Unser Spiel im Wandel: Rück- und Ausblick nach einem kuriosen Jahr (II)

Karpov gegen Kortschnoi, Fischer gegen Spassky, Lasker gegen Tarrasch. Ali gegen Foreman, Ronaldo gegen Messi, Ullrich gegen Armstrong. Der Sport lebt und zehrt von Rivalitäten und den Geschichten, die sich um sie ranken.

Dem deutschen Schach konnte im Sinne des Storytellings rund um unseren Sport nichts Besseres passieren als der knappe Dreikampf um die Spitzenposition zwischen den Schachfreunden Blübaum, Donchenko, Nisipeanu. Wenn unser Schachverband jetzt, wie angekündigt, professionelle Hilfe von PR-Leuten bekommt, dann werden diese Helfer darauf pochen, etwas aus dem Dreikampf zu machen. Das deutsche Schach wird davon dauerhaft zehren – bis Vincent Keymer am Spitzentrio vorbeizieht und eine neue Geschichte schreibt.

An der Spitze des internationalen Schachs fehlt die Rivalität. Oben thront Magnus Carlsen, darunter wechseln sich in respektvollem Abstand die Schachmeister auf dem Nummer-zwei-Spot ab. Und doch ist dem norwegischen Schachregenten in den vergangenen Monaten des schnellen Bildschirmschachs ein Rivale erwachsen: Der Nicht-mehr-Iraner und Bald-Franzose Alireza Firouzja ist in den schnellen Disziplinen schon jetzt auf Augenhöhe mit dem Weltmeister, und im klassischen Schach kommt er ihm immer näher.

Interessant ist zu sehen, wie Magnus Carlsen und sein Imperium damit umgehen: Anstatt sich von einem potenziellen Konkurrenten bedroht zu fühlen, fördern die Norweger Firouzja mit aller Kraft. Der König und sein Kronprinz trainieren gemeinsam. Selbstverständlich darf Firouzja sich bei allen Turnieren der Carlsen-Tour im Wettkampf mit der Elite stählen und verbessern. Bei der Magnus AG wird gesehen und verstanden, dass die Rivalität ihres Chefs mit dem Emporkömmling dem Schach nur nutzen kann.

Die Rivalität der 2020er-Jahre: Magnus Carlsen vs. Alireza Firouzja. | Foto: Lennart Ootes/FIDE

Versuche, eine dem Schach förderliche Rivalität zwischen Magnus Carlsen und einem Konkurrenten zu etablieren, gab es in den vergangenen Jahren durchaus. Die jüngere Schachgeschichte notiert zum Beispiel manches Geplänkel zwischen dem Norweger und dem US-Großmeister Hikaru Nakamura, auch der eher ein Spezialist der schnellen Disziplinen.

So lange Online-Turniere die Szenerie dominieren, lebt diese Rivalität weiter. Auf diesem speziellen Spielfeld ist und bleibt Nakamura gut genug, seinem norwegischen Endgegner ordentlich einzuheizen. Aber aus dem klassischen, ernsthaften Turnierschach ist der einstige WM-Kandidat aus den USA jetzt raus.

Seit Mitte 2020 ist Hikaru Nakamura beruflich Schach-Streamer und -Influencer. Sein Abschied aus dem Turnierschach markierte den Beginn einer Entwicklung, die nicht nur Schachmeistern aus der allerersten Reihe eine Perspektive eröffnet, vom Schach zu leben: nicht ausschließlich mit großmeisterhaftem Spiel, sondern mit Schach-Unterhaltung. In der zweiten Hälfte des Jahres verging kaum eine Woche, in der nicht ein Schach-Streamer einen Sponsorendeal verkündete. Zuletzt, kurz vor Weihnachten, kamen die umworbenen Botez-Schwestern mit ihrer Schach-Lifestyle-Mischung bei der eSport-Organisation „Envy Gaming“ unter.

Hikaru Nakamura ist jetzt eSportler statt Turnierschachspieler. | Foto: TSM

Die Leute saßen daheim, suchten eine sinnvolle Beschäftigung und fanden – Schach. Die Pandemie war erst wenige Wochen alt, da deutete sich bereits an, dass unser Spiel im Privaten und außerhalb der Vereine eine ungeahnte Blüte erlebt. Damit ließe sich arbeiten.

Wie quälend lange es dauert, bis Offensichtliches in die Schachverwaltung einsickert, lässt sich an deren „Ideen“ während dieser Wochen festmachen. Immer mehr Nicht-Vereinsspieler spielten Schach, und der Verwaltung in Bund und Ländern fiel nichts anderes ein, als ein Turnier nach dem anderen ausschließlich für Vereinsspieler zu veranstalten. Hobbyspieler wurden gezielt ausgeschlossen, und unsere Verwaltung verweigerte sich der Einsicht, dass gerade eine Chance besteht, erfolgreich auf das organisierte Spiel und seine Vereine aufmerksam zu machen.

Zwei Monate, nachdem hier gestanden hatte „Den Boom einfangen, bitte“, hatte der Lernprozess im Bund noch nicht einmal eingesetzt. „Wie soll das funktionieren? Wir machen Angebote nur für unsere Mitglieder“, sagte unser Präsident im Gespräch mit der Zeitschrift Schach, Ende der Debatte. Den naheliegenden Verweis aufs DSB-Leitbild und den Passus „Dienstleister für Vereine und ALLE Schachspieler“ ersparte der Fragesteller dem Präsidenten.

Zwei Monate später in einem der zahllosen ChessBase-Interviews verstieg unser Präsident sich gar zu der Behauptung, dass kleine Vereine sich nicht attraktiv machen und ihre Gäste nicht zu einem Eintritt bewegen könnten. Zum Glück fürs deutsche Schach waren viele unserer Vereine längst damit beschäftigt, Lösungen zu finden und das Gegenteil aufzuzeigen.

Freistehend vor dem leeren Tor kann der Ball nicht reingemacht werden? Was, bitteschön, bewegt jemanden, einen Vereinsabend zu besuchen, wenn nicht Interesse am Schachverein? Und was macht ein Mann, der sowas sagt, in dieser kritischen Zeit an der Spitze unseres von Austritten bedrohten Verbands? Bei Lektüre dieser Zeilen ein halbes Jahr nach Pandemiebeginn setzte wahrscheinlich nicht nur am Bodensee ausgiebiges, anhaltendes Haareraufen ein.

Jetzt, endlich, zahllose nicht verwertete Steilvorlagen später, ist das Offensichtliche eingesickert. Mehr als neun Monate nach Pandemiebeginn eine Ansprache des Präsidenten ans Volk. Plötzlich sagt er das Gegenteil von dem, was er bisher gesagt hat, ja, es kommt sogar der Begriff „Chance“ darin vor:

Hallelujah!

Für eine Kampagne, Spieler zu halten, ist es zu spät. Die wäre vor einem halben Jahr fällig gewesen. Eine Kampagne, neue Spieler zu gewinnen, könnte noch funktionieren.

Wer im Internet eine Schachseite betreibt, der sieht unter anderem, welche Google-Suchen die Leute zu seiner Seite führen. In den Wochen vor Weihnachten suchte eine steigende Zahl von Schachinteressierten nach Brettern oder Schachcomputern mit selbstziehenden Figuren. In dieser Hinsicht besteht nach wie vor erhebliche Nachfrage – nur gibt es leider kein bzw. kaum ein Produkt, das diese Nachfrage befriedigen könnte.

Ein solches Wunderbrett hatte die Fantasiefirma Regium im Frühling 2020 angekündigt. Bis es in sich zusammenfiel, erregte das Regium-Kartenhaus einige Aufmerksamkeit. Davon aufgescheucht, steckten Schach-Entwickler weltweit die Köpfe zusammen und versuchten sich in ihren Werkstätten an allerhand Basteleien.

Regium war nichts als eine Blase, aber eine, die die Schachszene ganz schön aufscheuchte. Es war ja mehr als deutlich geworden, dass demjenigen, der so ein Brett tatsächlich baut, ein Verkaufsschlager winkt.

Die Regium-Kampagne kollabierte, aber sie scheuchte Schach-Entwickler weltweit auf. Die Nachfrage ist offensichtlich, trotzdem ist es bislang niemandem gelungen, ein Wunderbrett zu konstruieren und zu einem vertretbaren Preis auf dem Markt zu bringen.

Was tun mit dem Corona-Schachboom? Wie setzen wir den ins Showgeschäft abgewanderten Hikaru Nakamura am besten ein? Auf diese Fragen gebar die weltgrößte Schachseite chess.com Mitte des Jahres eine Antwort: „Pogchamps“, eine Schach-Show, verfolgt von Millionen Zuschauern.

Binnen weniger Tage avancierte Kevin Andreas Teller aus Berlin zum bekanntesten deutschen Schachspieler. Teller alias „Papaplatte“ ist beruflich Twitch-Streamer, außerdem Hobby-Schachspieler, und er war der einzige Deutsche, der bei den „Pogchamps“ mitspielen durfte.

Die Erfindung von „Pogchamps“ markiert auch den Auftakt einer Kulturdebatte. Anstatt Spielern und Zuschauern ihre Freude an der Sache zu lassen, verbiss sich ein erheblicher Teil der Schachszene in die Feststellung, dass die Pogchamps-Protagonisten bescheidene Spieler sind, das gezeigte Schach unterirdisch, und dass die Welt solche bunten Schach-Shows nicht braucht. Chess.com sah das zum Glück anders. Die Seite ließ bald „Pogchamps 2“ folgen, und wieder hatten Spieler und Zuschauer ihre Freude an der Sache.

Kevin Andreas Teller spielt übrigens immer noch, zuletzt ein Blitz-Match am ersten Weihnachtsfeiertag. Und er scheint angesichts seines Ratings Schach weiterhin als kleinen Spaß nebenbei zu sehen (Ja! Das geht! Und das ist auch nicht verwerflich!). Für 2021 wünschen wir ihm viele Zuschauer und eine vierstellige Wertungszahl.

chess.com-Platinummitglied papaplatte spielt immer noch.

Im Leistungssport brodelte es schon länger, in Georg Meier erst seit ein paar Wochen. Muss sich ein Nationalspieler von einer Kollegin öffentlich beleidigen lassen? Allem Anschein nach ja, so sah es für ihn aus.

Zwar steht in den DSB-Statuten in aller Deutlichkeit, dass sich speziell die Botschafter unseres Spiels öffentlich wie kultivierte, zivilisierte Leute verhalten sollen, aber als nun jemand in aller Deutlichkeit darauf pfiff, hatte das nicht einmal eine Ermahnung zur Folge. Meier fühlte sich erst durch die öffentliche Beleidigung vorgeführt, danach durch die ausbleibende Positionsbestimmung seines Verbands gleich noch einmal.

Nachdem es ein paar Wochen in ihm gebrodelt hatte, rief Meier am Bodensee an und verkündete: „Ich will weg.“ Die Meier-Geschichte war der Auftakt des herzlich unnötigen Leistungssportdesasters, in dem es der DSB-Führung gelang, dem Verband die schlechteste Presse seiner Geschichte zu bescheren, zur Trennung vom Bundestrainer gezwungen zu werden, sich einen Spieleraufstand einzuhandeln und zwei Rücktritte von verdienten Leuten, deren Arbeit und Engagement allseits anerkannt waren.

Großmeister Georg Meier führt mittlerweile eine Spieler-Allianz, die mitbestimmen soll, wohin künftig im Leistungssport die Reise geht. Nach Uruguay gewechselt ist er erst einmal nicht, behält sich den Föderationswechsel aber für 2021 vor, je nachdem, wie der kommende DSB-Kongress ausgeht. | Foto: Frank Hoppe/DSB
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