Berlin will den Grand Prix

Berlin will den Grand Prix ausrichten, eine Serie von drei Weltklasse-Turnieren, die von Februar bis April 2022 zwei Teilnehmer des Kandidatenturniers 2022 hervorbringen soll. Das bestätigte jetzt auf Anfrage dieser Seite Paul Meyer-Dunker, designierter Präsident des Berliner Schachverbands. Der Deutsche Schachbund mit seinem Präsidenten Ullrich Krause unterstütze das Vorhaben. Lange vor dem Grand Prix, schon im August 2021, wollen die Berliner ihre Stadt zum Schauplatz eines IM-Turniers machen, das nach Möglichkeit zu einer regelmäßigen Einrichtung werden soll.

Ihre Pläne für die Grand-Prix-Serie 2022 haben die FIDE und World Chess am gestrigen Donnerstag veröffentlicht. Die Serie, wo immer sie stattfindet, wird sich deutlich von denen vergangener Jahre unterscheiden.

2022 sollen die drei Turniere in drei Monaten des Frühjahrs durchgezogen werden, damit Luft bleibt, im Lauf des Jahres das Kandidatenturnier, womöglich auch das WM-Match auszutragen. Auf diese Weise würde eine Konstante im FIDE-Kalender wiederhergestellt, die sich der Pandemie wegen nicht hatte halten lassen: Die gerade Jahre sind traditionell Schachjahre mit Kandidatenturnier und WM-Match. Ein WM-Kandidat 2022 steht schon fest, Teimour Radjabov:

Alle drei Grand-Prix-Turniere sollen in derselben Stadt ausgetragen werden. Damit wollen die Organisatoren einem Wiederaufflammen der Pandemie vorbeugen: Den Teilnehmern solle ihre „Reiseplanung inmitten der pandemiebedingten Reise- und Visabeschränkungen erleichtert“ werden.

Der K.o.-Modus mit 16 Teilnehmern pro Turnier gehört ab sofort der Vergangenheit an. Zwar nehmen weiterhin an jeden Turnier 16 Spieler teil, aber diese werden zu Beginn in vier Vierergruppen aufgeteilt. Jede dieser Gruppen spielt ein doppelrundiges Rundenturnier. Die vier Gruppensieger bestreiten das Halbfinale, aus dem die Finalisten hervorgehen.

Nepomniachtchi Wins Moscow FIDE Grand Prix
Ian Nepomniachtchi gegen Alexander Grischuk beim Grand Prix in Moskau 2019. Die beiden Russen belegten die ersten beiden Plätze der Grand-Prix-Serie (Grischuk vor Nepo) und qualifizierten sich für das Kandidatenturnier, aus dem jetzt Ian Nepomniachtchi als kommender Herausforderer Magnus Carlsens hervorging. Der Verlierer des WM-Matches im November/Dezember 2021 wird nach Teimour Radjabov als zweiter Teilnehmer des Kandidatenturniers 2022 feststehen. | Foto: World Chess

24 Spieler werden Teil der Serie sein, jeder wird in zwei der drei Turniere antreten. Preisfonds für jedes Turnier: 150.000 Euro, 24.000 für den Gewinner. Die 24 Teilnehmer ergeben sich aus den Ergebnissen des World Cups (ab dem 10. Juli in Sotschi), und des Grand Swiss (Oktober/November, Isle of Man). Sechs Spieler werden nach Elo nominiert, dazu kommen jeweils eine Wildcard von FIDE und World Chess.

Nicht geändert hat sich der Umstand, dass World Chess die Grand-Prix-Turniere ausrichtet. Zwar hat FIDE-Präsident Arkady Dvorkovich seit seiner Wahl keinen Zweifel daran gelassen, dass er die Zusammenarbeit mit dem für Katastrophen anfälligen Unternehmen so schnell wie möglich beenden will, aber offenbar erlaubt es die vertragliche Situation zwischen beiden Unternehmen nicht, diesen Knoten zu durchschlagen.

Nachdem World Chess noch das Kandidatenturnier 2018 in Berlin organisiert hatte, ist es der FIDE gelungen, den Rest des WM-Zyklus‘ wieder an sich zu reißen. Der Grand Prix aber bleibt vorerst bei World Chess, das unter anderem das Grand-Prix-Turnier 2019 in Hamburg organisiert hatte:

Zuletzt war World-Chess-Chef Ilya Merenzon mit einem bizarren Verfahren gegen eine Firma, die es nicht mehr gibt, auffällig geworden. Die Seite chess.com meldet jetzt, dass der Grand Prix 2022 das letzte World-Chess-WM-Zyklus-Turnier sein könnte. Der Vertrag mit der FIDE werde danach auslaufen.

Ob beide Organisationen dann vollständig voneinander getrennt sind, erscheint mehr als fraglich. Eine Verbindung wird bleiben: World Chess hat die lange brachliegende FIDE-Spielplattform „FIDE Arena“ übernommen, ohne dass es eine öffentliche Erklärung gegeben hätte, warum ein Partner, der geschasst werden soll, ein neues Geschäftsfeld angereicht bekommt.

Für die große Zahl der Schachfreunde, die nicht meisterhaft spielen können, aber trotzdem gerne einen Meistertitel hätten, hat die FIDE-Arena gegenüber allen anderen Plattformen einen klaren Mehrwert: Nur dort werden „offizielle“ FIDE-Titel vergeben, der Arena-Großmeister (AGM) zum Beispiel. Bekanntester deutschsprachiger Vertreter dieser Spezies ist AGM Andreas Scheele, der im vergangenen Jahr bei der Deutschen Online-Meisterschaft für Aufsehen sorgte (in diesem Jahr hat er allem Anschein nach nicht mitgespielt).

Offline ist die Titellust der Amateurschachspieler die Grundlage von Geschäftsmodellen, bei der offenbar aus der Insolvenz wiederauferstandenen Amateur Chess Organization (ACO) etwa, die ihren Kunden gediegenen Urlaub in Verbindung mit Teilnahme an einer „Weltmeisterschaft“ anbietet. Online will jetzt World Chess mit seiner FIDE-Arena diese Titellust monetarisieren. Die Firma bewirbt mit zunehmender Intensität ihr exklusives Angebot, beim Onlineschach um FIDE-Titel zu spielen. Nach einem baldigen Ende des Vertrags mit dem Weltverband sieht das nicht aus.

Jetzt hat World Chess erst einmal seinen wahrscheinlich letzten Grand Prix vor der Brust. Dafür „suchen wir die bestmögliche Stadt“, sagt Ilya Merenzon, der Schachfans bei der Meinungsbildung einbinden wird. Womöglich hat er ja dieses Signal schon zur Kenntnis genommen:

In der kommenden Woche will World Chess einen Aufruf veröffentlichen, um Vorschläge und Meinungen einzuholen. Wenn dann die Ausschreibung steht, wird der Berliner Verband seinen Hut in den Ring werfen. „Der Grand Prix ist eine spannende Turnierserie, die wir gerne in Berlin sehen würden“, sagt Paul Meyer-Dunker – vorbehaltlich der noch nicht bekannten Ausschreibungsmodalitäten. „Die werden wir prüfen.“ Den Deutschen Schachbund haben die Berliner schon mit im Boot. „Ich habe Ullrich Krause mein Interesse an einer Bewerbung mit dem Standort Berlin signalisiert und freue mich, dass er und der DSB das Anliegen unterstützen“, sagt Meyer-Dunker.

Paul Meyer-Dunker

Offen ist, ob die Grand-Prix-Ausschreibung auch in München wahr- und gleichermaßen euphorisch aufgenommen wird. Wie berichtet, hat die Stadt München ohne Zutun der lokalen Schachszene von sich aus Interesse entwickelt, eine Schach-Großveranstaltung auszurichten, womöglich gar ein WM-Match.

Einige Nummern kleiner ist das, was die Berliner schon für den August planen: ein IM-Turnier. Dahinter steht in erster Linie der Wunsch, Berliner Nachwuchsspieler:innen Norm-Chancen vor der Haustür zu geben. „In Berlin leben so viele Meister aus so vielen Konföderationen, dass es problemlos möglich ist, so ein Turnier günstig auszurichten. Kost und Logis fallen weg“, erklärt Meyer-Dunker in der Broschüre zum bevorstehenden Berliner Verbandstag. „Mir schwebt vor, das Turnier mindestens im Jahresrhythmus auszurichten. Für talentierte Jugendliche in Berlin wäre das eine Superinstitution, wenn wir es etablieren können“, sagt er auf Nachfrage.

Über das IM-Turnier hinausdenken will Meyer-Dunker vorerst nicht. „Wenn es etabliert ist, können wir schauen, wie sich so eine Veranstaltung ausbauen lässt. Darauf ausruhen möchten wir uns sicher nicht.“

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