Vom Bildschirm zurück zum Brett: Ein neuer Spieler im Online-Schach-Geschäft?

Online-Schach und Schachcomputer, zwei Welten? „Im Gegenteil“, sagt Millennium-Chef Thomas Karkosch. Der Schachcomputerhersteller aus München möchte künftig im Online-Schach-Geschäft mitmischen, indem er das virtuelle Spiel in ein haptisches verwandelt, es vom Bildschirm aufs Brett verlagert.

Aber erst einmal muss sich der Name des Unternehmens in der Online-Szene herumsprechen. Millennium sorgte unlängst für Aufsehen, als die Firma das erste Online-Weltklasseturnier überhaupt sponserte, das „Magnus Carlsen Invitational„. Wir haben mit Karkosch über die Strategie hinter diesem ersten Schritt und seine Pläne für die Zukunft gesprochen.

Schachcomputer werden in der Schachszene oft als ein Relikt aus den 80er-Jahren belächelt. Jetzt taucht Ihre Marke beim Online-Schach auf, Sie haben das erste Online-Weltklasseturnier überhaupt unterstützt. Wie passt das zusammen?

Im massiven Trend zum Onlineschach sehen wir eine Antwort auf für uns entscheidende Fragen: Was ist die Zukunft des Schachcomputers? Wohin gehen wir? Trotz des Trends, online zu spielen, glauben wir, dass Schach in erster Linie ein haptisches Spiel ist. Fast alle User, mit denen wir sprechen, sagen, dass sie lieber eine Figur in der Hand haben als eine Computermaus …

… und jetzt wollen Sie die Haptik mit dem Onlinespiel verbinden?

Genau. Schachcomputer, wie sie heute am Markt sind, müssen sich wandeln. Wir können mit diesen Geräten viel mehr machen. Die integrierten Engines werden sich nicht auflösen, die sind durchaus sinnvoll in einigen Anwendungsbereichen, Schachunterricht zum Beispiel, aber im Prinzip ist ein Schachcomputer prädestiniert als Zugangstool für Onlineschach. Einen ersten Schritt in diese Richtung haben wir schon 2017/18 unternommen: der Exclusive mit seiner automatischen Figurenerkennung, dazu das Chess-Link-Modul als offene Schnittstelle zum Brett. Aber bei der Anbindung zum Onlineschach sind wir auf die Gegenseite angewiesen. Wir brauchen Zugang zu der Schnittstelle vom Schachserver, um es vernünftig implementieren zu können.

Die Idee von Regium war genial. So etwas würde ich gerne anpacken, aber alle Entwickler, die ich frage, heben abwehrend die Hände.

Sie wären nicht der Erste, der ein Brett fürs Onlinespiel präsentiert.

Von den bestehenden Lösungen finde ich keine perfekt. Sie funktionieren, sie haben ihren Wert und ihre Berechtigung, aber auch Nachteile. Wir wollen ein Brett, das Mehrwert bietet und möglichst leicht zu bedienen ist.

Gäbe es das Regium-Brett, es wäre perfekt.

Die Idee von Regium war genial. Selbstziehende Figuren, das ist per se toll – wenn es schnell funktioniert, fehlerfrei und nicht kaputtgeht. Letzteres war und ist bei allen bisherigen Robotik-Geräten der Schwachpunkt, weil Mechanik involviert ist. Mechanik zu einem überschaubaren Preis, die nicht gewartet wird, hat ein endliches Leben, sie geht kaputt. Natürlich ließe sich etwas Besseres bauen, aber das würde so teuer, dass es niemand mehr kauft.

Regium war ohne Mechanik konzipiert, stattdessen Elektromagneten.

Unsere Herstellungsteams haben Zweifel, dass eine überschaubare Zahl von Magneten die Figuren tatsächlich so sanft bewegen würde, wie Regium es gezeigt hat. Dazu die Herstellungskosten. Magnete sind teuer, das Rohmaterial unterliegt Preisschwankungen. So ein Gerät zu vertretbaren Kosten herzustellen und zu vertreiben, wäre sehr schwierig, vorsichtig ausgedrückt. Technisch faszinierend, keine Frage. Ich würde das gerne anpacken, aber alle Entwickler, die ich frage, heben abwehrend die Hände.

Mit dem Aufkommen der PC Anfang der 90er endeten die goldenen Jahre des Schachcomputers. Während ein Hersteller nach dem anderen aufgab, entstand 1996 in München die Millennium 2000 GmbH. Von Beginn an war das Unternehmen auf das Discountgeschäft ausgerichtet. Handelsketten wie Aldi oder Lidl führten Millennium-Geräte im Sortiment, anfangs nur Schachcomputer, später anderes elektrisches Spielzeug. Mitte der 2010er-Jahre kehrte Millennium dem Discountgeschäft den Rücken und orientierte sich eher am Bedarf des Spielwarenfachhandels. Heute ist das Münchner Unternehmen eines von dreien weltweit, die Schachcomputer herstellen, und als einziges dieser drei darauf spezialisiert. Gemeinsam mit Max Hegener, Sohn des Mitgründers Manfred Hegener, führt Thomas Karkosch (40) seit 2016 die Geschäfte des Unternehmens.

Wenn sich die gegnerischen Figuren nicht von selbst bewegen, kostet das Ausführen der gegnerischen Züge Zeit. Und es lenkt ab.

Beim Drei- oder Fünf-Minuten-Blitz stößt ein Brett fürs Onlinespiel an Grenzen. Das würde umso mehr gelten, wenn das Brett den Spieler zwingt, immer wieder auf den Bildschirm oder auf ein separates Display zu gucken, so etwas wäre für uns keine akzeptable Lösung. Unser Exclusive mit seinen 81 LEDs zeigt die Züge auf dem Brett an, damit kann sich der Spieler ohne Ablenkung auf die Partie fokussieren. Jetzt fehlt nur noch die saubere Online-Anbindung, und die soll aus unserer Kooperation mit chess24 entstehen.

Wie kam es zu dieser Kooperation?

Die Gespräche laufen schon seit etwa einem Jahr. Chess24 entwickelt ja gerade eine neue Spielplattform …

… die neue Playzone soll bald für Premium-Mitglieder online gehen …

… und dann wird es auch eine neue API geben. Sobald deren Kernfunktionen stehen, klinken wir uns ein. Wir werden das über eine eigene App lösen, die schon in Entwicklung ist. Diese App wird die Verbindung zum chess24-Server herstellen, und das selbsterklärend und möglichst einfach. Der User soll sehen, wenn seine Freunde oder Vereinskollegen online sind, sodass er sofort mit denen losspielen kann. Unser Ziel ist, im Spätsommer einen ersten Lösungsansatz zu präsentieren und vor dem Jahresende damit live zu gehen.  

Beim Marketing hat der Schachbund einen brutalen Schwachpunkt. Schade.

Die Lichess-Schnittstelle ist offen, dort könnten Sie sofort andocken. Wollen Sie exklusiv mit chess24 zusammenarbeiten?

Das müssen wir sehen, Exklusivität hat Vor- und Nachteile. Einen konkreten Plan, wie wir uns ausrichten, haben wir noch nicht. Einerseits liegt unser Fokus darauf, uns weiterzuentwickeln, insofern wollen wir uns nicht zu sehr festlegen. Andererseits mag ich es, mit anderen an gemeinsamen Zielen zu arbeiten. Und da denke ich nicht nur an chess24, auch an DGT zum Beispiel. Mit deren Sortiment haben wir nur eine Überschneidung bei einem Schachcomputer, die Vertriebswege sind ganz andere, das ist keine Konkurrenzsituation. Wir könnten darüber nachdenken, gemeinsam etwas auf die Beine zu stellen. Schach ist recht klein, jeder redet mit jedem, schauen wir mal, was passiert.

Erstmal chess24.

Chess24-CEO Sebastian Kuhnert hatte uns vor einigen Wochen die Idee des Magnus Carlsen Invitational vorgestellt. Er und sein Team haben das Turnier in einer ultrakurzen Zeit auf die Beine gestellt, beeindruckend. Kuhnert fragte, ob wir uns beteiligen wollen. Uns kam das entgegen. Wir hören noch viel zu oft, Schachcomputer seien Relikte aus den 80er-Jahren. Das ist aber nicht so, nur müssen wir das irgendwie in die Köpfe reinbekommen. Chess24 ist dafür ein idealer Partner, die erreichen Millionen von Leuten, darunter viele junge, die unsere Produkte noch gar nicht kennen. Jetzt wollen wir zeigen: Hey, es gibt noch Schachcomputer, die haben ihre Berechtigung, und bald kommt noch etwas Neues, Cooles dazu. Auch für chess24 sehe ich einen Effekt. Wir bringen eine Klientel ein, die vielleicht noch nicht online spielt oder sich zumindest nicht für eine Plattform entschieden hat.

Vergangenes Jahr haben Sie auch eine Offline-Turnierserie unterstützt, die Deutsche Amateurmeisterschaft. Jetzt tun Sie das nicht mehr. Ist dieser Kurswechsel der neuen Online-Ausrichtung Ihres Unternehmens geschuldet?

Nein. Die DSAM ist eine tolle Veranstaltung, die Zielgruppe passt, und wir fördern gerne Amateursport. Darum haben wir die Meisterschaft mit einer hohen Zahl von Geräten gesponsert, wir haben einen signifikanten Wert hineingesteckt. Aber mir fehlt ein PR-Konzept des Veranstalters. Wir haben das beim Deutschen Schachbund x-mal angesprochen, passiert ist nichts. Nun müssen wir feststellen, dass die mediale Aufmerksamkeit nicht gegeben war. So, wie es ist, lohnt sich die Investition für uns nicht. Wir würden gerne weitermachen, aber in Sachen Marketing muss etwas passieren. Der Schachbund hat an der Stelle einen brutalen Schwachpunkt. Schade.

Poker ist heute eine Milliardenindustrie. Warum sollte so eine Entwicklung nicht auch beim Schach möglich sein?

Die Corona-Krise forciert beim Schach manche Entwicklung. Wie sehen Sie die Zukunft der Sportart Schach?

Schach ist eSport. In dieser Hinsicht ist es aus unserer Sicht stark unterbewertet, da geht viel, viel mehr. Schauen Sie sich an, was im Poker passiert ist. Wer hätte vor 20 Jahren daran gedacht, online Karten zu spielen? Heute ist es eine Multimilliardenindustrie. Warum sollte das im Schach nicht auch möglich sein? Millionen Leute spielen, viele davon online.

Lässt sich Schach ähnlich erschließen wie Poker?

Zumindest sehe ich einen massiven Wandel, der das Image des Spiels umkrempelt. Ich erlebe das in der Zusammenarbeit mit chess24, aber nicht nur da. 2018 war ich in London zur WM, habe den Enthusiasmus der Management-Teams gesehen, die Professionalität in der Präsentation. Und wie jung die Leute sind, die die Zügel in der Hand halten! Mit dem landläufigen, verstaubten Bild vom Schach hat das nichts mehr zu tun. Nachdem ich das erlebt habe, finde ich es umso attraktiver, mich in diesem Segment zu bewegen. Bestimmt bin ich nicht der einzige.

Millennium-Produktion in Shenzhen/China nahe Hongkong. | Foto: Millennium

Eingangs haben Sie Schachunterricht angesprochen. Sehen Sie Ihre Geräte auch als Lerntools?

Durchaus. Wir erleben zwar bei unserer Zusammenarbeit mit dem Schulschachverein Miesbach, dass den Kindern Online-Unterricht gefällt, aber wir sehen auch, dass die Eltern nicht begeistert sind, wenn ihre Kinder noch eine Stunde mehr vor dem Bildschirm sitzen. Also wollen wir mit Schulschach im Hinterkopf ein günstiges Angebot schaffen, das Onlineschach mit einem realen Brett verbindet. Noch analysieren wir, inwieweit das umsetzbar ist: preislich attraktiv und mit guter Funktionalität. Eine zentrale Frage: mit oder ohne Figurenerkennung? Dieses Feature wird massiv unterschätzt, gerade beim Unterricht ist es enorm hilfreich, weil das Gerät keine irregulären Züge zulässt. Wir haben das bei Kindern beobachtet: Haben sie ein Gerät mit Figurenerkennung, dann spielen sie einfach, sie können ja nichts Falsches ziehen. Bei Geräten ohne Figurenerkennung passieren Fehler, das führt zu Frustration. Leider ist Figurenerkennung die teuerste Komponente am Gerät.

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