Wiedergutmachung für den Remiskönig

Die FIDE plant einem Bericht von chess.com zufolge, nach der mehr als einjährigen Coronapause den WM-Zyklus schleunigst in den alten Rhythmus zurückzuführen. Ab 2022 soll wieder gelten: Die gerade Jahre sind Schachjahre mit Kandidatenturnier, WM-Kampf und (höchstwahrscheinlich) Schach-Olympiade.

Die Qualifikation fürs Kandidatenturnier 2022 soll nach Möglichkeit im April 2022 abgeschlossen sein, sodass im Spätsommer 2022 die Kandidaten klären können, wer WM-Herausforderer wird. Das WM-Match 2022 (in München?) würde dann ein Jahr nach dem WM-Match 2021 steigen.

Gute Nachricht für Schach-Fans: Bei der FIDE hat sich offenbar die Einsicht durchgesetzt, dass Ruhetage am Wochenende den Interessen der Zuschauer widersprechen. Während die meisten internationalen Turniere unverändert immer wieder dann pausieren, wenn die arbeitende Bevölkerung Zeit hätte, Schach zu gucken, werden ab dem 26. November 2021 Magnus Carlsen und Ian Nepomniachtchi unter der Woche freie Tage bekommen, aber an Sams- und Sonntagen durchspielen. Das lässt sich dem jetzt veröffentlichten WM-Fahrplan entnehmen.

Carlsen: “Lächerlich”

Jemand, der auf das Interesse der Zuschauer pfeift, ist schon fürs Kandidatenturnier 2022 qualifiziert. Einen Tag, nachdem Remiskönig Teimour Radjabov sich mit neuerlicher Arbeitsverweigerung und Fan-Verhöhnung bei der Carlsen-Tour manch garstigen Kommentar verdient hat, bestätigte die FIDE jetzt, was deren Präsident Arkadi Dvorkovich schon vor Monaten hatte durchblicken lassen: Radjabov, der unter einigem öffentlichen Wirbel vom Corona-Kandidatenturnier 2020/21 zurückgezogen hatte, bekommt einen Freiplatz für 2022.

Hat er diese „Wiedergutmachung“ verdient? Magnus Carlsen hat längst zu Protokoll gegeben, dass er es „lächerlich“ findet, Teimour Radjabov für seinen World-Cup-Sieg 2019 einen Platz im Kandidatenturnier 2022 zu geben.

World-Cup-Finale 2019: Teimour Radjabov gewann, als Belohnung wird er drei Jahre später am Kandidatenturnier 2022 teilnehmen dürfen. Seinen Platz dafür wird sich der Weltranglistendritte Ding Liren erst noch erkämpfen müssen (siehe weiter unten). | Foto: FIDE

Der öffentliche Gegenwind, der jetzt Dvorkovich und seinem Generalsekretär Emil Sutovsky ob ihrer Entscheidung ins Gesicht weht, lässt erahnen, dass der Job eines Sportveranstalters/-organisators speziell in Pandemiezeiten kein dankbarer ist. Es ist erst gut ein Jahr her, dass die FIDE-Chefs sich nach der Entscheidung, den unwilligen Radjabov durch MVL zu ersetzen, der Kritik erwehren mussten, das Kandidatenturnier sei undurchführbar: Radjabov habe Recht, und das Kandidatenturnier 2020 gehöre verschoben.

Nun schenkt die FIDE Radjabov die Teilnahme an einem Kandidatenturnier, für das er sich nicht qualifiziert hat, und sogleich ertönt der Chor der Kritiker – nur aus der anderen Richtung. Wahrscheinlich spielt eine Rolle, dass das WM-Geschenk nicht an einem Publikumsliebling geht, sondern an jemanden, der auf seinen Social-Media-Kanälen aserbaidschanische Kriegspropaganda verbreitet, der seit zwei Jahren keine Turnierpartie gespielt hat, und der, wenn er denn spielt, mit knapp 90 Prozent die bei weitem höchste Remisquote aller Elitegroßmeister produziert.

Protest aus der Carlsen-Ecke: Peter Heine Nielsen, Chefsekundant des Weltmeisters, und Leon Watson, Öffentlichkeitsarbeiter der Carlsen-Gruppe.

Als jetzt bei der Carlsen-Tour Radjabov auf seinen Landsmann Shakhriyar Mamedyarov traf, war dieses die einzige Partie, auf die ein polnischer Sportwetten-Anbieter keine Wetten annahm. Das Ergebnis der Begegnung stand ja mutmaßlich schon fest, bevor die beiden Schachfreunde sich ans virtuelle Brett setzten. Als die Partie dann lief, machten sie nicht einmal Anstalten, das beiderseitige Wunschergebnis zu verheimlichen.

Durch das Radjabov-Geschenk ist zumindest fürs Kandidatenturnier 2022 eine andere Baustelle aus der Welt, die Wildcard-Frage: Die Auffassung, ein Kandidatenturnier sollte ausschließlich aus sportlich qualifizierten Teilnehmern bestehen, trifft auf die Auffassung, dass eine Ausrichter-Wildcard im Sinne des Schachs sinnvoll sein kann.

Angenommen ein Land hat einen aufstrebenden 2700-Großmeister, nennen wir ihn Vincent, mit einem veritablen Sponsor im Rücken, warum sollte aus einer solchen Konstellation keine Bewerbung als Kandidatenturnier-Ausrichter erwachsen dürfen? Eine Ausrichter-Wildcard könnte helfen, alle zwei Jahre in einem anderen Land dem Schach einen gewaltigen Impuls zu geben.

WM-Chance für Dietmar Kolbus

Dieses Argument ist vorerst vom Tisch. Die FIDE hat die Qualifikationspfade fürs Kandidatenturnier 2022 veröffentlicht. Radjabov ist dabei, eine Wildcard gibt es nicht:    

  • 1 Platz: Verlierer des WM-Matches 2021
  • 1 Platz: Teimour Radjabov, Gewinner World Cup 2019
  • 2 Plätze: World Cup 2021
  • 2 Plätze: Grand Swiss 2021
  • 2 Plätze: Grand Prix 2022

Außerdem gibt es dieses Mal keine Qualifikation per Rating. Die Schachfreunde Fabiano Caruana und Ding Liren etwa, Nummer zwei und drei der Welt, werden sich via World Cup, Grand Swiss oder Grand Prix qualifizieren müssen – oder sie sind raus aus dem WM-Rennen.

Den Grand Swiss, die große Lotterie, hat die FIDE mit einem zusätzlichen Ticket aufgewertet. Fast die kompletten Top 100 der Welt plus einige Wildcard-Gewinner werden vom 25. Oktober bis 8. November 2021 in elf Runden Schweizer System auf der Isle of Man um zwei Plätze für das Kandidatenturnier 2022 streiten. Und so bekommt voraussichtlich IM Dietmar Kolbus (Elo 2295) eine neuerliche WM-Chance:

Auch beim World im Juli 2021, für den gerade die hybrid gespielte Europa-Qualifikation läuft, wird es um zwei Plätze fürs Kandidatenturnier 2022 gehen. Ein Geburtsfehler des ansonsten aufregendsten Schachturniers überhaupt bleibt bestehen: Der World Cup ist mit dem Halbfinale beendet, das Finale nicht mehr relevant – es sind ja beide Finalisten qualifiziert.

An dieser Stelle, und das ist schon 2019 aufgefallen, gehört der Modus überdacht. Weil das offenbar nicht passiert ist, haben wir 2021 einen neuerlichen World Cup, bei dem egal ist, wer ihn gewinnt.

Die Grand-Prix-Serie will die FIDE zügiger als zuletzt durchziehen, von Februar bis April 2022. Genaue Termine stehen noch nicht fest.

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