Kandidatin ohne heißes Thema

Einen Vergleich ansteuern, den Spatz in der Hand nehmen und die Sache schnell vom Tisch bekommen? Oder aufs Ganze gehen – und riskieren, dass sich die Angelegenheit über Jahre hinzieht? Das waren die Optionen im Fall Jordan, beide hatten entschiedene Fürsprecher.

Über diesem Fall drohte die DSB-Präsidentschaftswahl vor zwei Jahren knapp zu werden. Herausforderer Uwe Pfenning repräsentierte diejenigen, die die Sache schnell vom Tisch bekommen wollten, anstatt jahrelang vor Gericht einem ungewissen Ausgang entgegenzusegeln. Amtsinhaber Ullrich Krause befürchtete, dass er darüber die Wahl verlieren könnte.

Zwei Jahre später ist Krause frei von derlei Befürchtungen. An Erdbeben jordanscher Ausmaße hat es seit seiner ersten Wiederwahl nicht gemangelt, an selbstverschuldeten zumal, allerdings bebte es in Gebieten, die die Delegierten weniger tangieren als die Übernachtungsgeschäfte eines Dresdner Turnierveranstalters.

Werbung

https://twitter.com/Meyer_Dunker/status/1397880565156794369
“Wir mussten so handeln, sonst hätten wir uns strafbar gemacht”: In der Jordan-Affäre tauchte diese Argumentationslinie erstmals auf. Weil das so prima funktioniert hat, wird sie seitdem immer neu dekliniert, zuletzt von Ullrich Krause in der Causa Meier: “Wir durften Uruguay nicht die Wechselgebühr erlassen, sonst …” Jetzt meldet sich mit Paul Meyer-Dunker zum ersten Mal jemand, der das hanebüchen findet.

Am kommenden Samstag wird der DSB-Kongress Ullrich Krause zum Präsidenten wählen. Alles andere als seine zweite Wiederwahl wäre eine Sensation.

Ein Leben ohne Schach kann sich die Bayerische Meisterin Olga Birkholz nicht vorstellen. Sollte sie am Samstag verlieren, will sie sich aus DSB-Angelegenheiten zurückziehen, sich aber umso mehr im Bayerischen Schachbund engagieren. | Foto: Klaus Steffan

Eine Herausforderin gibt es dieses Mal auch, Olga Birkholz. Nur hat die, anders als Uwe Pfenning vor zwei Jahren, kein Thema, das die Gemüter der Schachverwalter zu erhitzen vermag. Und daran ist die 59-Jährige in erheblichem Maße selbst schuld. Zwei Jahre lang hat die Vizepräsidentin Sport weder gegen die ihr in der DSB-Spitze widerfahrenen Schäbigkeiten aufbegehrt, noch hat sie inhaltliche Kontrapunkte gesetzt. Nicht einmal, als der ihr unterstellte Leistungssport über Monate hinweg demontiert wurde, hat sie angemerkt, dass sie das nicht gut findet, geschweige denn eine rote Linie gezogen.

Zum Entschluss, es besser selbst zu machen, ist Birkholz erst gelangt, nachdem Christian Kuhn seine Präsidentschaftskandidatur zurückgezogen hatte. Kuhn hatte wiederholt erklärt, er steige im Sinne des Schachs nur deswegen in den Ring, weil sich niemand anderes finde. Wie Kuhn haftet nun Birkholz das Etikett der Notkandidatin an, die nicht vom unbedingten Wunsch getrieben ist, am Steuer des Tankers zu stehen.

Gegenüber Walter Rädlers Newsletter nennt Birkholz diese Anliegen:

  • Nach Corona sind die Werte und Weiterentwicklung des Schachsports neu zu entscheiden.
  • Kompetenzen des Hauptamtes und Ehrenamtes fachgerecht nutzen.
  • Transparenz und Kontrolle der Geschäfte des DSB.
  • Breitensport und Leistungssport unter einem Verantwortlichen Vizepräsidenten/in zusammenlegen. Die Position des Sportdirektors stärken und mit neuen Aufgaben ausschreiben lassen.
  • Strukturen und Konzepte im Leistungssport erneuern.
  • Vertretung bei nationalen und internationalen Organisationen, Institutionen und Firmen intensivieren und ausbauen.
Olga Birkholz in der Frankenpost.

Einen inhaltlichen Kontrapunkt setzt Birkholz jetzt im Gespräch mit der Frankenpost, ihren Fokus auf Ausbildung und Ehrenamt: Die Ullrich Krause vorschwebende Professionalisierung laufe ihren Vorstellungen zuwider, sagt Birkholz – und verpasst eine letzte Gelegenheit, die Wattebäuschchen beiseite zu legen und den Fehdehandschuh anzuziehen.

„Erst engagierte, fähige Ehrenamtliche rauszuekeln, um dann nach Profis zu rufen, ist absurd“, hätte sie ausführen können. „Einen Pressesprecher wollen Marcus Fenner und Ullrich Krause einstellen, damit sie selbst nach außen nicht mehr so peinlich sind. Mit der Außendarstellung des Schachs hat das nicht viel zu tun“, hätte sie zum Profi-vs.-Ehrenamt-Thema anmerken können.

Immerhin möchte sie nicht wortlos stehen lassen, wie es ihr ergangen ist, nachdem sie das Amt erstritten hatte, das von Ullrich Krause für Klaus Deventer vorgesehen war. Schlechte Erfahrungen mit Krauses Führungsstil habe sie gemacht, erklärt Birkholz jetzt der Frankenpost. In Entscheidungen sei sie nicht eingebunden worden, beim Fall Schulz und der Entscheidung, dem DSJ-Geschäftsführer zu kündigen, etwa. Oft hätten nur die drei Herren ohne Präsidiumsbeschluss entschieden. Zuletzt sei sie nicht einmal gefragt worden, ob sie weitermachen möchte. Stattdessen wurde ihr Ralph Alt als Kandidat für die Vizepräsidentschaft Sport vor die Nase gesetzt.

Kandidiert als Vizepräsidentin Finanzen: Gulsana Barpiyeva. | Foto: privat

„Wenn ich schon als Präsidiumsmitglied nichts mitentscheiden kann, dann aber sicher als Präsidentin“, sagt Birkholz jetzt. Nur sind aus dem Verwaltungsbuschfunk keinerlei Signale zu vernehmen, die sich in Richtung einer mehrheitsfähigen Unterstützung für die erste Präsidentschaftskandidatin in der Geschichte des Schachbunds deuten ließen.

Spannender erscheint die Wahl für die Vizepräsidentschaft Finanzen, die der glücklose und jetzt anderweitig berufene Hans-Jürgen Weyer aufgibt. Für dieses Amt bringt Olga Birkholz eine Kandidatin mit, die sich ihrer Bewerbung nach als hoch-, wenn nicht überqualifiziert darstellt. Bundesbank-Referatsleiterin Gulsana Barpiyeva könnte die Chance haben, als zweite Frau in der Geschichte des Schachbunds in ein Präsidium einzuziehen.

Eine kurzfristige Kandidatur für die Vizepräsidentschaft Verbandsentwicklung ist nicht zu erwarten. Jan Werner hätte im Team von Christian Kuhn dafür kandidiert. Nachdem Kuhn zurückgezogen hatte, hat der Vorsitzende des Düsseldorfer SK lange mit sich gerungen, ob er seine Kandidatur aufrechterhält. Die Versuchung sei groß gewesen, sagt Werner.

In der ausklingenden Pandemie sieht der 53-Jährige das organisierte Schach vor einer selten kritischen Phase voller Herausforderungen und Gelegenheiten. „Dieses wäre die Zeit, sich einzubringen, Dinge anzustoßen und zu bewegen.“

Kandidiert nicht: Jan Werner | Foto: privat

Die Chance, eine Wahl gegen den beim Kongress vor einem Jahr angezählten Amtsinhaber Boris Bruhn zu gewinnen, wäre zumindest existent gewesen, womöglich veritabel. Trotzdem entschied sich Werner im Lauf der vergangenen Tage, nicht anzutreten.

„In einem Team mit Christian Kuhn, Georg Meier und Gerald Hertneck hätten wir gemeinsam Konzepte entwickeln und vorantreiben können. Mich in Graben- und Machtkämpfen aufzureiben, das brauche ich nicht.“ Aber die gegebene Konstellation lasse ihn befürchten, dass es auf ebensolche Kämpfe hinausgelaufen wäre.

Werner beschloss, seine Kraft und seine Ideen fürs Schach weiterhin auf den Düsseldorfer SK zu fokussieren: „Auch da stehen wir vor einer Phase voller Herausforderungen und Chancen.“


Meinungen? Einwände? Kommentare? Hier entlang.