Coca Chessdotcom vs. Pepsi24

Die Marketing-Abteilung des Getränkekonzerns Pepsi hängt nicht an die große Glocke, woher der Name „Pepsi“ stammt – von Verdauungsstörungen nämlich oder, fachsprachlich, von der „Dyspepsie„. Gegen diese Krankheit war das braune Zuckergebräu als Medizin gedacht, als es der Apotheker Caleb D. Bradham vor gut 120 Jahren in North Carolina erstmals anmischte.

Während die Pepsi-PR-Strategen den Ursprung ihres Firmennamens verschweigen, nennen sie den ihres größeren Mitbewerbers nur allzu gerne. Die hundertjährige erbitterte Rivalität der Limonadenriesen um Marktanteile hat Werbern manches Lehrstück und den Konsumenten manchen Werbespaß beschert, vor allem die berühmten Clips, in denen Pepsi Coca-Cola vorführt.

Neulich wären wir nur zu gerne in der chess.com-Marketingabteilung zu Gast gewesen, als „Wie gehen wir mit dem Magnus Carlsen Invitational um?“ auf der Tagesordnung stand. Die andere große Schachfirma richtete das erste Online-Weltklasseturnier überhaupt aus – was tun? Berichten? Totschweigen?

Denkbar wäre auch vergleichende Werbung nach Pepsi-Rezept gewesen. chess24 mit seiner technisch wackeligen Spielplattform (die neue Version soll für Premium-User im Mai freigeschaltet werden) und seinem Chef Magnus Carlsen mit heimischen PC-Problemen hatten dafür während des Banter-Blitz-Cups manche Vorlage geliefert, manche Bildstörung, die chess.com genüsslich hätte vorführen können. Nur hätte das womöglich für böses Blut unter den beiden Schachriesen gesorgt, und das geht ja nicht wegen gens una sumus.

Wie gehen wir mit dem Nations Cup um?

So entstand eine halbgare Zwitterlösung. Nachdem chess.com Vorrunde und Halbfinale ignoriert hatte, sollte zumindest verkündet werden, wer gewonnen hat. Herausgekommen ist ein bizarrer Bericht über ein Turnier von chess24, in dem chess24 nicht ein Mal erwähnt wird, in dem kein Screenshot, kein Mienenspiel der Supergroßmeister am heimischen Rechner zu sehen ist – obwohl doch gerade dieses Setting das Invitational von allen bisherigen Schachturnieren unterschied.

Magnus Carlsen hat gewonnen. Über die Umstände erfahren wir nichts.

Morgen beginnt der Nations Cup. Den überträgt chess.com in Zusammenarbeit mit der FIDE, am Brett sitzen dutzenden Supergroßmeister. Wir dürfen annehmen, dass es auch in der chess24-Marketingabteilung eine Besprechung gegeben hat, in der „Wie gehen wir mit dem Nations Cup um?“ auf der Tagesordnung stand. Das Ergebnis dieser Besprechung sehen wir heute auf der chess24-Seite: Totschweigen. Vielleicht wird es ja einen Bericht über das Superfinale geben, in dem chess.com nicht erwähnt wird?

Ein bisschen Banter und ein Publikumspreis

Vom Bodensee aus ergeht an beide Schachseiten die Frage, ob sie dieses Spiel ernsthaft durchziehen wollen. Die FIDE wird in den kommenden Monaten ihre Online-Turniere über alle Server verteilen, wahrscheinlich werden mal die beiden großen (chess.com und Lichess), mal die beiden kleinen (playchess und chess24) zum Zug kommen. Es wäre schade, würden die für diese vier Firmen arbeitenden Schachberichterstatter zum Schweigen gezwungen, würden uns ihre Werke vorenthalten, weil es zur gängigen Politik geworden ist, ja nicht den Namen des Mitbewerbers zu erwähnen und schon gar nicht den Umstand, dass der auch Sachen macht.

Warum nicht stattdessen ein bisschen Banter? Die Vorstandsvorsitzenden der oben genannten Institutionen könnten sich zusammenzoomen, sie könnten beschließen, einander in freundschaftlicher Konkurrenz verbunden zu sein, Spaß zu verstehen, und dann schreiben sie gemeinsam einen Publikumspreis für denjenigen aus, der in den kommenden Wochen die Konkurrenz am originellsten vorführt.

Wie die Konkurrenten heißen und was die tun, weiß eh jeder. Sie zu verschweigen, bringt Berichterstatter um Arbeit, Schachfans um Futter, sonst bringt das nix.

Dieses Bild des von chess.com gesponserten Hikaru Nakamura bekamen die chess.com-Leser nicht zu sehen. | Screenshot: @NotLightbrown
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