Gipfelmanifest (III): Der Schachbund online – eine Baustelle, umgeben von Wüsten

Einen richtig guten Vorschlag gibt es durchaus im Programm von Team Pfenning: das „Projekt 100.000plus“, das allein als Symbol für Ambition und Optimismus ein wichtiges Zeichen setzen würde.

Die Umstände, unter denen Schach in Deutschland größer werden könnte, als es jemals war, sind ja denkbar gut. Schach brummt: Schulschach boomt, Schachlehrer und -coaches sind gefragter denn je, die Zahl der großen Schachveranstaltungen steigt, sportlich wächst zumindest ein Zugpferd heran, vielleicht mehrere.

Damit diese Saat ideal aufgeht, müssen alle Beteiligten zusammenarbeiten, um dafür zu sorgen, dass Schach eine Sogwirkung entwickelt, dass die maximale Dynamik entsteht. Sich nur hinzustellen und „100.000plus“ zu rufen, wird nicht reichen.

Anreize und Hilfe

Wer Leute in die eine oder andere Richtung steuern will, der muss Anreize schaffen. Und genau das würde der Schachbund tun müssen, um sein Wachstum aktiv zu gestalten. Anreize für Ehrenamtler, Besonderes zu bewegen, für Vereine, für Spieler, insbesondere für Profis. Und er muss klar kommunizieren, was er tut, in welche Richtung er steuert und allen Beteiligten Hilfe anbieten, auch da: insbesondere den Profis/Zugpferden (mehr dazu findet sich bereits in Teil II dieser Serie).

Hinsichtlich der Anreize und Hilfe für Vereine und Ehrenamtliche kann sich der DSB bei seiner Jugendorganisation einiges abschauen. Ein Vorschlag für Anreize für Profis war neulich an dieser Stelle im Zusammenhang mit Elisabeth Pähtz‘ Rücktritt zu lesen: Anstatt das Geld mit der Gießkanne gleichermaßen über allen Spielern zu verteilen, wäre ein Modell Grundhonorar plus Boni sinnvoller, unter anderem um die Spieler zu bewegen, Schach zu pushen, anstatt es nur zu spielen.

Selten hat ein Beitrag so viele Debatten auf so vielen Kanälen ausgelöst. Auf Facebook tauchte gar Nationalspieler Georg Meier aus der virtuellen Versenkung auf, um seine Meinung zu unserem Vorschlag kundzutun: „Schwachsinn.“

Konstruktive Debatten sind fruchtbar. Beim Schach müsste so vieles anders gemacht werden als in den Jahrzehnten zuvor, da ist manche Debatte zu führen und mancher Beharrungsreflex zu überwinden, der naturgemäß einsetzt, wenn sich Dinge ändern sollen. Speziell die Dinge vor der eigenen Haustür. Solche Debatten würden natürlich online geführt, da, wo die Schachspieler sind. Dem DSB in seinem gegenwärtigen Online-Zustand (siehe weiter unten) wäre die Moderation von so etwas nur nach und nach anzuvertrauen.

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Für ChessBase-Chef Rainer Woisin (Mitte) ist das Wohlergehen des Schachs von existenzieller Bedeutung. Es liegt in den Händen der beiden Herren links und rechts. Vielleicht sollten diese beiden einen Anruf bei ChessBase veranlassen, in dem Wörter wie „Wissenstransfer“, „Hospitanz“, „Workshop“ vorkommen. (Foto: ChessBase)

Und darum müssen wir heute dahin gehen, wo es ein bisschen weh tut, zu unseren Freunden nach Hamburg an die Osterbekstraße. Dort sitzt die Firma ChessBase, die verkauft Schachprodukte und hat ein existenzielles Interesse am Wohlergehen des Schachs. Der Organisation, die Wohl und Wehe des Schachs verantwortet, dem Schachbund, ist sie traditionell als Sponsor eng verbunden.

Die beiden großen deutschen Schachwebsites:
Heile Welt auf der einen, Baustelle auf der anderen

In der Diplomatie wird häufig die Floskel von „Freunden, die einander die Wahrheit sagen“ bemüht, wenn eine unangenehme Botschaft zu überbringen ist. So wie wir einen Freund beiseite nehmen und zur Rede stellen, wenn er Mist baut, wäre es für ChessBase seit langem an der Zeit, den DSB zur Seite zu nehmen, und wenn es nur wäre, um auszuloten, wo Hamburg helfen könnte. Bei ChessBase führen sie ja ein mittelständisches Unternehmen, und dafür bedarf es Kenntnissen und Fähigkeiten, die beim DSB eher fehlen.

Es müsste ja gar nicht einmal das direkte Gespräch sein. ChessBase betreibt die größte Schachwebsite im deutschsprachigen Raum, das wäre ein prima Ort um gelegentlich zu mahnen, Debatten auszulösen und zu führen, etwa die über die Grenzen des Ehrenamts oder die Zukunft unseres Sports in Deutschland.

Leider achtet ChessBase in allererster Linie darauf, dem Partner DSB ja nicht wehzutun. Sie lassen sie lieber wurschteln. Nur muss es halt manchmal wehtun, bevor es besser wird.

„ChessBase spielt Schweiz“

Statt den Jungmeister-Experten Thorsten Cmiel die kommenden Zugpferde des deutschen Schachs begleiten zu lassen, widmet der sich ausschließlich Indern und Iranern. Klar, die sind ein bisschen besser als Luis Engel, Roven Vogel, Annmarie Mütsch, aber eben auch sehr weit weg. Anstatt gelegentlich Dinge zu hinterfragen, kritisch zu beleuchten, ist auf chessbase.de traditionell heile Welt, eine Art Musikantenstadl des Schach-Internets, in dem wahrscheinlich noch historische Anekdötchen gejodelt würden, wenn sich der DSB schon in Auflösung befindet.

„ChessBase spielt traditionell Schweiz“, sagt ein Funktionär, der sich auskennt. Warum das so ist angesichts des gemeinsamen Anliegens, erklärt er nicht. Und ist ja auch egal, Adresse und Telefonnummer der Firma sind ebenso bekannt wie die Hilfs- und Gesprächsbereitschaft derjenigen, die dort arbeiten. Dann soll halt jemand aus Berlin in Hamburg anrufen und im folgenden Gespräch Wörter wie „Workshop“, „Hospitanz“ und „Wissenstransfer“ verwenden.

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Entwurf für eine neue DSB-Seite beim Workshop „Öffentlichkeitsarbeit“: Dieser Dummy war inklusive Navigation und Unterseiten nach wenigen Stunden Arbeit fertig. Die DSB-Website gehört derweil seit Jahren plattgemacht und neu aufgebaut. (Foto: Perlen vom Bodensee)

Die eine große deutsche Schachwebsite macht heile Welt, die andere ist eine Dauerbaustelle, die des DSB. Immerhin ist diese Baustelle als solche bekannt. Kein Wunder, könnte man meinen, sieht ja jeder, aber so einfach ist das nicht.

Der Schreiber dieser Zeilen hat Ende 2018 am DSB-Workshop „Öffentlichkeitsarbeit“ teilgenommen. Angesichts der vielfältigen, aber wenig zielführenden Vorschläge aus der Runde, wo im Internet „unbedingt etwas passieren“ müsse, habe ich zwei Dinge gebetsmühlenartig wiederholt:

  • Zentrales Instrument im Werben um Aufmerksamkeit ist die Website, weil dort alles zusammenläuft. Bevor die Seite nicht sexy ist, bringt es viel weniger, sie von anderen Kanälen aus mit Besuchern vollzuschaufeln. Die werden nicht lange bleiben und keinen Anlass finden wiederzukommen. Erst die Website machen, am besten gestern, dann alles andere nach und nach, abhängig von den Ressourcen.
  • Lieber wenige Social-Media-Kanäle, die aber richtig. Wer einen Kanal aufmacht, muss ihn kontinuierlich pflegen, damit er wächst und Reichweite bringt. Wer einen Kanal brach liegen lässt, der erschafft eine Wüste, und die schadet, weil sie zeigt, dass sich niemand kümmert.

Sieben Monate später präsentiert sich die DSB-Website unverändert in einem Zustand, der hoffen lässt, dass dort niemals ein potenzieller Sponsor vorbeischaut. Anstatt dieses Monstrum sofort plattzumachen und neu aufzubauen, seit Jahren eine Notwendigkeit, hat der DSB in den Monaten danach weitere Social-Media-Kanäle eröffnet, und das ohne Konzept, was dort geschehen soll, und ohne Ressourcen, sie zu pflegen.

Auf Youtube wächst jetzt die oben zitierte Wüste. Auf Instagram wuchs sie bis zum Schachgipfel. Seit ein paar Tagen wird wieder gegossen, immerhin. Schauen wir mal, was danach passiert.

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In den USA Standard, in Polen auch: Wenn ein Landsmann beim Schach etwas reißt, dann jubeln auf Twitter Funktionäre und Kollegen.

Auf Twitter agiert der DSB als ausschließlich deutschsprachiger Roboter, der gelegentlich auf seine Website verweist und ansonsten beharrlich schweigt. Gerade dort, wo sich eine quicklebendige internationale Schachszene tummelt, wäre Zweisprachigkeit und ein wenig Interaktion Pflicht, will der DSB wahrgenommen werden. Von deutschen Schachmeistern und Funktionären, die sich auf Twitter mit ihrem Verband die Bälle zuspielen, wagen wir ja kaum zu träumen. Aber in anderen Schachnationen ist das eine Selbstverständlichkeit, die die Sichtbarkeit erhöht und Engagement erzeugt.

Auf Facebook hat der DSB eine gewisse Kontinuität hergestellt, sogar eine gewisse Interaktivität. Seine Präsenz dort nutzt der Verband in erster Linie, um Leute auf seine immer noch nicht vorzeigbare Website zu führen.

Er bezahlt sogar dafür, und an der Stelle wird es ärgerlich. Anstatt ein paar Euro in die Hand zu nehmen und sie einem Webdesigner zu geben, der binnen ein paar Tagen eine Seite baut, mit der sich arbeiten ließe, schmeißen sie seit Monaten jeden Tag Facebook Geld in den Rachen, damit ein Account wächst, der auch organisch und gratis wachsen würde.

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Gelegentlich eine Veranstaltung zu bewerben, wäre sogar sinnvoll. Die Geldgießkanne zu öffnen und planlos jeden Mist zu bewerben, ist es nicht. Und jetzt rühmen sie sich auch noch dafür.

Den Zustand des DSB im Internet kann jeder sehen. Er würde an dieser Stelle gar nicht so breit abgehandelt, wäre bei der Recherche für diesen Beitrag nicht aufgefallen, was Ullrich Krause und sein scheidender Vizepräsident Walter Rädler unter dem Stichpunkt „Öffentlichkeitsarbeit“ als Bilanz vorlegen: „Wir haben in den Sozialen Medien einiges bewegt“, schreibt Krause in seinem Wahlprogramm. Rädler erklärt, was damit gemeint ist:

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Das ist Schönrednerei, die, sorry Leute, an Delegiertentäuschung grenzt.

Die so bitter notwendige Aktualität („aktuelle Inhalte“) fehlt dem DSB auf jedem der genannten Kanäle. Die jüngste Pleite mit seiner neun Tage verspäteten Olympiakampagne (siehe unten im verlinkten Artikel) veranschaulicht die elend lange Reaktionszeit des Tankers DSB.

Fragen werden nur auf Facebook beantwortet. Auf Twitter ignoriert der DSB neben Fragen auch Hohn und Spott wegen seiner Roboterhaftigkeit, hat aber jetzt während des Gipfels zum ersten Mal in zweieinhalb Jahren einen Tweet beantwortet.

Auf einem Kanal „vertreten“ zu sein, ist kein Faktor. Einen Instagram- und einen Youtube-Account zu eröffnen, dauert fünf Minuten. Danach beginnt die Arbeit, und für die ist ein Konzept ebenso notwendig wie Ressourcen, dieses Konzept kontinuierlich umzusetzen. Beides ist beim DSB nicht erkennbar.

Stichwort „regelmäßig“: Kontinuität gibt es nur bei Facebook, ein Medium, das, konservativ geschätzt, 50.000 DSB-Mitglieder nutzen. Dort mehr als 2.000 Abonnenten zu haben, ist noch lange nicht vorzeigbar. So stehen nur Leute da, die das beste Gratis-Aufmerksamkeitswerkzeug der Welt sieben Jahre lang ignoriert haben, von 2012 bis 2018.

Aber 2.000 ist ja eine Basis, immerhin, damit ließe sich arbeiten. Wer stattdessen ohne Not Facebook mit Geld beschmeißt, der hat davon zu viel. Oder kann damit nicht umgehen.

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