Das nächste Wunderbrett?

Im Online-Schach wartet unverändert ein riesiger Markt darauf, erschlossen zu werden. Wer sich vor Augen führt, dass selbst die klobigen, ruckelnden Square-Off-Bretter via Crowdfunding mehr als eine Million Dollar eingesammelt haben, der ahnt, was möglich wäre, gäbe es so ein Brett mit automatisch ziehenden Figuren in schön, geschmeidig und zuverlässig. Auch der Wirbel um das angebliche Wunderbrett von Regium im vergangenen Jahr zeigte, was für eine Goldgrube der Hersteller eines Turnierschachbretts mit selbstziehenden Figuren ausheben könnte. Seitdem die Regium-Scharlatanerie nie dagewesene Aufmerksamkeit für ein Schachprodukt generiert hat, haben Hersteller wie Millennium und DGT, außerdem diverse Bastler ausgelotet, ob sich dieser Schachspielertraum konstruieren lässt.

Das Ergebnis ist eindeutig: Er lässt sich nicht konstruieren, schon gar nicht zu einem vertretbaren Preis.

Einen Markt für elektronische Schachbretter gibt es gleichwohl, sei es für Onlineschach am Brett statt vor dem Bildschirm, für Hybrid-Wettkämpfe, für Liveübertragungen, fürs Spiel gegen eine Engine oder Lehr- und Trainingszwecke. Weil sich der Traum von den magnetisch gesteuerten selbstziehenden Figuren erledigt hat, geht es für die etablierten Hersteller wie für Start-ups darum, die beste zweitbeste Lösung zu präsentieren.

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Die könnte zum Beispiel so aussehen:

via indiegogo

Oder so:

via in2chess.com

Diese beiden Bretter werden sich abseits der Prototypen nie materialisieren. Sie gehören zum nicht abreißenden Strom von Schach-Produktideen, die auf Crowdfunding-Plattformen auftauchen. Beide, und nicht nur die, sind bei potenziellen Käufern durchgefallen. Eine Finanzierung des Projekts kam nicht zustande.

Am 16. März ist auf der Crowdfunding-Plattform Kickstarter ein weiteres elektronisches Schachbrett aufgetaucht, und es passierte dieses:

Das Brett, das binnen vier Tagen an die 400.000 Dollar von 1.400 Unterstützern zugesagt bekommen hat, sieht so aus:

via kickstarter

Ein neues Regium? Gewiss nicht, die Zielgruppe ist eine ganz andere, das Produkt ein ganz anderes.. Das ChessUp-Brett richtet sich an Anfänger und wenig Fortgeschrittene, die mit Hilfe ihres elektronischen Bretts Schach lernen und besser werden wollen.

Das ChessUp-Brett erlaubt das Spielen mit Unterstützung. Drückt ein Spieler eine Figur auf ihr Feld, leuchten die Felder, auf die diese Figur ziehen kann, und das in verschiedenen Farben: schlechter Zug = rot, guter Zug = grün zum Beispiel. Das Level der Unterstützung lässt sich modifizieren, sodass Anfänger auf diesem Brett sogleich losspielen können, ohne reihenweise Material einzustellen, und auch Fortgeschrittene noch etwas von ihrem Brett lernen können.

Ein Ansatz dahinter ist tatsächlich neu: Lehrer und Schüler auf Augenhöhe bringen. Der Vater kann seiner Tochter gerade erst Schach beigebracht haben, mit Unterstützung des ChessUp-Bretts wird sie trotzdem von Beginn an eine Gegnerin sein, die nicht leicht zu besiegen ist.

Auf einem Brett mit leuchtenden Feldern ist dieser Lehr-Ansatz tatsächlich noch nie eingebaut worden. Das Prinzip der vor einem Zug verschiedenfarbig leuchtenden Felder ist gleichwohl nicht neu. ChessBase-Anwender kennen es von der “Assisted Analysis”:

Assisted Analysis: Sxf7 ist gut, alle anderen Springerzüge sind es nicht.

Diese Funktion ist allerdings nicht für Schachschüler gedacht, sondern für erfahrene Spieler, die beim Analysieren vor Einstellern geschützt werden sollen. ChessUp übernimmt nun dieses Prinzip und entwickelt daraus ein Brett mit eingebauter Schachschule.

Wie nachhaltig das ist, ob so ein Brett daheim intensiv genutzt würde oder bald unbeachtet in der Ecke steht, wird sich zeigen, wenn die ersten verkauft sind. Sicher ist, dass das Brett mit seinen leuchtenden Feldern, begleitet von einer exzellent gemachten Kickstarter-Kampagne, enormes Interesse ausgelöst hat.

Auslieferung im November 2021

Nach der Regium-Scharlatanerie steht über all dem die Frage, ob es sich hier um einen honorigen Anbieter handelt – oder um einen weiteren Betrüger, der via Crowdfunding schnelles Geld machen will, um dann abzutauchen. Dem Augenschein nach ist ChessUp der Abteilung “honorig” zuzuordnen. Hinter ChessUp steht das Start-up Bryght Labs mit seinem CEO Jeff Wigh, und der beantwortet auf Kickstartet detailliert und authentisch alle Fragen, die (potenzielle) Unterstützer zu seinem Schach-Projekt haben.

Abseits der Lehr- und Trainingsfunktionen soll das neue Brett auch als ganz normales Schachbrett für zwei Personen dienen – inklusive Uhr. Die läuft über die im Paket enthaltene App, mit der sich auch eine Verbindung zu Lichess herstellen lässt. Damit verbunden, soll das Brett auch Online-Spiel mit haptischer Erfahrung möglich machen. Laut Wright bemüht sich Bryght Labs um eine Möglichkeit, das Brett mit der weltgrößten Schachseite chess.com zu verbinden. Ob es dazu kommt, hänge allein von chess.com ab.

Die Kickstarter-Kampagne läuft noch einen guten Monat. Im November 2021 sollen die erste Bretter ausgeliefert werden.

Während ChessUp in den Startlöchern steht, scheint sich Regium endgültig aus dem Schachgeschäft zurückzuziehen. Bis vor kurzem war auf der Regium-Website noch eine selbstgemachte Fake-Crowdfunding-Seite online, die dazu einlud, Regium Geld zu geben. Diese Kampagne ist jetzt verschwunden, und auch auf allen anderen Kanälen zieht Regium nach und nach den Stecker.

Regiums größter Coup: Das Logo des Scharlatan-Bretts im Bild mit dem Kopf des Weltmeisters.

Weil der Spuk allem Anschein nach nun vorbei ist, sei seine Geschichte hier noch einmal erzählt. Eine solches Produkt hatte es im Schach ja noch nicht gegeben, eine solche Kampagne auch nicht. Regium startete mit einigem Getöse, das Start-up, von dem nie jemand gehört hatte, schloss Sponsoring-Verträge mit zwei der großen Schachseiten. Regium unterstützte eines der Flaggschiff-Turniere von chess.com, die Speed ​​Chess Championship. Ein noch größerer Coup war das Sponsoring des Banter Blitz Cups auf chess24, wo das Regium-Logo neben dem Kopf des Schachweltmeisters zu sehen war.

Zeitgleich veröffentlichte Regium Videos, die das Wunderbrett in Aktion zeigen. Über die machte sich die Schachgemeinschaft sogleich her – und enttarnte in einer langen Debatte in den Lichess-Foren den Umstand, dass hier jemand bei den wie von Zauberhand übers Brett gleitenden Figuren technisch nachgeholfen hatte. Wäre Regium an diesem Punkt bis zum Beginn der Kickstarter-Kampagne stillschweigend abgetaucht, die Masche hätte womöglich funktioniert.

Und plötzlich verändert der Springer seine Form: Die Regium-Videos wurden von der Schachgemeinschaft in den Lichess-Foren wochenlang seziert.

Stattdessen bekam Lichess per Mail eine Klageandrohung, sollten „diffamierende“ Forenbeiträge nicht gelöscht werden. Anstatt einzuknicken, veröffentlichte Lichess einen Artikel, der Regium als betrügerisches Projekt vorführt. Unter anderem ging es um das manipulierte Video oder die falsche Behauptung, jeder könne mit dem Brett auf jeder der großen Seiten spielen – mit einem Brett wohlgemerkt, dass außerhalb der Videos niemand je gesehen hatte und das Regium auch dann nicht vorführen konnte, als in den Wochen danach chess.com und chess24 darum baten.

Regium blieb trotzdem in der Offensive. Im Lichess-Forum tauchten Fake-Accounts auf, die vergeblich versuchten, die Vorwürfe zu entkräften, auch im Reddit-Schachforum mit seiner sechsstelligen Nutzerzahl polterte ein Regium-Vertreter. Der empfahl Kritikern, wieder zur Schule zu gehen, und sprach von Lügen und Fantasien. Obendrein produzierte Regium weitere Videos, die die Echtheit des Wunderbretts belegen sollten. Der Reddit-Streit gipfelte in einem wunderbaren Parodie-Video, das die Regium-Videos durch den Kakao zog.

Nachdem sie erst Geld von Regium genommen hatten, machten schließlich chess.com, dann chess24 einen Rückzieher. Beide warnten davor, der Produktankündigung von Regium zu trauen, beide beendeten die Zusammenarbeit. Aber beide Warnungen in Form von Website-Beiträgen wurden nicht allzu offensiv verbreitet, sie erreichten nicht die Reichweite, die die vorherigen Videos mit dem Regium Logo gehabt hatten.

Und so erlebte die Crowdfunding-Kampagne von Regium einen raketengleichen Start. Wahrscheinlich wäre schnell ein hoher sechsstelliger Betrag zusammengekommen, wäre nicht auch diese Angelegenheit implodiert. In den Kommentaren tauchten zahlreiche Warnungen vor dem zwielichtigen Projekt auf, erst zogen Unterstützer ihr Geld zurück, schließlich zog Kickstarter der Regium-Kampagne den Stecker.

Beendet war die Geschichte damit immer noch nicht. Nachdem die Kickstarter-Kampagne gescheitert war, versandte Regium einen Newsletter, in dem von einer angeblich erfolgreichen Kampagne für das Wunderschachbrett in Japan berichtet wurde – erstaunlich: In Japan spielt kaum jemand Schach, Shogi ist dort das Spiel der Wahl, und ein ein Markt für elektronische Schachbretter dürfte in Japan nicht existent sein.

So sah die Kampagne auf der Regium-Website aus. Eine fast exakte Kopie einer tatsächlichen Crowdfunding-Kampagne auf Kickstarter.

Gleichwohl teilte Regium mit, die Kampagne solle nach ihrem erfolgreichen Start in Japan nun global ausgerollt werden. Wer ein Wunderbrett haben möchte, möge sich auf die Regium-Website begeben und von Vorzugspreisen für frühe Unterstützer profitieren.

Auf dieser Website fanden Besucher tatsächlich ein Crowdfunding-Projekt. Das hatten sich die Regium-Macher vom Anbieter Thrinacia gekauft und auf ihrer eigenen Seite installiert. Dort ließen sie die Kampagne exakt so aussehen wie jene auf Kickstarter. Der Unterschied: Wer dort Geld ließ, gab es nicht einem vertrauenswürdigen Mittler, sondern direkt den Erfindern des nicht existenten Wunderbretts.

Die Fake-Kampagne war seit Mitte 2020 auf der Regium-Website zu sehen. Jetzt ist sie verschwunden, und Regium hat all seine Profile in den Sozialen Medien entweder gelöscht oder all ihre Inhalte entfernt. Wieviel Geld über die Fake-Crowdfunding-Seite geflossen ist, ist nicht bekannt.

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Frank Bicker
8 Monate zuvor

2019 wurde ein anderer Ansatz in einer Masterarbeit “Data-Driven Soundtracks for Chess” dargelegt: https://theses.fh-hagenberg.at/system/files/pdf/Hoeller19.pdf
Ein Soundtrack soll Hinweise auf Stellung und Züge geben, es werden keine konkreten Felder kommuniziert. Die Idee könnte fortgeschrittenen Spielern helfen, weil nicht konkrete Felder angezeigt werden.

Simon
Simon
8 Monate zuvor

Passt zwar nicht zum Thema, aber ist hochspannend und wäre bestimmt auch ein interessantes Thema für einer der nächsten Beiträge.

Wie Sie sich vielleicht noch erinnern können war ich der Auffassung, dass Schach keine Kontaktsportart ist – und Sie haben mir widersprochen
Nun stand folgende Meldung vor 10 Tagen auf der Seite des DSB https://www.schachbund.de/news/dosb-schach-ist-keine-kontaktsportart.html

Peter Kalkowski
Peter Kalkowski
8 Monate zuvor

Genauso sehe ich das auch mit der Pflicht sprich keine Leistung trotz 100% Beitragsforderung. Letztlich sind die Vereine in der Verantwortung und ob die Vereinsführungen bereit sind für paar Vereinsmitglieder die Schach zocken wollen die Hygienevorschriften richtig und sicher um zu setzen. Das ist ein riesen Aufwand und fordert auch Logistik. Wir sprechen hier von der Basis also von 60+Jahren-Vereinsmitglieder in Vereinen von 10-50 Mitgliedern. Genau hier lassen die Verbände die Vereine alleine. Das hochladen von Papieren reicht hier nicht um die tragenden Säulen (Basis)der Verbände bei Laune zu halten. Glaubhafter hätte ich gefunden wenn die Verbände einen hygiene Beauftragten*in… Weiterlesen »

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