Baustelle Hochschule

Das Hochschulschach ist eine der, wenn nicht die wichtigste Baustelle. Schon während des Jugendalters und dann am Übergang von der Schule zur Hochschschule gehen dem organisierten Schach seine Mitglieder zu tausenden verloren. Die nächste, kleinere Austrittswelle erfolgt beim Übergang vom Studium in den Beruf. Vor dem sechsten Lebensjahrzehnt finden diese Schachspieler nicht in den Verein zurück, wenn überhaupt.

Screenshot via DSB-Mitgliederstatistik

Wäre Schach an Hochschulen etabliert, gäbe es Training und Wettkämpfe, wahrscheinlich würde mancher Twen auch am neuen Wohnort dem Schach erhalten bleiben. Und es würden neue Schachfreunde gewonnen, die bis dahin einfach nur gespielt haben, ohne organisiert zu sein, die vielleicht schon als Jugendlicher ausgetreten sind und das Hobby nun neu entdecken – wenn ihnen an der Uni nur ein Schachangebot begegnet.

Leider ist seit Jahren niemand für diese zentrale Baustelle des organisierten Schachs zuständig. Wahrscheinlich ist sie nicht einmal als solche identifiziert, sonst käme Hochschulschach im Verbandsprogramm des Schachbunds vor. Aber da wird es (ebenso wie Schulschach) nicht erwähnt.

Beauftragter dringend gesucht

Trotzdem gibt es jetzt Hoffnung. „Hochschulschach wieder aufleben lassen“ steht als erster von 18 Punkten im Protokoll des Online-Meetings „Austausch von Vorstellungen im Breiten- und Freizeitsport“, das die neue Breiten- und Freizeitsport-Referentin Sandra Schmidt geleitet hat. Dort ist festgehalten, dass ein neuer Hochschulschachbeauftragter dringend gesucht wird. Außerdem soll das Schach-Open des Allgemeinen Deutschen Hochschulsportverbands wieder stattfinden, zum Auftakt 2022 an einer Hochschule in Sachsen-Anhalt.

Auch über die Schachabteilungen von eSport-Hochschulgruppen ließe sich anknüpfen.

Papiere gebärt das organisierte Schach reichlich. Meistens geht es darin um Ordnungs-, Verfahrens- und Verwaltungsfragen, selten darum, was getan werden könnte, um Verbreitung und Ansehen des Spiels zu fördern. Vor diesem Hintergrund ist das, was die 21-köpfige Arbeitsgruppe jetzt zusammengetragen hat, eine mehr als erfrischende Lektüre.

Ein Teil der Arbeitsgruppe um (oben, v.l.) die neue Referentin Sandra Schmidt und Vizepräsidentin Olga Birkholz. | via Schachbund

Zum Beispiel ist den 21 aufgefallen, dass am 20. Juli der „Tag des Schachs“ ist, und sie fanden es naheliegend, dass das Schach an einem solchen Tag öffentlich präsent sein sollte. Auch der Dauerbrenner „Schachkurse für erwachsene Einsteiger“ findet sich im Papier. Und einiges mehr, darunter erstaunlich viel, das mit Digitalem, Vernetztem, Medialem zu tun hat, die traditionellen Schach-Problemfelder.

„Breitenschach-Aktivität auf Social Media erhöhen“, steht jetzt im Breitenschach-Papier, und das deckt sich mit einem Passus, der seit 19 Jahren unbeachtet im DSB-Leitbild steht: „Der Deutsche Schachbund fördert die Verbreitung des Schachs sowie die Beschäftigung mit Schach und dem Schachsport als eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung und spannende Unterhaltung für alle.“ Obwohl das seit 19 Jahren da steht, benutzt der Verband seine Social-Media-Kanäle nur, um seinen Verbandskram abzusetzen. Würde er es richtig machen, würde er im Sinne seines Leitbilds gezielt versucht, Signale auszusenden, die das Potenzial haben, außerhalb der Schachblase zur Verbreitung des Schachs beizutragen. So wie es hier der deutsche Ableger von chess.com mit einem geschätzten Arbeitsaufwand von einer Minute gemacht hat.
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