. Dort habe ich bis zur Rente 2006 gearbeitet.

Spielen Sie noch Fernschach?

Damit habe ich lange aufgehört. Es war eine Leidenschaft, aber als nach und nach die Engines übernahmen, verlor es seinen Reiz. Ich hatte keine Freude mehr daran. Heute kann man Fernschach nur noch spielen, wenn man mit mehreren Engines arbeitet, diese extrem tief suchen lässt und dann Ideen findet, die noch tiefer gehen als das, was die Engine gesehen hat. Und trotzdem enden fast alle Partien remis. Wer sehr gewissenhaft arbeitet, hat geringe Chancen, eventuell mal eine  Partie zu gewinnen.

2012 beim Lichtenberger Sommer. | Foto: Berliner Schachverband

Wo trifft man Sie heute am Brett?

Ich spiele für einen kleinen Verein im Norden Berlins, Caissa heißt der. Aber seit Beginn der Pandemie findet dort kaum noch etwas statt. Es wird jetzt wieder zaghaft versucht, mit Maske zu spielen, aber das möchte ich nicht. Vier Stunden, hinter der Maske wird es warm, die Brille beschlägt, das ist nichts. Wahrscheinlich werde ich erst wieder am Brett auftauchen, wenn wir wieder ganz normal spielen können.

Hoffen wir auf einen Impfstoff.

Ich habe gerade die Spiegel-Titelgeschichte über die Impfstoff-Entwicklung gelesen und würde vermuten, dass wir uns noch mindestens ein Jahr gedulden müssen. Es kann sein, dass die Pandemie mein Nahschach-Leben am Brett beendet.

So eine traurige Note zum Schluss?

Ich sage das ja nicht wegen meines Alters. Zwar werde ich nächstes Jahr 80, aber ich fühle mich viel jünger, mir geht es gut. Nein, mir erscheint die Pandemie wie eine Schachentwöhnung. Das Spiel verschwindet aus dem Leben. Ich will jetzt mal meine Accounts auf diversen Schachseiten aktivieren, mich dem Online-Spiel widmen und mich an kürzere Bedenkzeiten herantasten. Bislang habe ich phasenweise täglich eine Zehn-Minuten-Partie gespielt, um hinterher Partieanlage und Eröffnung zu studieren, niemals eine Blitzpartie nach der anderen. Das muss man wohl tun, um Freude daran zu entwickeln. Allerdings habe ich seit einiger Zeit eines meiner anderen Hobbies, das Fotografieren, wieder intensiviert. Das kostet enorm viel Zeit, wenn man es erst nimmt.


Am Ende dauerte es nicht einmal ein halbes Jahr von den ersten großen Protesten gegen das Regime bis zur Entscheidung, der Bundesrepublik beizutreten. Eine Chronik der Ereignisse.
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