Schach-Erklärer von Weltrang

Quizfrage: Wie heißt der international bekannteste deutsche Schachspieler?

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Die deutschen Top 20: Ein Frührentner auf Platz 2, zwei Giganten auf Platz 16 und 19. Dazwischen der eine oder andere Prinz.

Wenn Du auf der Suche nach einer Antwort die deutsche Rangliste von oben nach unten durchschaust und die Spieler anhand von internationalen Turniererfolgen bewertest, stoppst Du wahrscheinlich gleich zu Beginn: Liviu Dieter Nisipeanu (sic, ohne Bindestrich!) war immerhin WM-Halbfinalist und hat manch anderes Turnier gewonnen. Aber ein internationaler Schach-Promi ist er eher nicht mehr.

Dahinter auf Rang zwei steht der nächste Kandidat: Jan Gustafsson ist zwar Schach-Frührentner (und trotzdem die Nummer zwei in Deutschland, wie kann das sein?), aber dank seiner Livekommentare auf chess24 an der Seite von Peter Svidler international ein Begriff. Außerdem Sekundant von Magnus Carlsen und Coach der holländischen Nationalmannschaft. Guter Versuch, aber Gustafsson meinen wir nicht.

Also guckst Du weiter und stoppst auf Rang 16: Robert Hübner (der im November 70 wird) war die Nummer drei der Welt, mehrfacher WM-Kandidat, die Älteren erinnern sich. 1978 war Robert Hübner der international bekannteste deutsche Schachspieler, 2018 ist er das nicht.

Wir wäre es mit dem jungen Mann auf Rang 49 der deutschen Rangliste, Vincent Keymer? Ja, der ist Eingeweihten auch außerhalb des deutschsprachigen Raums mittlerweile ein Begriff, aber Vincent wird noch ein paar Turniere gewinnen müssen, bevor die Allgemeinheit Notiz nimmt.

Bevor Du nun die Lust an unserem kleinen Quiz verlierst, raten wir Dir, den Herrn auf Rang 84 der deutschen Rangliste näher anzuschauen.

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Christof Sielecki (Foto: chessexplained.com)

Christof Sielecki? Wer soll das sein? Ok, der Mann hat zwar eine Wikipedia-Seite, aber auf der steht, dass Sielecki 1999 in Oberhausen die NRW-Meisterschaft gewonnen hat. Ein schöner Erfolg, doch damit wird er kaum international Schlagzeilen gemacht haben?!

Wenn Du in Mumbai, Moskau oder Manhattan einen Schachclub besuchst und „Christof Sielecki“ sagst, wirst Du tatsächlich nicht viel mehr als ein Achselzucken ernten. Aber dann sag‘ „chessexplained“, und die Mienen Deiner Gesprächspartner hellen sich auf. Klar, Mister Chessexplained, den kennen wir natürlich. Hat Nakamura in 18 Zügen mattgesetzt und musste sich danach auch noch vom Amerikaner beschimpfen lassen.

Am Brett ist Christof Sielecki einer von vielen, zumal in Deutschland mit seiner enormen Dichte an Meisterspielern aus der zweiten Reihe zwischen 2.400 und 2.500 Elo. Aber von denen kann kein anderer Schach so gut explainen, erm, erklären wie Mister „Chessexplained“, der unter diesem Namen seit Jahren einen erfolgreichen englischsprachigen Youtube-Kanal betreibt. Die meisten großen Schachseiten haben Sielecki für wöchentliche Live-Shows verpflichtet, weil er toll erklärt und obendrein geschmeidiges Englisch spricht.

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Nebenbei schreibt er auch noch, zum Beispiel ein hochgelobtes Werk über Nimzo- und Bogo-Indisch, das dem Turnierspieler ein wasserdichtes Repertoire gegen 1.d2-d4 an die Hand gibt – und obendrein einen Teil des Vermächtnisses von Robert Hübner ins 21. Jahrhundert überträgt. Hübners bis heute gültiges Konzept, die vielgespielte Rubinstein-Variante im Nimzo-Indischen mit einer „schwarzfeldrigen Strategie“ zu bekämpfen, ist eines der großen Themen, die sich durch die mit Eröffnungswissen vollgestopften 400 Seiten ziehen.

Auf unserer Themenliste fürs Blog steht das Internet-Phänomen „Chessexplained“ schon lange, nur bot sich bislang kein rechter Anlass, ihm ein paar Zeilen zu widmen. Aber das hat sich jetzt geändert, denn Chessexplained hat uns aus der Patsche geholfen, indem er getan hat, was er am besten kann: Schach erklären.

In ein paar Tagen wird bei uns ein Video erscheinen, das in erster Linie eine unlängst in Moskau gespielte Glanzpartie des jungen deutschen Nationalspielers Rasmus Svane behandelt – und eine etwas später gespielte Partie von Svane, in der sein Gegner Vincent Keymer erstaunlicherweise genau die Variante ansteuerte, die Svane zuvor in Moskau einen glänzenden Sieg beschert hatte.

Die Partie Keymer-Svane haben wir live verfolgt, und für uns sah es anfangs danach aus, als renne auch Keymer ins Verderben. Das war wohl eine Fehleinschätzung, aber bevor wir die Sache öffentlich beleuchten, wollten wir sichergehen, dass wir sie richtig verstanden haben.

Was tut der Schachspieler, wenn er Input braucht? Genau, er stellt die Position in sein Schachforum und hört, was andere zu sagen haben. Gut zwei Stunden später tauchte unerwartet, aber höchst willkommen aus den Tiefen des Internets Schachfreund Chessexplained auf und erklärte die Angelegenheit. Kein Problem für ihn, er hat ja sogar ein Buch über solche Stellungen geschrieben.

Danke, Christof.

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Hier zog Vincent Keymer Sc3-a4, und wir befürchteten, dass das angesichts der schwachen weißen Felder rund um seinen König böse endet. Kann Schwarz nicht in aller Ruhe …Sf4 und …S6d5 spielen, dann die Dame zum Königsflügel, dann auf g2 oder h3 reinprügeln und mattsetzen? Kann er nicht, die Angelegenheit ist ein bisschen vielschichtiger.
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