Nicht einzuschüchtern: ein Preis von der First Lady für Shohreh Bayat

Schach-Schiedsrichterin Shohreh Bayat ist unter den 14 Frauen, die das US-Außenministerium am 8. März als „International Women of Courage“ (IWOC) auszeichnet. First Lady Jill Biden wird Teil der online abgehaltenen Zeremonie sein.

Den seit 15 Jahren jährlich vergebenen IWOC-Preis bekommen Frauen für ihren Mut, ihre Führungsstärke, ihren Einsatz für Frieden, Gerechtigkeit, Menschenrechte und Gleichstellung der Geschlechter ungeachtet persönlichen Risikos. Shohreh Bayat wird nach einer Mitteilung des Außenministeriums dafür geehrt, dass sie sich für die Rechte von Frauen einsetzt, anstatt sich von den Drohungen der iranischen Regierung einschüchtern zu lassen.

Während des WM-Matches zwischen Ju Wenjun und Aleksandra Goryachkina 2020 in Shanghai hatte sich in ihrer Heimat ein Foto verbreitet, dass Hauptschiedsrichterin Bayat ohne das im Iran vorgeschriebene Kopftuch zeigt. Seit der Revolution 1979 müssen iranische Frauen an öffentlichen Orten ihr Haupt bedecken. Aber Bayat trug ihren roten Hijab mehr um die Schultern als auf dem Kopf. Einer Aufforderung, sich dafür zu entschuldigen, kam Bayat nicht nach.

Via Handy warnten sie Vertraute aus dem Iran vor der Rückkehr: Sie würde festgenommen. Einen Tag, nachdem das Foto ohne Kopftuch in Umlauf geraten war, wurde das Bild und der Name der 33-Jährigen von der Website des iranischen Schachverbandes entfernt. „Es war, als ob ich nicht existierte“, erklärte sie in einem Interview.

Shohreh Bayat gab nicht nach, im Gegenteil. Für den Rest des WM-Matches verzichtete sie vollständig auf die Kopfbedeckung. „Ich konnte es nicht mehr tolerieren.“ Der iranische Schachverband teilte mit, er könnte im Falle ihrer Heimkehr nicht für ihre Sicherheit garantieren. Shohreh Bayat suchte Zuflucht in Großbritannien, wo sie Asyl beantragte. Ihren Ehemann, der kein Visum für Großbritannien hatte, ließ sie im Iran zurück. Ihr Vater, ebenfalls ein Schachfunktionär, verlor im Iran seine Ämter.

Shohreh Bayat im BBC-Interview. Klick auf „Play“ startet das Video.

Nach einem pandemiebedingt verzögerten Asylverfahren gaben die britischen Behörden Ende Oktober ihrem Asylantrag statt. „Englands Gewinn ist der Verlust des Iran“, tweetete Malcolm Pein, einer von zahlreichen Schach-Offiziellen, die an Bayats Schicksal Anteil genommen und ihr geholfen hatten, in London eine zumindest provisorische neue Heimat zu finden.

Im Lauf des vergangenen Jahres hat Shohreh Bayat in einem Gespräch mit dem Telegraph ihre jüdischen Wurzeln enthüllt. Im Iran sei sie gezwungen gewesen, diese zu verheimlichen. „Mein ganzes Leben lang ging es darum, der Gesellschaft ein falsches Bild von mir zu zeigen, das Bild einer einer religiösen muslimischen Frau – die ich nicht war.“ Während sie auf Asyl in Großbritannien wartete, feierte sie das erste Rosch ha-Schana ihres Lebens, das jüdische Neujahrsfest.

Schachfranzose Firouzja

Shohreh Bayats Großmutter väterlicherseits war eine aus Aserbaidschan stammende Jüdin. Während des Zweiten Weltkriegs war sie in den heutigen Iran geflohen. „Wäre meine jüdische Herkunft im Iran bekannt gewesen, ich wäre niemals Generalsekretärin der iranischen Schachföderation geworden.“ Im Gespräch mit dem Telegraph berichtete sie von antisemitischen Äußerungen anderer iranischer Offizieller, die zu überhören sie sich genötigt fühlte.

Die vom iranischen Regime auferlegten Einschränkungen, nicht nur gegen Frauen, haben im Iran zu einem schachlichen Exodus geführt. Prominentester Schach-Auswanderer ist der Wunderknabe Alireza Firouzja, der ein Verbot, an der Blitz- und Schnellschach-WM Ende 2019 teilzunehmen, nicht akzeptierte. Firouzja lebt in Frankreich und hat dort Asyl beantragt. Schach spielt er seit Ende 2019 unter FIDE-Flagge. Während einer Twitch-Debatte unter den drei Präsidentschaftskandidaten des Französischen Verbands hat der amtierende Präsident Bachar Kouatly jetzt angekündigt, Firouzjas Wechsel nach Frankreich stehe unmittelbar bevor.

Die Geschichte von Shohreh Bayat ist eine von mehreren, auf die der IWOC-Preis Aufmerksamkeit lenken soll. Eine weitere Preisträgerin ist die Weißrussin Maria Kalesnikava, eine der Anführerinnen der Opposition, die den weißrussischen Regenten Alexander Lukaschenko, den „letzten Dikator Europas“, nach einer wahrscheinlich manipulierten Wahl mit friedlichen Mitteln aus dem Amt drängen wollte. Im Lauf der Anti-Lukaschenko-Demonstrationen sind tausende Menschen festgenommen worden. Auch Kalesnikava sitzt hinter Gittern. Ihr wird vorgeworfen, die nationale Sicherheit zu gefährden und Extremismus zu fördern.

Vor den Präsidentschaftswahlen im August 2019 hätten sich „weißrussische Frauen als dominante politische Kraft und Treiber des gesellschaftlichen Wandels“ gezeigt, so das US-Außenministerium. Diese Entwicklung sei nicht zuletzt Kalesnikava zu verdanken. Nach wie vor sei sie ein Gesicht der Opposition, eine Quelle der Inspiration „für alle, die in ihren Ländern für Freiheit kämpfen“.

Sieben Preisträgerinnen werden posthum ausgezeichnet: sieben im vergangenen Jahr ermordete afghanische Frauen, deren Tod den „alarmierenden Trend einer verstärkten Unterdrückung von Frauen in Afghanistan“ gezeigt habe.

(Titelfoto via FIDE)

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