Simplizissimus, Trash-TV und königlicher Spaß: das Schachphänomen KugelBuch

Nie in der gut neunjährigen Geschichte seines Youtube-Kanals hatte Niclas Huschenbeth den Zuschauern geraten, besser abzuschalten. Dann, am 6. April 2021, dieses: „Wer mit Anglizismen nichts anfangen kann, schaut besser nicht zu“, sagt der Großmeister zu Beginn eines Videos, in dem er eine Partie des Streamers KugelBuch analysiert. Gute zwölf Minuten und einige connectete Rooks später schließt Huschenbeth die Analyse: „Es tut mir sehr leid für alle, die jetzt zwölf Minuten ihres Lebens verloren haben. Ich möchte mich dafür entschuldigen.“

Während Schach am Brett pandemiebedingt kaum stattfindet, gebiert es online Phänomene und Helden. Einer davon ist KugelBuch. Unlängst mussten Deutschlands erfolgreichste Schach-Youtuber GM Niclas Huschenbeth und „The Big Greek“ IM Georgios Souleidis ihre Wettschulden nach verlorenen Streamerbattles gegen Kugelbuch einlösen – und sie litten sichtlich darunter.

Traditionell gehen Schachspieler eher an die Öffentlichkeit, wenn sie Erfolge präsentieren können. KugelBuch hingegen lässt seine „Subscriber“ seit acht Monaten an seinem Scheitern teilhaben, an seinem Bemühen, zum Beispiel ein Rating von 1800 bei Lichess zu erreichen. Die Zahl seiner Twitch-Abonnenten nähert sich den 10.000, die der zahlenden Subscriber („Subs“) liegt bei etwa 1.400. Nicht nur Mitbewerber mit seriöseren schachlichen Inhalten fragen sich, warum der hochgeschossene Schlaks mit altmodischer Brille und Basecap, der nach eigenen Angaben vor einem Jahr mit Schach begann, so erfolgreich ist.

Drei Aspekte fallen ins Auge.

  • KugelBuch oder „The Butch“, wie er auch genannt wird, lädt die jungen Zuschauer zur Identifikation ein. Er ist der Typ von nebenan, der Normalo, das Gegenteil jegliches Elitären, das dem Schach, wenn wir ehrlich sind, manchmal anhaftet. The Big Greek rutscht immer mal ein „Das habe ich natürlich gesehen“ oder „das habe ich analysiert“ mit unterschwelligem Stolz heraus, Huschenbeth gibt sich Mühe, bodenständig zu wirken, er erläutert mögliche Züge und Ideen wie einen Bewusstseinsstrom in Zeitlupe und versucht so nachvollziehbar zu machen, was er in Wirklichkeit bereits in Sekundenbruchteilen erkannt hatte. Der Zuschauer spürt trotz aller Bemühungen um Nähe, dass zwischen ihm und dem IM bzw. GM Welten klaffen. KugelBuch ist weder ein Wunderkind noch ein herausragendes Talent oder ein jahrelang gereifter Meister. Aber der Boy Next Door ist authentisch: Ein Simplizissimus des 21. Jahrhunderts, ein Jedermann, der hinauszieht in die Welt der 64 Felder, sie ohne Verein oder Trainer entdecken will und neugierig ist, wie weit ihn sein Ehrgeiz und sein starkes Selbstvertrauen tragen.
  • KugelBuch inszeniert Dramen. Der Partieausgang ist schwer vorhersehbar. Er selbst bleibt stets ein totaler Optimist, der frohgemut in der hoffnungslosesten Position nicht aufgibt und notfalls immer noch auf ein „Stalemate“ setzt. Und oft genug kommt es zu kuriosen Wendungen. Die Zuschauer freuen sich bei Erfolgen mit ihm – oder er gibt ihnen das Gefühl einer Überlegenheit, wir kennen das von bestimmten Formaten im Privatfernsehen.
  • KugelBuch hat seinen unverwechselbaren Stil – sowohl schachlich wie bei seinen Kommentaren. Seine Lieblingseröffnungen sind dubiose Gambits wie Stafford, die er sich bei Eric Rosen und anderen abgeschaut hat, die Ideen und Taktiken dahinter aber natürlich nicht annähernd so beherrscht wie seine Vorbilder. Kugelbuch greift kompromisslos und damit selbstredend häufig alles andere als stellungsgemäß an. Seine Partien kommentiert er in einem speziellen Denglisch-Sprachmix, wenn er etwa sagt, er wolle die Rooks connecten, dann seinen Bishop saccen, um mit der Queen anschließend auf der Backrank zu maten.

Streamerbattle: alle gewinnen

Die erfolgreichen Schachstreamer haben mit den Streamerbattles ein cleveres Marketingformat geschaffen, mit dem sie gegenseitig ihre Kanäle bekannter machen und mehr Abonnenten kreieren. Es stellt zugleich die übliche Sportsituation völlig auf den Kopf: Die Zuschauer kämpfen, der Star sieht zu und kommentiert. Es spielen dabei jeweils Subs mit ähnlichem Rating, das von unter 1000 bis 2400 auf Lichess reichen kann. Interaktion zwischen Streamer und Zuschauer ist vor allem bei Twitch und teilweise bei Youtube ein wichtiges Element der „Kundenbindung“, für den eigenen Kanal und sein Vorbild zu spielen natürlich ein besonderes Engagement, noch stärker als beim Mannschaftsschach. Denn jede Partie wird einzeln gezeigt und hat eine drei- bis vierstellige Zahl von Zuschauern, die mitfiebern und im Chat live mitkommentieren.

Die Freundin: eine Meisterin

Hier bringt KugelBuchs Freundin Sonja Bluhm, die auf weiblichem Titelträgerlevel in einem positionellen Stil spielt und weitaus stärker ist als er, sein Team in Führung. Natürlich sieht der Kiebitz immer alles besser, erst recht ein Titelträger. Speziell die erwähnten Streamer Huschenbeth (hier im Duell gegen Kugelbuch) und Souleidis verfolgen die Partien ihrer Schützlinge emotional, sie leben die Freude, das Unverständnis über manche Züge und die Enttäuschung vor der Kamera aus, sie leiden sichtbar mit – wie wohl manch ein Jugendtrainer es innerlich beim Spiel seiner Schützlinge verspüren mag. Die ganze Emotionalität mit Freude, Stolz und Begeisterung, aber auch Entsetzen, Enttäuschung und Wut, die im klassischen Schach rein internalisiert sind, können vor der Kamera offen ausgelebt werden wie hier in einer Partie Souleidis gegen Huschenbeth. Alleine das hat enormen Unterhaltungswert:

Bitterer Wetteinsatz

Nun hatten also sowohl die Spieler des smarten Großmeisters wie auch die des großen Griechen gegen die KugelBuch-Mannschaft verloren. Natürlich geht es nicht nur um die Ehre, sondern auch um Wetteinsätze. Huschenbeth musste dafür, siehe oben, eine typische KugelBuch-Partie in einem Video kommentieren, wie sonst eigene Partien oder die Werke bekannter Großmeister. Dabei durchlitt der sonst so gutgelaunte GM die Partie in ihrem absurden auf und ab sichtlich, kopierte brav die Kugel-Terminologie, riet aber auch davon ab, das Video anzusehen und entschuldigte sich am Ende bei seinen Zuschauern. Souleidis musste einen Stream lang Kugel-Gambits spielen und ebenfalls im Kugel-Stil kommentieren. Seine deutlich schwächeren Abonnenten schlug er dabei selbst mit den unkorrekten Kugel-Gambits. Ein Höhepunkt: Sub KugelBuch spielte selbst gegen den großen Griechen und verlor natürlich ebenfalls.

Potenzial in der Parallelwelt

Man mag die Nase rümpfen, dass dieser junge Kerl das Spiel der Könige in ein online-Trash-TV transformiert. Andererseits lässt sich nicht leugnen, dass diese schachliche Parallelwelt  unterhaltsam ist. Man ertappt sich mitunter dabei, gespannt zu sein, ob der Kugel-Gegner das Grundlinienmatt sieht.

Was man ebenfalls nicht ignorieren kann: KugelBuch weckt bei vielen jungen Menschen das Interesse an Schach, die man mit klassischer Vereinsarbeit aus verschiedenen Gründen wahrscheinlich niemals erreichen würde. Sicher nicht auf eine Weise, wie viele ordentlich Organisierte es sich wünschen, aber er – und alle anderen Streamer – schaffen hier ein Potenzial, das sich mit ein bisschen Einfallsreichtum nutzen ließe.

Vielleicht bieten kreative Vereine demnächst ja mal Kurse an „Tactics für alle – besser Maten als KugelBuch“ oder „KugelBuch-Gambits erfolgreich countern“. Wer da entgegnet, auf ein solches Niveau wollen wir uns nicht herablassen, der sei an das Zitat von RTL-Gründer Helmut Thoma erinnert: „Der Köder muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler.“

(Titelbild via Kugelbuch/Youtube)


Dr. Franz Jürgen Schell, geb. 1961, lebt in Hamburg. Turnierschachspieler 1978-1982 (Ingo-Zahl 95), nur kurzes schachliches Comeback Anfang 2020 wegen Lockdown. Seit April 2020 Online-Spieler. Schreibt sonst auch auf aerzteschach.de

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