Die Welt-Liga des Schachs kommt, und Viswanathan Anand wird ihr Kopf sein

Die Frage ist nur: Wann? Ob es passieren wird, ist keine Frage mehr. Wir werden beim Schach eine Weltliga bekommen, wahrscheinlich auch kontinentale Ligen. Allerdings ist noch unklar, wie diese Ligen aussehen werden.

Der Weltverband FIDE ist jetzt auf einen Weltliga-Zug aufgesprungen, den Exweltmeister Viswanathan Anand gemeinsam mit den indischen IT-Riesen Tech Mahindra schon vor Monaten aufs Gleis gesetzt hat. Bislang hat das in erster Linie dazu geführt, dass sehr viel über eine Weltliga geredet wurde, ohne Konkretes zu sagen. Sicher ist nur: Sie kommt, vielleicht schon dieses Jahr.

Die internationale Schachwelt ist so klein und vernetzt geworden, natürlich würde es auf internationale Ligen hinauslaufen. Abzusehen war diese Entwicklung, seitdem Lichess die anfangs deutschen Quarantäneligen als Welt-Bundesliga mit zwei Mal wöchentlich tausenden Teilnehmern ins offizielle Programm aufgenommen hat. Umso mehr war sie abzusehen, seitdem das cheatingsichere hybride Schach in einer europäischen Test-Liga seine Feuertaufe bestanden hat.

Lechzen nach Reform

Beides ist noch nicht reif, um daraus eine richtige Liga zu machen. Es fehlen Struktur, Regeln, Vermarktung – ein Gefäß. Während die Welt-Bundesliga als freundlich-anarchisches Blitzturnier daherkommt, an dem jeder für wechselnde Teams teilnehmen kann, unabhängig davon, ob und wo er oder sie organisiert ist, ist beim hybriden Schach eine entscheidende technische Hürde noch nicht genommen: So lange nicht zuverlässig auf E-Brettern gespielt werden kann, werden die Schiedsrichter darauf bestehen, dass nicht der am Brett, sondern der am Bildschirm ausgeführte Zug gilt. Aber das führt zu Mausrutschern, und das wiederum entwertet das Format und die Schacherfahrung der Spieler.

Während Online- und hybride Mannschaftsturniere noch nicht zu Ende entwickelt sind, lechzen die traditionellen Mannschaftswettbewerbe nach Reform. Zum Beispiel interessiert sich niemand für den Europapokal der Vereine. Seit Jahren versteht die überwiegende Mehrzahl der Teilnehmer diesen Wettbewerb als Schachurlaub, gegebenenfalls noch als Gelegenheit, den Nachwuchskräften Spielpraxis zu verschaffen. Wer die Siegerlisten anschaut, stellt fest, dass nicht einmal die Baden-Badener und Deizisauer Titelsammler den Europapokal für wichtig genug halten, um der Reihe ihrer Trophäen ein weiteres Exponat hinzuzufügen.

Der sportliche Wert dieses bis dahin kaum relevanten Wettbewerbs änderte sich radikal, als der Pokal 2021 erstmals online ausgespielt wurde. Für die Vereine entfielen Reise- und Übernachtungskosten – und plötzlich wollten alle gewinnen. Gespickt mit einer Heerschar von 2600ern und 2700ern, traten die europäischen Clubs zu Dutzenden an. Auf einmal war der Begriff „Champions League“ gerechtfertigt.

„Phygital Chess“?

Punktuell war es auch hinsichtlich der Präsentation zum ersten Mal seit 1976 eine Champions League: Aus deutscher Sicht machte die Truppe des Hamburger SK während ihres überraschenden Siegeszugs bis in die Finalrunde Schach zum Zuschauersport. Wahrscheinlich haben beim viertägigen Europapokalauftritt mehr Zuschauer mit den Hamburgern mitgefiebert als während all ihrer Mannschaftskämpfe in 40 Jahren Schachbundesliga.

„Champions League live“: Die Hamburger enterten gleich mehrere deutsche Schachkanäle, unter anderem den von chess.com und den von „The Big Greek“, auf denen die Zuschauer mitfiebern konnten. Alle anderen teilnehmenden deutschen Vereine hatten kein erkennbares Interesse daran, dass jemand mitfiebert. | Screenshot via Hamburger SK

Wir können nur hoffen, dass nach dem Erfolg des Europapokals 2021 seitens des europäischen Verbands ein ab 2022 hybrid gespielter Europapokal in Planung ist. Fast 50 Jahre nach seiner Gründung könnte eine solche Reform diesen Wettbewerb sportlich dauerhaft relevant machen.

Allerdings könnte der Begriff „hybrid“ schon hinfällig sein, bevor das Format entwickelt und ausgereift ist. Weltliga-Chairman Viswanathan Anand hat jetzt das aus dem Marketing stammende Kunstwort „phygital“ verwendet, um anzudeuten, was ihm für seinen globalen Wettbewerb vorschwebt. Vorerst ist „phygital“ freilich nicht mehr als ein Etikett, das Modernität suggerieren soll. Hinsichtlich Formats und Teilnehmer hat Anand noch nichts gesagt.  

Vom Cricket lernen

Wer immer mitspielt und wie immer das aussehen mag, sicher ist, dass eine Million Dollar Preisgeld bereitsteht – Peanuts für einen (in Deutschland präsenten und vernetzten) Konzern wie Tech Mahindra mit mehr als 100.000 Mitarbeitern und fünf Milliarden Dollar Jahresumsatz. Sicher ist auch, dass die Zuschauer mehr denn je eingebunden werden sollen. Sie sollen beim Format der Wettkämpfe mitreden, sie sollen außerdem über eine Fantasy-Liga involviert werden, eine Fantasy-Liga, in der im Gegensatz zu Fantasyligen in anderen Sportarten die Zuschauer selbst spielen können. Sicher ist auch, dass die von Sponsoren getragenen Mannschaften nicht ausschließlich eine Ansammlung von Eloriesen sein werden. Es wird Jugendbretter geben und Wildcards.

Konzernchef, Milliardär und Schachfan: Anand Mahindra.

Entstanden ist die Weltliga auf Twitter. In erster Linie via Kurznachrichtendienst verfolgte Anand Mahindra, Chef des indischen Konzerns, die Online-Olympiade im vergangenen Jahr, an deren Ende sich die Inder und die Russen die Goldmedaille teilten. Anand Mahindra und Viswanathan Anand fanden über dem Gedanken, dem Schach eine Weltliga zu geben, zueinander. Der Konzernchef bat den Exweltmeister, sich über Format und Teilnehmer Gedanken zu machen, und er sagte zu, das Projekt zu unterstützen und voranzutreiben.

Seitdem hat der 51-Jährige, Spitzenbrett des Deutschen Meisters OSG Baden-Baden, darüber sinniert, wie eine internationale Schachliga aussehen sollte. Nachdem er sich monatelang in anderen Sportarten umgesehen hat, ist er jetzt zu dem Schluss gekommen, dass ein Gedanke über allen anderen stehen sollte: Vor den Zuschauern sollte so eine Liga keine Hürden aufbauen. Sie sollte möglichst zugänglich sein, zu Partizipation und Engagement einladen.

„Jeder, der die Liga verfolgt, muss hinterher das Gefühl haben, dass er verstanden hat, was passiert ist“, sagt Anand. Nach Anands Willen wird das Schach vom Cricket lernen: „Im Cricket gab es 2007 und 2008 eine Diskussion, ob wir eine internationale Clubkultur haben sollten. Beim Schach ist es ähnlich, wir haben nur nationale Ligen. Eine globale Liga wäre eine Premiere“, sagte Anand dem „Indian Express“.

Das jüngste Wachstum des Schachs vergleicht Anand mit der Twenty20-Revolution im Cricket, die in den vergangenen Jahren die Popularität des Sports erheblich gesteigert hat. Die neue, schnellere, forciertere Spielform, nach der ein Match nicht länger als drei Stunden dauert, hat dem Cricket ausverkaufte Stadien beschert – und eine interne Debatte, wie es sie auch beim Schach gibt: auf der einen Seite die, die ums traditionelle Spiel fürchten, auf der anderen Seite die, die Cricket zugänglicher machen wollen.

Anand glaubt nicht, dass das eine das andere ausschließt. Die „Essenz des Spiels“ hält er für unantastbar, drumherum will er ausprobieren und experimentieren. Ob er als Ligadirektor selbst mitspielt, weiß Anand noch nicht. „Ich glaube es nicht, aber wir werden es sehen, wenn die Teams feststehen.“

(Titelfoto: „Champions League“-Sieger Vincent Keymer (via Grenke Chess), Viswanathan Anand mit dem Weltpokal)

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