6,5 Stunden bei einem kleinen Pils und die feierliche Verbrennung der Mitgliedsausweise: eine Klubgeschichte

Es donnerte am 3. Mai 1978 im Frankfurter Westend. Es goss. Aber wie! Die Menschen an den vier belegten Tischen des Cafés in der Niedenau 51, eines prachtvollen Patrizierhauses, das schon längst – hätten unter anderem die Anwesenden es nicht besetzt – abgerissen hätte sein sollen, diskutierten ihre Pläne. Allen hier war klar, dass zehn Jahre nach 1968 die meiste Luft wohl raus war, ein jeder aufgefordert war zu entscheiden, wie es für ihn weitergehen soll.

Am Tisch nahe dem Ausgang saßen Frauen, vier oder fünf. Ihnen schwebte eine Landkommune in Italien vor, in Umbrien. Vom nächsten Tisch erfuhr man, dass demnächst eine grüne Partei all die bunten Listen zusammenfassen würde. Am dritten Tisch saß Hartmut, allein, aber gleich würde er abgeholt, von Christian Klar, um in die „Kommune 2“ zu fahren, an die Nidda. Dort werde man besprechen, wie man radikaler gegen das „Schweine­system“ vorgehen würde.

Am hintersten Tisch saßen wir. Andreas spielte Weiß und weigerte sich zum
wiederholten Male, in der Traxlervariante mit dem Springer auf f7 zu nehmen – Weichei. Winnie schaute zu. Zusammen erklärten wir unser Vorhaben: einen Schach­club zu gründen, aber einen alternativen!

Wer im Café im Erdgeschoss des Hauses Niedenau 51 einen „grinsenden Chinesen“ bestellte, bekam Pfefferkuchen nach schwedischem Rezept, angereichert durch einen Hauch von Haschisch. 1971 war das Haus von Spontis aus der Szene um Joschka Fischer und Daniel Cohn-Bendit besetzt worden, um es als Wohnraum zu erhalten. Später bescheinige Joseph Beuys den Bewohnern und ihrer Immobilie, dass sie ein Kunstwerk sind. | Foto: Stephan Hebel

Okay, wie zu erwarten, erhielten wir nicht den Innovationspreis der vereinigten Linken, aber der Club, Brett vorm Kopp („Kopp“ statt Kopf machte alles so wunderbar hessisch) war ein Erfolg! Es dauerte vielleicht zwei Jahre, und schon waren wir Frankfurts mitgliederstärkster Schachverein, hatten unter anderem die Schachabteilung von Grünweiß, dem Polizeisportverein, einfach geschluckt, hatten sechs prallgefüllte Mannschaften, die, selbstverständlich, auf ihrem Marsch durch die Institutionen auch in den nächsten Jahren von Aufstieg zu Aufstieg eilten.

Sehr stolz waren wir natürlich, dass hinter zum Beispiel dem Betreiber einer esoterischen Buchhandlung (James), dem amtierenden Studentenparlamentspräsidenten (Winnie), dem mit Berufsverbot auf Eis gelegten Ex-Beamten (Bodo) und all den anderen Taugenichtsen erst in der dritten Mannschaft an Brett 6 jemand spielte, der einer seriösen Tätigkeit nachging: Kurt, der Schrankenwärter.

Schachspieler und richtige Menschen

Grund für unseren Erfolg war sicher unser Enthusiasmus, unsere Liebe zur Idee – und wir hatten die unvergleichliche Elisabeth Staller, Pfahl im Fleische des hessischen Schachestablishments und in der Lage, uns viele bürokratische Hürden aus dem Weg zu räumen. Und die Art und Weise, wie wir unser Alternativsein auslebten war typisch für viele, viele der anderen Nach-68er-Projekte: Der Leistungsgedanke stand wieder ganz vorne! Tja, die Achtziger gehörten dann uns …

Im Café Südstern, auch so ein alternatives Projekt der Startbahnbewegung, trafen wir uns jeden Donnerstag, und wer einen der begehrten 28 Plätze beim Monatsblitz bekommen wollte, musste locker eine Stunde vor Beginn da sein. Im Keller stand eine Tischtennisplatte, oben waren neben uns Schachspielern auch richtige Menschen anwesend, sogar Frauen.

Gegen 1.e4 kommt für Daniel Cohn-Bendit nur Sizilianisch in Frage. | Foto: Stephan Röhl

Daniel Cohn-Bendit brachte manchmal einen Packen seines Frankfurter Stadt­magazins „Pflasterstrand“ persönlich vorbei, häufig darauf hinweisend, dass für ihn als Eröffnung nur Sizilianisch in Frage käme. Eckard Henscheid las bei unserer „100 Jahre Brett vorm Kopp“-Feier aus seiner Anekdotensammlung „Wie Max Horkheimer sogar einmal Theodor Adorno“ reinlegte zu den Themen Schach, Fußball und Kritische Theorie. Rolf
Dieter, genannt Satanas, ein später am Stuttgarter Fraunhofer Institut arbeitender Mathematiker, brüllte spätdadaistische Gedichte. Und Winnie, als Mr. 25 Watt, rührte einen jeden mit seinem Chanson „Ihr müsstet mich nur mal mit meinen Augen sehen“.

Die erste Mannschaft spielte mittlerweile in der dritten oder vierten Klasse von oben, und Grenzen schienen nicht gesetzt. Die gab es aber doch. Vielleicht fing es damit an, dass wir unser Spiellokal verloren. Das „Südstern“ ging mit dem Ende der Startbahnbewegung, genau wie die Niedenau 51 (wobei der Frankfurter Hausbesetzer, der auf sich hielt, natürlich immer nur von der „51“ sprach) an kulturell weniger interessierte Besitzer über. Die Besetzer wurden mit netten Abfindungen entschädigt.

Die grässlichen 90er

Für den Verein jedenfalls begann eine Odyssee. Naja, aber während Odysseus in seinen zehn Jahren im Wesentlichen bei zwei Frauen rumlungerte, hat es BvK in der Zeit von 1987 bis 2011 eindeutig schwerer gehabt. Einer hat mal nach­gezählt und ist auf 23 Spiellokale ge­kommen. Immer Donnerstags ab 20 Uhr kehrten wir in rasch wechselnde Lokalitäten ein, lernten Wirte kennen, die sich geschockt von lautstarkem Händel beim doch als so friedlich geltenden Schachspiel zeigten, oder nicht ahnen konnten, dass Hans die Idee, 6,5 Stunden mit einem kleinen Pils auszukommen, enorm pfiffig fand.

Sportlich stießen wir an Grenzen. In den höheren Klassen atmen sie auch nicht durch Kiemen, wie Benno sagen würde, und dann waren da noch die typischen – kennt ihr doch gewiss aus eurem eigenen Verein – Spannungen zwischen der Ersten und den hinteren Mannschaften.

„Es führt kein Weg an der Erkenntnis vorbei, dass Schachspieler, die Welt- und Großmeister wie die Klub- und Kaffeehausspieler, in aller Regel die einfältigsten, die zurückgebliebensten, die eingeschränktesten Geister unter der Sonne sind“, schreibt der Frankfurter Satiriker Eckhard Henscheid – womöglich inspiriert vom Brett-vorm-Kopp-Logo?

Seinen unschlagbar theatralischen Höhepunkt erreichte dieser Konflikt mit der feierlichen Verbrennung ihrer Mitgliedsausweise durch Ingrid und die Spieler unserer fünften Mannschaft und der anschließenden Neugründung des Vereins „Patzer 93“, den es auch schon lange nicht mehr gibt. Das Ergebnis aus solchen Schismen, dem Abwandern vieler Spieler zu höherklassigen Vereinen, die Vorliebe vieler ehemaliger Schachenthusiasten für bizarre Lebensentwürfe wie Familie gründen oder Karriere machen – all das führte zu den für BvK so grässlichen Neunzigern.

Da gab es dann das wichtige Auswärtsspiel in Usingen. Aus dem Fundus der neun verbliebenen Vereinsmitglieder waren eigentlich nur Gerhard und der Autor dieser Zeilen bereit zu spielen. Während des Vereinsabends – zu jener Zeit in einer unauffälligen Kneipe im Westend, den in der Regel nur noch wir beide besuchten – heckten wir einen Plan aus, Mirko (der eigentlich keinen Bock mehr hatte), Hans (der sich eigentlich voll auf seine neue Freundin konzentrieren wollte) und Markus (bei dem es eigentlich nur ein wenig zu betteln galt) ins Team zu holen. Es gelang, wir siegten mit 4,5.

Auffangbecken der Enttäuschten

In dieser Zeit bekam Winnie, der gerade für die Frankfurter Rundschau schrieb, auf der Redaktionskonferenz ein Extralob für seinen Artikel „In den letzten Zügen“ für die Reihe „Originelle Frankfurter Sportvereine“: Während den anderen nichts einfiele, habe er einen lesbaren Artikel geliefert über einen Klub, den es eigentlich gar nicht mehr gibt!

Die „Zappbar“, das Spiellokal von Brett vorm Kopp …
… sieht am Vereinsabend so aus. | Fotos: Zappbar/Brett vorm Kopp

Aber wenn zwei Fliegen in die Milch fallen und immer weiter strampeln anstatt unterzugehen, wird aus der Milch irgendwann eben Butter, von der aus sie zu neuen Höhenflügen starten können: Zu Gerhard und mir stießen einige vor Jahren zu renommierten Vereinen abgewanderte und nun ge­läuterte Spieler. Und auch in anderen Clubs gab es ja immer mal Diskussionen um die Aufstellung, kurz: Wir kümmerten uns um die Enttäuschten! Auf diese Weise (Jugendarbeit war uns fremd) wuchs und wuchs der Verein wieder, fand dann vor einigen Jahren in der Zappbar (Nach Frank Zappa benannt, nicht nach wildem Umschalten des Fernseherprogramms) ein würdiges Domizil für den Vereinsabend – und wurde so über viele Jahre der am hochklassigsten spielende Schachclub Frank­furts.

Tja, so geht das eben: Die Landkommune aus Umbrien produziert heute für den Weltmarkt, Hartmut wurde nach zwölf Jahren vorzeitig entlassen und arbeitet als Regieassistent, die Grünen verhindern im hessischen Landtag klare Worte im Abschlussbericht zur NSU-Affäre. Und wir können mit einigem Stolz heute sagen: Erst am vierten Brett der zweiten Mannschaft, hinter all den Bänkern, Pharma­fuzzis, Ärzten und Unternehmensberatern ist der erste Spieler gemeldet, der keiner seriösen Tätigkeit nachgeht:

Thomas, ein Marktforscher.


Autor Thomas Bagatsch ist Mitgründer des Vereins Brett vorm Kopp. Seine alternative Klubchronik ist zuerst im kulturellen Schachmagazin Karl erschienen.


Flowerpower, Freie Liebe, Häuserkampf: Daniel Cohn-Bendit blickt stolz, wehmütig und ein bisschen traurig auf eine prägende Epoche zurück.
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