Nicht den Springer unterschätzen

Bobby Fischer behauptete einst, er könne jeder Frau auf dem Planeten Erde einen Springer vorgeben und würde sie doch besiegen. Es ist nicht bekannt, dass ihm jemand widersprochen hat.

Könnte AlphaZero Bobby Fischer einen Springer vorgeben? Diese Frage ist natürlich theoretischer Natur, und es bleibt ungeklärt, wie viel Material nötig ist, um eine bestimmte Elo-Differenz zu kompensieren. Wenn sich so eine Rechnung überhaupt aufmachen ließe. Ein Mensch-Maschine-Vergleich lässt jetzt zumindest den Rückschluss zu, dass ein Springer mehr Wert sein dürfte, als Fischer gedacht hat.

Die Schachengine Komodo hat dem Schachgroßmeister David Smerdon in jeder Partie eines Sechs-Schnellpartien-Matches einen Springer vorgegeben, und kaum jemand traute sich zu prognostizieren, dass dieser Vorteil dem Australier ausreichen würde, um sich gegen die Maschine durchzusetzen. Smerdon selbst war immerhin gedämpft optimistisch: „Komodo mag ja Komodo sein, aber ein Springer ist ein Springer“, sagte er vor dem Match auf seiner Website.

Ist der Springer mehr wert, als Fischer gedacht hat? Das Match Smerdon-Komodo legt diese Vermutung nahe. | Grafik: chess.com

Tatsächlich setzte sich Smerdon 5:1 durch. Der Mensch, im Hauptberuf Professor für Wirtschaft, spielte solide, kreierte Gelegenheiten, Material vom Brett zu nehmen, und steuerte wieder und wieder Endspiele an, in denen der Mehrbesitz einer Figur entscheidend war. Nur zum Auftakt strauchelte Smerdon, übersah eine einfach Taktik, und lag 0:1 zurück, bevor er sich ungefährdet durchsetzte.

Vorgabepartien – früher gang und gäbe

Die International Computer Games Association (ICGA) hatte das Match anlässlich der Jubiläumsausgabe ihres Magazins organisiert. Zeitkontrolle: 15+10. Smerdon hatte in jeder Partie Schwarz, Komodo einen Springer weniger, abwechselnd auf b1 und g1.

Handicappartien waren im 18. und 19. Jahrhundert populär. Seinerzeit war es unter Schachmeistern üblich, gegen schwächere Gegner Handicaps zu akzeptieren. Wer zum Beispiel die Partien Paul Morphys anschaut, der findet viele, in denen die damalige US-Schachsensation die Partie mit einem Springer, manchmal gar einer Dame weniger begann – und in der Regel doch triumphierte.

Seitdem die Maschinen viel stärker sind als die Menschen, bietet es sich an, den Maschinen Handicaps aufzuerlegen. Nur zieren sich die menschlichen Meister, solche Partien zu spielen. 2016 erst ließ sich Hikaru Nakamura auf ein Vier-Partien-Match gegen Komodo ein, in dem der Rechner mal den f-Bauern, mal eine Qualität vorgab. Die Maschine gewann 2,5:1,5.

Das jetzige Match war das erste, in dem ein Großmeister eine Springervorgabe eines Gegenspielers akzeptierte. Und wir wissen jetzt, dass ein Springer eine gewaltige Hausnummer ist. Nona Gaprindashvili, zu Fischers Zeit mit 2400 Elo bewertet, hätte den Weltmeister beim Wort nehmen sollen.


(Dieser Text ist ein Auszug aus der Kolumne “Schachgezwitscher” in der kommenden Ausgabe der RochadeEuropa.)

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