Die Millionen-Show

Die international bekanntesten deutschen Schachspieler sind leicht aufzuzählen. Christof Sielecki, Vincent Keymer, Jan Gustafsson, Elisabeth Pähtz. Jetzt hat sich noch jemand dazugesellt: Kevin Andreas Teller aus Berlin, 23 Jahre alt, chess.com-Blitz-Rating 562. So wie Sielecki international eher als „chessexplained“ bekannt ist, kennt man Teller eher als „Papaplatte“, hauptberuflich Twitch-Streamer, dessen Programm gut 800.000 Menschen folgen.

Unter den populärsten Spielen auf Twitch stehen unverändert die größten eSport-Titel. Counter-Strike, Fortnite, League of Legends und so weiter. Aber es hat sich ein neues Spiel dazugesellt, eines, das sich seit Jahrhunderten nicht verändert hat, keine Updates, keine Patches, keine Releases, nichts dergleichen.

Wer Twitch einschaltet, sieht Schach, und das als einer von zehntausenden, manchmal mehr als 100.000 Menschen, die gleichzeitig Schach gucken. Die Popularitätsexplosion lässt sich an einem Schach-Zugpferd festmachen: Hikaru Nakamura. Der war einst die Nummer zwei der Welt, WM-Kandidat, fünffacher US-Meister, und als solcher hat er 2018 Twitch entdeckt. Von Beginn an schauten zwar tausende zu, wenn Nakamura wieder einmal den „Titled Tuesday“ auf chess.com dominierte, aber das allein reichte nicht, um Schach in die Nähe der großen eSport-Titel zu befördern.

„Bist du DER boxbox?“

Die Entwicklung begann, als Overwatch-Streamer Felix Lengyel alias „xQc“, dem auf Twitch mehr als drei Millionen Menschen folgen, sich mit dem Schachvirus infizierte und entschied, das Spiel ambitioniert anzugehen. Nicht die Streams der neuen Online-Superturniere, nicht Nakamuras Streams, sondern die Sendungen des Schach-Anfängers xQc standen fortan an der Spitze der Twitch-Schachsektion. Immer mehr xQc-Fans entdeckten Nakamura und stürmten dessen Kanal, um mehr über dieses alte Spiel zu erfahren.

Felix Lengyel.

Und sie bekamen, worauf sie gehofft hatten: eine Kooperation Nakamura-xQc, gemeinsame Streams dieser beiden, in denen der Schachgroßmeister den Overwatch-Großmeister über Gabeln, Spieße und Fesselungen aufklärt und ihm verdeutlicht, warum der König zu Beginn der Partie in Sicherheit gebracht werden muss: damit er nicht mitten auf dem Brett mattgesetzt wird, wie es xQc anfangs wieder und wieder passiert ist.

Während Nakamura und xQc Schach übten, hörte League-of-Legends Streamer Albert “boxbox” Zheng, dass auf Twitch gerade dieser Schachkanal eines Großmeisters explodiert. Als Schulkind hatte boxbox gerne Schach gespielt, aber war nicht dabei geblieben. Heute, als Mittzwanziger, spielt er beruflich League of Legends, und 1,7 Millionen Menschen folgen ihm. Nun schaltete boxbox Schach ein, um Nakamura blind spielen zu sehen. Er war begeistert und tippte „amazing“ in den Chat.

Ist die Schachszene elitär?

„Bist du DER boxbox?“, fragte Nakamura. Und lud den Twitch-Star sogleich ein, eine Partie mit ihm zu spielen. Bei dieser einen sollte es nicht bleiben. Auch boxbox ist seitdem infiziert, und er will besser werden. „Ich hatte ja keine Ahnung, wie tief dieses Spiel ist“, sagte er jetzt dem Magazin Wired.

xQc und boxbox ließen nicht locker, sie spielten und spielten und spielten, oft mit Schachlehrer Nakamura im Stream – und die eSports-Zuschauer begannen, andere Schachkanäle zu erkunden und sich dort bemerkbar zu machen. Was nicht überall auf Gegenliebe stieß, bei chess24 zum Beispiel. An deren Online-Schachtour nimmt der mit chess.com verbundene Nakamura teil, was dazu führte, dass hunderte, wenn nicht tausende Nakamura-Fans die chess24-Streams enterten, um dort Nakamura zu huldigen, anstatt dem chess24- und Schachkönig Magnus Carlsen. Der war, zumindest anfangs, nicht amüsiert.

US-GM Ben Finegold klagte Nakamura gar an, es nur auf Ruhm und Reichweite abgesehen zu haben, weil er seine Streamzeit mit Leuten „ohne Talent“ verbringt, die kaum besser spielen als Anfänger, aber populär sind. Der Clip mit dieser Anklage verbreitete sich in Windeseile, und die Schachszene sah sich mit einem vieltausendfach vorgebrachten Vorwurf konfrontiert: Sie sei elitär, stoße neue Spieler ab, anstatt sie zu integrieren. „Elitist“, ein Wort, das wochenlang immer wieder im Zusammenhang mit Schach zu sehen war.

Das meistgesehene Schachturnier jemals

Das Schachvirus grassierte weiter in der Streaming-Szene. Nun versuchten sich auch andere Gamer am alten Spiel, Nakamura spielte weiter die Rolle des Coaches, und neben seinem gerieten weitere Schachkanäle in den Fokus der Gaming-Community, allen voran der von Alexandra Botez. Die Zuschauerkurven zeigen, dass beide Seiten profitieren: Gaming-Kanäle, die Schach machen, erfreuen sich noch größerer Aufmerksamkeit als zuvor, und die reinen Schachkanäle wachsen in ihrem Sog.

Was machen wir aus diesem Boom? Vor dieser drängenden Frage stand das Management von chess.com. Und gab recht bald eine Antwort: „pogchamps“, ein zweiwöchiges Turnier ab dem 5. Juni mit 16 der meistgesehenen Twitch-Streamer, die nun zeigen können, was sie im Lauf der vergangenen Wochen von Nakamura und Botez gelernt haben. xQc ist dabei, boxbox und 14 andere, darunter ein Deutscher.

50.000 Dollar Preisgeld sind zu gewinnen, 10.000 für den Sieger. Unter den Kommentatoren:  Hikaru Nakamura und Alexandra Botez. Pogchamps hat gute Chancen, das meistgesehene Schachturnier jemals zu werden. Mehr als 15 Millionen Menschen folgen den Twitch-Kanälen der 16 Teilnehmer.

FIDE-Marketingchef David Llada hält das Turnier für eine der besten Ideen seit langem. Sie sei konzipiert, um dem Schach mittels einer niedrigen Einstiegshürde neue Zielgruppen zu erschließen, das Spiel größer zu machen. Es müsse ja nur ein kleiner Prozentsatz der 15 Millionen beim Schach hängen bleiben, das sei schon ein enormer Effekt.

Gut fürs unser Spiel? „Ja“, sagt David Llada und darf sich jetzt zur Belohnung anhören, wie Hikaru Nakamura seinen ChessTech-Text vorliest:

Pogchamps zeige außerdem, dass Schach Spaß ist. Und das, ließe sich ergänzen, verstehen die Teilnehmer zu vermitteln. Jeder von ihnen ist es gewohnt, vor laufender Kamera Publikum zu unterhalten. Interviews der 16 pogchamps-Spieler nach ihren Partien sind kurzweiliger als Interviews mit Supergroßmeistern, die mit gesenktem Blick Varianten herunterrattern. Viel mehr als reguläre Schachturniere ist pogchamps eine Show.

Der Big Greek coachte Papaplatte durchs Turnier

Papaplatte war der Schach-Hype im amerikanischen Twitch aufgefallen, weil Streamer, denen er folgt, plötzlich Schach spielten. „Mich faszinieren Spiele, deren Regeln leicht zu lernen und die doch schwierig zu beherrschen sind“, sagt der Mann mit den 15 Punkten im Mathe-Abitur. Nachdem er seine US-Kollegen hatte Schach streamen sehen, fing er selbst damit an. Nicht ganz von vorne, aber fast. Als Kind hatte er gespielt, seitdem nicht mehr. Einige Streams später folgte die Einladung zu pogchamps.

Matt! Papaplatte gewinnt sein Erstrundenmatch.

Papaplattes Teilnahme eröffnete den deutschen Schachstreamern Niclas Huschenbeth und Georgios Souleidis die Möglichkeit, deutschsprachig auf den pogchamps-Zug aufzuspringen. Die Kanäle dieser beiden profitieren ohnehin vom boomenden Online-Schach, nun bietet sich ihnen ein Vehikel, um zu neuen Höhen aufzusteigen. „Big Greek“ Souleidis coachte Papaplatte durch das Turnier, während der Partien gaben Souleidis und Huschenbeth den mitfiebernden (und gelegentlich -leidenden) Kommentator.

Jetzt müssen beide darüber nachdenken, wie sie ihr Programm dem nun breiter gewordenen Publikum anpassen. Pogchamps hat Schach-Anfänger in ihre Abonnentenlisten gespült, und die wollen wahrscheinlich weder Studien sehen noch tief analysierte Großmeisterpartien. Seien wir gespannt, ob Souleidis und Huschenbeth im Sinne einer möglichst niedrigen Einstiegshürde ihren Kanälen nun mehr Stoff für Anfänger verordnen.

Am virtuellen Turnierbrett machte Papaplatte von sich reden. Er gewann seine ersten beiden Matches in der Vorrunde und zog als erster aller Teilnehmer vorzeitig ins Viertelfinale ein. Dort allerdings unterlag er jetzt dem Schweden NymN und schied aus. Am schlechteren Schach lag das nur bedingt. Zwar war Papaplatte mit seinem 760er-Rapid-Rating Außenseiter, aber NymNs gut 1000 Ratingpunkte zeigen, dass auch der Schwede alles andere als einstellfreies Schach  spielt.

Der Deutsche schob das Ausscheiden in erster Linie auf seine Nervosität, die ihm schon vor dem ersten Zug anzumerken war und die er bis zum Schluss nicht abzulegen vermochte.

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