Getrennte Wege

Wo Fabiano Caruana Schach spielt, da ist Rustam Kasimdzhanov nicht weit. Und da hagelt es Eröffnungsbomben. Diese Konstante der Schachwelt gehört nun der Vergangenheit an. Kasimdzhanov und Caruana gehen fortan getrennte Wege. Das erklärte der Usbeke jetzt während einer “Hand and Brain”-Session mit Sonja Bluhm für chess24.

Einen Konflikt zwischen der Nummer zwei der Welt und seinem langjährigen Coach gibt es nicht. “Es war einfach an der Zeit”, sagt Kasimdzhanov. “Das ist ein Job für jüngere Leute.”

Die zunehmend enge Zusammenarbeit zwischen Kasimdzhanov und Caruana begann anlässlich des Kandidatenturniers 2016,. Seinerzeit gewann Sergej Karjakin das Turnier mit einem Sieg in der Schlussrunde gegen den gleichauf liegenden Caruana.

Schon 2016 blickte Kasimdzhanov auf eine bemerkenswerte Vita als Schachcoach zurück: 2008 hatte er als Sekundant Viswanathan Anand geholfen, im WM-Match in Bonn gegen Vladimir Kramnik den Weltmeistertitel zu gewinnen.

Kasims Eröffnungsküche

“Kasim” blieb an Anands Seite, als der seinen Titel 2010 gegen Veselin Topalov und 2012 gegen Boris Gelfand verteidigte. 2014 trainierte er eben jenen Sergej Karjakin, der 2016 seinem neuen Schützling den WM-Herausforderer-Spot wegschnappen sollte. En passant half Kasimdzhanov 2011 der deutschen Nationalmannschaft als Eröffnungscoach, den Europameistertitel zu holen.

2018 führte Kasimdzhanov Caruana zu dessen WM-Kampf. Der Amerikaner gewann das Kandidatenturnier in Berlin und zwang beim folgenden WM-Match Magnus Carlsen in den Tiebreak. Kopf von Team Caruana auch beim WM-Match: Rustam Kasimdzhanov. Beim Kandidatenturnier 2020/21 führte Kasimdzhanov erneut die Riege der Caruana-Helfer an.

Welchen Wert ein Helfer dieser Klasse hat, offenbarte sich schon 2016 beim Kandidatenturnier, in dem Viswanathan Anand nicht mehr auf Kasimdzhanovs Hilfe zurückgreifen konnte. Stattdessen sah sich der Inder mit schwer verdaulichen Rezepten aus Kasims Eröffnungsküche konfrontiert, die sein einstiger Helfer nun für Caruana anrührte:

(Das kommentierte Partiefragment entnehmen wir der Seite von ChessBase India. Die vollständig kommentierte Partie hier.)

Was in Kasimdzhanovs Eröffnungsküche köchelte, nachdem das 2020er-Kandidatenturnier abgebrochen worden war, sah Maxime Vachier-Lagrave, als das Turnier ein Jahr später wieder aufgenommen wurde. MVL traf als Führender auf Caruana, der, einen Punkt dahinter, gewinnen musste, wollte er das Rennen um den Herausforderer-Spot 2021 offen halten. Es geschah dieses:

“Das war Rustams Idee”, erklärte Caruana hinterher. Schon Anfang des Jahres beim Superturnier in Wijk an Zee hatte Caruana erwogen, einem Gegner 16.c3 nebst 18.Lc4!!? vorzusetzen. Aber Spieler und Coach entschieden, diese Idee sei zu wertvoll, um sie in einem normalen Turnier zu verbraten. Schließlich nutzte sie Caruana, um sich damit spektakulär zurück ins Kandidatenturnier 2021 zu kämpfen.

WM-Herausforderer 2021 wurde bekanntlich trotzdem ein anderer: Ian Nepomniachtchi. Und das mag der Grund sein, warum sich Caruana jetzt einen Impuls für den kommenden WM-Zyklus wünscht. Er wird ja nicht jünger, nächstes Jahr feiert er 30. Geburtstag. Wenn der Amerikaner noch einmal ein WM-Match spielen will, dann muss er sich sputen.

Zeit, Französisch zu lernen

Verlierer der neuen Qualifikationsregelung fürs Kandidatenturnier 2022 war Caruana schon, bevor eine Partie gespielt worden war: Auch wegen ihrer “Lex Radjabov” hat die FIDE 2022 den Elo-Freiplatz fürs Kandidatenturnier wegfallen lassen: Anstatt des Bestplatzierten in der Weltrangliste, Caruana (knapp vor Ding Liren), soll der Sieger des World Cups 2019 (Teimour Radjabov) fürs Kandidatenturnier 2022 qualifiziert sein.

Spektakuläres Comeback, trotzdem gewann ein anderer: Fabiano Caruana und Rustam Kasimdzhanov beim Kandidatenturnier 2021. | Foto: Lennart Ootes/FIDE

Für Caruana bedeutet das, er muss sich qualifizieren wie jeder andere. Und die erste Chance ist schon dahin. In der dritten Runde des World Cups in Sotschi scheiterte er sensationell am international kaum bekannten Kasachen Rinat Jumbayev. Ihm bleiben zwei Chancen: das Grand Swiss im Oktober 2021 in Riga, dann der Grand Prix von Februar bis April 2022 in Berlin.

Rustam Kasidmzhanov wird gewiss verfolgen, wie Caruana sich schlägt und wen er als neuen Chef seines Teams anheuert. Der Usbeke freut sich auf freie Zeit, die er in erster Linie seiner Frau und den Kindern widmen will, mit denen er in der Nähe von Bonn lebt.

Vielleicht werde er jetzt Französisch lernen (die Sprache, nicht die Eröffnung, Anm. d. Red.), sagte Kasimdzhanov, vielleicht sogar ein Studium aufnehmen. Auf Sonja Bluhms Vorschlag, Zahnmedizin zu studieren, reagierte Kasimdzhanov allerdings wenig euphorisch.

Rustam Kasimdzhanov: A lifetime repertoire: play the Nimzo Indian!
Rustam Kasimdzhanov hat jetzt Zeit, seine Eröffnungsrezepte mit anderen zu teilen.

(Titelfoto: World Chess)

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