Beruf: Schach-Entertainer

Das Adjektiv „staid“ lässt sich etwa mit „gesetzt“, „bedächtig“ oder „farblos“ übersetzen, Begriffe, die zumindest dem Klischee nach zu unserem Spiel passen. Und zu denen, die es spielen oder verwalten.

Das Antonym zu „staid“ wäre „brash“: „frech“, „keck“, „schnodderig“. Als vor zwei Jahren diese Seite entstand, war es eine Grundidee, sie eben nicht so gesetzt, bedächtig und farblos zu machen wie alle anderen deutschen Schachseiten, sondern frech und schnodderig daherzukommen.

Funktioniert hat das nur bedingt. Im Vergleich zur Kohlmeyerei und Besenthalhaftigkeit, die andere Seiten jeden Tag anrühren, sind wir allemal unerhört schnodderig. Trotzdem ist auf der brash-Skala noch jede Menge Luft nach oben. Aber hier schreibt halt auch nur ein alter Sack des Schachs, und der kann nicht vollständig raus aus seiner Haut.

Botschafter des (e)Schachs

Schach geht ja auch jung, ausgeflippt, bunt. Und das kommt an. So gut sogar, dass der US-Medienkonzern NBC, einer der größten seiner Art, der herausragenden Vertreterin des neuen Schach-Entertainments jetzt eine Reihe von Beiträgen gewidmet hat: Alexandra Botez. Und die ist ganz schön „brash“ und so gar nicht „staid“.

Während die Schachverbände noch überlegen (wenn überhaupt), wie sie ihr graues Spiel größer und sein Image bunter machen sollen, haben sich unabhängig davon längst bunte Schach-Botschafter etabliert, Botschafter des eSchachs. Und die erreichen immer mehr Leute.

Die Zeit, die Leute mit Schach gucken verbringen, ist auf der mit Abstand größten eSport-Plattform Twitch seit 2016 um 500 Prozent gestiegen. Als 2018 Magnus Carlsen und Fabiano Caruana ihr WM-Match spielten, als WorldChess mal wieder seine Liveshows versemmelte, schauten auf Twitch mehr Leute Schach als Fortnite oder League of Legends. „Ein Wachstum wie beim Schach sehen wir bei kaum einem anderen Spiel“, sagte Twitch-Vizepräsident Justin Dellario auf Anfrage von NBC.

Alexandra Botez am Brett.

In der Schachverwaltung ist die Botschaft noch längst nicht angekommen, aber Schach ist jetzt ein eSport. Und der eröffnet Schachspielern Verdienstmöglichkeiten, die es bis dahin nicht gab.

Hilfreich ist es allerdings, wenn du ein bisschen bunt und ausgeflippt bist. So wie der kanadische Großmeister Eric Hansen, dessen Chessbrahs auf Twitch 100.000 Menschen folgen. Oder eben wie Alexandra Botez, 24, WFM, Elo 2020. Die spielt täglich vor tausenden Leuten Schach, und sie lebt davon.

„Staid“, das war einmal. Schach ist jetzt „brash“. Der Bericht auf der NBC-Website.

Eric Hansens 2600 Elo sind keine Bedingung, um Schach so rüberzubringen, dass Leute gerne zuschauen, das zeigt Botez jeden Tag. Jung zu sein, auch nicht. Das demonstriert Schach-Streamer GM Ben Finegold, ein alter Sack des US-Schachs. Auch der hat mit seiner sehr speziellen Schnoddrigkeit sein Publikum gefunden.

Wer keine 2700 Elo hat und vom Schach leben will, der sollte die Lektüre dieses Werks erwägen.

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