Das Ende seiner Funktionärslaufbahn

Christian Kuhn zieht seine Kandidatur um die Präsidentschaft des Deutschen Schachbunds zurück. In einer Mitteilung auf seiner Homepage („Das Ende meiner Funktionärslaufbahn“) machte Kuhn jetzt gesundheitliche Gründe für seinen Rückzug geltend. Es tue ihm leid, seine Mitstreiter mit ihrem Engagement allein lassen zu müssen. „Hoffentlich findet sich noch ein*e Kandidat*in, der/die für einen Wechsel steht und mit meinem Team zusammenarbeiten möchte“, schreibt Christian Kuhn.

Christian Kuhn. | Foto: Frank Hoppe/Schachbund

Lange hatte Kuhn sich schwer getan, ein Team zusammenzustellen. Es sei schwierig gewesen, Menschen zu finden, „die bereit sind, nicht nur von der Seitenlinie aus zu kritisieren, sondern selbst Arbeit zu investieren und sich der nicht immer sachlichen Kritik in den sozialen Medien zu stellen“.

Kuhns Dank gilt Jan Werner, Vorsitzender des Düsseldorfer SK, der im Kuhn-Präsidium die Verbandsentwicklung übernommen hätte, sowie Großmeister Georg Meier, der unter Kuhn Vizepräsident Sport hätte werden sollen. Für den zuletzt personell und fachlich ausgebluteten Leistungssport stand mit Gerald Hertneck als potenzieller Referent ein weiterer Großmeister bereit, der, so Kuhn, „sich für den Leistungssport besonders im Frauenbereich einsetzen will“. Ob und wie es nun weitergehe, dazu wollte sich Werner auf Anfrage dieser Seite einen Tag nach dem Kuhn-Rückzug noch nicht äußern.

Neben den potenziellen Amtsträgern nannte Kuhn weitere Helfer. Der Journalist Stefan Löffler habe zwei Workshops organisiert, „bei denen ich viel über Breiten- und Leistungsschach gelernt habe“. Auch dank der technischen Unterstützung von Online-Fachmann Leonid Löw würden die Ergebnisse dieser Workshops nicht verlorengehen. Michael S. Langer habe ihm „als intimer Kenner der Strukturen des organisierten Sports“ viele wertvolle Ratschläge gegeben. „Es würde vielen gut tun, ihm zuzuhören und seine Meinung ernst zu nehmen.“

Vizepräsident Sport? Georg Meier. | Foto: Klaus Steffan

Auch von seinem Amt als Berliner Schachpräsident wird sich Kuhn in den kommenden Wochen zurückziehen, ein Rückzug, der ihm ungleich weniger Bauchschmerzen bereitet. Im Gegensatz zum DSB sei der Berliner Verband personell mittlerweile hervorragend aufgestellt. Der Verbandstag im Juni werde über seine Nachfolge befinden.

Kuhn macht deutlich, er habe in den vergangenen Wochen viel Zuspruch aus verschiedenen Richtungen erfahren. Die Unzufriedenheit sei groß, und ein „gar nicht kleiner Teil der Landesverbände“, womöglich eine Mehrheit, wünsche sich frischen Wind statt „weiter so“.

Ullrich Krause verkauft das „weiter so“ derweil als potenzielle Fortsetzung seiner Erfolgsgeschichte. Der Amtsinhaber hat jetzt sein Wahlprogramm veröffentlicht und sein Schattenkabinett benannt. In der neuen, mehr als 240 Seiten starken Kongressbroschüre hat Krause nach einem von verbalem Um-sich-Treten und Belehrungen geprägten Bericht im vergangenen Jahr nun zu einem angemessenen Ton zurückgefunden. Auch lässt die neue Broschüre vermuten, dass das Verhindern unliebsamer Anträge mit redaktionellen Bearbeitungen und juristischen Winkelzügen nicht als Prinzip etabliert werden, sondern ein Ausrutscher gewesen sein soll.

Das neue Team Krause soll auf zwei Positionen verändert sein. Krause will sich seiner Vizepräsidentin Sport Olga Birkholz entledigen. Ob die sich nun Team Kuhn anschließt, es gar anführen will, oder auf dem Kongress als unabhängige Kandidatin auftritt, ist offen. Ursprünglich wollte sie unabhängig von Krauses Plänen als Vizepräsidentin Sport kandidieren. Seitdem sich ihr die Personalie Alt offenbart hat, ist diese Option vom Tisch. Sie hält sich als potenzielle DSB-Präsidentin bereit.

DSB-Präsident Ullrich Krause (2.v.r.) will weitermachen, auch Vizepräsident Boris Bruhn (r.) soll sich weiter am Amt erfreuen. Olga Birkholz (2.v.l.) wird sicher nicht weiter Vizepräsidentin Sport sein, bleibt aber als unbekannte Größe in der Partie. DSJ-Chef Malte Ibs (l.), Krause-Fenner-Gegenspieler im ohne Not eskalierten Streit mit der Schachjugend, soll derweil schon an diesem Wochenende abgesägt werden (dazu demnächst mehr). | Foto: Schachbund

Ralph Alt als Krauses Kandidat für die Vizepräsidentschaft Sport soll dem DSB-Präsidium die Gravitas geben, die ihm in den vergangenen Jahren bitter gefehlt hat. Alt soll Andreas Jagodzinskys in der Schach gestellte Frage beantworten, wer eigentlich den DSB anführt, womöglich auch Jagodzinskys Feststellung parieren, Fenner/Krause hätten „moralisch abgewirtschaftet“. Mit Alt an Krauses Seite wäre die Zeit eines denkbar schwachen Präsidiums wahrscheinlich ebenso vorbei wie die eines DSB-Führungsduos mit unklarer Kompetenzverteilung.

Ralph Alt.

Angesichts seines Ansehens in der Funktionärsszene wäre es eine Sensation, würde Alt nicht gewählt. Allerdings sieht ein Großteil der Delegierten im renommierten Juristen Alt vor allem jemanden, dessen Kompetenz bei Satzungs- und Ordnungsfragen wichtig sein würde, sollten die DSB-Paragrafenwerke reformiert werden.

Was aus dem Sport würde, für den er kandidiert, wäre offen. Dem DSB-Leistungssport fehlen nach den ohne Not eskalierten Verwerfungen des vergangenen Jahres Personal und Sachverstand, allein die Schachmeister sind noch da. Nur findet sich unter den Kongressdelegierten beim Schach(!)bund kaum jemand, der sich für Schach interessiert, geschweige denn an meisterhaft gespieltem Schach Anteil nimmt. Insofern wird die akute Notlage beim Leistungssport vermutlich nicht allzu hoch gewichtet.

Finanzchef Hans-Jürgen Weyer hört aus eigenem Antrieb auf. Ihn zieht es zurück zum Berufsverband der Geowissenschaftler, dessen Geschäfte er seit Mitte der 80er-Jahre fast drei Jahrzehnte lang geführt hat. Weyers potenziellen Nachfolger hat Ullrich Krause in seinem Freundeskreis gefunden – und im Landesverband Berlin.

Carsten Schmidt.

Den hatte Carsten Schmidt seit 2010 angeführt und sich dem Vernehmen nach manches Verdienst erworben, bis im September 2020 Christian Kuhn übernahm. Als Ausbildungsreferent blieb Schmidt dem Landesverband unter Kuhns Führung erhalten.

In den Jahren der Krause-Präsidentschaft fiel Schmidt als von Krause gewieft installierter Anführer des Arbeitskreises der Landesverbandspräsidenten auf. Der Berliner führte dieses als Korrektiv und Impulsgeber gedachte Gremium in die Bedeutungs- und Wirkungslosigkeit, was Krause/Fenner auf den akuten DSB-Baustellen ungestörtes Eskalierenlassen Schalten und Walten ermöglichte. Die Versuche von Schmidts Nachfolger Guido Springer, den AKLV wiederzubeleben, haben bislang kaum gefruchtet.

In die Verwaltungsfalle

Ironie der jüngeren Schachgeschichte: Als Mitglied eines neuen Präsidiums soll Schmidt nun Vorschläge erarbeiten, „wie der Arbeitskreis der Landesverbände seiner Bestimmung gerecht werden kann“. Geplant ist, die Landespräsidenten enger am DSB-Präsidium anzudocken.

Damit wäre freilich genau der Weg beschritten, der das organisierte Schach weiter in die Verwaltungsfalle führt. Im Sinne einer Infusion von Ideen und Gestaltungskraft wäre es sinnvoll, der DSB würde den Zopf der Landesverbände mit ihren am Schach wenig interessierten Verwaltern abschneiden. Stattdessen sollte er entweder, französisch-norwegisches Vorbild, die Vereine oder sogar, US-Vorbild, die Spieler direkt am Verband andocken.

Der Plan dafür, heißt es, liegt längst bei Marcus Fenner und Ullrich Krause in der Schublade. Nur wäre sein Verwirklichen mit dem Überwinden von Widerständen verbunden, gefolgt von einem unbequemen Ringen um Ideen und Lösungen für unser Spiel und unseren Sport. Dagegen ermöglicht ein noch enger angebundener AKLV dem Präsidium ein von kreativen Impulsen ungestörtes „weiter so“, während die Aussicht, künftig auf dem Schoß des Präsidiums zu sitzen, manchem Landersfunktionär verlockend erscheinen dürfte.

Der Weg in die Verwaltungsfalle ist der bequemere, im Sinne einer Wiederwahl der erfolgversprechende. Das Schach muss sich hinten anstellen.


In einer älteren Version dieses Beitrags stand: „Ralph Alt soll angekündigt haben, nur zu kandidieren, wenn auf dem Kongress Krause wiedergewählt wird. Andernfalls werde er unmittelbar vor der Wahl zurückziehen.“ Alt teilt dazu mit, er habe das niemandem angekündigt.

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