Die Analogisierung des Spielbetriebs

Ullrich Krause, Lutz-Rott Ebbinghaus und Ralph Alt werden die Verträge für die neue Mitglieder- und DWZ-Verwaltung nicht unterschreiben. Das haben die drei BGB-Vertreter im Präsidium jetzt auf der DSB-Website mitgeteilt. Damit ist es sehr unwahrscheinlich, dass die neue Softwarelösung der laut Kongressbeschluss zu beauftragenden Firma “Nu Datenautomaten” in der kommenden Saison zum Einsatz kommt. Angesichts der nicht mehr gepflegten und jetzt schon nur noch teilweise funktionierenden bestehenden Software droht in vielen Ländern eine Saison ohne IT, stattdessen eine mit Stift und Zettel.

Hintergrund der Mitteilung des Präsidiums ist dessen Sorge, für die finanzielle Malaise des DSB haften zu müssen. Wie am 12. März exklusiv von dieser Seite berichtet, wird der Kongress am 20. Mai darüber anhand zweier Anträge entscheiden: Entweder soll eine interne Untersuchungskommission den Fall durchleuchten oder ein externer Wirtschaftsprüfer. “Da in diesen Anträgen auch von ‘juristischen Maßnahmen’ gegen und ‘Haftung für Schäden’ durch die ehrenamtliche Verbandsführung die Rede ist, werden die drei BGB-Vertreter das Risiko einer Zahlungsverpflichtung für den DSB in sechsstelliger Höhe nicht mehr eingehen”, teilt das Präsidium nun mit.

In den Ländern hat diese Mitteilung aus der DSB-Zentrale für einige Aufregung gesorgt. Im E-Mail-Verteiler der Landes-Oberen und Referenten begann sogleich ein emotionaler Austausch, der dieser Seite in Auszügen vorliegt.

“Wir sind fassungs- und sprachlos. Aktuell wissen wir nicht, wie wir in Württemberg die nächste Saison abwickeln sollen”, schrieb Carsten Karthaus. Der Präsident des Württembergischen Verbands appellierte ans DSB-Präsidium: “Der Schachverband Württemberg bittet euch, diese Entscheidung zu überdenken und abzuändern und das drohende Chaos im Spielbetrieb abzuwenden und damit die Digitalisierung im Schachsport voranzutreiben. Dafür habt ihr einen Beschluss des obersten Organs des DSB, der aus unserer Sicht weiterhin Gültigkeit hat.”

“Erschüttert” gab sich André Martin, Präsident des Schachverbands Sachsen: “Wenn ihr die Verträge nicht unterschreibt, könnte Schachdeutschland neben der aktuellen Finanzkrise auch auf eine ‘Ligakrise’ zusteuern, deren ideelle und wirtschaftliche Auswirkungen auf den DSB, auf die Landesverbände und auch auf jeden organisierten Schachspieler in Deutschland noch massiver wären.”

Martin hat in seiner E-Mail die aus seiner Sicht drei wesentlichen Problemfelder aufgeschlüsselt. Zitat aus seiner E-Mail (gekürzt, redaktionell bearbeitet):

1. Mitgliederverwaltung / DWZ-Auswertung

MIWIS und DeWIS sind veraltet, daher hat der DSB-Kongress den Vorstand des DSB beauftragt, eine Softwarelösung der Firma Nu Datenautomaten einzuführen. Ziel: den Ligabetrieb für die Saison 2023/2024 absichern. Der Vorstand des DSB wurde beauftragt, das notwendige Vertragswerk mit der Firma Nu zu erarbeiten und zu unterschreiben.

Inzwischen sind nach einem Hackerangriff die aktuellen Softwarelösungen nicht mehr voll funktionsfähig (z.B. kein automatisches Mailing mehr), und viele Schnittstellen (z.B. die Schnittstelle zum Bayerischen Schachbund oder zur Homepage des Schachverbandes Sachsen) funktionieren nicht mehr. Support gibt es so gut wie nicht mehr. Die Applikationen können im Prinzip jederzeit komplett ausfallen. Dass die aktuelle Lösung noch eine weitere Saison durchhält, ist nahezu ausgeschlossen.

2. Portal 64

Viele Verbände nutzen das Portal 64 für ihre Ligaverwaltung. Dieses liegt auf den gleichen Servern wie DeWIS und MIWIS. Es muss dieses Jahr zwingend abgelöst werden. Wir als Schachverband Sachsen (aber z.B. auch NRW und Württemberg) sind der Empfehlung des DSB gefolgt und haben alle Vorbereitungen getroffen, um nuLiga einzusetzen. Die Verträge mit der Fa. Nu sind unterschriftsbereit, die Vereine sind informiert, und wir haben ein Projektteam für die Umsetzung zusammengestellt. 

Leider setzt nuLiga den Einsatz der Mitgliederverwaltung von Nu im DSB voraus. Wenn die Mitgliederverwaltung nicht rechtzeitig kommt, dann können wir nuLiga nicht einführen. Einen Plan B haben wir zur Zeit nicht, zumal andere mögliche Lösungen auch problematisch sind (siehe Punkt 3).

3. Ligaverwaltung in den Landesverbänden 

Viele Landesverbände sowie die DSJ und die Bundesliga nutzen eigene Lösungen für die Ligaverwaltung. Diese setzen auf Schnittstellen zu MIWIS/DeWIS auf und werden ohne diese möglicherweise nicht mehr oder nicht vollständig funktionieren. Wenn die neue Mitgliederverwaltung des DSB nicht rechtzeitig kommt, dann ist der Spielbetrieb in allen deutschen Ligen für die Saison 2023/2024 gefährdet.


Mitgliederverwaltung und DWZ-Berechnung sind im Lauf eines phasenweise obskuren Verfahrens um 60.000 Euro teurer geworden als die ursprünglich veranschlagten 160.000 Euro. Im Oktober 2021 hat der Kongress 210.000 Euro bewilligt. Später kamen noch 10.000 Euro für “eine wohldefinierte und -dokumentierte Schnittstelle” dazu, einzustellen in den Nachtragshaushalt 2023.

Die dem Vernehmen nach kurz vor der Vollendung stehenden Verträge werden vom hessischen IT-Experten Andreas Filmann und dem projekterfahrenen Gerald Hertneck mit der Firma Nu verhandelt. Vorgesehen war, dass der Bundesrechtsberater Thomas Strobl sie prüft, bevor sie das Präsidium unterzeichnet. Diese Aufgabe kommt nun auf das neue Präsidium zu, das am 20. Mai gewählt wird. Eine Unterzeichnung Ende Mai würde voraussichtlich bedeuten, dass die Lösungen nicht, wie geplant, zur kommenden Saison zur Verfügung stehen.

Äußerst unwahrscheinlich erscheint, dass das amtierende Präsidium die Appelle aus den Ländern erhört, bitte doch zu unterschreiben. Stattdessen hat es längst eine Abwehrhaltung eingenommen, um für juristische Auseinandersetzungen um etwaige Forderungen gewappnet zu sein. Das deckt sich mit Ullrich Krauses am 28. Februar eingeschlagenen Linie, zwar “Verantwortung übernehmen” zu sagen, aber keine zu übernehmen und schon gar keine Fehler einzuräumen.

https://twitter.com/Bodenseeperlen/status/1635679654160871437

“Ich wollte ja über unsere Finanzen wachen, aber der Geschäftsführer hat mir den Zugriff verboten, und der Präsident hat es abgesegnet. Dagegen aufzubegehren, habe ich mich nicht getraut.” Das wäre ein ehrlicher Erklärungsversuch dessen, was passiert ist. Rott-Ebbinghaus hätte obendrein geltend machen können, dass er inklusive seiner Vizepräsidentenkollegen doch einer überwältigenden Mehrheit angehört, die sich jahrelang auch nicht getraut hat, den Wahnsinn wenigstens zu hinterfragen. Wenn die Mehrheit aus den DSB-Gremien jetzt ernsthaft Haftungsfragen stellt, mag das angesichts der neuesten Vorgänge begründet sein, aber angesichts des Versagens aller Hauptausschüsse und Kongresse seit 2019 wäre es auch ein schlechter Witz. Rott-Ebbinghaus beugt trotzdem vor: “Alles wird teurer” ist Schuld an den roten Zahlen, und dazu noch diese Inflation. Das Präsidium nicht.

Der anfänglich demonstrierte Wille des Präsidiums, an der Aufklärung der Sache mitzuwirken, dürfte damit erkennbar vom Tisch sein.

Was nun?

Dem Vernehmen nach versuchen einige Landespräsidenten jetzt auszuloten, ob sich die Nu-Lösung womöglich noch zurückdrehen und eine Alternative neu anfangen lässt. Das Problem ist, was immer sie tun und beauftragen wollen, dafür muss ein Entscheid muss her und ein Präsidium, das unterschreibt.

Für Anträge an den Kongress 2023 ist es zu spät. Trotzdem, angesichts der kollektiven Not, in der alle sitzen, würde sich wahrscheinlich irgendeine Verabredung einstielen lassen. Aber damit möglichst schnell, idealerweise zur neuen Saison eine funktionierende Alternativlösung steht, muss eigentlich jetzt schon das neue Präsidium ins Boot. Auch eine Position zu Nu müsste das neue Präsidium erst noch finden. Das Problem: Niemand weiß, wer das neue Präsidium bilden wird.

Ein potenzieller Vizepräsident 2023-25 hat sich mit der aktuellen Erklärung in eine Abwehrhaltung gegenüber denen begeben, die ihn wählen sollen. Von seinem potenziellen Präsidenten ist die Aussage überliefert, dass er nur im Team mit den von ihm auserkorenen Vizes antritt.

To be continued.

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kumagoro
kumagoro
6 Monate zuvor

Das alte Präsidium bietet doch allen Grund dafür, sie unehrenhaft zu entlassen. Mit einem ordentlichen Tritt in den Arsch.

Für mich sind das totale Versager!

acepoint
6 Monate zuvor

Es geht bei der Software nicht nur um die DWZ-Auswertung – über deren Sinn sich zwar trefflich streiten lässt, die aber zumindest aktuell «alternativlos» ist, siehe auch die zutreffenden Kommentare in diesem Forum.

Viele Verbände – nicht nur auf Landesebene, sondern auch darunter – haben darauf gesetzt, dass ihnen ab Sommer 23 wieder ein vernünftiger und gut zu bedienender Ergebnisdienst zur Verfügung steht. Nun müssen sich die Spielleiter und -ausschüsse um eine Alternative bemühen, die entsprechenden Anträge für die JHV oft sogar bis Mai formuliert sein.

Peter Kalkowski
Peter Kalkowski
6 Monate zuvor

Die Weigerung von dem bald abgewählten Präsidium die Verträge zu unterschreiben ist in der Konstellation vollkommen in Ordnung und Verständlich.
Die Landesverbände werden eine Lösung finden.
Im Analogen Zeitalter war es auch möglich den Spielbetrieb zu wuppen.
Die Ehrenpräsidenten stammen aus der Zeit die werden ihre Erfahrung gerne weitergeben wenn gefragt. Die werden sich an die guten alten Meldekarten erinnern können. Saisonhefte23/24 u. 24/25 können später einen Wert für Sammlungen erzielen. Es muss wieder geschrieben werden.
Dass ich das noch erleben darf ein Wunder.
Deshalb nichts überstürzten möglich ist alles.

Dirk Sander
Dirk Sander
6 Monate zuvor

DWZ endlich abschaffen, ELO reicht völlig aus, das wird in vielen Ländern so praktiziert und passt zudem in die Idee eines vereinten Europas.

Peter Kalkowski
Peter Kalkowski
6 Monate zuvor

Frage an die Redaktion
Darf man Nachrichten von eine Wanze die in Auszügen vorliegt verwenden ?
Anscheinend muss das neue Präsidium noch einen Posten für Spionageabwehr unterhalten.

von und aus dem Walde
von und aus dem Walde
6 Monate zuvor

Die DWZ könnte man abschaffen und nur dort durch ELO ersetzen, wo eine Spielstärkenmessung wirklich gebraucht wird. Ab welcher Liga das dann ist, kann jeder Landesverband für sich selber entscheiden, so er denn die fianziellen Mittel für die Auswertung bei der FIDE und für die Schiedsrichter hat und bei letzterem auch genug Personal. Bundesliga, 2. Bundesliga und Oberligen werden sowieso schon ELO ausgewertet, da braucht es die DWZ nicht mehr. Was die Liga-Verwaltung an sich angeht, so könnte man ohne Probleme auf clm zurückgreifen. Joomla und clm sind kostenfrei und open source. Bliebe nur das Problem einer Mitgliederverwaltung und da… Weiterlesen »

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[…] Jan Werner in der Kommentarspalte dieser […]

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[…] Programmatisch hat seit der bislang einzigen Kandidatur niemand etwas mitzuteilen. Allenfalls das Mitgliederverwaltung-DWZ-Thema, das die Länder und ihren Spielbetrieb direkt betrifft, köchelte ein wenig […]

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[…] Anfang 2023 mehrfach verzögerte, unter anderem, weil das alte Präsidium aus Sorge vor der Haftung nicht mehr unterschreiben wollte, nachdem bekannt geworden war, dass es auch finanziell abgewirtschaftet […]

Dirk
Dirk
5 Monate zuvor

Danke für die Aufklärung. Politische Korrektheit indem man schweigt oder alles bagatellisiert ist hier völlig fehl am Platze. Da ich die Hintergründe nicht im Detail kenne, so verstehe ich jedoch, dass das neue Präsidium erhebliche Probleme zu bewältigen hat. Alle “Versager” gehören aus dem Amt enthoben und diejenigen, die Vortrilsnahme bzw. Veruntreuung im Amt begangen haben, gehören einer Strafanzeige und zugleich einem Schadensersatzprozess zugeführt. Ich persönlich würde auch keine unbeschränkte persönliche Haftung unterschreiben. Man sollte hier überdenken, dass solche Schriftstücke anders formuliert werden könnten und zwar mit Haftungsausschuss für die neuen Verantwortlichen, dann bekäme man sogar meine Unterschrift. D.h. aber… Weiterlesen »

Jochen
Jochen
6 Monate zuvor

In Anbetracht eines Sponsoring Verhältnis zwischen Schachbund und einer deutschen Schachfirma, sowie der jüngsten internationalen Marktkonzentration für Schach Homepages taucht dieses Thema woanders nicht oder nur am Rande auf, so mein Eindruck.