Nebenbei ein WM-Match

Gäbe es eine Rangliste der dramatischsten WM-Matches, sie würde angeführt von der Gigantenschlacht Garry Kasparov – Anatoli Karpov, Sevilla 1987. Dahinter auf Platz zwei ein Neuzugang: Ju Wenjun – Aleksandra Goryachkina, Shanghai/Vladivostok 2020, ein Match, das den Fan mit einer Dramaturgie voller Wendungen, Katastrophen und Comebacks fesselte.

Leider hat es kaum jemand mitbekommen.

Das ist Liebe zum Schach: Match beendet, die Funktionäre stehen Schlange zum Gratulieren, aber Kasparov und Karpov analysieren lieber.

Gäbe es eine Rangliste derjenigen, die während eines WM-Matches mehr Aufmerksamkeit bekamen als die Spieler, sie würde angeführt vom Parapsychologen Vladimir Suchar. Weil ihn Suchar aus dem Zuschauerraum so intensiv anstarrte, verbarg Viktor Kortschnoi 1978 gegen Anatoli Karpov seine Augen hinter einer verspiegelten Sonnenbrille. Karpov monierte, die Brille sende schädliche Strahlen aus. Eine „Kommission für Atomenergie“ prüfte den Fall.

Affront gegen den Ajatollah

Hinter Suchar auf Platz zwei ein Neuzugang: die iranische Schach-Schiedsrichterin Shohreh Bayat, die 2020 in Shanghai demonstrativ ihr Kopftuch ablegte und fortan fürchtete, nach Hause zurückzukehren. Im Kontext der Unruhen im Iran und seines Betonregimes, das im Sport lieber seine besten Köpfe verliert, als sich von archaischen Regeln zu lösen, machte Bayats Affront gegen den Ajatollah weltweit Schlagzeilen.

Die Spielerinnen als Nebendarsteller: Die Geschichte über die mutige Schach-Schiedsrichterin, die demonstrativ ihr Kopftuch ablegte, erzeugte viel mehr medialen Widerhall als das Match zwischen Ju Wenjun und Aleksandra Goryachkina. | Foto: FIDE

Zuerst berichtete die ARD über die mutige Schiedsrichterin. Im Iran hatte sich ein Foto Bayats verbreitet, das den Anschein erweckte, sie trage kein Kopftuch, eine Straftat. Sie hatte aber eines getragen, nur eben nicht am Rande der Vollverschleierung, sondern leger auf dem Hinterkopf. Erst als im Iran die Debatte um ihren Kopf ausbrach, beschloss Bayat, das ungeliebte Tuch abzulegen – wissend, dass sie daheim nun eine Gefängnisstrafe erwartet und dass die Behörden wahrscheinlich ihren Pass kassieren. Aber sie wollte ein Zeichen setzen.

Goryachkinas Starren, ein Hingucker

Die Geschichte verbreitete sich. Tags darauf übernahmen sie die meisten großen deutschen Medien, noch einen Tag später englischsprachige. Die BBC nahm die Erzählung von der mutigen Schach-Schiedsrichterin auf, die New York Times und andere ließen sich von Bayat erklären, dass sie lieber ihre sportlichen Verdienste anerkannt sähe, als eine Debatte über eine Kopfbedeckung aufgezwungen zu bekommen.

Das Match bekam bei weitem nicht solche Schlagzeilen.

Schade eigentlich. Es war beste Werbung für den Schachsport. Etablierte Weltmeisterin gegen Newcomer, zwei Spielerinnen auf Augenhöhe, die eine aus der großen, alten Schachnation, die andere aus der großen, neuen. Ein Hin und Her auf dem Brett, drumherum eine professionelle Organisation und Präsentation.

Für schachfremde Medien, die die Akteure gerne mit einem Etikett belegen, gab es sogar einen Aufhänger: Goryachkinas signifikantes Starren ins Antlitz ihres Gegenübers, ein mediales Zuckerli. Wladimir Suchar könnte diesen „Stare“ kaum einschüchternder zelebrieren.

Wie einst Wladimir Suchar: Goryachkinas Starren hat Elisabeth Pähtz unlängst beim Grand Prix wenig beeindruckt. | Foto: FIDE

Nicht nur die Aufregung um die Schiedsrichterin stahl dem Match Aufmerksamkeit, auch der vollgepackte Schach-Terminkalender. Zu Beginn des Jahres kannibalisieren traditionall das Tata-Steel-Chess in Wijk und das Super-Open in Gibraltar einander. Das allein ist eine unglückliche Konstellation. Nun hat die FIDE in dieses überladene Zeitfenster auch die Frauen-WM gepresst.

Klar, sportlich war das Match nicht so hochklassig wie jene zwischen Kasparov und Karpov oder jedes andere in der jüngeren Vergangenheit zwischen Männern gespielte. Es war ein Match zwischen zwei Großmeistern aus der 2580-Elo-Klasse, ein Match zwischen der Nummer 310 und der Nummer 329 der Welt. Und beide standen unter Druck, wie ihn nur ein Match um den höchsten Titel und eine halbe Million Dollar verursacht. Unter Druck passieren Fehler.

Es war aber auch ein Match zwischen den beiden besten Schachspielerinnen der Welt (wenn wir mal die eine außen vor lassen, die nach Elo ans Brett gehört hätte, aber nicht mitspielen wollte) und damit ein legitimes Weltmeisterschaftsmatch in der Disziplin Frauenschach. Diese Disziplin fördert der Weltschachbund mit Macht, hat den bislang unsteten WM-Zyklus neu auf die Beine gestellt und manchen Sponsorendollar eingeworben.

In die Antarktis statt in den Iran

Und dann kreierten die beiden Spielerinnen auch noch ein Match, wie es sich Fans und Sponsoren wünschen, eine Show. Knapp, spannend, gespickt mit Auf und Abs. Goryachkina hatte, in Führung liegend, den Titel vor Augen – und brach ein. Ju Wenjun kam mit zwei Siegen zurück, war nun selbst fast am Ziel, aber der eben noch am Boden liegenden Goryachkina gelang in der letzten Partie ein Sieg auf Bestellung (wie Kasparov 1987 in Sevilla). Im Tiebreak hätte Goryachkina die erste Partie gewinnen können, übersah die Chance und verlor letztlich das Match.

Ju Wenjun bleibt Weltmeisterin.

Weltmeisterin Ju Wenjun. | Foto: FIDE

Unklar ist, wie es mit Shohreh Bayat weitergeht. Aus ihrem Wunsch, zu ihrer Familie zurückzukehren, macht sie kein Geheimnis. Aber ihre Aufforderung an die heimischen Behörden, ihr zu garantieren, sie werde nicht belangt, verhallte ungehört. „Ich will nur sicher sein, das ist alles. Mein Mann lebt im Iran, meine Eltern auch. Außerhalb des Irans habe ich niemanden“, sagte sie noch am Mittwoch zu CNN.

Das zuletzt von ihr veröffentlichte Foto kurz nach dem Ende des WM-Matches zeigt sie an der Seite von FIDE-Vizepräsident Nigel Short auf dem Weg in die Antarktis.

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