Bundesliga-Episoden

Richard Rapport

Richard Rapport mit neuer Frisur. | Foto: Christian Bossert/Schachzentrum Baden-Baden

In der langen Turnierschach-Zwangspause drohte in Vergessenheit zu geraten, dass Richard Rapport wieder da ist. Mit einem Elo von 2760 hatte sich der junge Ungar vor dem Schach-Lockdown wieder in die unmittelbare Nähe der Top 10 gespielt.

In Karlsruhe tauchte er mit neuer Frisur am Brett auf. Zum Auftakt ließ er noch in einer wenig ereignisreichen Partie Alexander Donchenko ins Remis entschlüpfen, gleich danach zeigte er, warum er als einer der spektakulärsten Akteure im Schachzirkus gilt:

Einen bangen Moment musste Baden-Badens Rapport allerdings überstehen, gegen Berlins wackeren Jan Sprenger nämlich.

GM Rapport, Richard (2760) – GM Sprenger, Jan Michael (2482)
ch-Schachbundesliga 2020

Was hätte Sprenger hier tun sollen, anstatt automatisch auf c4 zurückzuschlagen?
(Du willst lösen? Klick aufs Brett.)

Fabiano Caruana

Fabiano Caruana. | Foto: Christian Bossert/Schachzentrum Baden-Baden

Dass die Nummer zwei der Welt das Spitzenbrett der Baden-Badener hüten würde, war trotz aller Geheimniskrämerei durchgesickert. Erst hatte die Website des Schachzentrums Baden-Baden berichtet, dass Fabi und sein Coach Rustam Kasimdzahnov sich in Deutschland aufhalten, dann hatte Caruana im Stream des Schachzentrums Saint Louis durchblicken lassen, dass er Bundesliga spielen wird.

Zum Leistungsträger der Badener Weltauswahl avancierte er gleichwohl nicht. 7,1 Elopunkte kosteten ihn seine 3/5 am Spitzenbrett, und der Abstand auf einen gewissen Norweger wuchs auf 35 Punkte.

Caruana, Fabiano (2835) – Fressinet, Laurent (2635)
ch-Schachbundesliga 2020

Huch. Hat Fabi eine Figur eingestellt? Oder kann Weiß am Zug sie zurückgewinnen?

Shakhriyar Mamedyarov

Im Schach sind die Baden-Badener Deutscher Meister (zum 14. Mal in 15 Jahren), im Geheimnisse hüten ist der Vizemeister aus Viernheim besser. Während auf Baden-Badener Seite auch Aronians Mitwirken bald kein Geheimnis mehr war, wusste niemand, ob die Viernheimer ihr schwerstes Geschütz auffahren würden.

Nachdem Mamedyarov am ersten Spieltag auf Seiten Viernheims noch gefehlt hatte, zauberte ihn der Club am zweiten „aus dem Hut“, wie der SC Viernheim via Facebook mitteilte:

Spätestens damit war klar, dass Viernheim in Sachen Meisterschaft zumindest konkurrenzfähig sein würde. Außerdem nutzte Mamedyarov diese ersten Partien nach langer Wettkampfpause in eigener Sache. Mit 3/4 hievte er seinen Elo wieder über 2770 und ist damit zurück in den Top 10 des Weltschachs.

Vincent Keymer

Zwei Nackenschläge hatte der 15-Jährige vor Beginn des Meisterschaftsturniers einstecken müssen: Erst schied er nach großem Kampf im Banter Cup von chess24 im Vorrundenfinale aus, dann wurde er in der ersten Runde des Juniorenturniers von chess.com, einer inoffiziellen Junioren-Blitz-WM, vom Armenier Haik Martirosyan deklassiert und war auch dort ausgeschieden.

„Fehlende Praxis“, erklärte Keymer hinterher. Vor Beginn der Pandemie habe er nie viel Online-Blitz gespielt, während andere damit täglich Stunden verbringen. Diese fehlende Erfahrung lasse sich nicht binnen kurzer Zeit aufholen. Und so war Keymer froh, dass sich nun in Karlsruhe nach dem Schachfestival Biel wieder eine Gelgenheit bot, „richtig“ Schach zu spielen, am Brett nämlich und mit langer Bedenkzeit.

Allerdings erwartete den für Deizisau spielenden Youngster zum Auftakt in Karlsruhe eine heikle Aufgabe: Schwarz gegen Michael Adams, der gerade erst in Biel Keymers Najdorf virtuos auseinandergeschraubt hatte. Dieses Mal versuchte Keymer Caro-Kann – und handelte sich den dritten Nackenschlag in Folge ein, nachdem er eine Rettungschance verpasst hatte.

Mit dem überraschenden 37…Se3+!! hätte sich Keymer ins Dauerschach retten können.

Was danach folgte, war ein Monument der Stabilität. Trotz dieses missratenen Auftakts beendete Keymer das Meisterschaftsturnier mit 5,5/7 gegen veritable Gegnerschaft. Ein sattes Eloplus befördert ihn in unmittelbare Nähe der 2600-Elo-Marke.

Blübaum, Donchenko, Nisipeanu

Liviu Dieter Nisipeanu gegen Alexander Donchenko. | Foto: Deutscher Schachbund

Als Brettnachbarn in der Deizisauer Mannschaft verfolgten Matthias Blübaum und Alexander Donchenko aus nächster Nähe, welche Fort- oder Rückschritte der jeweils andere im Ringen um den Nummer-eins-Spot der deutschen Rangliste macht. Allerdings mussten beide feststellen, dass einige hundert Kilometer entfernt ein Dritter im Bunde so gar nicht beabsichtigt, aus diesem Ringen auszuscheiden.

Liviu Dieter Nisipeanu und seine Dresdner nahmen am Meisterschaftsturnier der Bundesliga nicht teil. Der gebürtige Rumäne spielte stattdessen in der parallel laufenden rumänischen Liga, sammelte 5,5 Punkte aus 7 Partien sowie 9,4 Elopunkte. Und damit bleibt er auf Tuchfühlung mit Matthias Blübaum, der mit nun 2672 Elo weiter oben steht.

Als es Alexander Donchenko zum Auftakt gegen Rapport gelang, seine Ruine zu verteidigen, sah es noch nicht nach einem verkorksten Turnier für den 22-Jährigen aus. Die Niederlage in der zweiten Runde gegen den „kleinen“ van-Foreest-Bruder Lucas dürfte nicht eingeplant gewesen sein, ging dem Partieverlauf nach aber in Ordnung. Sowas passiert, 2500er können auch Schach spielen.

In der vierten Runde dann dieses Desaster:

Blohberger, Felix (2467) – Donchenko, Alexander (2654)
ch-Schachbundesliga 2020

Die Frage, ob Donchenkos zwei Mehrbauern zum Sieg reichen, ist noch nicht abschließend geklärt, das muss noch ausgekämpft werden. Nur war hier dem Deizisauer ein Überseher passiert, der die Partie unmittelbar zu seinen Ungunsten entschied.

Weiß zieht und gewinnt.

Aber wie der oben erwähnte Keymer zeigte auch Donchenko, dass ihn Missgeschicke nicht umhauen. Mit einem Schwarzremis gegen den gefühlten 2700er David Anton sowie einem Weißsieg gegen die niederländische Schachlegende Loek van Wely erkämpfte sich Donchenko einen versöhnlichen Turnierabschluss.

Naiditsch, Vallejo Pons, Adams

Arkadij Naiditsch (rechts). | Foto: Christian Bossert/Schachzentrum Baden-Baden

Arkadij Naiditschs wunderbare Polemik zum Stand des Leistungsschachs in Deutschland hat unlängst zehnjähriges Jubiläum gefeiert. Große Aufregung hat seine Einlassung damals ausgelöst, geändert hat sich – nichts. Fast zumindest. Als Folge des Aufstands der Nationalspieler wurde immerhin UKA als Zahlmeister Mäzen Sponsor der Nationalmannschaft gewonnen, eine erstaunliche Akquisition: eine Firma, die Geld gibt, ohne etwas dafür zu verlangen.

Seit fast zehn Jahren nimmt es UKA hin, dass es rund um die Nationalmannschaft und die UKA-Logos tragenden Nationalspieler (ebenso wie rund um den Rest des organisierten Schachs) keinerlei Marketing gibt. Würde das Unternehmen heute aussteigen, wir wären von jetzt auf gleich wieder dort angekommen, wo sich Naiditsch einst nicht anders zu helfen wusste, als öffentlich Alarm zu schlagen.

Der ehemaligen deutschen Nummer eins kann es egal sein. Er hat sich damals eine Klage eines DSB-Funktionärs eingefangen, der gerichtlich feststellen ließ, dass seine Urlaubsgewohnheiten von Naiditschs Darstellung abweichen. Danach verschwand der Dortmunder Schachmeister in Richtung aserbaidschanischer Verband. Dort spielt er für ein mutmaßlich deutlich höheres Entgelt als in Deutschland. Schach-Unternehmer ist Naiditsch mittlerweile auch, außerdem hält er einen Sitz in einer der budgetstärksten FIDE-Kommissionen.

Trotz all dieser Baustellen ging es im Rahmen der Naiditschs kompromisslosem Stil geschuldeten Schwankungen schachlich bergauf. Bis auf 2736 kletterte sein Elo im November 2018. Dann der Absturz. Von Dezember 2018 bis zum Beginn des Schachlockdowns bekam Naiditsch auf dem Brett kein Bein an die Erde, das galt auch in der Bundesliga:

Mehr als 100 Elo verlor Naiditsch in diesen Monaten, ein Niedergang, der in diversen Schachforen debattiert wurde: Was ist bloß mit Naiditsch los? Eine Antwort wusste niemand.

Die Verbindung zwischen Naiditsch und Baden-Baden ist traditionell stark, das hat sich durch seine sportliche Krise nicht geändert. Anders als damals in der Nationalmannschaft würde es bei der Ooser Schachgesellschaft niemals einen Spieleraufstand wegen mickriger Honorare geben. Dazu kommt, dass das Team über die Jahre als solches gewachsen ist. Die Ansammlung von Legionären, als die es oft dargestellt wird, ist die Baden-Badener Weltauswahl bei weitem nicht.

Francisco Vallejo Pons (rechts). | Foto: Christian Bossert/Schachzentrum Baden-Baden

Arkadij Naiditsch hat jetzt seinen Einsatz bei der Meisterschaftsrunde mehr als gerechtfertigt, und das nicht nur wegen der 5,5 Punkte aus 6 Partien, die deutlich zeigen, dass schachlich wieder mit ihm zu rechnen ist. Obendrein war Naiditsch derjenige, der im letzten Kampf gegen Viernheim am Ende eines Schachdramas den entscheidenden vierten Punkt für seine Mannschaft holte.

Mit Michael Adams (6/7) und Francisco Vallejo Pons (5,5/6) bildeten zwei weitere Routiniers und langjährige Baden-Badener die Säulen des alten und neuen Deutschen Mannschaftsmeisters. Dem Spanier gelang unter anderem dieser Kurzsieg mit Schwarz gegen den besten Spieler des afrikanischen Kontinents:

Amin, Bassem (2686) – Vallejo Pons, Francisco (2710)
ch-Schachbundesliga 2020

23.Tc2 war ein Fehler, der eine versteckte Drohung übersieht.

Schwarz zieht und gewinnt.

Josefine Heinemann

WGM Josefine Heinemann. | Foto via RTU-Open

Die einzige Frau unter 63 Männern rechtfertigte ihre beiden Einsätze für den SC Viernheim mit zwei Punkten. Einen davon gegen FIDE-Meister Henrik Rudolf machte sie so:

Hier gab sich Henrik Rudolf geschlagen. Aber … hängt denn da nicht ein Turm auf e2?

Colin Colbow

Colin Colbow (links) nahm GM Ilja Zaragatski einen halben Punkt ab und kehrte mit 2 Punkten aus 3 Partien an die Weser zurück. | Foto: Christian Bossert/Schachzentrum Baden-Baden

Der 15-Jährige Bundesliga-Debütant vom SV Werder Bremen steht stellvertretend auch für Jari Reuker, Nikolas Wachinger, zwei weitere Youngster, die für die Bremer nicht nur mitspielten, sondern couragiert punkteten. Die Extra-Erwähnung für den schönsten Zug des Turniers müssen sie allerdings ihrem Kollegen Alexander Areshchenko überlassen.

Und auch beim Preis für denjenigen, der die Haare am schönsten hat, gehen sie leer aus. Diesen Preis verdiente sich (weit vor dem abgeschlagenen Richard Rapport) der von der Nordseeküste aus kommentierende Bremer Teamkäptn Olaf Steffens.

Günther Beikert

Günther Beikert (links). | Foto: Christian Bossert/Schachzentrum Baden-Baden

Bei aller Leidenschaft für die 64 Felder, die manchem die Welt bedeuten, Schach kann nicht mehr sein als eine Nebensache. Die Erde steht in Flammen, und uns bleibt, wenn überhaupt, ein kleines, sich rasant schließendes Zeitfenster, um ihrem Kollaps vorzubeugen, um der Menschheit „eine zumindest spielbare Position zu erhalten“, wie der Schach spielende Physiker sagt.

Beikert nutzt jeden seiner Schachauftritte, um uns daran zu erinnern. Sein Club SC Viernheim hat sich dank Beikerts Einsatz dem Ziel verpflichtet, dazu beizutragen, die Erde zu retten – ein Beispiel, dem andere folgen sollten. Schnell.

(Titelfoto via chess24)

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