Schachbund für alle (eine Stunde lang)

Das Präsidium des Deutschen Schachbunds lädt zu einer offenen Fragestunde. Am Freitag, 20. Oktober, von 19 bis 20 Uhr können sich alle Leute einwählen und alles fragen. DSJ-Chef Niklas Rickmann moderiert.

Dringende Fragen zweier Mitgliedsverbände stehen im Raum, seitdem sich die existenzielle Krise noch einmal zugespitzt hat. Michael S. Langer hatte sie für den niedersächsischen Schachverband gestellt. Wenig später machte Ralf Chadt-Rausch für den nordrhein-westfälischen deutlich, dass auch seine 17.000 Leute diese Fragen gerne beantwortet hätten:

  • Welcher Vermögenswert wird zum Jahresende voraussichtlich ausgewiesen? 
  • Welche Kosten für das Mitgliederverwaltungsprogramm werden für die nächsten Jahre einmalig und wiederkehrend in den Haushalt des DSB eingestellt? 
  • Warum wurde nicht gleich zu Beginn der Tätigkeit des neuen Präsidiums ein Kassensturz mit einhergehender Haushaltssperre vorgenommen? 
  • Sind die Finanzverhandlungen mit der DSJ zu einem erfolgreichen Ende gebracht worden? 
  • Warum gibt es seit dem Kongress noch nicht eine schriftliche Stellungnahme zu den Finanzen? 
  • Welche Erkenntnisse ergeben sich bisher aus der außerordentlichen externen “Finanzprüfung”? 
  • Wie kann die seit 10 Jahren geplante Ausrichtung des Mitropa-Cups irgendjemanden überraschen? 
  • Wieso ist es für einen hauptamtlich gestützten Verband nicht möglich, Ladungsfristen einzuhalten? 

Die Fragen waren aufgekommen, als DSB-Präsidentin Ingrid Lauterbach am Ende einer als Einladung gekennzeichneten Mail an die Länderpräsident:innen auf „erhebliche zusätzliche Belastungen“ für den DSB hinwies und offenbarte, das Präsidium habe eine Ausgabensperre erlassen. Im Angesicht der nun nochmals verschärften Krise drängte Langer auf eine zügige Antwort und eine kurzfristige Onlinesitzung.   

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Er persönlich habe keine Antwort bekommen, teilt Langer auf Anfrage dieser Seite mit. Lauterbach habe aber Chadt-Rausch einige Zeilen geschrieben. Ihre Ausführungen seien „schmallippig“ gewesen. Vor allem habe sie auf die Sitzung der Länderpräsidenten Ende November und den außerordentlichen DSB-Kongress Anfang Dezember verwiesen.

Die Fragen dieser Seite zu den neuen Finanzlöchern hat der DSB zügig und detailliert beantwortet.

Die geforderte kurzfristige Onlinesitzung gibt es nun, allerdings ganz anders, als Langer sich das vorgestellt hatte. Statt der 17 Präsidentinnen und Präsidenten der Mitgliedsverbände können alle, die sich dem Schach verbunden fühlen, vorbringen, was sie gerne wissen möchten.

Die Länderchefs bei der Onlinesitzung außen vor zu lassen bzw. nicht explizit einzuladen, ergibt Sinn. Selbst jetzt, da

  • gerade erst eine Insolvenz abgewendet ist
  • die Förderung unserer Ausnahmetalente zusammengestrichen wird
  • neue Hiobsbotschaften zur Ausgabensperre geführt haben
  • die nächste Beitragserhöhung im Raum steht
  • Arbeitsplätze nicht sicher sind
  • immer noch unklar ist, was das IT-Monster kostet (und ob es jemals funktioniert)

– selbst jetzt signalisieren 15 von 17, dass sie es nicht wissen wollen und schon gar nicht zügig. Sie wollen ja nicht einmal helfen aufzuklären, wie Lauterbach unlängst gegenüber dem Deutschlandfunk beklagt hat.

Warum mit diesen Leuten Zeit in noch einer Sitzung verschwenden? Besser ist, den Verband für Menschen zu öffnen, die tatsächlich Fragen haben.

Das aktuelle Desinteresse derjenigen, die eigentlich für den DSB verantwortlich sind, fügt sich ins Schema, das neulich der Dresdner Richter Thomas Hassel aufgezeigt hat: Natürlich haben inklusive des damaligen DSB-Geschäftsführers zahlreiche Funktionäre geahnt, warum es sich Dirk Jordan leisten kann, einen erheblichen Teil seiner Lebenszeit damit zu verbringen, „ehrenamtlich“ Schachturniere zu organisieren. Aber alle haben weggeschaut, sodass sie nun, eine halbe Million Euro später, behaupten können, sie hätten nichts gewusst.

Sie wollten es nicht wissen.

Sollten dereinst die nächste halbe Million Euro und die Fenner-Krause-Ära vor Gericht zur Verhandlung stehen, wird der Richter wahrscheinlich eine ganz ähnliche Diagnose stellen. Natürlich ist im Lauf der Jahre dem einen oder anderem Verantwortlichen aufgefallen, dass es an der DSB-Spitze bei weitem nicht nur buchhalterisch nicht mit rechten Dingen zugeht. Korrigierende Handlungen hat das nie ausgelöst, und mancher wollte bis zum Schluss lieber nicht genau wissen, was läuft, die DSB-Vizepräsidenten (bis auf zwei) allen voran.  

Vielleicht würde der Richter der Anschaulichkeit halber aus einer repräsentativen Mail vom 29. August 2022 zitieren: Als um Ullrich Krause herum längst alles zusammenbrach, teilte ihm Mecklenburg-Vorpommerns Schachpräsident Guido Springer mit, er sei ein guter DSB-Präsident. Keiner der 16 Länderchefs im damaligen E-Mail-Verteiler widersprach dieser Einschätzung.

Im Juni 2021 gab es tatsächlich eine selbst in der Schachverwaltung spürbare Unzufriedenheit mit den herrschenden Verhältnissen. Der DSB-Kongress nutzte die Gelegenheit zu bestätigen, dass ihm Kraft, Personal und Plan fehlten, die nötig sind, um in einer Krise gezielt Weichen zu stellen. Stattdessen ließ er ein neues DSB-Präsidium auswürfeln.

Jetzt sitzt Guido „will kein Schachverwalter sein“ Springer am Hebel, der umzulegen wäre, um den DSB aus der Endlosfalle des föderalen Nichtwissenwollens zu befreien. Als Vizepräsident Verbandsentwicklung hat er sogleich das Paradepferd der Schachverwaltung gesattelt, die Satzungsreform. Die möchte er neu angehen.

Den Konstruktionsfehler im deutschen Schach findet er in Paragraf 1, Absatz 1. Dort steht: Die Länder bilden den Schachbund.

Damit ist festgeschrieben: Der Verband gehört denen, die er kaum tangiert, deren Interessen speziell im Leistungssport sogar seinen widersprechen. Er gehört denen, die seit mittlerweile Jahrzehnten wegschauen, wenn ein Korrektiv gebraucht würde. Denen, die in der aktuellen Krise nur zu gerne das lächerliche Narrativ vom Versagen der „Kontrollmechanismen“ aufgreifen. Und ansonsten keine Fragen haben.

Der DSB braucht Zugriff auf den Pool der 90.000, anstatt seine Gremien aus dem überschaubaren Kreis des Personals in den Ländern und der dort überrepräsentierten Schachverwaltungsbeamten zu speisen. In Paragraf 1, Absatz 1 sollte stehen: Der Schachbund gehört denen, die organisiert Schach spielen. Ob das nun auf eine Einzel- und Vereinsmitgliedschaft hinausläuft, ist nebensächlich.   

Wären nicht Länder, sondern Leute DSB-Mitglied, müssten die 90.000 regelmäßig wählen. Anders als jetzt hätten sie erstmals einen Berührungspunkt zu dem Verband, den sie finanzieren. Aus der Wahlentscheidung entstünde zwangsläufig Interesse für DSB-Themen und -Personalien.

Interesse führt zu Anteilnahme führt zu Engagement – erst recht, wenn die 90.000 einen Sportverband vorfinden, der einladend daherkommt und Möglichkeiten bietet, unbürokratisch anzudocken (den Laden derart hinzustellen, wäre die eigentliche Aufgabe des Vizepräsidenten für Entwicklung). Es würden Leute in den Verband gespült, denen an Themen und Inhalten liegt, die Fragen stellen und Lösungen suchen, Leute mit Format, idealerweise Leute, die kein Mann sind und unter 50.

Leute, die kein Mann sind und unter 50? Im Schach gibt es sie, in den Gremien des Schachs taucht diese Spezies eher vereinzelt auf. | Illustration: Perlen vom Bodensee

Eine Fantasie, wohlgemerkt. In der Wirklichkeit gibt es kaum Hoffnung für den DSB. Selbst wenn es den unwahrscheinlichen Vorstoß geben sollte, die Hinterzimmer zu öffnen und Partizipation zu generieren, werden die Chefs der Länder sich verweigern. Sie werden sich an Paragraf 1, Absatz 1 klammern, anstatt ihre Macht beschneiden zu lassen.

Insofern ist die offene Fragerunde des Präsidiums zwar ein hübsches Signal, aber längst nicht das, was gebraucht würde: der Auftakt eines DSB-Programms für Beteiligung und Engagement von Leuten, die sich für Schach interessieren.

Richtige Wahlen beim DSB hätten noch einen Vorteil. Das angehende Präsidium müsste Wahlkampf führen. Die Kandidatinnen und Kandidaten müssten schon vor ihrer Wahl lernen, mit öffentlichem Interesse umzugehen. Danach wären sie nach außen nicht mehr so peinlichunbeholfen.

Was Ingrid Lauterbach, Axel Viereck, Jürgen Klüners und Guido Springer in den vergangenen Monaten höchster Not getan haben, um die Not zu lindern und Perspektiven zu schaffen, lässt sich hier nicht dokumentieren. Nichts ist bekannt, das Quartett hatte bislang nichts mitzuteilen. Umso besser lässt sich dokumentieren, dass das neue Präsidium in Sachen Kommunikation einen Rumpelstart hingelegt hat. Entweder ist es schlecht beraten oder, wahrscheinlicher, es muss lernen, sich beraten zu lassen.

Die 100-Tage-Frist ist lange abgelaufen. Das neue DSB-Präsidium hat mittlerweile an die 150 Tage lang keine Wasserstandsmeldung abgegeben, gar kein Lebenszeichen. Anstatt eines einfachen, nach 100 Tagen proaktiv ausgesandten „Liebe Leute, alles wird gut, wir arbeiten daran, eure Ingrid“ verbreitet sich nun Henning Geibels Geheimbund-Polemik, und die Schachblase debattiert seit Wochen rauf und runter, warum vom DSB trotz dessen historischer Notlage nichts zu hören ist.

Dass es hakt mit offener Kommunikation, lässt sich nicht nur am Dauerschweigen ablesen, nicht nur am Versuch, die Ausgabensperre in einer Einladung zu verstecken (was den obigen Fragenkatalog erst provoziert hat).

FIDE-Partner oder besser doch nicht? Bei der Team-WM in Düsseldorf gab der DSB ein hin- und hergerissenes Bild ab. Die Schachjugend bittet um Spenden? Im Kontext der ungeklärten DSB-DSJ-Finanzverhandlungen löst eine DSJ-Spendenkampagne schlimmste Befürchtungen aus. Die DSB-Führung täte gut daran, die Sache einzuordnen, nach Möglichkeit wohlwollend zu begleiten. Stattdessen ignoriert der DSB den Aufruf, und niemand weiß, wie weit die DSJ vom Kollaps entfernt ist.  

Beim DSB-Kongress im Mai stand eine Insolvenz der DSJ im Raum. Die vermochten Ingrid Lauterbach und Niklas Rickmann flugs abzuwenden. Was seitdem passiert ist? Man weiß es nicht. Bekannt ist nur, dass die DSJ jetzt eine Spendenkampagne gestartet hat. | Foto: DSB

Die Legende von den „5.000 neuen Mitgliedern“, oje. Normalerweise verbreitet der Deutsche Schachbund alles, was auf seiner Website erscheint. Umso mehr fiel auf, dass er diese eine Meldung nicht verbreitet. Offenbar waren diejenigen, die die DSB-Kanäle bedienen, nicht mit dem einverstanden, was ihr Arbeitgeber veröffentlicht.

Jetzt sehen ohne Not alle an dieser Episode Beteiligten amateurhaft aus. Die fragliche Mitteilung wäre leicht in eine belastbare umzuschreiben gewesen, aber das war offenbar nicht erwünscht. Wenn es denn so war, wie es naheliegt, weckt der Vorgang Erinnerungen an die gerade vergangene (?) dunkle Zeit: Hauptamtliche, die nicht die Arbeit machen können, für die sie qualifiziert sind und bezahlt werden, weil ihnen Amateure reinpfuschen. Eine Verbandsspitze, die von sich aus am liebsten gar nichts sagt.

Immerhin gibt es ein Signal, dass die Amateurhaftigkeit der ersten 150 Tage jetzt enden könnte. Die bisherige Kommunikationsperformance des Führungsquartetts legt nahe, dass das neue „Frag‘ das Präsidium“-Format nicht dem Präsidium selbst eingefallen ist. Hat es etwa einen Rat angenommen? Ist das die neue Offenheit? Vielleicht entpuppt sich die Online-Sitzung sogar als schlauer Zug, um über Debatten um Pardubice-DWZ-Auswertungen und andere Nebensachen allzu konkreten Fragen noch ein wenig auszuweichen.   

Was Stefan Haack vom DSB-Präsidium wissen möchte.
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Gustaf Mossakowski
Gustaf Mossakowski
7 Monate zuvor

Die Mitgliederverwaltung wurde, soweit mir bekannt, sehr ungenau ausgeschrieben. Das ist bei so einem kleinen Projekt auch nicht weiter schlimm, wenn man ein flexibles System kauft, dass sich leicht konfigurieren und erweitern lässt. Spätestens nach dem 100.000–Euro-Angebot für die Programmierung der DWZ-Berechnung war m. E. aber klar, dass das System des gewählten Anbieters nicht so ein System ist. Eigentlich wurde die Firma dafür gepriesen, dass sie mit der Tischtennis-Wertungsberechnung bereits eine Software hat, die etwas sehr ähnliches wie die DWZ-Berechnung ist, und somit nur kleine Anpassungen notwendig wären. Dort ist aber alles etwas veraltet, fast so wie die bestehenden Systeme… Weiterlesen »

Daniel Hendrich
Daniel Hendrich
7 Monate zuvor

Aus der Wahlentscheidung entstünde zwangsläufig Interesse für DSB-Themen und -Personalien.“

Das sehe ich überhaupt nicht. Wie viele der 90.000 würden da wirklich mitmachen? Vllt. 500? Und wäre ein von weniger als 1% der Mitglieder gewähltes Präsidium überhaupt demokratisch legitimiert? Diese direkte Mitgliedschaft mag auf den ersten Blick sympathisch aussehen, aber sie generiert mehr Probleme als sie löst.

Markus Schirmbeck
Markus Schirmbeck
6 Monate zuvor

Zum Thema neue Mitgliederverwaltung, DWZ Berechnung und Turnierverwaltung: Ich habe mich gestern mal eingelesen, das war recht unaufwendig, denn viel ist nicht dazu veröffentlicht worden durch den DSB und seine Mitgliederverbände. Ich lasse mich da durch derzeit nicht öffentlich zugängliche Dokumentation auch gerne eines Besseren belehren, habe aber auf Basis des vorliegenden Materials bei meiner Recherche den Eindruck gewonnen, dass auf Seiten des DSBs Akteure am Werk waren, die keine Ahnung hatten wie solche Projekte gemanagt werden sollten, wie im Vorfeld verschiedene Lösungsarchitekturen evaluiert werden können, und insbesondere wie entscheidend eine kohärente Anforderungsdefinition für den Projekterfolg ist. Dieses Defizit wurde… Weiterlesen »

Last edited 6 Monate zuvor by markusschirmbeck
Andreas Lange
Andreas Lange
6 Monate zuvor

Warum sollte man ein Turnier in Tschechien für eine Deutsche Wertungszahl auswerten??

acepoint
7 Monate zuvor

«Vielleicht entpuppt sich die Online-Sitzung sogar als schlauer Zug, um über Debatten um Pardubice-DWZ-Auswertungen und andere Nebensachen allzu konkreten Fragen noch ein wenig auszuweichen.» Meine Vermutung ist, dass genau das passieren wird. Die Zahl der zu den Missständen informierten SchachspielerInnen – teils auch mit Funktionärstätigkeiten – in den Landesverbänden ist nach meiner Erfahrung nicht so hoch. Vom Kopf des Schachbund ausgehende Probleme fallen der Masse eh nur dann auf, wenn der geliebte Spielbetrieb nicht so läuft, wie man es seit 30 Jahren gewohnt ist. Wobei das nicht nur am «Kopf» selbst liegt. Der Informationsfluss in Richtung Basis hakt doch Dank… Weiterlesen »

Last edited 7 Monate zuvor by acepoint
Mulde
Mulde
6 Monate zuvor

Ein sehr langer und unübersichtl. Artikel. Gleichwohl:
Freitag, 20. Oktober” sollte eine phantast., großart., unübertreffl. und gleich einstündige Sitzung den durchbrechenden Durchbruch samt Durchblick ergeben. Was war denn nun?

Jan Werner
Jan Werner
6 Monate zuvor

Gibte es eine Aufzeichnung zu der Fragestunde?

Jim Knopf
Jim Knopf
7 Monate zuvor

Business as usual: Seit ihrem Ausscheiden aus dem DSB-Präsidium lassen Michael Langer und Ralf Chadt-Rausch keine Gelegenheit aus, dem jeweils amtierenden Präsidium Knüppel zwischen die Beine zu werfen. Und Conrad Schormann schießt aus allen Rohren und weiß wie immer alles besser.
Die Deutsche Schachjugend hat im übrigen exakt dieselbe Struktur wie der DSB. Ich kann mich nicht erinnern, dass auf dieser Seite jemals eine grundlegende Reform der DSJ gefordert wurde – es lebe der doppelte Standard!