Triumph des Stafford-Gambits

Schachfreund KugelBuch bekommt nun die Schattenseite seines schachlichen Aufstiegs zu spüren. Nachdem der einstige Anfänger im Lichess-Rapid die 1900 geknackt hat, nimmt er sogleich die 2000 in Angriff. So schnell besser im Schach zu werden, gelingt nicht vielen, führt aber dazu, dass der Twitch-Superstar beim mit Abstand meistgesehenen deutschen Schachturnier außen vor bleibt.

KugelBuch ist zu gut. Als Rocket Beans TV jetzt die Teilnehmer der vierten Auflage seines Erfolgsprogramms “Zugzwang” verkündete, blieb KugelBuch nichts anderes, als zur Kenntnis zu nehmen, dass er nicht mitspielen darf. Sogleich startete KugelBuch auf seinem Kanal einen neuen öffentlichen Angriff auf die 2000 – und nannte die Sendung “Zu gut für Zugzwang”.

Ist er das? Gleich beim Auftaktmatch zeigte sich, dass die vierte Auflage von “Zugzwang” selbst für den angehenden 2000er KugelBuch kein Selbstläufer wäre. Wer nun denkt, dass das mit den neuesten Glanzpartien des Titelverteidigers und auf Twitter zeitweise als “Chess Professional” firmierenden Stefan Titze zusammenhängt, der liegt damit bestenfalls halb richtig.

Natürlich war es augenzwinkernd gemeint, als Rustam Kadimdzhanov sagte, Stefan Titze sei ein Jahrhunderttalent. Aber aus der Luft gegriffen war es nicht. Am gestrigen Donnerstag gelang Titze, woran schon eine Reihe von Großmeistern gescheitert sind: den besten Weg finden, das Stafford-Gambit zu bekämpfen.

Besagtes Gambit (1.e4 e5 2.Sf3 Sf6 3.Sxe5 Sc6) changiert zwischen halbkorrekt und reiner Meme-Eröffnung. Vollständiger Blödsinn ist es nicht, eine gute Eröffnung erst recht nicht. Benannt ist das Stafford-Gambit nach einem gleichnamigen Schachfreund, der damit vor mehr als 70 Jahren diese Fernschach-Kurzpartie gewann:

Eine hübsche Falle. Wer nach 5…Se4 den Eindringling per 6.d3 vertreiben wilkl, macht nach 6…Lc5 ein dummes Gesicht, es wird auf f2 einschlagen. Spielt Weiß stattdessen allerdings 6.d4, ist er schon nahe am Gewinn (und darum ist statt 5…Se4 eher 5…Sd5 ein Versuch, das schwarze Spiel am Leben zu halten).

Dass “Stafford” heute in aller Munde ist, liegt unter anderem am US-IM und Schachyoutuber Eric Rosen, der es salonfähig gemacht hat. Im deutschsprachigen Schachraum ist in erster Linie KugelBuch der führende Ritter des Stafford-Gambits.

Wer als Weißer mit diesem Gambit konfrontiert wird, der sieht bald in aller Regel diese Stellung vor sich:

Zum Beispiel die 2600-Großmeister Vitaliy Bernadskiy (Ukraine) und Bogdan Daniel Deac (Rumänien) waren vor einiger Zeit beim Titled Tuesday aufgefordert, in dieser Stellung den besten weißen Zug zu finden. Sie entschieden sich für die naheliegende Mehrzwecklösung 6.Le2, ein Zug, der die Drohung …Sg4 eliminiert, eine Figur entwickelt und die kurze Rochade vorbereitet.

2600 Elo hin, 2600 Elo her, besonders gut ist 6.Le2?! leider nicht. Schwarz antwortet 6…Dd4 und steht okay.

Fragen wir doch den besten Schachspieler der Welt, was Weiß an dieser Stelle tun sollte.

Wir hätten auch Stefan Titze fragen können. 6.h3 ist der Zug, den er im Zugzwang-Auftaktmatch gegen das Stafford-Gambit von Gunnar Krupp gewählt hat. Titze wollte seinen 3500-Elo-Zug mit einem ambitionierten Konzept verbinden: Den Lf1 eben nicht nach e2 entwickeln, sondern möglichst aktiv nach c4, bevor er per d2-d3 seinem schwarzfeldrigen Läufer die Bahn frei macht.

Leider hat dieses Konzept einen taktischen Haken.

Der live kommentierende 2600-Großmeister Jan Gustafsson meinte diesen Haken sogleich erspäht zu haben, als Titzes 7.Lc4 auf dem Brett stand: “Jetzt kann Schwarz den Bauern zurückgewinnen”, sprach GM Gustafsson. Und es stimmt ja auch: 7…Lxf2+ nebst 8…Dd4+ ist möglich, danach wäre das materielle Gleichgewicht wiederhergestellt.

2600 Elo hin, 2600 Elo her, 7…Lxf2+ ist bei weitem nicht der beste Zug. Wer genauer hinschaut, der stellt fest, dass Gustafssons Vorschlag zwar den Bauern zurückgewinnt, aber zu erheblichem weißen Vorteil führt, einem positionellen: Zentrumskonstrolle, halboffene f-Linie, starker Läufer.

Fragen wir doch den besten Schachspieler der Welt, was Schwarz an dieser Stelle tun sollte.

Wir hätten auch Gunnar Krupp fragen können. 7…b5 ist der 3500-Elo-Zug, mit dem Krupp Titzes ambitioniertes Entwicklungskonzept entkräftete.

Wir tun den Kontrahenten nicht Unrecht, wenn wir feststellen, dass sie im Lauf der Partie das 3500-Elo-Level nicht ganz gehalten haben. Aber sie haben eine für menschliche Verhältnisse veritable Schachpartie gespielt, an deren Ende der Titelverteidiger die Waffen streckte:

Gunnar Krupp gewann auch die zweite Partie, in der Stefan Titze gegen Krupps Stonewall im Anzug keine Mittel fand. Als “dark horse” ins Match gegangen, ist Krupp nach seinem Sieg über den Titelverteidiger nun der Favorit, die vierte Zugzwang-Auflage für sich zu entscheiden.

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