Zum Zungeschnalzen

Das erste Kräftemessen Vincent Keymers mit der nationalen Elite hat das Coronavirus kurz nach dem Start des Tegernsee Masters verhindert. Während die anderen spielten, saß Keymer in Quarantäne. Nun bei der Kader-Challenge des DSB (wir berichteten) vom 5. bis 11. April in Magdeburg, die der DSB jetzt offiziell angekündigt hat, wird der 16-Jährige unter anderem auf die Schachfreunde Blübaum und Donchenko treffen, die deutsche Nummer eins und zwei. Vorher trifft er auf das andere Ausnahmetalent des deutschen Schachs: Am 21. März werden Vincent Keymer und Luis Engel ein zweistündiges Blitz-Match spielen, eine Premiere.

Keymer vs. Engel. Klick auf “Play” startet die kommentierte Partie.

Natürlich kennen die beiden einander, frei geblitzt haben sie oft, aber eine Turnierpartie haben sie nie gegeneinander gespielt. Zu einer ersten halboffizielle Begegnung war es unlängst bei der Lockdownchess-Meister-Arena gekommen (siehe Video oben). Beim Kaderturnier wird auch Luis Engel Teil des zehnköpfigen Felds sein, dort werden die beiden eine erste Turnierpartie gegeneinander spielen. Aber vorher eben das Blitz-Match. Ein solches, zumal vor Publikum, haben sie nie zuvor ausgetragen.

Ort der Begegnung wird Lichess sein, live übertragen wird am kommenden Sonntag von 20 bis 22 Uhr auf dem stetig wachsenden Lockdownchess-Kanal, den Luis Engel gemeinsam mit seinem Coach Felix Meißner gegründet hat. Dort präsentieren die beiden mit wechselnden Gästen immer neue Schachideen, das Match der Ausnahmetalente ist die neueste dieser Ideen.

Alexander Morozevich gewinnt die Lockdownchess-Meister-Arena vor den Gebrüdern Svane.

Monatlicher Höhepunkt im Spielbetrieb des Lockdownchess-Teams ist die stets zum Zungeschnalzen besetzte Lockdownchess-Meister-Arena. Die Meister-Arena am 5. März etwa hat der einstige Weltranglistenzweite Alexander Morozevich vor Rasmus Svane und Frederik Svane gewonnen. Vincent Keymer musste mit Platz 7 Vorlieb nehmen, der deutsche Blitzschach-Meister Matthias Blübaum landete gar nur auf Rang 17.

Alexander Morozevich verlor 2 von 28 Partien, eine gegen Frederik Svane. Klick auf “Play” startet die kommentierte Partie.

Wenn Sonntagnacht das Match der beiden Youngster gespielt ist, können wir langsam beginnen, uns zurückzulehnen und uns darauf freuen, klassisches Schach am Brett zu sehen. Trotz eines dem Vernehmen nach bescheidenen Preisfonds (einen Turnierpartner oder -sponsor gibt es nicht) war die Aussicht, endlich wieder klassisches Schach zu spielen, so verlockend, dass sich auch in Magdeburg ein Feld zum Zungeschnalzen einfinden wird.

Das Feld des Männerturniers. Das Frauen-Feld steht noch nicht fest. | Grafik via Schachbund

Der DSB hatte unter seinen Kaderspielern gefragt, wer an diesem Wettbewerb teilnehmen möchte, und es stellte sich heraus, dass ein Großteil der Spitzenspieler Interesse hat. Zwar fehlen von den nationalen Top 5 drei Spieler (Liviu Dieter Nisipeanu, Jan Gustafsson, Georg Meier), aber abseits davon hat der DSB ein spannendes, starkes Feld mit einem veritablen Eloschnitt von 2608 zusammengetrommelt.

Bevor nicht die ersten Partien gespielt sind, weiß wahrscheinlich keiner der zehn Teilnehmer, wo er steht. Die offensichtlichen Favoriten sind Matthias Blübaum und Alexander Donchenko, der nach seiner Superturnier-Premiere in Wijk an Zee einige Elo gutmachen muss, will er Blübaum wieder auf die Pelle rücken oder ihn gar überholen. Und sollte Vincent Keymer bestätigen, was er zuletzt in Biel und in der Bundesliga angedeutet hat, dann wird er schon jetzt mit diesen beiden auf Augenhöhe sein.

Wo steht Rasmus Svane? Auch das eine spannende Frage. Der ältere Svane-Bruder sieht bei sich 2650er-Potenzial, wie er unlängst im Gespräch mit dieser Seite sagte, hat aber seit mehr als einem Jahr kein Turnier am Brett gespielt. Stattdessen jede Menge Online-Blitz. Aber Svane warnt davor, den Trainingseffekt des schnellen Bildschirmschachs zu unterschätzen.

Wo steht Dmitrij Kollars? Noch so eine Frage. Der Sieg des 21-Jährigen beim Claus-Dieter-Meyer-Gedenkturnier unter anderem vor Donchenko deutete an, dass auch der Jungprofi aus Bremen als Folge ausgefallener Wettkämpfe mit seinen 2598 Elo stark unterbewertet sein könnte.

Gegenüber dem Rest des Feldes fällt nur Luis Engel als nationale Nummer 24 ein wenig ab – nominell. Aber wer weiß. Sollte Onlineschach tatsächlich ein taugliches Trainingswerkzeug sein, dann hat Engel während seiner Lockdownchess-Abenteuer der vergangenen Monate hart trainiert.

Die Runden werden live bei Schachdeutschland TV übertragen. Klaus Bischoff kommentiert die Partien und empfängt Gäste zur Analyse.

(Titelfoto: Klaus Steffan)

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