“Behalten uns kurzfristige Absagen vor”: das Virus und das Schach in Mitteleuropa

Am Niederrhein haben die Mannschaftsführer beim Schach ab sofort zusätzliche Aufgaben. Einem Beschluss des Präsidiums des Landesverbands zufolge müssen sie ihre Mitspieler jetzt darüber aufklären, wie man richtig niest und hustet (in die Armbeuge) und sich so die Hände wäscht, dass darauf kein Virus überlebt. Außerdem müssen sie den Gesundheitszustand ihrer Kollegen checken. Sieht einer von denen vergrippt aus, darf er nicht mitspielen.

Einen Tag nach dem Beschluss des Niederrheinischen Schachverbands vom 28. Februar ließ der Deutsche Schachbund eine Empfehlung für alle Schachturniere folgen. Darin geht es (neben einem Verweis auf die Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts) vor allem darum, zu Partiebeginn und -ende das Händeschütteln zu vermeiden.

“Empfehlungen bleiben unbeachtet”

Gerade macht die Deutsche Amateurmeisterschaft in Bad Wildungen Station, eine Großveranstaltung mit 370 Teilnehmern. Nach Beobachtungen der Deutschen Schachjugend fällt es den 370 Spielern schwer, sich an die Empfehlungen zu halten. Wer jahrzehntelang auf den Handschlag geprägt ist, so dass sich dieser als Automatismus eingeschlichen hat, der hört nicht von heute auf morgen damit auf. Und mögen noch so viele mikroskopisch kleine Schädlinge von der einen zur anderen Hand wandern.

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Beim Grübeln geraten die Hände wieder und wieder ins Gesicht, das lässt sich auch bei der DSAM in Bad Wildungen nicht vermeiden. Aber dort sind Desinfektionsmittelspender für die Spieler aufgestellt. Der stehende Herr scheint gerade einen benutzt zu haben, bevor er sich wieder ans Brett begibt. | Foto: Boris Bruhn/Schachbund

International hat das Virus in der Schachszene schon für einigen Wirbel gesorgt. Der begann mit der Frage, ob die chinesischen WM-Kandidaten und trotz weitgehendem Einreiseverbot für Chinesen am Kandidatenturnier teilnehmen können. Diese Frage ist, auch wenn letzte Sicherheit fehlt, mehr oder weniger beantwortet: Sie können. Ding Liren wird vor dem Turnier wahrscheinlich in Moskau in Quarantäne gehen, Wang Hao reist aus Japan an.

Wackelt der Mitropa-Cup?

Wenig später musste der chinesische Jungstar Wei Yi seine Teilnahme am Schachfestival in Prag absagen. Dann trafen die Reisebeschränkungen die Chinesin Zhao Xue, die nicht zum gerade laufenden Grand Prix der Frauen in Lausanne reisen konnte. Ihre Landsfrau und Weltmeisterin Ju Wenjun kann dort mitspielen. Sie hatte sich vorher im Ausland aufgehalten, ein ähnlicher Fall wie Wang Hao.

Wer gelegentlich Fotos vom Shogi sieht, dem fällt die seit Wochen zunehmende Zahl der Beteiligen mit Schutzmaske auf. So weit sind wir beim Schach noch nicht.

Turnierabsagen wegen des sich nun auch in Mitteleuropa verbreitenden Virus’ gab es bislang nicht. Während sich der Deutsche Schachbund auf Empfehlungen beschränkt, hat der Österreichische Schachbund in Sachen Corona noch gar nichts verlauten lassen. In der Schweiz denken sie perspektivisch: Der Schweizerische Schachbund behalte sich kurzfristige Turnierabsagen vor, heißt es auf der Homepage. Potenziell betroffen könnten einige Jugendturniere sein, womöglich auch der Mitropa-Cup vom 2. bis 10. Mai in Davos.

Aktuell läuft in Bad Ragaz das “Accentus Young Masters 2020”, bei dem Alexander Donchenko eine Weltauswahl anführt, die gegen eine Schweizer Auswahl antritt. Schlechte Nachrichten in Sachen Virus gibt es von dort gar nicht, aber gute in Sachen Schach. Donchenko schlägt sich mit bislang 3,5 Punkten aus 4 Partien sehr ordentlich.

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Bonaventura
4 Jahre zuvor

Punkt 4 des oben zitierten Beschlusses lautete bereits wenig später so: „Spieler mit offensichtlichen, stark ausgeprägten Erkältungssymptomen (andauerndes Husten oder Niesen, Fieber) sollten im eigenen Interesse sowie aus Rücksicht auf die anderen Anwesenden nicht eingesetzt werden.“ Immer schön fair bleiben; lustig genug ist es ja immer noch.

Christian
Christian
4 Jahre zuvor

Naja, zwischen NSV und DSB gibt es einen fundamentalen Unterschied: der DSB geht davon aus, dass die Spieler nicht miteinander reden sollten, während der NSV damit keine Probleme hat. Eigentlich müssten auch gemeinsame Analysen nach dem Spiel untersagt werden, wenn man das zu Ende denkt (was viel vom Spaß nimmt). Wenn ich mir anschaue, wie viele der Karnevalisten im Kreis Heinsberg sich auf einer einzigen Veranstaltung angesteckt haben, denke ich, wir werden bei einem Mannschaftskampf mit 16 Spielern über vier, fünf Stunden einfach ein paar Ansteckungen haben, wenn einer davon infiziert sein sollte. Kommt hinzu, dass wir beim Schach einfach… Weiterlesen »

Christian
Christian
4 Jahre zuvor

Wobei die Homepage von Heinsberg einen Grund liefert, der irgendwie auch wieder nicht sehr schön sondern eher etwas diskriminierend klingt: “Übrigens haben wir alle Spiele des Wochenendes 29. Februar/01. März verschoben, auch die Auswärtsspiele außerhalb des Kreises Heinsberg. Niemand wollte wirklich gegen uns antreten.” Kopf hoch, ihr Heinsberger!!

Christian
Christian
4 Jahre zuvor

Für den konkreten Fall kann ich es zum Glück ein wenig relativieren, nachdem ich noch ein paar Infos eingeholt habe. Es war wohl auf der Homepage etwas unglücklich formuliert, bzw. ich hab vielleicht auch etwas viel hineininterpretiert. Letztendlich waren die Absagen einvernehmlich. Ein Austragungslokal wäre z.B. eine Diakonie gewesen, die auch viel von alten Menschen frequentiert wird und der dortige Verein fürchtete nicht ganz unbegründet, Probleme zu kriegen, würde das Match gegen Heinsberg ausgetragen werden.
Aber generell ist Diskriminierung leider zweifellos ein Thema, das sich unschön mit Corona verbindet.