Felix Meißner, Luis Engel und die Frage, wen Rasmus rasiert

Auf die Idee, simultan gegen eine Nationalmannschaft zu spielen, war ja schon jemand gekommen und hatte sie umgesetzt. 1992 zum Beispiel, als „Kasparow gegen Deutschland“ auf dem Programm stand. Aber ein Simultan gegen die versammelten Deutschen Jugendmeister? Das hatte es nie gegeben. Aber selbst wenn jemand auf die Idee käme: Wer würde sich so etwas zutrauen?

Diese Frage ist seit einigen Tagen beantwortet: Luis Engel traut sich das zu. Der zweitjüngste deutsche Großmeister ließ neben den Deutschen Meistern sogar weitere starke Gegenspieler an die Bretter – und setzte sich trotzdem durch. Mit der außergewöhnlichen Simultanvorstellung haben Luis Engel, Felix Meißner und Anna-Blume Giede ihr neues Schachprojekt aus der Taufe gehoben, den Twitch-Kanal „Lockdownchess„.

Endgegner Rasmus

„Ausgewählte Events“ rund ums Schach wollen die Drei auf ihrem Kanal präsentieren. Nach dem Simultan gegen die Deutschen Meister heißt das nächste Projekt „Rasmus rasiert“. Blitzschach-Phänomen Rasmus Svane spielt den Endgegner, der jeden zu rasieren gedenkt, der sich via Lockdownchess-Meisterschaft für ein Match gegen ihn qualifiziert.

Unlängst auf einem anderen Kanal bedurfte es keines Geringeren als des Weltmeisters, um Rasmus Svane die seltene Erfahrung machen zu lassen, wie es ist, rasiert zu werden. An diesem Freitag auf Lockdownchess bekommt es Svane mit der deutschen Nummer eins und dem deutschen Blitzschachmeister Matthias Blübaum zu tun. „Das wird nicht einfach“, sagt selbst Svane-Fan Felix Meißner.

Wir haben mit Meißner über sein neuestes Projekt gesprochen – und, wenn wir ihn schon in der Leitung haben, über den Aufstieg von Luis Engel, den Meißner als Trainer begleitet, seitdem Klein-Luis einst als achtjähriger Kenner der Klassiker im „Kindergarten“ des Hamburger Schachklubs aufgefallen ist.

Felix Meißner (rechts) mit seinem Schützling Luis Engel, als der jetzt beim Schachgipfel in Magdeburg gerade Deutscher Meister geworden war. | Foto: Deutscher Schachbund

Felix, wie bist du Hamburger geworden?

Nach dem Abitur in meiner Heimatstadt Leipzig bot sich mir 2010 die Möglichkeit, beim Hamburger SK ein Freiwilliges Soziales Jahr zu absolvieren. Ich hatte die Stellenausschreibung gesehen, zum Bund wollte ich nicht, also rief ich Christian Zickelbein an – mit Erfolg. In Hamburg habe ich neben Gruppenunterricht im HSK auch an Grundschulen Schachunterricht gegeben.

Und du wurdest Luis Engels erster Trainer.

Freitags war im Vereinsheim der „HSK-Kindergarten“, hier ist Luis zum ersten Mal aufgefallen: ein Achtjähriger, der am Demobrett eine klassische Partie zeigt! Den entscheidenden Turmzug auf die achte Reihe konnte er aber nicht ohne Hilfe zeigen, weil er mit seinen Händen nicht so hoch reichte. Christian erzählte mir, wie sehr Luis‘ Augen leuchten, wenn ihn taktische Motive begeistern, und dass dieser Junge Einzeltraining braucht. Das habe ich dann übernommen und begonnen, ihn und seinen Bruder Robert zu unterrichten.

Du führst seit Jahren schon das Blog „Luis wird Weltmeister“. Wie ist das entstanden?

Luis hatte sich als Zehnjähriger zum ersten Mal für eine WM qualifiziert, ich habe ihn nach Maribor begleitet. Und ich dachte, wenn wir schon dort sind, sollte ich von dort berichten. Der Name des Blogs war natürlich ein Scherz, Luis war bei seinem ersten internationalen Auftritt einer von vielen.

Partievorbereitung bei der Jugend-WM 2012 in Maribor. | Foto: privat

Das sollte sich ändern.

Dass Luis in den Jahren danach schnell viel stärker wurde, lag vor allem an Luis selbst. Er hat unheimlich viel über Schach gelesen. Bei Turnierfahrten zum Beispiel hatte er immer mehrere Ausgaben der „Schach“ dabei. Diese Hefte kannte er in- und auswendig. Als Trainer ist sowas natürlich ein Glücksfall, ich musste Luis quasi nur mit Material „füttern“. Ein Kind, das von sich aus Schachzeitschriften verschlingt, habe ich selten erlebt. Wie gesagt, Luis intrinsische Motivation war und ist unfassbar groß.

Du warst wahrscheinlich nicht der einzige Trainer.

Als 14-Jähriger, glaube ich, wurde Luis Kaderspieler, und es kamen DSB-Lehrgänge dazu. In Hamburg hat sich noch Karsten Müller seiner angenommen: Partieanalyse und vor allem Endspiele…

Karsten Müller (links) und Wesley So. | Foto: ChessBase

… praktisch, wenn die Endspiel-Weltkoryphäe ein Vereinskollege ist.

Karsten hat einen erheblichen Anteil an Luis Fortschritten. Der Rest war außergewöhnliches Talent, Lust auf Schach und Kampfgeist. Verglichen mit anderen, hat Luis nie besonders viel gespielt, aber eben sehr erfolgreich. Nach ein paar Jahren waren wir schon Mannschaftskameraden in der zweiten Bundesliga. Eine Zeitlang hat er um 2350 ELO stagniert, dann ging es mit Riesenschritten weiter. Das Level auf dem Sprung zum IM, auf dem ich festhänge, war für ihn kaum eine Durchgangsstation. Die Normen kamen fast automatisch, später beim GM-Titel war das auch so. Mittlerweile spielen wir zusammen in der Bundesliga. Während ich mich gefragt habe, ob Luis sich bei 2500 stabilisieren kann, wurde er unser Topscorer und hat die 2550 übersprungen. Es wirkte nie, als sei ein Ende der Entwicklung abzusehen.

Gab es jemals Druck?

Überhaupt nicht, das funktionierte immer über den Spaß an der Sache. Auch vom Elternhaus aus. Luis‘ Eltern haben uns immer machen lassen, was wir für richtig hielten, da hat nie jemand reingeredet. Diese Lockerheit fehlt anderen. Bei Jugendmeisterschaften erlebe ich Kinder mit Eltern, die unheimlich pushen. Aber das sind selten diejenigen, die man auf internationaler Ebene wiedersieht. Die Lust, beim Schach Neues zu entdecken, muss von den Kindern selbst kommen. Druck funktioniert nicht.

Jetzt hat Corona Luis‘ Entwicklung unterbrochen. Und, selbstgewählt, das Studium. Schläft jetzt auch das Blog ein? Das wäre schade, es ist schachlich voller Substanz, ganz nah am Spieler und obendrein oft lustig. Leider die einzige Spitzenspielerseite dieser Art.

Einschlafen wird es nicht. Aber es wird ein Eintrag fehlen, die U18-WM 2020, die ausgefallen ist. Das ist extrem bitter. Luis wäre wahrscheinlich unter den ersten Drei gesetzt gewesen, eine große Chance. Trotzdem werde ich das Blog weiterführen, so wie neulich, als er in Magdeburg Deutscher Meister geworden ist. Wahrscheinlich werde ich die Seite mit dem verbinden, was bei unserem neuen Projekt „Lockdownchess“ passiert. Außerdem hat Luis zusammen mit Karsten Müller ein Buch geschrieben, die beiden haben viel Arbeit reingesteckt, das wird wahrscheinlich auch eine Rolle spielen.

Ein 18-Jähriger schreibt ein Buch?

Es geht um „Spielertypen“, so heißt auch das Buch. Luis und Karsten kategorisieren Schachspieler und zeigen zum Beispiel auf, welche Rolle es bei der Vorbereitung spielen sollte, was für ein Spielertyp dir gegenübersitzen wird. Ich kenne das Buch noch nicht, aber alles, was mir Luis davon erzählt hat, fand ich spannend.

Aktivspieler, Reflektor, Pragmatiker, Theoretiker: Luis Engel und Karsten Müller kategorisieren Schachspieler in „Spielertypen“ – und zeigen auf, welches Kraut gegen den jeweiligen Typen gewachsen ist. Das Buch erscheint im Dezember 2020, kann aber schon vorbestellt werden.

Wie ist euer Lockdownchess-Kanal entstanden?

Aus der Idee, dass Luis gegen alle Deutschen Jugendmeister simultan spielen könnte. Wir haben den Kanal aufgemacht und dieses Simultan binnen zwei Tagen auf die Beine gestellt. Die Resonanz war super, wir haben gemerkt, dass wir mit so einer Aktion auf Interesse stoßen. Und so soll es weitergehen. Wir wollen rund ums Schach ausgewählte Events präsentieren, die es so noch nie gab, ein Simultan gegen die versammelten Deutschen Meister zum Beispiel.

Oder „Rasmus rasiert“.

Diesen Freitag will Rasmus Svane die deutsche Nummer eins Matthias Blübaum rasieren.

Rasmus ist ein Aushängeschild beim HSK und dermaßen stark im Blitzen, dass Luis und ich mittlerweile richtige Fans von ihm geworden sind. Wenn wir mit dem Zug zu Bundesligakämpfen fahren, bauen wir meist ein Brett und eine Uhr auf, und dann wird „Sieger bleibt sitzen“ gespielt. Rasmus sitzt dann stundenlang und verprügelt einen nach dem anderen. Auch jetzt in der Quarantäne-Bundesliga wird Rasmus immer wieder bester Spieler der Liga, obwohl da Granaten wie Alexander Morozevich unterwegs sind. Auf das „Rasmus rasiert“-Format hatte er Lust. Jetzt liegt es an uns, ihm starke Gegner zu organisieren. Der erste, der rasiert wurde, war Jorden van Foreest. Knapp allerdings. Hinterher durften die Zuschauer gegen die beiden spielen, ein Bonbon zum Schluss. Freitag soll Matthias Blübaum rasiert werden, dann sind die beiden besten deutschen Blitzspieler unter sich. Das wird nicht einfach.

Am Mittwoch die erste „Lockdownchess-Meisterschaft“.

Und der Sieger des Turniers darf sich von Rasmus rasieren lassen! Es werden einige Deutsche Jugendmeister teilnehmen, einige andere starke Spieler noch dazu, Leute, die Lust haben, sich vor Zuschauern gegen jemanden wie Rasmus zu beweisen. Die Lockdownchess-Meisterschaft soll ein regelmäßiges Event werden.

Wer soll von der Aufmerksamkeit profitieren, die Ihr mit eurem Kanal generiert? Ist „Lockdownchess“ das Twitch-Programm der HSK-Öffentlichkeitsarbeit?

Das Schach soll profitieren in erster Linie. Und wir wollen selbst Spaß haben, ohne von irgendjemandem abhängig zu sein. Natürlich helfen wir gerne Leuten oder Vereinen aus, denen wir verbunden sind, aber es geht nicht darum, irgendetwas zu verkaufen. Es geht auch nicht darum, nur Eliteschach zu zeigen. Vielleicht machen wir mal etwas mit der Schachjugend, die uns beim Simultan gegen die Deutschen Meister sehr geholfen hat. Vielleicht kommentieren Luis und ich mal ein Superturnier, wenn uns danach ist. Und Anna plant gerade einen Wettkampf zwischen Mädchen aus Hamburg und Schleswig-Holstein, den wir begleiten wollen.

Wie wurde Anna sie zum Teil eures Trios?

Wir kennen uns schon länger. Anna bringt eine Menge Sachen ein, an denen Luis und ich scheitern. Ohne sie könnten wir „Lockdownchess“ gar nicht machen. Anna managt die Technik, ist fit bei Instagram, Texten und anderen Designthemen und hat noch dazu einen guten Draht zur DSJ. Durch ihre Erfahrungen im Jugendschach auf Landes- und Bundesebene ergänzt sie unser Kommentatorenteam perfekt.

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