Naiditsch überrollt: Keymer holt sich die Tabellenführung zurück

Die Schule fiel aus während des Lockdowns, für Vincent Keymer eine Gelegenheit, mehr als sonst an seinem Schach zu feilen. Und online zu spielen, mehr als 1.500 Partien binnen eines Vierteljahres. „Ansonsten habe ich trainiert, Eröffnungen, Taktik und so weiter. Aber was fehlte, waren Turnierpartien und speziell die Vorbereitung darauf. Wenn du dich gezielt auf eine Partie vorbereitest, gehst du gewissenhaft Teile deines Repertoires durch, das ist hilfreich – und fiel nun weg“, sagte Keymer im Youtube-TV des Schachfestivals Biel.

Dieses Festival bietet Keymer mehrere Gelegenheiten, sich auf manches Großkaliber des Schachsports vorzubereiten. Als Keymer sich nach seinem Sieg über David Anton gar an die Spitze der Tabelle beim Biel Schachfestival gesetzt hatte, bekundete er sogleich dem Rest des Feldes seinen Respekt. Es seien so viele starke Spieler mit von der Partie, dass ein Turniersieg eher unwahrscheinlich sei.

Wie stark die Gegner sind, bekam der 15-Jährige gleich am Tag danach zu spüren. Die Schwarzpartie gegen den mehrfachen WM-Kandidaten und WM-Finalisten Michael Adams geriet zu einer Lektion. Scheinbar ging der Brite nicht allzu ambitioniert gegen Keymers Najdorf zu Werke, und doch sponn „Spider“, so sein Spitzname, nach und nach ein Netz, aus dem sich der Deutsche nicht herauszuwinden vermochte. Keymer wehrte sich wacker, suchte lange nach Gegenchancen, aber bekam keine.

Für Keymer-Fans war diese Lektion ein weiterer Beleg, dass das Supertalent mit seinem Beharren auf den Najdorf gegen 1.e4 schlecht beraten ist. Jugendschachexperte Thorsten Cmiel hatte auf Twitter einem Keymer-Fan gar eine Wette angeboten, Keymer würde etwas anderes gegen Adams‘ 1.e4 versuchen. Christof Sielecki erklärte derweil auf chess24, der Najdorf beschere Keymer gegen 1.e4 ein Ergebnisproblem.

In der dritten klassischen Partie mit Weiß gegen die einstige deutsche Nummer eins Arkadij Naiditsch lief es wieder wie am Schnürchen. Keine 20 Züge benötigte Keymer, um sich eine Gewinnstellung herauszuspielen. Während sich Naiditschs Abwärtstrend der vergangenen Monate auch nach der Corona-Paise fortsetzt, hat Keymer die Tabellenführung in Biel zurückerobert. Am heutigen Freitag muss er sie mit Schwarz gegen den Inder Pentala Harikrishna verteidigen.

Nach der Partie gegen Naiditsch ließ Vincent die Zuschauer an seinen Gedanken teilhaben. Wir haben mitgeschrieben und übersetzt. Die kommentierte Partie zum komfortablen Nachspielen findest du ab sofort in der BodenseeBase.

Hinter Plexiglas: Vincent Keymer in Biel. | Foto: Schachfestival Biel

Keymer, Vincent (2558) – Naiditsch, Arkadij (2626)
53rd Biel ACCENTUS Classical 2020

1.d4 Nf6 2. c4 g6 3. g3 Bg7 4. Bg2 O-O 5. Nc3 d6 6. Nf3 c6 7. e4 Bg4 8. h3 Bxf3 9. Bxf3 e5

„Der erste Moment der Partie, an dem ich länger nachgedacht habe. Weiß kann sich auch normal mit Le3 weiterentwickeln, aber letztlich dachte ich, dass 10.d5 vorteilhaft für Weiß sein sollte. Weiß hat das Läuferpaar, Schwarz einen Läufer, und der ist wegen der auf schwarz festgelegten Zentralbauern tendenziell schlecht.“

10. d5 cxd5 11. cxd5 a5

„Überraschend. Schwarz schwächt das Feld b5, das kann langfristig gefährlich sein. Ich habe erwogen, sofort mit h4 loszulegen, aber es spricht nichts gegen einen normalen Entwicklungszug.“

12. Be3 Na6

13. h4

„Eigentlich droht das noch nichts. Aber h4 hat den Vorteil, dass er meine Bauern am Königsflügel nicht mehr stoppen kann. Nach zum Beispiel 13…Sd7 14.g4 bringt 14…Lf6 nichts.“

13… h5

„Das hat mich wirklich überrascht…

14. g4

… weil ich davon ausgegangen bin, dass dieser Angriff nun sehr gefährlich für Schwarz werden kann. Ich dachte, 13…h5 sei einfach nur schlecht. Als er es dann gespielt hat, ging mir auf, dass die Sache nicht so einfach ist, wie ich angenommen hatte.“

14… hxg4 15. Bxg4

15… Nxg4

(„15… b5 wäre ein interessanter Versuch, der zu verrückten Varianten führt, zum Beispiel: 16. h5 (16. Bf3 fand ich auch interessant. Nach 16…b4 17. Ne2 hat Weiß alles unter Kontrolle und viel Zeit, Spiel am Königsflügel aufzuziehen, weil dem Schwarzen konkrete Drohungen fehlen.) 16… b4 17. Na4 Nxe4 18. hxg6 f5 (Diagramm) und der Lg4 hängt nicht, weil nach …fxg4 Dxg4 gleichzeitig De6+ und Dxe4 drohen.“)

16. Qxg4 Nb4

(„16… f5 hätte ich an seiner Stelle gespielt. Nach 17. Qxg6 f4 ist mein Angriff kaum entwickelt, und Schwarz hat Zeit, sich zum Beispiel mit …Sc5 richtig hinzustellen. Ich glaube aber, dass Weiß auch hier Vorteil haben sollte.“)

17. h5

(„17. O-O-O f5 18. Qxg6 f4 gefiel mir weniger, weil Schwarz wie in der Variante oben per …f4 meinen Angriff ausbremst. Und den Läufer wollte ich auf der Diagonale g1-a7 halten.“)

17… f5

(„17… Nc2+ 18. Kd2 Nxa1 19. hxg6 Qf6 gxf7+ Rxf7 21. Rxa1 war vielleicht die beste Chance, aber sollte gut für Weiß sein, das gilt sogar für potenzielle Endspiele. Weiß kann hier niemals schlechter stehen.“)

18. Qxg6 Rf6 19. Qg2

„Am einfachsten. Jetzt steht Weiß auf Gewinn.“

19… Kh7 20. exf5

„Am sichersten. Wenn er will, kann er per Springergabel auf a1 nehmen, ansonsten hat Schwarz keinerlei Gegenspiel.“

20… Nc2+ 21. Kd2 Nxe3 22. fxe3 Qb6 23. Kc2 Rc8 24. Rag1 Bh6 25. Kb1

„Auf c3 nehmen kann er natürlich nicht.“

25… Qxe3 26. Ne4 Rff8 27. Qg6+ Kh8 28. Nf6

1-0

Wenn du nur ein Buch mit auf eine einsame Insel nehmen könntest, welches wäre das? Aus dieser Frage hat der Gambit-Verlag eine Kindle-Buchreihe gemacht, indem er Größen unseres Spiels bittet, Schachstellungen zu präsentieren, die sie besonders faszinieren. Für Teil 1 zeichnet Wesley So verantwortlich, für Teil 2 hat Michael Adams Material gesichtet und aufbereitet. Das brandneue Werk ist unmittelbar vor Beginn des Schachfestivals Biel erschienen.
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