“When you’re in Deutschland, you eat like a deutsch person”

Einem „inaktiven“ Spieler die Wildcard für den WM-Zyklus geben, das gehe nicht, fand Sergey Karjakin, nachdem FIDE-Präsident Arkady Dvorkovich den aus der Weltrangliste gefallenen Schach-Streamer und -YouTuber Hikaru Nakamura für den Grand Prix nominiert hatte. Nun hat Nakamura den Grand Prix im Tiebreak des Finales gegen Levon Aronian gewonnen und beste Aussichten, sich für das Kandidatenturnier 2022 zu qualifizieren.

Dezent beschriftete Halsbänder, viereckige Medaillen: Die Partien waren nach dem Finale zwischen Levon Aronian und Hikaru Nakamura beendet, die Design-Grausamkeiten nicht. | Foto: World Chess

Karjakin rede „Nonsens“, sagt Nakamura. Er sei ja gar nicht inaktiv, stellte er nach seinem Turniersieg in Berlin fest – im Gegenteil: „In den vergangenen Jahren habe ich mehr als jeder andere gespielt, und die viele Praxis hat mir geholfen. Jeden Tag zu spielen, hält dich wach.“ Allerdings sei tägliches Online-Schach mit einem Zugeständnis in Sachen Eröffnungsvorbereitung und -analyse verbunden: In Turnierpartien am Brett gegen andere Supergroßmeister „hängt viel davon ab, ob du die Eröffnung einigermaßen hinbekommst“.

Die Eröffnung sei ohnehin nie Nakamuras Stärke gewesen, analysierte dazu sein Finalgegner Aronian. Stattdessen sei Nakamura immer schon besonders zäh und erfindungsreich gewesen, wenn er unter Druck steht. Und dieses Markenzeichen hat der US-Amerikaner dank neuem Mindset noch einmal ausgebaut. „Ich bin jetzt glücklicher, als ich jemals war.“ Nakamura fühlt sich jetzt nicht mehr unter Ergebnisdruck, er spielt einfach die besten Züge – und ist kaum zu besiegen.

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“Kein Druck”

Schachlich spiegelte in Nakamuras Wahrnehmung die zweite Schnellschachpartie im Finale, in der Aronian auf den vollen Punkt drückte, „den Unterschied zwischen jetzt und früher“: „Noch 2019 wäre die Wahrscheinlichkeit, dass ich verliere, etwa 50 Prozent gewesen. Jetzt habe ich einfach weiter Züge gemacht, ich habe keinen Druck gespürt. Levon war nervöser als ich, die Nerven haben eine Rolle gespielt.“

Currywurst Pommes Lebensmittel - Kostenloses Foto auf Pixabay

Ob es vielleicht auch an der Ernährung gelegen hat? Anstatt sich wie die anderen Teilnehmer schachlich vorzubereiten, hat Nakamura am Vortag des Grand Prix aus seinem Berliner Hotelzimmer auf Twitch gestreamt. Etwa 100.000 Menschen schauten zu, wie der US-Großmeister die mutmaßlich erste Currywurst mit Pommes seines Lebens aß.

Die Berliner Spezialität mundete Nakamura „really, really good. I like the wurst … a better version of a Hot Dog honestly“. Und „when you’re in Deutschland you eat like a deutsch person“. Derart gestärkt und kulinarisch assimiliert, machte er sich tags darauf daran, den Grand Prix in der Welthauptstadt der Currywurst zu gewinnen.

Andrey Esipenko hatte Nakamura in der Vorrunde an der Angel. | Foto: Eric Rosen/FIDE

Eine kritische Situation musste Nakamura im Lauf des Grand Prix überstehen: die letzte Vorrundenpartie gegen Andrey Esipenko, der den vollen Punkt brauchte, um anstelle des Amerikaners ins Halbfinale einzuziehen. Esipenko war knapp dran – und scheiterte doch.

Ansonsten spielte Nakamura nach mehr als 800 Tagen ohne Turnierpartie, als wäre er nie weg gewesen. Drei Siege, sieben Remis, keine Niederlage, dazu seine Qualität im Schnellschach, die ihm im Finale den Turniersieg bescherte.

“Mein Beruf wartet auf mich”

Auf Currywurst wird er für gut vier Wochen verzichten müssen. Nakamura fliegt jetzt über den großen Teich nach Hause, „ich habe ja einen richtigen Beruf, der auf mich wartet“. Aber er freue sich, zum dritten Grand Prix zurückzukehren.

Und wenn ihm nun seine Nebenbeschäftigung am Brett die Qualifikation fürs Kandidatenturnier einbringt? „Darüber nachzudenken, wäre zu früh“, sagt Nakamura. „Dieses war nur ein Turnier. Wenn ich beim nächsten Letzter in meiner Gruppe werde, dann wird es wahrscheinlich nicht reichen.“

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Das Schachblog “Chess by the numbers” hat nach Nakamuras Finalsieg 100.000 Grand-Prix-Simulationen berechnen lassen. In einer stand am Ende Vincent Keymer im Kandidatenturnier 2022. | via @chessnumbers

Die Rechenschieber laufen schon heiß, und sie besagen, dass sich mit einem letzten Platz in der Vorrunde tatsächlich kaum die Qualifikation fürs Kandidatenturnier machen lässt, eine Rechnung, die unter anderem für Vincent Keymer als Letztplatzierten seiner Vorrundengruppe relevant ist. Keymers (oder Etienne Bacrots) Chance aufs Kandidatenturnier ist theoretisch noch existent, sie liegt bei etwa 1:100.000.

Lex Ding?

Mikroskopisch klein und nur theoretischer Natur dürfte auch die Chance des Weltranglistendritten Ding Liren zu bewerten sein, der nun definitiv aus der Grand-Prix-Serie ausgeschieden ist. Unter der Voraussetzung, dass die FIDE nach der „Lex Radjabov“ nicht kurzfristig auch eine „Lex Ding“ erfindet, steht er unter den gegebenen Umständen wegen zu wenig gespielter Partien nicht einmal auf der nach Elo sortierten Reserveliste fürs Kandidatenturnier.

Von den drei WM-Kandidaten 2020/21 (v.l.) Maxime-Vachier Lagrave, Fabiano Caruana und Ding Liren ist beim Kandidatenturnier 2022 nur Caruana sicher dabei. MVL kann sich per Grand Prix noch qualifizieren, Ding bräuchte nach seinem Ausscheiden aus dem Grand Prix eine unerwartete Wendung. | Foto: Lennart Ootes/FIDE

Der chinesische Großmeister müsste jetzt schleunigst 26 elogewertete Turnierpartien spielen (und dürfte dabei allenfalls moderat Rating verlieren), um auf die erforderlichen 30 im Jahr vor dem Kandidatenturnier zu kommen. Dann wäre er dank seiner Elozahl erster Nachrücker und würde WM-Kandidat, sollte zum Beispiel Hikaru Nakamura zurückziehen.  

Stefan Löffler von der Deutschen Presse-Agentur hat Ding Liren jetzt zu seinem Ausscheiden aus dem Grand Prix befragt. Es offenbarte sich, dass die Aussage der FIDE, sie habe “alles getan”, um Ding Liren eine Grand-Prix-Teilnahme zu ermöglichen, die Gemengelage einseitig wiedergibt.

Er sei ausgestiegen, weil die FIDE ihm einen Platz im dritten Turnier in Berlin nicht garantiert habe, sagt Ding. Er hätte am dritten Grand Prix nur teilnehmen können, wäre kurzfristig ein Platz frei geworden. Außerdem habe ihm die Aussicht misfallen, bei seiner Rückkehr nach China unter Quarantäne gestellt zu werden.

Vorbehaltlich von Covid- und anderen Absagen, die Gruppen für die zweite der drei Grand-Prix-Etappen in Belgrad stehen jetzt fest:

via Wikipedia

(Titelfoto via Hikaru Nakamura/Twitch)

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Daniel Flock
Daniel Flock
7 Monate zuvor

Warum hat hat Yu Yangyi nicht die gleiche Situation wie Ding Liren? Wohnt er nicht in China?

Klaus Gawehns
Klaus Gawehns
7 Monate zuvor
Reply to  Daniel Flock

Für die Einreise nach Serbien braucht Yu kein Visum, sofern er weniger als 30 Tage bleibt. Es gibt ein entsprechendes Abkommen zwischen China und Serbien seit 2017.

Thomas Richter
Thomas Richter
7 Monate zuvor
Reply to  Daniel Flock

Ding Liren hätte offenbar das zweite Turnier in Belgrad spielen können, allerdings nicht das dritte Turnier wieder in Berlin – außer wenn jemand für ihn verzichtet, freiwillig oder gezwungenermaßen. Da das nicht gewährleistet ist und Ding Liren nicht nur ein Turnier spielen will, spielt er gar kein Turnier. Gezwungenermaßen (Corona-Infektion) würde sich erst kurz vor dem dritten Turnier ergeben, für freiwillig gäbe es eine Möglichkeit: ein gewisser Hikaru Nakamura verzichtet zugunsten von Ding, aber das macht er nicht. Dass Nakamura (im Fall des Falles) nach Qualifikation für das Kandidatenturnier seinen Platz an Ding weitergibt (Ding muss gar nichts selbst tun/erreichen)… Weiterlesen »

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