Narrisch?

Gut möglich, dass Vladimir Kramnik dachte, hier wolle ihn jemand zum Narren halten. Erst setzt ihm dieser Jüngling “seine” Berliner Mauer vor, dann spielt er sie wie ein junger Kramnik, steht mit Schwarz eher besser – und ist noch nicht einmal mit einer Zugwiederholung gegen den Exweltmeister einverstanden. Stattdessen entkorkt der Junge ein Manöver, das seine Stellung zwar eher verschlechtert, aber eben die Partie am Laufen hält: 40…Kb8 – ein schlauer Zug, wie sich sogleich zeigt. Prompt unterläuft Kramnik ein Fehler, wenig später hat Hans Niemann gewonnen.

Das komplette Match Kramnik-Niemann kommentiert: erst eine Berliner Musterpartie, dann ein unvollendetes Narrenmatt.

Einen Beitrag an dieser Stelle wäre das kaum wert, wäre es nicht zur Revanche gekommen, in der Kramnik die chess.com-Datenbank von Großmeisterpartien mit dem Narrenmatt bereicherte. In der Revanchepartie (Kramnik mit Schwarz) stand 1.e4 f6 2.d4 g5 auf dem Brett. “Ich habe so viel Respekt vor ihm, warum macht er das”, fragte der streamende Niemann sich und die Zuschauer.

Ja, warum macht er das?

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Keine zehn Minuten vorher hatte Kramnik Niemanns Herausforderung zu einer Partie angenommen. “He accepted!”, rief der 20-Jährige freudig aus. Und: “Let’s play his opening against him!” Nach der Niederlage in der ersten Partie, bot ihm Kramnik an, die zweite per Narrenmatt zu gewinnen.

Niemann entschied sich gegen 3.Dh5#, das schnellstmögliche Matt, das im Schach möglich ist. Stattdessen gab er nach zwei Zügen auf. Und musste zur Kenntnis nehmen, dass ihm mal wieder ein Exweltmeister nach einer Niederlage Cheating vorwirft, ohne es auszusprechen. In der Reihe der kramnikschen Verhaltensauffälligkeiten der jüngeren Vergangenheit findet sich nun auch eine Niemann-Episode – wenige Tage, nachdem chess.com Niemann entsperrt und Magnus Carlsen seinen Betrugsvorwurf zurückgezogen hat.

Vladimir Kramnik mag Online-Schach nicht. Die jungen Leute, die ihn über die Uhr ziehen, anstatt ihm aus Respekt halbe Punkte zu schenken; das ist ihm zuwider. Seit diesem Sommer mag er Online-Schach aus noch einem anderen Grund nicht: Cheating. Darüber lässt er sich noch ausführlicher aus als vor einem Jahr über die moralische Verkommenheit der Jugend, die sich erdreistet, einen Vladimir Kramnik zu besiegen.

Auf chess.com gibt es seit Juni 2023 zwei Threads, in denen auf mehreren Seiten “Cheating im Titled Tuesday” besprochen wird. Von den gut 100 Millionen Spielern auf chess.com ist Kramnik derjenige, der dort mit Abstand am meisten beiträgt. Mit Verve deutet er die Ergebnisse seiner “privaten Untersuchung” an. Angeblich kann er belegen, dass der “Cheating Tuesday”, wie er es nennt, verseucht ist mit Leuten, die betrügen.

Interessierte, die diese detaillierten Ausführungen des Exweltmeisters nicht finden, sehen die Essenz daraus auf seinem Profil. Wo vor einem Jahr noch das längliche Essay über die Jugend von heute stand, steht jetzt ein Essay über betrügende Titelträger im Onlineschach.

Da er chess.com in dieser Hinsicht für “recht tolerant” hält, will Kramnik den Kampf nun selbst aufnehmen, Statistiken anfertigen und veröffentlichen sowie mathematische Anti-Betrugssysteme entwickeln. Außerdem werde er, bis die Seuche nicht so bekämpft wird, wie er das für angemessen hält, keine “Cheating Tuesdays” mehr spielen.

Wie er erreichen will, dass der Kampf so geführt wird, wie er es gerne hätte, sagt Kramnik nicht. Der Umstand, dass chess.com dutzende Spezialisten beschäftigt, die Statistiken anfertigen und Anti-Betrugssysteme entwickeln, tangiert Kramnik offenbar wenig. Kontakt zu denen, die für sein Problem zuständig sind (und die sich damit besser auskennen dürften), hat er nicht aufgenommen.

So lange er das nicht tut, kreist Kramnik mit seinem Online-Cheating-Thema ausschließlich um sich selbst. Immerhin beschert es ihm eine Ausrede für Niederlagen in dem Spiel, in dem er einst der Beste war: “Alles voller Betrüger, wie soll ich da gewinnen?” Dass er fortlaufend Leute brüskiert, fällt Kramnik entweder nicht auf, oder es ist ihm egal. So oder so, zur Lösung des größten Problems im Wettkampfschach trägt er nichts bei.

Die verkommene Jugend und der grassierende Betrug – kein Wunder, dass jemand, der das so sieht, Onlineschach nicht mag und sogar aus Protest nicht mehr mitspielen will. Erstaunlich nur: Er spielt trotzdem. Und das fast täglich und entgegen seiner Boykottankündigung sogar Titled Tuesdays, zuletzt am 29. August.

Online now, despising cheaters: Auf chess.com ist Vladimir Kramnik kurz davor, sich zum Narren zu machen.

Vor wenigen Jahren war es noch ein running gag in der Schachszene, wenn der große Kramnik während Analysen nach der Partie nach eigener Einschätzung stets besser stand, unabhängig davon, wie es tatsächlich stand. Vor einem Jahr die unsportlichen Ausfälle gegen junge Leute. Jetzt obsessiert er über Cheating und über seine “private Untersuchung”.

Diese Untersuchung, begleitet von wortreichen Ausführungen, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit enden wie die Schachprogrammier-Ambitionen von Kramniks Lehrmeister Mikhail Botvinnikohne Ergebnis. Mehrfach-Weltmeister Botvinnik hat jahrzehntelang lang ein Gespenst gejagt.

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halbstark
halbstark
9 Monate zuvor

Er hat auch vor zwei Monaten auf dem Levitov-Youtube-Kanal ein Interview gegeben (mit englischen Untertiteln). Habs 20 Minuten ertragen, dann wurde es mir zu absurd ist. Natürlich ist Cheating ein großes Problem fürs Online-Schach und es ist gut, wenn sich mit Leute mit konstruktiven Vorschlägen einbringen. Aber Kramnik scheint in der Tat komplett auszublenden, dass Chess.com ein ganzen Anti-Cheating-Team besitzt und seine eigenen Vorschläge sind doch mitunter arg absurd. (Er würde zum Beispiel gerne für kleines Geld einen Mathematikstudenten(!) Chess.com Partien auswerten lassen – glaubt er chess.com kann sich keine ausgebildeten Mathematiker leisten?) Und er würde knallhart Leute bei unwahrscheinlichen… Weiterlesen »

Matthias
Matthias
9 Monate zuvor

Ich kann Kramnik teilweise verstehen. Onlineschach macht mir auch keinen Spass mehr. Vielleicht bin ich ja ein Pechvogel, aber als Jahrgang 1966 werde ich mich nicht mehr daran gewöhnen, dass einfach alles weitergespielt wird, und man wirklich regelmäßig gegen Leute kommt, die einfach unnatürlich fehlerlos spielen. Selbst unter Wertungszahlen von 2000 passiert das immer wieder. Das muss ich mir nicht antun. Noch schlimmer finde ich allerdings die, die in Verluststellung einfach keine Züge mehr machen…

Joschi
Joschi
9 Monate zuvor

Möglicherweise braucht Kramnik eher einen Psychologiestudenten (oder einen Psychiater) statt einen Mathematikstudenten …

CoachJaxx
CoachJaxx
9 Monate zuvor

Sein chess.com-Profil widmet der Exweltmeister inzwischen Hans Niemann samt Auszug aus seiner fragwürdigen Accuracy-Statistik. In dem 45-minütigen Video: https://youtu.be/HYgUp9AGo5k auf dem Levitov-Youtube-Kanal gelingt die Erklärung des Narrenmatts in der ersten halben Stunde allerdings nicht wirklich und über die restliche Viertelstunde möchte ich mal lieber den Mantel des Schweigens decken.

Peter Teuschel
Peter Teuschel
9 Monate zuvor

Alles klar, bin da ganz bei dir! Allerdings so ein klein wenig kann ich Kramnik schon verstehen – verloren ist verloren und remis ist remis … so ganz von der Hand weisen will ich das nicht. Aber es ist halt wie im Blitz – das ist Wild West-Schach und wer sich auf rauchende Colts einlässt, der lässt sich auch darauf ein, dass der Gegner schneller zieht als man selbst. Und die Partie ist ja auch schnell vergessen und weiter gehts …

Carl Magenstab
Carl Magenstab
9 Monate zuvor

Ich teile im Großen und Ganzen die kritische Einstellung zur Person Kramnik. Er hat allerdings in seinem Profil einen Satz formuliert, den man vorerst ebenso wenig belegen wie widerlegen kann: “I have realised that cheating is quite a common practice even among titled players.” Alle online-Spieler haben reichhaltige Erfahrung mit Betrug; mittlerweile auch Turnierspieler am Brett. Warum also sollte man nicht mit geteiltem Bildschirm und Kamera spielen – wenigstens zur Sicherheit? – Ich hatte noch einen anderen Gedanken: Könnte es sein, dass die Betrugsvorwürfe, die Topalov (wohl zu unrecht) 2006 gegen Kramnik erhoben hat, nun als verzerrtes Echo zurückkehren und… Weiterlesen »

Mulde
Mulde
9 Monate zuvor

Magenstab hat recht, indem er auf das Match Topalov::Kramnik weist, als Kramnik sich in seinem schäbig auftretenden Opponenten in vorbildlicher Haltung nicht nur moralisch überlegen erwies, Er kann es also. Ob Kramnik inzw. eigentlich zurückgetreten war / ist, noch immer als Aktiver voll dabei ist oder was immer sein Status ist und seine Pläne sein mögen, ist unklar. Vielleicht spielt er demnächst in der franzö. Liga.

trackback

[…] Kramnik vs. Hans Niemann, die sich in den vergangenen Tagen munter weitergedreht hat. Nach dem Narrenmatt-Vorfall wollte es das Schicksal, dass sich die beiden in der Qualifikationsrunde zum gerade laufenden […]

Verena Meier
Verena Meier
9 Monate zuvor

Der Umstand, dass chess.com dutzende Spezialisten beschäftigt, die Statistiken anfertigen und Anti-Betrugssysteme entwickeln, tangiert Kramnik offenbar wenig.

Spezialoperation 🙂