Endlich ein Rivale

Neulich haben wir an dieser Stelle das Erscheinungsbild der ersten Mannschaft der OSG Baden-Baden bejammert. Wie ein Mäzen pumpt Wolfgang Grenke große Mengen Geld in eine Weltklassetruppe, anstatt wie ein Sponsor darauf zu bestehen, als Gegenleistung Aufmerksamkeit und Imagegewinn zu bekommen. Marketing findet in Baden-Baden nicht statt, unser Spiel hat nichts davon, schade.

Würde jemand dieses Vakuum beseitigen wollen, er oder sie würde rund um die alle paar Wochen einfliegenden Caruana, Anand, MVL, Aronian & Co. Geschichten erzählen, die sich herumsprechen, die der Übermannschaft eine Identität und ein menschliches Antlitz geben, das auch außerhalb Badens Emotionen weckt.

Einerseits wäre das ein Selbstläufer, andererseits gibt es doch ein Hindernis, weil die fesselndste aller Geschichten nicht erzählt werden kann: Dem einsamen Serienmeister aus Baden-Baden fehlt ein Rivale.

Karpov gegen Kortschnoi war eine Rivalität, die bis heute Stoff fürs Kino liefert.

Karpov gegen Kortschnoi, Fischer gegen Spassky, Lasker gegen Tarrasch. Ali gegen Foreman, Ronaldo gegen Messi, Ullrich gegen Armstrong. Der Sport lebt und zehrt von Rivalitäten und den Geschichten, die sich um sie ranken.

Magnus Carlsen wäre in der öffentlichen Wahrnehmung ein noch größerer Weltmeister, hätte ihm in den vergangenen Jahren jemand konsequent im Nacken gesessen, ihn vor sich hergetrieben, ihm auch rhetorisch zugesetzt. Erst spät in der zweiten Hälfte des 2010er-Jahre gelang es Fabiano Caruana, sich zumindest als Nummer zwei zu etablieren. Aber Ding Liren, die Nummer drei, sitzt viel mehr Caruana im Nacken als dieser dem Weltmeister.

Wenn der Wunsch Vater des Klappentexts ist – elektrisierende Rivalität seit 2010? Tatsächlich hat sich US-Großmeister Fabiano Caruana erst mit dem Gewinn des Kandidatenturniers 2018 als Nummer zwei etabliert.

Versuche, so etwas wie eine Rivalität zu etablieren, gab und gibt es durchaus. Als Hikaru Nakamura die Nummer zwei war, verglich er Carlsen mit dem Bösewicht Sauron. Carlsen antwortete kühl, dieser Vergleich würde ihn mehr interessieren, wäre Nakamura ein besserer Schachspieler. Carlsen und Nakamura sind einander in herzlicher Abneigung verbunden, aber der sportliche Abstand ist schlicht zu groß, als dass sich auf dem Knistern zwischen diesen beiden eine fesselnde, außerhalb der Schachnische vermarktbare Rivalität aufbauen ließe.

Magnus Carlsen ist gut beraten, sich immer wieder den Sticheleien von Anish Giri zu stellen und zurückzusticheln. Die Fangemeinde verfolgt diese Twitter-Duelle mit Hingabe. Aber auch dieser Rivalität fehlt die sportliche Brisanz. Wie Nakamura ist Giri gewiss ein veritabler WM-Kandidat. Ein potenzieller Weltmeister? Eher nicht, auch wenn Giri das anders sieht.

Sieben Jahre nach Carlsens Titelgewinn ist ihm nun in Windeseile ein Rivale erwachsen. Binnen zwei Wochen hat Alireza Firouzja den Norweger erst auf Lichess in einem Marathon-Bullet-Match niedergerungen, jetzt hat er ihn in einem fesselnden, hin- und herwogenden Finale des Banter-Blitz-Cups besiegt.

Natürlich ist Alireza Firouzja (ebenso wie Giri und Nakamura) Teil des am Wochenende beginnenden „Magnus Carlsen Invitational„, obwohl er dafür nach Spielstärke im Turnierschach noch nicht gut genug ist. Aber er ist in den schnellen Disziplinen jetzt schon Weltklasse, in den ganz schnellen womöglich jetzt schon der Beste, und seine heutiger Stand im Turnierschach entspricht etwa dem des gleichaltrigen Magnus Carlsen vor knapp 15 Jahren.

Firouzjas Teilnahme am ersten Online-Superturnier ist auch eine Wette auf die Zukunft, die uns eine jahrelange Rivalität zwischen dem iranischen Newcomer und dem norwegischen Platzhirsch bescheren könnte, an deren Ende der Jüngere dem Älteren den Titel entreißt. Ob das so kommt, ist alles andere als sicher.

Hinter Firouzja hat sich längst eine Reihe weiterer Supertalente in Stellung gebracht. Außerdem ist Leistungsentwicklung im Schach kaum vorhersagbar. Darauf hat Vincent Keymer unlängst hingewiesen (siehe dieser Beitrag), und Alireza Firouzja sieht das auch so, wie er im Gespräch nach der Blitz- und Schnellschach-WM erklärte.

Beim Magnus-Turnier um 250.000 Dollar wird Firouzja im Wettstreit mit den Allerbesten davon profitieren, dass Schnellschach gespielt wird: vier 15+10-Schnellpartien anstatt einer Turnierpartie – pikanterweise genau der Modus, den der Weltmeister 2018 nach seiner Titelverteidigung für künftige WM-Kämpfe vorgeschlagen hatte. Nur machte er diesen Vorschlag unter anderen Vorzeichen: 2018 war noch kein Rivale mit herausragender Schnellschach-Qualität in Sicht, Carlsen konnte sich sicher sein, dass er im 15+10-Modus die Konkurrenz noch deutlicher dominieren würde als eh schon. Seitdem hat sich der Weltmeister nicht mehr dazu geäußert, ob er sich weiterhin einen neuen, schnelleren WM-Modus wünscht.

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