Der Finanzuntersuchungsausschuss

Warum hat der Deutsche Schachbund kein Geld mehr? Der zweiköpfige Finanzuntersuchungsausschuss, der jetzt dieser Frage nachgeht, wird sich auch einem in diesem Zusammenhang bislang wenig beachteten Komplex widmen: der Anschaffung einer neuen Mitglieder-DWZ-Verwaltung. Ohne den sechsstelligen Betrag, den das kostet, wäre die Lage des Verbands weniger heikel. Wie also kam es zu diesem Auftrag? Ist das mit rechten Dingen zugegangen?

Alexander von Gleich (l.) und Matthias Kierzek werden sich neben den roten Zahlen in der Bilanz dem Prozess widmen, der am Ende zu einem Auftrag an die Firma “Nu Datenautomaten” führte.

Die Frage, wer untersuchen soll, war beim DSB-Kongress im Mai eine umstrittene. Ist das ein Fall für externe Wirtschaftsprüfer, oder sollte eine Kommission aus den eigenen Reihen gebildet werden? Einerseits hätten externe Prüfer Geld gekostet, das der DSB nicht hat. Andererseits: Sollen Funktionäre, denen die Ungereimtheiten, Unsäglichkeiten und der fortwährende personelle Aderlass seit 2018 nicht aufgefallen sind, die am Ende zwei Mitverantwortliche entlastet haben, jetzt Dinge aufklären?

Es kam zu einem Kompromiss: Zwar wurde beschlossen, eine Kommission aus den eigenen Reihen zu bilden, aber die Absprache lautete, dafür Leute zu finden, die keine Funktion in den Ländern ausüben und damit Teil des DSB-Kongresses wären. Die Protagonisten vergangener Kongresse sollen jetzt nicht die Aufklärung trüben.

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Tatsächlich sind zwei Unabhängige gefunden: Der Bankfachmann Alexander von Gleich (Hamburg) und der Betriebswirt Matthias Kierzek (Fulda), zwei derjenigen, die die angehende DSB-Präsidentin Ingrid Lauterbach wahrscheinlich meinte, als sie vor ihrer Wahl im Gespräch mit dieser Seite für eine interne Lösung warb – und feststellte: „Wir haben richtig gute Leute“.

Die berufliche Geschichte von Alexander von Gleich mit diversen verantwortlichen Positionen speziell im osteuropäischen Bankgeschäft dürfte erzählenswert sein, ebenso die von Kierzek als Mitgründer und Chef des nach einem gescheiterten Börsengang 2011 von Bastei-Lübbe übernommenen Eichborn-Verlags. Unmittelbar bemerkenswert: Beide sind sehr starke und bis heute aktive Turnierschachspieler, der ehemalige Bundesligaspieler von Gleich eher im Hamburger Mannschaftsschach, Kierzek eher in der Open- und Senioren-Szene.

Im November sollen von Gleich und Kierzek dem Kongress (online) ihren Bericht vorlegen. Beide haben jetzt während eines dreitägigen Besuchs in der DSB-Geschäftsstelle ihre Arbeit aufgenommen.

Wenn sie das Unheil von Beginn an aufdröseln wollen, müssen sie 2018 anfangen.

War das kein Alarmsignal, als die Finanzchefin hinschmiss? Von den elf seit 2018 durchs DSB-Präsidium geschleusten Vizepräsident:innen war Gulsana Barpiyeva womöglich diejenige mit Format.

Die erste Frage wäre, wie der DSB-Präsident jemanden als Geschäftsführer einstellen kann, der nie einen Lebenslauf und Zeugnisse präsentiert hat. Unter welchen Umständen und warum hat Bundesbankerin Gulsana Barpiyeva Mitte 2021 wenige Wochen nach ihrer Wahl zur Vizepräsidentin Finanzen das DSB-Amt hingeschmissen? Warum zahlt ein tief in die roten Zahlen geschlitterter Verband seinem scheidenden Geschäftsführer eine Abfindung? Wie hoch war die? Wie lange waren die Zahlen frisiert, ohne dass es jemandem aufgefallen ist?

Von einem Loch in der Kasse kann keine Rede sein? Aller Voraussicht nach wird der Finanzuntersuchungs-ausschuss feststellen, dass die Wirklichkeit und das, was der DSB zum Schachgipfel mitgeteilt hat, zwei Enden eines Spektrums repräsentieren.

Im Detail werden sich von Gleich und Kierzek gewiss mit den Schachgipfeln beschäftigen, deren vorerst letzter 2022 etwa 115.000 Euro Miese gemacht haben soll. Wie war das 2021, als UKA kurzfristig einen mittleren fünfstelligen Betrag zuschießen musste, um den Gipfel zu retten? Wie kann der Schachbund den Kontakt zur Ausrichterstadt abreißen lassen, anstatt ihn zu pflegen, und in der Folge keine kommunalen Mittel mehr bekommen? Eine Sponsorentafel, auf der mindestens ein “Sponsor” steht, der keiner ist? Wie kann der Geschäftsführer dem DSB-Kongress die Auskunft verweigern, wie der Gipfel finanziert ist – und damit durchkommen? Wer ist denn hier das höchste Organ?

Wir danken unseren Partnern? DGT war nie Partner des Schachgipfels. Wie es zu der Kuriosität kam, dass der DSB das Logo der niederländischen Firma 2020 in Magdeburg dennoch an mehreren Stellen präsentierte, gehört zum Komplex der ungeklärten Fragen. Etwas dafür bekommen hat der DSB jedenfalls nicht. Auch vom Partner “Ottostadt Magdeburg” floss bald kein Geld mehr. Der Kontakt war abgerissen.

Während von Gleich und Kierzek über Zahlen brüten und Abläufe rekonstruieren, dreht sich der Schachzirkus weiter. 2024 soll wieder ein Schachgipfel gefeiert werden. Dem Vernehmen nach gibt es Interessenten, ihn auszurichten, aber noch ist nichts offiziell. Jeder Ausrichter künftiger Gipfel schleppt die Hypothek der jüngeren Vergangenheit mit sich herum. So wie 2023 Braunschweig die Notbremse zog, wird in kommenden Jahren jede Kommune, jedes Hotel vor einer eventuellen Zusage für Mittel und Zusammenarbeit ganz genau hinschauen, mit wem sie sich einlassen, und sich absichern, dass ihnen ja niemand ein Luftschloss verkauft.

Ein potenzieller Ausrichter für den Schachgipfel 2026 ist schon gefunden, Dresden. Die Dresdner Neuesten Nachrichten (DNN) zitieren André Martin, Präsident des Schachverbands Sachsen: Der DSB beabsichtige in Abstimmung mit dem Schachverband Sachsen (SVS), den Schachgipfel 2026 an Dresden als Austragungsort zu vergeben. 2026 markiert für die Sachsen ein doppeltes Jubiläum. Am 13. Mai 1876 wurde der Dresdner Schachbund gegründet, und zum Gründungsjubiläum fand 1926 in Dresden ein Schachkongress mit einem Weltklasseturnier statt: Nimzowitsch siegte vor Aljechin, Rubinstein und Tartakower.

Angesichts dieser Historie planen die Dresdner zum Jubiläum auch ein internationales Turnier von Eliteformat, so es denn gelingt, es zu finanzieren. Fürsprecher gibt es offenbar schon. Laut DNN ist Mitorganisator Hans Bodach, Vorsitzender des im vergangenen Jahr gegründeten Fördervereins Schach Wolfgang Uhlmann, im Dresdner Rathaus auf Interesse für die Jubiläumspläne gestoßen.

Abseits der offenen Finanzierung wird der DSB wie bei allem, was aus Dresden kommt, genau schauen, wer an Bord ist. Gerade erst ist die geplante Deutsche Seniorenmeisterschaft 2023 in Dresden am Veto des DSB geplatzt, weil über den Verein Dresdner Schachfestival Dirk und Martina Jordan involviert gewesen wären, mit denen der DSB unverändert vor Gericht streitet.  Fördervereinsvorsitzender Hans Bodach, Teil des Teams Gipfel 2026, war Dirk Jordan lange geschäftlich verbunden. 1990 haben die beiden die Euro Schach & Spiel Bodach Jordan OHG gegründet (seit 1997 EuroSchach Dresden GmbH), 1992 den JugendSchach-Verlag.

2026 soll anlässlich des 150-jährigen Bestehens des Dresdner Schachbunds der Schachgipfel in Dresden stattfinden.

Schachgipfel-2026-Teamchef André Martin bekleidet seit dem Kongress im Mai 2023 im deutschen Schach noch eine andere, dringliche Teamchef-Rolle: die des Projektleiters in Sachen „Nu Datenautomaten“. So heißt die österreichische Firma, von der der DSB seine neue Mitlieder- und DWZ-Software kauft. In den Wochen vor der geplanten Einführung zur neuen Saison hat speziell die neue Mitgliederverwaltung „NuLiga light“ (die das bisherige MIVIS ersetzen wird) für Ernüchterung gesorgt.

Nomen est omen: Der Namenszusatz „light“ (leicht) kennzeichnet, dass es sich bei dieser Software im Vergleich zum Flaggschiffprodukt „NuLiga“ funktional um ein Leichtgewicht handelt. Sie ist schöner, wird komfortabler zu handhaben sein, aber sie kann weniger als der Vorgänger MIVIS. Anfangs konnte sie sogar weniger als nötig. Dass etwa Schachspieler eine Elozahl haben, war nicht vorgesehen. Solche elementaren funktionalen Defizite hat der Anbieter dem Vernehmen nach behoben.

André Martin, Präsident des Schachverbands Sachsen. | via DSB

Martin und Co-Projektleiter Andreas Filmann koordinieren ein Team aus gut 60 IT-Fachleuten und Testern auf Landes- und Vereinsebene, die nun daran arbeiten, das Paket einsatzfähig zu machen. Als schwierig und zeitintensiv entpuppt sich in erster Linie die Entwicklung und der Test von Schnittstellen mit dem alten System. Die Schnittstellenproblematik ergibt sich aus dem Umstand, dass die alte DWZ-Software DeWIS erst im kommenden Jahr von NuDWZ abgelöst werden soll. Außerdem spielt eine Rolle, dass Bayern bislang eine eigene Mitgliederverwaltung betrieben hat, die aber seit Anfang 2023 nicht mehr mit MIVIS zusammenspielt.

Über diesen Schwierigkeiten hat sich die geplante Einführung von NuLiga light in den Landesverbänden mehrfach verschoben. Zuletzt war der Start für den 28. August vorgesehen. Auch dieser Termin ließ sich nicht halten. Bevor nicht alles zuverlässig funktioniert, soll es keinen “Rollout” geben.

Das Projekt DWZ- und Mitgliederverwaltung hat vor fast drei Jahren begonnen, als sich unter DSB-Präsident Ullrich Krause eine Arbeitsgruppe bildete, die nur offiziell allen Interessierten offenstand. Einem IT-Experten, der die DSB-Doppelspitze für die Eskalation des DSJ-Konflikts kritisiert hatte, wurde der Zugang verweigert („Störenfried“). Ein anderer wurde zwar erst zugelassen, aber später nicht mehr zu den Sitzungen eingeladen.

Dieser Arbeitsgruppe ist zu verdanken, dass die Frage nach der Notwendigkeit der DWZ (und damit einer Software, die sie berechnet) bis heute nicht verlässlich geklärt ist. Der Antwort auf diese Frage ergebnisoffen nachzuspüren und objektiv abzuwägen, war nicht erwünscht. Das wurde gleich in der ersten Sitzung der Projektgruppe festgelegt: “Grundsätzlich sollte das Ziel sein, die DWZ beizubehalten.”

“Brauchen wir die DWZ?” Wäre die Antwort auf Robert von Weizsäckers Frage “Nein”, dann bräuchten wir auch keine DWZ-Software. | via DSB

Vor diesem Hintergrund war es beim Kongress im Mai 2023 von einer gewissen Komik, als der vom schachlichen Tagesgeschehen unbelastete Robert von Weizsäcker sich zu Wort meldete. In den Höhepunkt der Nu-Konfusion hinein fragte der DSB-Ehrenpräsident: „Brauchen wir die DWZ?“ Tja. Es mag gute Argumente dafür geben, aber mit Sicherheit kann das niemand beantworten.

Nach übereinstimmender Darstellung von Leuten, die dabei waren, beeinflusste die damals glänzende finanzielle Situation des Verbands die Zielrichtung der Arbeit der Gruppe. In der Annahme, viel Geld zu haben, ging es bald nur noch darum, einen großen Auftrag zu vergeben, den mutmaßlich größten in der bald 150-jährigen Geschichte des DSB. Eine möglichst kostengünstige Lösung zu finden, etwa eine auf Basis von Open-Source-Komponenten, stand bald nicht mehr zur Debatte. Über der abzusehenden Tendenz, dass Alternativen zu einem großen Gesamtauftrag an einen kommerziellen Anbieter von vornherein unerwünscht waren, hat mindestens ein Mitglied diese Arbeitsgruppe verlassen.

Dann die Ausschreibung, ein Vorgang, der diese Bezeichnung allenfalls bedingt verdient. Ein von einem Funktionär vorgeschlagener Dienstleister aus Rostock war sofort aus dem Rennen. Andere Kandidaten gab es nie. Die Arbeitsgruppe hat sich von Beginn an darauf festgelegt, ein System der Firma „Nu Datenautomaten“ zu kaufen. Dass jemand den Markt sichtet und Angebote einholt, damit sich der Verband für das beste entscheiden kann, war nicht zu erkennen.

Diese Gemengelage führte zu einem Auftrag, dessen Volumen im Lauf des Verfahrens stetig wuchs. Nach den bislang bekannten Zahlen beläuft es sich aktuell auf mehr als 250.000 Euro (inklusive Mietkosten für fünf Jahre, exklusive möglicher Folgekosten), ein Auftrag, der sich Anfang 2023 mehrfach verzögerte, unter anderem, weil das alte Präsidium aus Sorge vor der Haftung nicht mehr unterschreiben wollte, nachdem bekannt geworden war, dass es auch finanziell abgewirtschaftet hatte.

Wie und in welchem Zeitrahmen es mit der neuen DWZ-Software weitergeht, ist weiterhin unklar. Noch haben nicht einmal alle Länder verbindlich ihre Zustimmung erklärt, unter den gegebenen Umständen NuLiga light einzuführen.

Von Gleich und Kierzek bleiben gut drei Monate für ihre Ermittlungen.

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Gustaf Mossakowski
10 Monate zuvor

Die Angst, das Projekt Mitgliederverwaltung/DWZ-Berechnung komplett zu vergeben, hat nur zu unnötiger Zeitverzögerung geführt. Dabei wurde gleichzeitig der Handlungsspielraum des neuen Präsidiums erheblich eingeschränkt, das Projekt anders zu handhaben. Warum hat man dann nicht gleich das komplette Projekt beauftragt? Das zeigt meines Erachtens eine gewisse Verantwortungslosigkeit des alten Präsidiums.

Im öffentlichen Dienst ist eine Vergabe von Projekten schon bis zu vergleichsweise niedrigen 5.000 Euro nur bei Einholung von mindestens drei Angeboten möglich. Bei 250.000 Euro (und steigend) sollten drei vergleichbare Angebote Minimum sein.

Martin Schubert
Martin Schubert
10 Monate zuvor

Sorry, aber die Aussage “Dieser Arbeitsgruppe ist zu verdanken, dass die Frage nach der Notwendigkeit der DWZ (und damit einer Software, die sie berechnet) bis heute nicht verlässlich geklärt ist.” kann so nicht stehen bleiben.
Geklärt ist es (natürlich kann jeder die Argumente anders gewichten):
https://www.schachbund.de/diskussion-zur-deutschen-wertungszahl.html

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[…] Schachgipfel 2022 soll 115.000 Euro gekostet haben (vorbehaltlich des Ermittlungsergebnisse des Finanzuntersuchungsausschuss’). 2023 wäre nach dem Abzug aller Einnahmen ein externer Finanzierungsbedarf von 100.000 bis […]

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[…] historischer Finanz- und IT-Krise: Die Bestandsaufnahme, wie es um den Deutschen Schachbund steht, scheint nicht ganz so eilig zu […]

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[…] 17, dass sie es nicht wissen wollen und schon gar nicht zügig. Sie wollen ja nicht einmal helfen aufzuklären, wie Lauterbach unlängst gegenüber dem Deutschlandfunk beklagt […]

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[…] Kierzek und Alexander von Gleich konnten und wollten nicht die ganze Geschichte erzählen. Als Finanzuntersuchungsausschuss beleuchten sie in erster Linie die zweieinhalb Jahre von 2021 bis Mitte 2023, und sie gehen vor […]

Daniel Effer-Uhe
Daniel Effer-Uhe
10 Monate zuvor

Auch wenn von Gleich und Kierzek gute Kandidaten sind, stünde dem Finanzuntersuchungsausschuss die Unterstützung durch einen Juristen nicht schlecht zu Gesicht.

Gerhard Lorscheid
Gerhard Lorscheid
9 Monate zuvor

Herr Schormann verlangt oder erhofft sich etwas zu viel von den beiden Herren. Politische Aufarbeitung wird es nicht geben, gab es die bei Corona, überhaupt einmal in diesem Lande? Allenfalls zu Unrecht verprasste Gelder lassen sich vielleicht auffinden.