„Schach hat Farbe bekommen, es ist greifbarer geworden“: Fabian Krane und das Promi-Turnier „Zugzwang III“

Als sich unlängst beim Tegernsee-Masters Vincent Keymer unerwartet in Quarantäne begeben musste, wurde das Turnier mit einem Spieler weniger ausgetragen. Das soll bei der am heutigen Donnerstag beginnenden dritten Staffel von „Zugzwang“ des Internet-Senders Rocket Beans TV nicht passieren. Zwar musste jetzt kurzfristig Gamerin Gnu absagen, die größte ihres Fachs in Deutschland mit mehr als einer Million Youtube-Abonnenten, aber der Sender will bald jemanden präsentieren, der stattdessen in den virtuellen Schachring steigt.

An schachaffinen (Internet-)Promis, die gerne mitspielen würden, wird es nicht mangeln. Fabian Krane, bei Rocket Beans TV zuständig für Brett- und andere Spiele, berichtet im Gespräch mit dieser Seite, dass das Turnier mit seinen acht Teilnehmer:innen leicht größer sein könnte, ginge es allein nach der Zahl der Interessenten.

Wir haben mit Krane über den weiterhin steigenden Schachanteil im Programm des Popkultur-Senders gesprochen, über die steigende Zahl der Schachmeister, die sich dort in einem ungewohnt bunten Umfeld wiederfinden – und natürlich über die steigende Zahl der „Zugzwang“-Staffeln. Das schachliche Flaggschiff des Senders aus Hamburg geht jetzt in seine dritte Auflage. Liveübertragung via chess24 hier.

Fabian Krane (r.) und Jan Gustafsson. | via Rocket Beans TV

Fabian, Glückwunsch zur Grimme-Preis-Nominierung!

Danke, darüber freuen wir uns sehr im Rocket-Beans-Universum.

Eine Sendung über Senf, war das deine Idee?

Nein, gar nicht. Aber es zeigt mir, dass manchmal die einfachen Sachen die besten sind.

Senf-Tester Florentin Will tritt bei euch auch im Schach-Kontext auf.

Nicht mehr, er hat dem Spiel den Rücken gekehrt.

Ein Abtrünniger!

Ja, aber Florentin verfolgt natürlich, was sich bei uns schachlich tut. Nur sieht er sich nicht mehr in einer aktiven Rolle.

Trotzdem scheint die Zahl eurer Schach-Vorturner zu wachsen.

Das stimmt. Unser Zugzwang-Turnier, aber auch Corona und das Queen’s Gambit haben dazu beigetragen, dass sich unter unseren On-Air-Leuten und hinter den Kulissen das Schachfieber verbreitet. In unserer internen Slack-Gruppe bekomme ich immer mehr Nachrichten von Leuten, die fragen, ob wir nicht eine Partie spielen wollen.

Auch die Zahl der Schachgäste in eurem Programm wächst. Und was für Gäste! Exweltmeister Rustam Kasimdzhanov, Sonja Bluhm, zuletzt Luis Engel. Woher kommen die alle?

Das liegt in erster Linie an Jan Gustafsson. Der kennt die Leute, ihm vertrauen sie, und wenn Jan fragt, ob sie mitmachen wollen, dann lassen sie sich darauf ein, auch wenn sie gar nicht wissen, was sie erwartet. Und bislang hatten alle Spaß, die Rückmeldungen waren positiv, auch die des Publikums. Ich sehe da ein Win-Win: Wir haben tolle Schachleute im Programm, diese Schachleute finden auch mal woanders statt als im Schachkosmos – und stellen fest, dass sie dort ankommen. Wenn Jan nicht aufpasst, ist Rustam bei unserem Publikum bald beliebter als er (lacht).

Wahrscheinlich hilft euch Corona, ein erlesenes Schachprogramm zusammenzustellen. Die Leute sitzen ja eh zu Hause und können nicht raus.

Um Rustam müssen wir gelegentlich kämpfen, der hat eine Menge zu tun. Corona hin oder her, er muss ja nebenbei Fabiano Caruana trainieren. Auch Sonja oder Luis sind nicht beliebig verfügbar, die beiden studieren. Der Hauptfaktor ist wirklich Jan.

Eure Schach-Vorzeigefigur. Als wir zuletzt gesprochen haben, hast du erklärt, wie sehr eure Community auf Jan abfährt. Kurz danach bekam er sein eigenes Format: die „Lach- und Schachgeschichten“. Und jetzt gibt es noch Janistan TV dazu. Hat das auch mit euch zu tun?

Janistan TV ist sein privater Twitch-Kanal. Jan hat sich ein zweites Standbein als Berufsjugendlicher aufgebaut. Darum streamt er jetzt auch noch auf seinem eigenen Kanal. Viel Schach, aber auch andere Spiele zusammen mit anderen Streamern, die sich in seinem Ruhm sonnen (schmunzelt).

Gehen euch irgendwann die Schachformat-Ideen aus? Das Spiel ist optisch begrenzt, in dieser Hinsicht lässt es sich schlecht aufpeppen.

Aber es gibt viele Möglichkeiten, es zu spielen. Neulich zum Beispiel hatten wir das „Großmeister-Duell“: Stefan Titze und ich spielen, und jeder von uns darf drei Mal während der Partie seinen Großmeister fragen, einen Joker einsetzen sozusagen. Ich sehe Schach als Spielwiese, die wir noch lange nicht abgegrast haben.

Die Schachfreunde Carlsen und Nakamura haben auf dieser Spielwiese jetzt den Doppel-Bongcloud aufgeführt. Damit bekamen sie Riesenaufmerksamkeit, einerseits. Andererseits war das Gezeter im traditionell geprägten Teil der Schachblase groß: kein Respekt vor dem Sport, vor dem Gegner, das Ende der Schachkultur und so weiter. Wie siehst du das?

Ich fand‘ es lustig. Ich bin ja selbst Teil einer Popkultur, die Memes gut findet – auch Meme-Eröffnungen. Eine Gefahr für den Sport sehe ich nicht, da muss man schon unterscheiden. Ich glaube, wir können sicher sein, dass beim Kandidatenturnier weiterhin nicht Bongcloud gespielt wird. Magnus Carlsens Online-Turniere bieten mehr Raum für solche Gags, diese Turniere sind ja auch als Schach-Show konzipiert, als Unterhaltung.

In der Schachblase fragen wir uns, wieviel Substanz hinter dem Corona-Beth-Harmon-Schachboom steckt. Flaut der Hype irgendwann ab, und die Leute spielen dann etwas anderes?

Dass es weniger wird, erwarte ich durchaus. So lange die Leute zu Hause sitzen, müssen sie etwas mit ihrer Zeit anfangen, und viele spielen halt Schach. Es gibt aber auch einen anderen Aspekt, an dem das Queen’s Gambit einen Anteil hat. Das Spiel hat Farbe bekommen, es ist greifbarer geworden. So wie Schach jetzt abgebildet und inszeniert wird, das hat wenig mit dem nerdigen, uncoolen, unattraktiven Spiel zu tun, das es einmal war. Und das hat zu einer ganz anderen Wahrnehmung des Spiels geführt, auch zu einer breiteren Wahrnehmung außerhalb der eigentlichen Schachblase. Nach meiner Einschätzung wird dieser Effekt bewirken, dass Schach jetzt dauerhaft größer ist, als es noch vor kurzem war.

Hinsichtlich Design und Inszenierung müsst ihr beim dritten Zugzwang-Turnier zulegen, wenn ihr mit der Netflix-Serie oder den Carlsen-Shows mithalten wollt.

Das Art Design von Queen’s Gambit hat mich beeindruckt, ich empfinde es als inspirierend. Uns hat die Sendung bewogen, das Design unserer Zugzwang-Show nochmal zu überarbeiten.

Das Zugzwang-Pendant „pogchamps“ von chess.com hat sich prächtig entwickelt, pogchamps III war größer denn je. Optik und Präsentation sind zentrale Bausteine dieser Turniere. Was davon übernehmt ihr für Zugzwang III?

Wir schauen uns das natürlich an und finden das spannend. Aber wir wollen ganz bewusst einen Unterschied beibehalten: Unser Teilnehmer:innenfeld ist kleiner, wir steigen direkt im Viertelfinale ein …

… woher solltet ihr als deutschsprachiger Sender auch zwei Dutzend schachaffine Internetpromis nehmen?

Unterschätz das nicht! Wenn es allein nach dem Interesse ginge, könnten wir ein viel größeres Feld mit Vorrundengruppen und so weiter auf die Beine stellen. Es gibt unheimlich viele Leute, die gerne mitspielen würden. Trotzdem beschränken wir es auf ein Achterfeld, das halten wir für übersichtlicher und aufgeräumter. Was wir von pogchamps lernen, ist, dass wir viel besser darin sein können, vorher die Hype-Maschine anzufeuern, indem wir die Spielerinnen und Spieler schon vorab bei der Vorbereitung begleiten. Chess.com macht das sehr, sehr gut, und wir versuchen das auch in einem gewissen Maß, indem wir die Teilnehmer animieren, ihre Zugzwang-Vorbereitung ins Programm auf ihren eigenen Kanälen einzubauen. Varion zum Beispiel trainiert schon seit Wochen, spielt auf seinem Kanal oder lässt sich von Jan Sachen zeigen.

Neben der Begeisterung über Zugzwang I und II ertönte die Kritik, dass mancher Teilnehmer kaum spielen kann und auch gar nicht versucht, das zu ändern.

Man muss fairerweise feststellen, dass viele Influencer auch andere Sachen zu tun haben. Nicht alle sind gänzlich im Schach-Hype aufgegangen. Maxim zum Beispiel ist League-of-Legends-Caster und damit in Vollzeit eingespannt. In seinem Programm gibt es schlicht nicht so viele Variety-Streams, in denen er mal dieses oder jenes macht und jetzt Schach einbauen könnte. Und auch wenn wir jetzt gezielt die Vorbereitung der Teilnehmer:innen zum Teil des Konzepts gemacht haben: Ich finde es spannend, wenn Leute mitspielen, bei denen vorab unklar ist, was sie können. Ein Viertelfinale bei Zugzwang II habe ich zum Beispiel besonders in Erinnerung: Reved tauchte auf, niemand hatte sie je zuvor beim Schach gesehen. Sie gewann 2:0 und kam sogar ins Finale.

Jahrhunderttalent Stefan Titze?

Wer spielt dieses Mal mit?

Maxim ist als Titelverteidiger wieder dabei. Er ist vor allem bekannt als League-of-Legends-Kommentator auf seinem Twitch-Kanal. Auch Reved, die zuletzt das Finale gegen Maxim verloren hat, spielt wieder mit. Dazu einige andere, Varion zum Beispiel, einer der bekanntesten deutschen Youtuber, der in erster Linie Sketche macht. Oder Stefan Titze, eine Hälfte des „Podcast UFO“ und Autor unter anderem der Netflix-Serie „How to sell drugs online“.

Wer ist Favorit?

Rustam hat neulich Stefan Titze zum Jahrhunderttalent gekürt. Wahrscheinlich ein wenig übertrieben, aber wenn Rustam so etwas sagt, können wir davon ausgehen, dass Stefan tatsächlich ziemlich gut ist. Seien wir gespannt.

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