Keymers wilder Ritt

David Navara einmal zu besiegen, ist schon eine herausragende Leistung. Vincent Keymer hat den Supergroßmeister aus Prag in der achten Runde der Europameisterschaft zweimal besiegt. Nachdem ihm im letzten Zug vor der Zeitkontrolle seine Gewinnstellung abhanden gekommen war, musste Sisyphos Keymer den tschechischen Stein von neuem den Berg hochrollen. Das tat er – und wie!

Die Schlacht gegen Navara war nicht weniger als eine fantastische Schachpartie – und ein wilder Ritt. Der Sechsstünder am zweiten Brett begann mit einer ausgefuchsten Eröffnungsvorbereitung des 16-Jährigen. Über ein mit Feinheiten gespicktes Mittelspiel mündete die Partie in eine gegenseitige Königshatz, die Keymers König komfortabel, Navaras König knapp überlebte. Die größere Not des gegnerischen Monarchen nutzte Keymer, um die Chose in ein gewonnenes Endspiel zu transformieren. Und das beendete er mit einem taktischen Knaller.

Wer heute die Frankfurter Allgemeine Zeitung aufschlägt, der findet darin – nein, keinen Bericht über Keymers neueste Heldentat, auch keinen über das bisherige Abschneiden der vielköpfigen deutschen Delegation bei der Europameisterschaft. Nun, da das Turnier auf die Zielgerade geht, hält Schachfreund Stefan Löffler die Zeit für gekommen, um über Schachtitel zu reflektieren, die nicht viel wert seien, darunter der des Europameisters.

Das führt uns geradewegs zur der Frage, ob der werte Kollege noch alle Tassen keine Themen mehr findet. Und zur Feststellung, dass wir als dem Schach verpflichtete und speziell den Spielern gewogene Berichterstatter an diesem Wochenende genau einen Job haben: Mitfiebern, Daumen drücken und die Geschichten erzählen, die unsere Helden in Reykjavik schreiben, Triumphe und Tragödien.

Wenn auf dem Brett, das uns die Welt bedeutet, die Schlacht geschlagen ist, soll hier wieder beleuchtet werden, was im Schach besser laufen könnte. Dann bekommen die Spalter und Verwalter ihren Auftritt, dann lenken wir den Spot auf die sportliche Elite, die sich in ihrer Blase so komfortabel eingerichtet hat, dass sie keinen EM-Titel braucht – und auf das emsige Strampeln der vielen Schachmeister knapp darunter, die um Zutritt zu dieser Blase kämpfen.

Eine Vielzahl von denen kämpft jetzt in Reykjavik, wo es heute um 17 Uhr mit der neunten von elf Runden weitergeht (Liveübertragung). Die Tragödie der achten Runde schrieb zweifelsfrei Matthias Blübaum, dem das Los die schwarzen Steine gegen Velimir Ivic zugeteilt hatte, den Spieler, der ihn gerade erst aus dem World Cup 2021 gekegelt hatte.

26 Züge gespielt, Velimir Ivic hat noch 1 Stunde, 22 Minuten auf der Uhr, und Matthias Blübaum stellt fest, dass 26…Txc2 nicht geht. | Foto: Reykjavik Open

Nun saßen sie einander schon wieder gegenüber. Statt Caro-Kann wählte “Le Blü” dieses Mal sein geliebtes Französisch, und wer nur fünf Minuten nach Partiebeginn die Liveübertragung einschaltete, stellte fest, dass schon 15 Züge gespielt waren, so schnell hackten die Herren ihre Theorie herunter. Der Haken an der Sache: Ivic hatte alles daheim ausgeklügelt und hackte munter weiter, während Blübaum bald auf sich und eine vielleicht vage Erinnerung gestellt war.

Der Serbe präsentierte einen neuen Versuch, eine alte Partie Ponkratov-Malakhov zu verbessern. Objektiv führt 19.De3, 20.a3 nebst 21.f5 zu 0,00, aber es ist Schwarz, der mit maschineller Präzision eine Reihe von Problemen lösen muss, um dieses 0,00 nachzuweisen. In der Reykjaviker Praxis war es spätestens nach 30…Tg5 31.c5! um Schwarz geschehen. Nun musste zwar auch Ivic selbst denken, aber er hatte ja mehr als reichlich Zeit, um mit der seinerseits ebenfalls erforderlichen Präzision den Punkt nach Hause zu schaukeln.

Aus dem Rennen um die World-Cup-Qualifikation ist Blübaum (4,5/8) fast ausgeschieden. Aller Wahrscheinlichkeit nach würden nicht einmal 2,5 Punkte aus den verbleibenden 3 Partien reichen. Blübaums Mission 3/3 beginnt heute mit einer Weißpartie gegen den israelischen GM Ori Kobo.

Die Top 25 des Felds (via chess-results.com):

1GMDemchenko AntonRUS25976,5261937,040,528131023,0
2GMMamedov RaufAZE26546,5258738,542,528111015,2
3GMKeymer VincentU18GER26026,5255535,038,027581016,5
4GMGabuzyan HovhannesARM25876,0260439,543,027351017,5
5GMPiorun KacperPOL26086,0259139,043,027341014,2
6GMSarana AlexeyRUS26436,0257938,042,027411010,1
7GMRomanov EvgenyRUS25946,0253334,538,526791010,0
8GMYilmaz MustafaTUR26306,0251733,537,02679105,4
9GMMamedov NidjatAZE25956,0248435,038,52637107,6
10GMNagy GaborHUN25185,5264636,538,526821022,8
11GMErdos ViktorHUN26145,5259935,539,52690109,3
12GMHuschenbeth NiclasGER25925,5259736,539,526831011,3
13GMIvic VelimirU20SRB25715,5259634,537,526731013,2
14GMLagarde MaximeFRA26315,5258538,042,02692106,9
15GMHovhannisyan RobertARM26265,5257437,040,52677105,9
16GMNavara DavidCZE26755,5257237,039,52693102,0
17GMVan Foreest LucasU20NED25445,5256133,035,526331012,9
18GMGrandelius NilsSWE26665,5255234,538,52675101,0
19GMNisipeanu Liviu-DieterGER26715,5254737,040,52668100,2
20IMKacharava NikoloziU18GEO24535,5254333,035,025211019,6
21GMSargissian GabrielARM26825,5254234,537,5261610-2,0
22GMSaric IvanCRO26535,5253835,039,02657100,8
23GMVocaturo DanieleITA26305,5253834,538,52648102,5
24GMPantsulaia LevanGEO25645,5253232,535,02615108,3
25GMFridman DanielGER26215,5251435,539,52622100,8

Die nach Keymer zweitbeste Chance für einen Platz unter den besten 23 hat Niclas Huschenbeth dank seiner exzellenten Buchholz und natürlich dank seines Schwarzsiegs über Spartak Grigorian. 5,5/8 hat Huschenbeth jetzt, ebenso wie Liviu Dieter Nisipeanu und Daniel Fridman, der mit Schwarz den französischen Wunderknaben Marc Andria Maurizzi alt aussehen ließ. Aber im Gegensatz zu Keymer befindet sich keiner dieser drei in einer ausreichend komfortablen Konstellation, die es erlauben würde, sich ins Ziel zu remisieren.

Niclas Huschenbeth. | Foto: Thorsteinn Magnusson/Reykjavik Open

Die gute Nachricht: Keymer ebenso wie die drei 5,5er haben heute Weiß und damit eine gute Chance auf zwei Weißpartien in den verbleibenden drei Runden.

Auf Tuchfühlung mit 5/8 sind Alexander Donchenko und Rasmus Svane, die in der achten Runde remisierten. Svane stand mit Schwarz erst unter gewaltigem katalanischen Druck seines dänischen Landsmanns Jonas Buhl Bjerre, dann drehte sich das Blatt nach einem heftigen taktischen Fehlgriff, aber es sollte nicht zum vollen Punkt reichen.

Alexander Donchenkos London-System führte zu nichts, aber er wollte trotzdem einen Königsangriff erzwingen, wo keiner war. Letztlich kann Donchenko froh sein, dass der 100 Elo schwächere Emre Can den Bluff des Gießeners nicht entschiedener callte. Donchenko, auch das eine Qualität, hat sich zuletzt so viel Respekt seiner Gegner erarbeitet, dass er gegen Eloschwächere regelmäßig mit einem halben Punkt davonkommt, obwohl er stark überzogen hat.

Paarungen der 9. Runde (via chess-results.com, zur Liveübertragung):

GMKeymer Vincent2602GMMamedov Rauf2654
GMNisipeanu Liviu-Dieter2671GMPantsulaia Levan2564
GMFridman Daniel2621GMSaric Ivan2653
GMHuschenbeth Niclas2592GMLagarde Maxime2631
GMPaichadze Luka256455GMDonchenko Alexander2657
GMSvane Rasmus261555GMHillarp Persson Tiger2543
GMBluebaum Matthias2674GMKobo Ori2490
IMVogel Roven2441GMBartel Mateusz2611
GMDragnev Valentin2557IMGrigorian Spartak2448
IMPetrov Martin2521IMLubbe Nikolas2427
FMKoellner Ruben Gideon2418GMFerreira Jorge Viterbo2520
IMLoiseau Quentin246644Humburg Philipp2245
Wecker Martin219544IMSaraci Nderim2455
FMLorscheid Gerhard220244IMKaasen Tor Fredrik2406
IMFruebing Stefan2406Jonsson Gauti Pall2070
Butenandt Svenja2036FMKrastev Alexander2389
Koellner Aaron Noah224833Nielsen Thomas1953
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