Luis Engel, Großmeister mit 16: „Bin selbst überrascht, wie gut das lief.“

Eine Woche lang war Luis Engel der jüngste deutsche Großmeister. Als 16-Jähriger! Wenige Tage vor seinem 17. Geburtstag hatte er sich bei einem Turnier „seines“ Hamburger SK mit der dritten Norm und dem Titel beschenkt. Wenig später sicherte sich Vincent Keymer kurz vor seinem 15. Geburtstag auf der Isle of Man seine dritte Norm und löste Engel ab – sogar als jüngster deutscher Großmeister jemals.

Einst war der Großmeister-Titel im Schach einem exklusiven Kreis weniger Spieler vorbehalten. Das hat sich geändert. Der Titel steht unverändert für Spitzen-, aber eben nicht mehr für Weltklasse. Angesichts von mehr als 1.500 Schachgroßmeistern weltweit, Tendenz steigend, brandet immer wieder die Debatte auf, ob nicht ein „Supergroßmeister“-Titel sinnvoll wäre, den nur Weltklassespieler tragen dürfen.

Jemandem wie Luis Engel würde es so ein Titel leichter machen, neue Ziele zu finden. Den höchstmöglichen Titel hat er jetzt, aber er hat noch ein paar Schachmonate Zeit, um neue Ziele ins Auge zu fassen, bevor Abitur und Studium sein Leben bestimmen werden. Bloß welche?

Wir haben eines der beiden Ausnahmetalente des deutschen Schachs am Rande der 23. Offenen Internationalen Bayerischen Meisterschaft am Tegernsee getroffen. Und ihn gefragt, wie seine Reise begonnen hat und wohin sie nun geht.

Mit einem starken Schlussspurt bei der U16-WM 2018 gelangte Luis noch aufs Treppchen. Dort möchte er 2020 bei der U18-WM auch stehen. (Foto: Niki Riga)

Glückwunsch! Großmeister mit 16, das ist ´ne Hausnummer. Fühlt sich jetzt irgendetwas anders an als vorher?

Bis jetzt habe ich bei Turnieren immer die GM-Norm als Ziel gehabt. Dieses Turnier ist das erste, in dem ich keine mehr brauche. Ich muss mir wohl neue Ziele suchen.

Hast du dich unter Druck gefühlt, je näher du dem Ziel GM-Titel kamst?

Überhaupt nicht. Mein Ziel für das Jahr war ja eigentlich nur, eine GM-Norm zu machen. Dann wurden es gleich drei binnen sechs Monaten. Ich bin selbst überrascht, wie gut das lief.

Insgesamt ein sensationelles Jahr für dich. GM-Titel, Deutscher Meister, Europameister.

Na ja, Mannschaftseuropameister. Die Einzel-EM lief eher unglücklich.

Hast du dich dort als Favorit gesehen? Das war ja schon ein sehr starkes Feld an der Spitze.

Trotzdem war ich am Ende ein wenig enttäuscht. In der letzten Runde hätte ich mit einem Sieg Zweiter werden können, die Partie lief gut, ich war nahe am Gewinn – und habe noch verloren. So wurde ich Achter oder Siebter, auch nicht so schlecht natürlich, aber es wäre halt mehr drin gewesen.

Du suchst „neue Ziele“ hast du gesagt. Was könnten Ziele sein? Über dem Großmeistertitel kommt ja nicht mehr viel.

Mal schauen. Ein paar Elopunkte würde ich gerne noch gewinnen. Als konkretes Ziel fällt mir die U18-Weltmeisterschaft nächstes Jahr ein, die darf ich noch einmal mitspielen. Da würde ich gerne eine Medaille holen…

…und dann tritt Schach in den Hintergrund, weil du dein Abi baust?

Ja. Danach wahrscheinlich ein Jura-Studium. Ich kann jetzt noch nicht abschätzen, wie viel Zeit mir dann für Schach bleiben wird.

Ohne den Hamburger SK und dessen exzellente Unterstützung wäre Luis Engel nicht so schnell so gut geworden. Passenderweise erspielte er sich seine dritte und letzte GM-Norm bei einem Turnier in Hamburg im HSK-Vereinsheim. Hier ist er drauf und dran, ein Hamburger Urgestein zu besiegen, den Großmeister Ljubomir Ftacnik. (Foto: Hamburger SK)

Welchen Anteil hat dein Verein in Hamburg an deinem schachlichen Aufstieg?

Einen riesigen. Der HSK ist einer der Vereine mit der besten Jugendarbeit in Deutschland, vielleicht derjenige mit der besten. Das macht unheimlich viel aus und ist auch der Grund dafür, warum bei uns so viele junge Leute sind. Die Förderung ist extrem gut. Ich zum Beispiel habe Training mit Großmeister Karsten Müller bekommen, dazu kam mit Felix Meißner ein persönlicher Trainer. Felix hat seinerzeit sein Freiwilliges Soziales Jahr beim HSK gemacht. Das Einzeltraining hat mir unheimlich geholfen, das bringt viel mehr als Gruppentraining, weil der Trainer seine Inhalte individuell zuschneiden und das Training persönlicher gestalten kann.

Felix führt dein Schachblog „Luis wird Weltmeister“. Kann das weiter so heißen?

Der Titel ist aus einem Scherz heraus entstanden, damit kann ich gut leben. Felix hat das Blog eingerichtet, als ich neun war und meine erste U10-Weltmeisterschaft gespielt habe. Damals war ich irgendwo im Mittelfeld gesetzt, Nummer 70 oder so. Wir haben beide nicht erwartet, dass es so gut weiterläuft.

Gab es einen Punkt, an dem dir klargeworden ist, dass du ein Ausnahmetalent bist?

Ich bin ja recht spät in einen Verein gegangen, mit acht oder neun Jahren erst. Als ich dann in der U12-Altersklasse gespielt habe, hatte ich schon eine ziemlich gute Zahl. Da deutete sich an, dass Schach und ich wohl ganz gut zusammenpassen.

Du warst Deutscher Meister U12 und hast in den Jahren danach reihenweise Deutsche Meisterschaften gewonnen.

So viele waren das gar nicht. Einzelmeisterschaften nur drei: U12, U14 und jetzt U18. In der U16 hat es zwei Mal nicht gereicht. Einmal, weil ich in der letzten Runde eine Qualität eingestellt und verloren habe, einmal, weil David Färber am Ende punktgleich mit besserer Wertung dastand.

Also gibt es auf nationaler Ebene durchaus Jugendliche auf Augenhöhe? Deutsche Meisterschaft ist kein Selbstläufer für dich.

Nach Rating bin ich eigentlich immer Favorit. Trotzdem sind Deutsche Jugendmeisterschaften sehr schwierig, weil sich alle gut auf mich vorbereiten. Außerdem sind Jugendspieler tendenziell eh besser als ihre Zahl. Bei so einem Turnier kann alles passieren.

Dann gibt’s noch den Bayern-München-Effekt: Wenn es gegen Luis Engel geht, kniet sich jeder besonders rein.

Das merke ich an der guten Vorbereitung der Gegner. Die Eröffnungen sind bei Deutschen Meisterschaften mitentscheidend. In der letzten U16-Meisterschaft zum Beispiel habe ich vier Remisen abgegeben, weil die Leute mit Weiß extrem trocken gespielt haben. Und wenn Weiß in erster Linie nichts anbrennen lassen will, wird es schwierig. Ich bin dann gezwungen, Risiken einzugehen, um Gewinnchancen zu kreieren.

Was führt dich an den Tegernsee? Der liegt ja nicht gerade am Alsterufer.

Acht Stunden mit dem Zug! Aber Sebastian war bei uns in Hamburg, hat dort Freunde getroffen, und mich bei der Gelegenheit eingeladen. Und es ist ja ein tolles Turnier, viele interessante Spieler, also, warum nicht?

Luis Engel am Brett bei den OIBM am Tegernsee. (Foto: Thomas Müller/Tegernseer Tal Tourismus)

Was erwartest du sportlich?

Eigentlich wollte ich hier meine dritte Norm machen, aber die habe ich ja schon. Jetzt kann ich frei drauflos spielen. Weit vorne landen würde ich gerne.

Im Duell gegen Timo Küppers, einen anderen Youngster, hast du dir früh im Turnier eine Null eingehandelt, obwohl es lange gut für dich aussah.

Er hatte ja sogar Glück, dass er noch weiterspielen konnte. Wir hatten beide dieselbe Variante gerechnet, aber Timo hat erst später gemerkt, dass sie für mich gewinnt. Und dann hat er noch eine Ausrede gefunden. Ich stand dann zwar immer noch besser, aber die Verwicklungen waren nicht so klar und haben mich viel Zeit gekostet. Als sich die Partie drehte, hat er einfach sehr stark gespielt und mir keine Chance gelassen.

Passiert.

Ja. Und danach habe ich gleich wieder gewonnen, ich bin fast wieder im Soll.

Indien ist die am zweitstärksten vertretene Nation hier. Wie siehst du die Entwicklung dort?

Schon enorm, diese vielen sehr jungen sehr starken Spieler. Wahrscheinlich hängt das damit zusammen, dass diese Jungs sich früh auf Schach als Karriereoption fokussieren können. Das führt dann zu einer Entwicklung, wie wir sie hier gleich in der ersten Runde gesehen haben: ein Zwölfjähriger, gar nicht einmal aus der ersten Reihe, der Gata Kamsky ein Remis abnimmt. Und beim Hamburger SK haben wir ja gerade Nihal Sarin für die Bundesliga verpflichtet.

Kennst du ihn?

Nicht näher, aber ich bin ihm begegnet, als ich vor drei Jahren bei ChessBase ein Praktikum gemacht habe. Wir haben ein paar Blitzpartien gespielt, was soll ich sagen, ich hab‘ chancenlos verloren.

Nihal Sarin beim World Cup. (Foto: World Cup 2019)

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